Europa: Integration – Menschenrecht oder Gnadenakt?

Reihe »Baustelle Europa«: Weltbürgerinnen und Europapolitikerinnen im Gespräch mit Bärbel Romanowski

Weltweit sind Millionen Menschen auf der Flucht, darunter 20 bis 30 Millionen Binnenvertriebene. Regionale Kriege und Bürgerkriege, Natur-Katastrophen und Umweltschäden, Armut und Unterentwicklung, Unsicherheit und Menschenrechtsverletzungen zählen zu den Flucht-Ursachen. Wer aus den Kriegsgebieten Ex-Jugoslawiens Anfang der neunziger Jahre nach Berlin kam, so Moderatorin Bärbel Romanowski, floh vor Bombenhagel und Menschenrechtsverletzungen. Schutz fanden diese Menschen bei Bosiljka Schedlich, die einen Anlaufpunkt für traumatisierte Kriegsflüchtlinge leitete. Bedrückend anschaulich schilderte Frau Schedlich auf der Veranstaltung „Europa: Integration – Menschenrecht oder Gnadenakt?“ der Reihe „Baustelle Europa“ Ende November 2007 die Traumata dieser Kriegsflüchtlinge. Diese Menschen, führte die Geschäftsführerin des Vereins südost Europa Kultur e.V. aus, waren in Vernichtungslagern, wurden gefoltert und vergewaltigt.
Bosiljka Schedlich, die 1948 in Split geboren wurde und 1968 aus Jugoslawien als sogenannte Gastarbeiterin nach West-Berlin kam, berichtete über die psychosoziale Arbeit und die ganze Palette der Beratungspraxis, die ihr Verein leistet. Durch die Arbeit in Einzel- und Gruppentherapien lernten die Flüchtlinge mit ihren seelischen Verletzungen zu leben, mit ihnen umzugehen. Gerade weil Frau Schedlich weiß, wie schwierig der Dialog zwischen einstigen Gegnern ist, hat sie die Hoffnung auf einen friedlichen Dialog zu ihrem Credo gemacht. Mit ihren Begegnungszentren bot Frau Schedlich den Kriegsflüchtlingen aus Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Kosovo verschiedenartige Möglichkeiten, im Austausch mit anderen für sich und ihre Familien eine neue und lebenswerte Perspektive zu entwickeln. Um dies zu realisieren, gehörte es zu den Aufgaben des Vereins südost Europa Kultur e.V., in Zusammenarbeit mit anderen Organisationen eine Öffentlichkeit dafür herzustellen, welchen Einschränkungen die Flüchtlinge aus Ex-Jugoslawien in Berlin unterlagen. Inzwischen seien viele der Flüchtlinge aus dem früheren Jugoslawien, darunter hochqualifizierte Spezialisten, in andere Länder weitergewandert, weil sie in Deutschland nicht arbeiten durften, obwohl ihre Qualifikationen gefragt gewesen waren. Frau Schedlich wies auch nachdrücklich darauf hin, dass insbesondere Roma in den Ländern des ehemaligen Jugoslawien nach wie vor starker Diskriminierung und Rassismus ausgesetzt sind. Trotzdem fänden weiterhin sogenannte „Rückführungen“ von Roma aus Deutschland nach Ex-Jugoslawien statt, wo sie dann nach ihrer Ankunft meist unter unwürdigen Bedingungen in Slums leben müssten. Vorurteile blühen, weil Menschen voneinander zu wenig wissen und weil oft nur durch Verstehen des Gestern das Heute zu begreifen ist. Frau Schedlich, die 2001 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet wurde, hat einen menschlichen und kulturbezogenen Dialograum geschaffen und ist anerkannte Partnerin für viele Institutionen in Berlin, würdigte Bärbel Romanowski die schwierige Arbeit der Geschäftsführerin des Vereins. Gemeinsam mit ihren 50 Kolleginnen und Kollegen des Vereins in Deutschland bündelt Frau Schedlich Kräfte, die im europäischen Kontext gemeinsam gegen nationalistische Propaganda kämpfen. Zwölf Mitarbeiter in Bosnien helfen vor allem Roma-Kindern, Zugang zu Bildungsangeboten zu finden. In Berlin kommen seit neuestem auch Afrikaner und Asiaten zu Schedlichs Verein, weil sie alltagstaugliche Integrationsarbeit erwarten. Menschenrechte und der Umgang mit ihnen in der Europäischen Union und weltweit sind auch Hauptanliegen der zweiten Gesprächspartnerin des Abends: Feleknas Uca. Sie ist Mitglied der Delegation der Linken in der Konföderalen Fraktion der Vereinten Europäischen Linken / Nordische Grüne Linke (GUE/NGL) im Europäischen Parlament. Die EU-Abgeordnete, wurde sie von Bärbel Romanowski den Gästen des Abends vorgestellt, bereist Krisengebiete in der Türkei, fährt in den Nahen Osten und interveniert bei Verstößen gegen die Demokratie in Russland. Themen wie Migration und Gleichstellung sind in ihrem politischen Alltag ebenso auf der Tagesordnung wie die Rechte von Kindern. In Europa leben mehr als 200 Millionen Menschen mit einem Migrationshintergrund. Wenn von ihrer Integration die Rede ist, unterstreicht Frau Uca, müsse es darum gehen, die Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind. Die Immigranten müssten sich selbst in die bestehende (Mehrheits-)Gesellschaft einfügen, ohne jedoch ihre eigene Kultur aufzugeben. Integration könne nicht mit Assimilation übersetzt werden, wie das nicht wenige konservative Politiker tun. Es gelte, die Werte der jeweils anderen Kultur(en) näher zu bringen. Werte und Normen müssten im Unterricht vermittelt werden. Einer der wichtigsten Punkte im Kontext der Integration sei das Erlernen der Sprache des Landes. Wenn ein Immigrant zum Arzt gehe, müsse er diesem seine Beschwerden genau schildern können. Feleknas Uca forderte deshalb auch Bereitschaft zum Spracherwerb auf Seiten der Migranten, vor allem aber bessere Möglichkeiten dazu, etwa durch Angebote wie kostenfreie Sprachkurse. Einbürgerungstests, wie sie von unionsgeführten Bundesländern favorisiert werden, lehnte sie dagegen ab. Weder Zwang noch Sanktionen seien geeignet, die Integration zu befördern. Die Europa-Politikerin sprach sich dafür aus, die Fluchtursachen zu bekämpfen. Das Geld, das die Europäische Union für Hilfsprojekte insbesondere in Asien und Afrika ausgebe, müsse bei den Betroffenen auch ankommen und dürfe europäischen Regierungen nicht als Ruhekissen dienen. Für die Integration von Immigranten seien verstärkte – auch finanzielle – Anstrengungen der europäischen Staaten erforderlich. „Wenn wir in der Integration nicht vorankommen“, assistierte Bosiljka Schedlich, „werden die Folgekosten unbewältigter Integration, die von Sozialhilfe, Kriminalität usw. verursacht werden, ein Vielfaches dessen betragen, was wir heute ausgeben müssen, um eine solche Desintegration zu verhindern.“ Mehrere Diskussionsteilnehmer verwiesen in der Diskussion darauf, dass sich Migrantinnen und Migranten in einer Position der Schwäche in der jeweiligen Gesellschaft befinden, dass sie als unwillkommene Bittsteller wahrgenommen werden. Bereits das andere Aussehen, die Hautfarbe oder die fremde Sprache sind vielfach Grund für offene oder versteckte Diskriminierungen. Wenn sie mit der Eisenbahn von Berlin nach Brüssel fahre, erzählte Feleknas Uca, werde sie – nach dem Stichproben-Prinzip – an der Grenze oft als einzige nach ihrem Pass gefragt, nur weil sie anders aussehe als die übrigen Reisenden. Integration ist ein Menschenrecht und kein Gnadenakt. In dieser Gewissheit gestärkt, entließ die Moderatorin die Teilnehmer der Veranstaltung (mehrheitlich selbst mit Migrationshintergrund) in die kalte November-Nacht.