Fermin Rocker ist tot - Ein Nachruf

Selbstportrait Fermin Rocker
Am vergangenen Montag, 18. Oktober 2004 verstarb der Künstler und Kosmopolit Fermin Rocker in seiner Londoner Wohnung, kurz vor der Vollendung seines 97. Lebensjahres. (Ein Porträt Fermin Rockers von Ralf Sotscheck erschien im TAZ-Magazin am 22.3.2003). Er war einer breiteren Öffentlichkeit weniger als Künstler denn als literarisch-politische Figur bekannt. Kommt er doch als Kind in allen Briefen vor, die seine Eltern, der anarchosyndikalitistische Theoretiker Rudolf Rocker aus Mainz und die jüdisch-ukrainische Anti-Kriegs-Aktivistin Milly Witkop mit den Größen der anarchistisch-sozialistischen Bewegung zu Anfang des vorigen Jahrhunderts führten. Ob sie nun Peter Kropotkin, Emma Goldman, Errico Malatesta, Erich Mühsam, Augustin Souchy oder Buenaventura Durruti hießen - sie alle besuchten das offene Haus der Rockers in London und ab 1918 in Berlin (nach dem erzwungenen Rauswurf aus England als "feindliche Ausländer") und erkundigten sich in ihren Briefen nach dem Wohlergehen des jungen Fermin. Dieser pflegte schon als kleines Kind die BesucherInnen zu einem großen Wandbildnis zu schleppen um ihnen zu erklären: "Das ist der 'Kunin" (Gemeint war der anarchistische Theoretiker Bakunin). In seinen Kindheitserinnerungen "The East End Years" (erschienen im englischen Original bei Freedom Press 1998 und in deutscher Übersetzung "East End. Eine Kindheit in London" 1993 bei Edition Thelème, Postfach 1624, 48005 Münster ISBN 3-927982-21-0) schreibt er über diese Zeit: ”Ich war zugleich verwirrt und fasziniert, wenn ich gelegentlich dem Wirrwarr von Sprachen lauschte, die aus unserem Wohnzimmer drangen, den lauten und oft stürmischen Diskussionen, die so interessant zu sein schienen, aber die ich beim besten Willen nicht verstehen konnte”. Er mußte dann sein geliebtes London verlassen, um mit den Eltern nach Berlin ins Exil zu gehen. Dort machte er eine Lithographenausbildung und besuchte die Kunstgewerbeschule. 1929 ging er in die USA und arbeitete dort zunächst als Graphiker. Er zeichnete die Popeye-Cartoons und illustrierte Kinderbücher. Ende der dreißiger Jahre machte er sich als Künstler selbstständig und widmete sich nach 1945 mehr und mehr der Malerei. 1972 kehrt er mit Frau und Kind nach London zurück.
Fermin Rocker im Atelier 2003
Dort starb er einen Tag vor der Eröffnung einer großen Retrospektive seines über 70-jährigen künstlerischen Schaffens in der Chambers Gallery (23 Long Lane, London ECIA 9 HL, noch geöffnet bis zum 14. November). Die Vernissage am 19. Oktober 2004 geriet somit zur Gedenkveranstaltung für den Künstler und Kosmopoliten Fermin Rocker, der die elterliche Tradition des "offenen Hauses" in seiner Atelierwohnung im Londoner Norden fortführte und dort Menschen aus aller Welt empfing, die sich für seine Kunst und/oder für seine Zeugenschaft des letzten Jahrhunderts interessierten. Bis zuletzt hatte er ein waches Auge für die politischen Vorgänge in der Welt und ein offenes Ohr für die persönlichen Anliegen der BesucherInnen. Die Trauerfeier zur Verbrennung findet am Montag, 1. November um 13.30 Uhr im St. Pancras and Islington Crematorium (Nord-London) statt. Seine Asche wird anschließend zerstreut. Er wird weiterleben in seinen zahlreichen Gemälden, die sich in ihrer Thematik vor allem den "kleinen Leuten" und ihrem Alltag widmen. Ein immer wiederkehrendes Thema seines künstlerischen Schaffens war auch das Schicksal von Menschen auf der Flucht, der Geisel seines eigenen Lebens und des vergangenen Jahrhunderts. Ebbe Kögel, Stetten im Remstal, 24. Oktober 2004
Vor knapp drei Jahren stellte die Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin seine Gemälde aus (vgl. JW vom 16. Januar 2002).