«Ich habe das gesehen»

«Ich habe das gesehen.»

Fotoausstellung anlässlich des 8. Mai von Alexandre Sladkevich.

Vor etwa neun Jahren begann ich mich mit dem Zweiten Weltkrieg auseinanderzusetzen. Daraus entstand eine Trilogie. Anfangs fotografierte ich ehemalige deutsche und sowjetische Kasernen in Berlin und Brandenburg. Verwahrlose Bauten, Uniform- und Wandmalereireste, aber auch Kasernen in der Konversion.  

Stumme, unbelebte Gelände gaben mir den Impuls, Teilnehmer auf beiden Seiten des Krieges – Sowjetbürger und Deutsche –, also Augenzeugen aufzusuchen und ich machte mich auf die Suche nach Menschen, die den Krieg erlebt hatten, die von ihm erzählen konnten. In die Augen der Zeitzeugen zu sehen, die Bewegung ihrer Hände zu beobachten, bei ihren Tränen zu erschrecken, ist nicht mit einem verblichenen Geschichtsbuch vergleichbar.

Anfangs konnte ich mir nicht vorstellen, wie viel Zeit ich benötigen würde, alle diese Menschen zu finden, sie zu treffen und später ein Heft mit undeutlichen Aufzeichnungen und Dutzende Fotografien in ein Buch zu verwandeln. 

Ich schrieb ihre Erinnerungen nieder, fotografierte sie, weil man davon erzählen muss, damit es nie wieder passiert. Irgendwann fragte ich mich, was die Millionen erzählt hätten, die nicht zurückgekehrt waren, und ich begann parallel sowjetische Ehrenmale weltweit zu fotografieren und so entstand, zusammen mit den beiden anderen Serien ein Triptychon.

Alexandre Sladkevich

Am Dienstag, den 8. Mai 2012 wird in der Rosa-Luxemburg-Stiftung die Fotoausstellung

"ICH HABE DAS GESEHEN." Zur Erinnerung an das Kriegsende vor 67 Jahren
von Alexandre Sladkevich eröffnet.
Beginn der Vernissage: 16 Uhr.
Anschließend gibt es die Möglichkeit, mit dem Künstler zu diskutieren.
Ort: Bürohaus Franz-Mehring-Platz 1, 4. Etage (Bereich Zentrum für Internationalen Dialog), 10243 Berlin
Die Ausstellung ist bis zum 30. Juni täglich zu sehen.

Ich habe das gesehen

Gebt nichts auf die Legenden des Volkes.
Glaubt den Spalten der Zeitungen nicht.
Aber ich hab´ das gesehen. Mit eigenen Augen.
Versteht ihr? Gesehen. Ich.

Ilja Selwinskij

Die früher in der Sowjetunion geehrten, hier umstrittenen oder verschwiegenen Soldaten sind eine Schicht der osteuropäischen Migration, die man kaum wahrnimmt. Ein vergessener Teil der Geschichte, den man nicht vergessen darf.

Man kann sich kaum vorstellen, dass diese ruhigen, einfach gekleideten Menschen, die in den Schlangen an den Kassen stehen, hoffen, dass jemand ihnen ein Platz im Bus anbietet, „so wie das bei uns üblich ist“, nach so vielen Jahren immer noch traumatisiert sind. In ihren kleinen Wohnungen gerät man in die riesige Welt, wo Panzer brennen, abgeschossene Flugzeuge vom Himmel stürzen, Kameraden auf der Erde fallen, wütende blutige Flüsse brodeln. Und es „grollt ... das Echo des vergangenen Krieges“ (Robert Roshdestvenskij). Menschen mit Dutzenden von Orden und Medaillen für Tapferkeit, Kühnheit und Heldenmut. Manche schweigen, traurig zu Boden schauend, andere erzählen stundenlang von ihren ersten Kämpfen, Verwundungen und gefallenen Freunden. Einige weinen. Was kann mannhafter sein, als die Tränen des Menschen, der mehrere Nahkämpfe überlebt hat?
Freiwillig zogen ganze Schulklassen an die Front. Mädchen und Jungen. Mit ihren Schulbänken, mit den eingeritzten Liebeserklärungen, den Tintenklecksen und den Schrammen von ihren Taschenmessern, wurden die Öfen der Lazarette geheizt, die in den Schulen eingerichtet worden waren. Die Kinder gingen weg, und an ihre Stelle traten die Verwundeten. In ihren, schon erwachsenen Gesichtern, die Tod, Schmerz, Entbehrung und Unwiederbringlichkeit kennengelernt hatten, verriet nur manchmal ein Blick Überbleibsel einer verlorenen Jugend.

Sie sprechen Russisch mit ukrainischem, lettischem, jiddischem, weißrussischem Akzent und sind alle „die Russen“, die wieder gekommen sind, um hier ihren letzten Jahren zu verbringen, hier ihre Ruhestätte zu finden, wie ihre Kameraden vor über 67 Jahren.

Soviet War Memorials

„Wir fielen nicht auf dem Schlachtfeld:
Mit dem Sieg gingen wir in die Unsterblichkeit ein.“

Alexander Sobolew

Maxim Mikhline gewidmet.

Kleine und riesige, verfallene und prunkvolle Kriegsdenkmäler, mit welken Blumensträußen und frischen Kränzen geschmückt, erheben sich in fast jeder Ortschaft der ehemaligen Sowjetunion, in einigen Orten Europas, die vom Krieg betroffen wurden und in den Städten und Dörfern, aus denen damals die Menschen loszogen, um ihre Heimat zu verteidigen und nie zurückkehrten. Trauernde Mütter, schon zum Mythos gewordene Helden, gefallene Kameraden, in Stein gemeißelte Reihen, Millionen von Namen und Millionen von Namenlosen: „Dem unbekannten Soldaten“.

Gedenkstätten, Kriegsgräber, Massengräber, Säulen, Büsten und Steinplatten, die nicht nur von unvergesslichem Heldentum zeugen, sondern auch ein Mahnmal sind. Sie warnen mit der Stummheit des Steins, mit dem Glut der ewigen Flamme. Dort ruhen Jungen und Mädchen, die ihren Eltern und Geschwistern versprochen hatten, heimzukehren, das Versprechen nicht vergaßen, sondern es nicht einhalten konnten, als sie in die Unsterblichkeit eingingen.

Die halb verwischte Gravur

67 Jahren, die seit dem Kriegsende vergangen sind, haben, wie es immer mit den historischen Ereignissen geschieht, etwas Abstraktes daraus gemacht: „eine historische Episode, ein Archivdokument, einen potentiellen Stapel ausgeblichener Fotos, die beim Umstellen eines Büffets auf den Boden plumpsen, einen Kinderschrei "Dawaj!", der an einem unerträglich heißen Julimittag vom Hof herüberschallt, den Umriss eines schweren Panzers, vage in den schiefen, kämpferischen Konturen eines Müllcontainers zu erahnen, einen Satz weißer Streifen am ausgebrannten Himmel, Staubfontänen, die hinter den Reifen eines Lastwagens ... herausgeschleudert werden, die vierdimensionale Plattheit einer Kinderzeichnung, einen namenlosen Feuerwerksblitz und eine „halb verwischten Gravur“.
Viktor Pelevin

… Manche Kasernen waren im 3. Reich erbaut worden. Sie wurden erweitert, teilweise renoviert, an die aktuellen Bedürfnisse angepasst. Einige Bauten blieben unverändert. Manche Kasernen wurden von Rotarmisten erbaut, der Rest wurde „okkupiert“. All diese Kasernen waren ein Bild der Sowjetmacht, Stabilität und Unverwüstlichkeit. Sie waren für die Ewigkeit bestimmt. Aber Gottes Wege sind unergründlich: Die Armee wurde innerhalb von 3-4 Jahren nach dem Mauerfall abgezogen, was man nicht mitnehmen konnte, wurde verkauft. Manche Bauten, besonders technische Einrichtungen wurden zertrümmert. Dutzende von Hektar wurden zu Sperrgebieten. Tore wurden verschlossen, Türen zugeschweißt, Stacheldraht gespannt. Es wurden hunderte von Schildern aufgehängt, die den Eintritt in die ehemaligen Militärgebiete strengst untersagen und auf alle möglichen Gefahren hingewiesen. Die aufgestellten Wächter erwiesen sich als uneffektiv, da sie Neugierige und Marodeure nicht aufhalten konnten. Die wenigen Reste wurden geraubt, Fenster zerschlagen, viele Häuser abgebrannt und ruiniert. Dann erlosch das Interesse an den Kasernen. All die Jahre standen sie hinter grauen Betonmauern, versteckt von den wild wachsenden Bäumen und Gräsern.
Die Zeit verging. Die Städte weiteten sich aus, Stadtbezirke wurden renoviert und plötzlich wurden die Kasernen zum Dorn im Auge. Mitten in der Stadt befanden sich mysteriöse, gefährliche Gebiete, mit schlechtem Ruf und unbeliebter Geschichte …

Aber es musste etwas unternommen werden. Die Nachforschungen begannen und es wurde klar, dass mehrere Bauten immer noch in einem guten Zustand waren. Natürlich musste alles neu verkabelt, gestrichen und restauriert werden, aber die Häuser standen bereits, und vor allem, erwies sich der Standort von mehreren Kasernen als sehr günstig. Die Kaserne von Rathenow, direkt in der Stadtmitte, gegenüber dem Rathaus, wurde zur Schule umgebaut. Das Bekleidungslager in Bernau bekam auch ein zweites Leben. Manche Gebäude machte man zu kulturellen Einrichtungen, in manchen wurden Konzerte veranstaltet.
Natürlich gab es Bauwerke, die man leider nur abreißen konnte …

Mit meiner Fotoserie möchte ich diese Veränderungen, die mit der Deutschen Einheit verbunden sind, zeigen. Ich versuchte diese historischen Metamorphosen zu dokumentieren, um diese Veränderungen zu verfolgen. Von noch nicht umgebauten Kasernen zu wiederbelebten, bis zu dem Territorium, wo einmal welche standen. Ich wollte endlich diese verrosteten zugeschlossenen Tor-Augen öffnen, damit die verlassenen Kasernen nach Jahren nach außen blicken können. Ich wollte dieses Geheimnis des Schrecklichen, das sich hinter den Mauern versteckt, lüften …

Copyright:
Alexandre Sladkevich
www.sladkevich.com

Zum Weiterlesen:
Jörn Schütrumpf: «Dank Euch, Ihr Sowjetsoldaten»