Harmonie vs. Nachhaltigkeit?

Die internationale Konferenz „Modelle gesellschaftlicher Entwicklung im 21. Jahrhundert“

Das China Center for Contemporary World Studies und die Rosa-Luxemburg-Stiftung luden am 13. und 14. Oktober 2005 Experten aus Großbritannien, Ecuador, Russland, Deutschland und China zu einer internationalen Entwicklungskonferenz nach Peking ein. Für die Rosa-Luxemburg-Stiftung nahmen Michael Brie, Erhard Crome, Marlies Linke und Kerstin Schmidt an der Konferenz teil.

Die Veranstaltung unterteilte sich in vier Themen-Blöcke:
1.    Entwicklungskonzepte und Entwicklungsstrategien,
2.    Wirtschaftliche Entwicklung und politische Demokratie,
3.    Der Aufbau einer harmonischen Gesellschaft sowie
4.    Gesellschaftliche Entwicklung - Erfahrungen unterschiedlicher Länder und Regionen.

Referiert und diskutiert wurden u.a. Themen wie: Das Verhältnis von Demokratie und ökonomischer Entwicklung in Ost-Asien; Freiheit, Gleichheit, Solidarität: Selbstverständnis einer Stiftung des demokratischen Sozialismus; Zivilgesellschaft als Herausforderung für Staaten im Umbruch; Sozialismus und die neuen Bedingungen in den Anden-Staaten; Modell einer zukunftsfähigen Entwicklung in China; Demokratie chinesischen Stils; Einkommensverteilung und soziale Entwicklung in Lateinamerika als Beispiel für China. Auffallend war, dass im Verlauf der Veranstaltung seitens der chinesischen Wissenschaftler immer wieder von einer „harmonischen Gesellschaft“ die Rede war. So stand etwa der gesamte 2. Konferenznachmittag unter der Überschrift „The Construction of a Harmonious Society“, also „Der Aufbau einer harmonischen Gesellschaft“. Ein solcher Diskurs über eine „harmonische Gesellschaft“ wird hier nicht geführt, so dass sich für Europäer einige grundsätzliche Fragen stellen: Was ist eine harmonische Gesellschaft in der Vorstellung der Chinesen? Ist eine harmonische eine nachhaltige Entwicklung, wie sie sich die Wissenschaftler der westlichen Welt vorstellen? Im Laufe der beiden ziemlich spannenden, offenen und männlich dominierten Konferenztage wurde deutlich, dass die Theorie von einer harmonischen Gesellschaft, welche in der chinesischen Kultur tief verwurzelt ist, mit dem relativ neuen westlichen Konzept einer nachhaltigen Gesellschaftsentwicklung nicht unbedingt übereinstimmt. Im Vordergrund der chinesischen Visionen steht allgemeiner materieller Wohlstand, der das Fundament sozialer Harmonie bildet. Weiterhin kennzeichnet eine harmonische Gesellschaft laut chinesischer Interpretation eine breite gesellschaftliche Akzeptanz gemeinsamer sozialer Wertevorstellungen, die Unterstützung politischer Maßnahmen und Richtlinien durch die meisten Mitglieder der Gesellschaft und die Abschaffung exklusiver Systeme, die nur für bestimmte gesellschaftliche Gruppen vorteilhaft sind. Letztendlich sollen gleiche Freiheit und gleiche Rechte für alle gelten. Es muss deutlich hervorgehoben werden, dass es sich hierbei um eine Vision handelt. Die gegenwärtige Situation in China scheint, den Konferenzbeiträgen zu Folge, weit davon entfernt zu sein. Stichworte wie Umwelt, Klima und Ressourcen tauchen in der Vision nicht auf. Lediglich in einem Beitrag zur harmonischen Entwicklung war auch von Harmonie zwischen Mensch und Natur die Rede. In unseren Vorstellungen von einer nachhaltigen Entwicklung soll den künftigen Generationen kein ökologischer Scherbenhaufen hinterlassen werden. Umwelt- und Ressourcenfragen sind daher untrennbar mit der wirtschaftlichen Entwicklung verbunden. In China hingegen hat Wirtschaftswachstum derzeit oberste Priorität. Entsprechend ihren gesellschaftlichen Harmonievorstellungen soll dieses Wachstum durch Effizienz und Fairness gekennzeichnet sein. „Übergangsweise“ nimmt man allerdings auch erstmal ressourcenintensives Wachstum und ein Auseinanderdriften zwischen Arm und Reich in Kauf. So spricht beispielsweise Prof. John Wong, Forschungsdirektor des Ost-Asien Instituts der Universität Singapur, über die sozialen Risiken, die Chinas enormes Wachstum hervorbringt, schlussfolgert aber: „It is often the case that the best way to deal with the by-products of rapid economic growth is to continue with rapid economic growth, which will generate more resources to deal with social problems.“ (Es ist häufig so, dass der beste Weg im Umgang mit den Nebenprodukten rapidem ökonomischen Wachstums der ist, das Wachstum fortzusetzen. Dadurch entwickeln sich mehr Möglichkeiten soziale Probleme in Angriff zu nehmen.) Über die Folgen für Klima und Umwelt äußert sich Prof. Wong nicht. Die Auswirkungen des enormen kontinuierlichen Wirtschaftswachstum der letzten 25 Jahre von durchschnittlich 9,5% sieht man in Peking: Die Stadt boomt, die Hochhäuser schießen wie Pilze aus dem Boden und die Menschen sind im Kaufrausch. Neben dem traditionellen Fortbewegungsmittel, dem Fahrrad, sind die gigantischen Trassen Pekings voll von Autos, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Das erfolgreiche Überqueren der riesigen Straßen als Fußgänger erfordert taktisches Geschick - egal ob die Ampel rot oder grün anzeigt. Lebensart und Lebensstandard nähren sich den westlichen Vorbildern, die Kriminalitätsrate und die Umweltverschmutzung jedoch auch. Der Nebel, in dem die Stadt verborgen lag, als wir ankamen, war eher bräunlich als wolkenweiß. Aus dem Wasserhahn im Hotel kam immer zunächst erstmal seltsam farbiges Wasser - was nicht verwundert, wenn man weiß, dass sich nur weniger als 30% der Flussabschnitte der sieben größten Ströme Chinas zur Trinkwasseraufbereitung nutzen lassen. Der Rest ist mit Schwermetallen und anderen Chemikalien verseucht. Aber Peking ist nicht nur eine Stadt der Moderne und eines gigantischen Wachstums, mit all seinen „by-products“. Es gibt auch (noch?) eine andere Seite, eine kulturell tief verwurzelte, friedliche und respektvolle. Ein Sonntagsspaziergang durch einen der großen Stadtparks Pekings führte mich in eine Welt voller musizierender, gemeinsam tanzender, meditierender und Sporttreibender Menschen. Obwohl der Park fast überfüllt schien – was mir in diesem Umfang im Berliner Tiergarten ein mulmiges, ja vielleicht sogar phobisches Gefühl vermitteln würde, fühlte ich mich als augenscheinlich einzige europide Nutzerin der Grünanlage sehr entspannt, ruhig und – wenn man es so nennen will - in Harmonie mit den Menschen dort. Vielleicht ist eine harmonische Gesellschaft nicht allein mit Worten zu fassen? Vielleicht ist es eine in China über die Jahrhunderte entwickelte Kultur des Zusammenlebens, welche man nicht aufgeben möchte? Vielleicht sollten wir unsere Vorstellung von einer nachhaltigen Entwicklung ausdrücklich um eine harmonische Dimension ergänzen?