Frigga Haug

Der Aufruf von Marx, «alle Verhältnisse umzustürzen…»

Der Aufruf von Marx, «alle Verhältnisse umzustürzen, in denen der Mensch ein geknechtetes, beleidigtes und erniedrigtes Wesen ist» galt dem Fernziel einer menschenfreundlichen Gesellschaft. Dies war Hoffnung für alle Menschen, eine Grundierung am Horizont alles Linken.

Mit 1989, der Selbstaufgabe der staatssozialistischen Länder verlor diese Utopie ihr Diesseits, welches freilich schon lange vorher den Schimmer der Hoffnung eingebüßt hatte. Jetzt entledigte man sich zunächst schnell des marxschen Erbes. An die Stelle traten die Freiheitsversprechen des Neoliberalismus, die den Platz der alten Hoffnung durch die Freiheit des Marktes ersetzten. Es währte fast zwei Jahrzehnte, also fast eine ganze Generation, bis aus den wachsenden Unruhen neue Hoffnung aufkeimte. Die Gründung der Partei DIE LINKE war ein solcher Aufbruch. Möglich schien es, die zersplitterten Linken aus dem Westen und die Linken unter den Gewerkschaftern und die vielen aus dem Osten, die sich noch an die Errungenschaften aus 40 Jahren Staatssozialismus erinnerten, zusammenzufügen. Sie kristallisierten sich um den leidenschaftlich um das Erbe der alten Sozialdemokratie kämpfenden Oskar Lafontaine und das Politgenie aus dem Osten, Gregor Gysi, der mit Witz und Schlagfertigkeit die eingerosteten Gemüter in Bewegung bringen konnte.

Fünf Jahre später geht es der Partei ums Überleben. Unterernährt steht die Hoffnung vor den Trümmern des einst Gewollten. Verfeindete Lager kämpfen um Macht in der Partei statt in der Gesellschaft. Es gehe darum, die Regierungsgewalt  zu übernehmen, dachten Marx, Engels, Luxemburg und Lenin. Gramsci verschiebt die Frage: es gehe darum, Hegemonie für das sozialistische Projekt zu gewinnen. Dass dies nicht gelinge, daran arbeitet die bürgerliche Presse, die wiederum unaufhörlich den Funken der Entzweiung in der LINKEN anfacht,  bis keiner mehr weiß, wozu es eigentlich einer Partei DIE LINKE  bedarf. Welches ist ihr Projekt, für das es sich zu kämpfen lohnt?

Treten wir das Erbe der Arbeiterbewegung an und kämpfen um das Recht auf gute Arbeit für alle; treten wir das Erbe der Frauenbewegung an und kämpfen darum, dass auch die Arbeit  zwischenmenschlicher Zuwendung aufgenommen werde; treten wir das Erbe aller Freiheitsbewegungen an, dass alle Menschen ihre menschlichen Fähigkeiten entwickeln  können, was anstrengend ist und nicht durch Konsum und Wellness abgetan; und wachsen wir endlich aus den Kinderschuhen eines Projekts, das einer charismatischen Führung bedarf in eines, in der alle sich an Fragen der Gesellschaftsgestaltung beteiligen und dies lernen beim Tun. Erst dies ist demokratischer Sozialismus. In diesem Spannungsrahmen lassen sich alle Aufgaben der Tagespolitik stellen, zusammenführen und zugleich immer erkennen, dass dies an die Grenzen des Kapitalismus stößt. Die übereinander sich türmenden Krisen von Überakkumulation des Kapitals, das gierig nach immer wahnwitzigeren Anlagen sucht, die Reproduktionskrise, in der die nächsten Generationen geopfert werden, die Europakrise, in der ganze Länder geknechtet und gedemütigt werden und nicht zuletzt die ökologische Krise, die uns dazu zwingt, eine andere Arbeits- und Lebensweise zu erdenken – sie alle brauchen die vielen, dass sie sich ihrer Gesellschaft annehmen. Es ist eine politische Frage. Dabei kann DIE LINKE ein Energiezentrum ein, das diese Möglichkeit offenhält und befördert.