Für Deutschland Gegen Hitler - Die weltweite Bewegung "Freies Deutschland"

Ausstellung des Verbandes Deutscher in der Résistance, in den Streitkräften der Antihitlerkoalition und der Bewegung "Freies Deutschland" e.V. - DRAFD

Zum Geleit

(aus dem Katalog zur Ausstellung)

Diese Wanderausstellung stellt eine Dokumentation über eine weltweite Bewegung dar, in der sich Deutsche in vielen Ländern des Erdballs während des Zweiten Weltkrieges gegen das barbarische NS-Regime und seinen verbrecherischen Krieg engagierten. In der Sowjetunion und in Frankreich, in Mexiko und in den USA, in den Niederlanden, Großbritannien, in Jugoslawien und vielen anderen Ländern auch in Deutschland selbst fand die Bewegung Widerhall. Schriftsteller wie Anna Seghers, Carl Zuckmayer, Heinrich Mann und Erich Weinert, Soldaten und Generale wie Max Emendörfer und Walther v. Seydlitz, Politiker wie Rudolf Breitscheid und Wilhelm Pieck Wissenschaftler, Pädagogen und Pfarrer, jüdische Emigranten und Angehörige der deutschen Wehrmacht einte das Streben, einen Beitrag für ein freies, demokratisches und in der Welt geachtetes friedliches Deutschland zu leisten und ihr Vaterland vor der drohenden Katastrophe zu retten. Die weltweite Bewegung ,,Freies Deutschland", entstand in den Jahren des Zweiten Weltkrieges und vermittelte Anregungen, die selbst nach Jahrzehnten dazu beitragen können, sich auch in den recht komplizierten Fragen der Gegenwart zurechtzufinden. (Die Bewegung stützte sich auf das im Juli 1943 veröffentlichte Manifest des in der Nähe von Moskau gegründeten National-komitees, war aber breiter und in den einzelnen Ländern eigenständig). Sie war ein Teil des antifaschistischen deutschen Widerstandes. Nicht sein Kernstück, aber auch nie eine Randerscheinung. Keine andere Widerstandsgruppe oder Bewegung hat dem Hitlerregime und seinem Krieg einen solchen unmittelbaren Schaden zugefügt, eine solche Breite und Tiefenwirkung erzielt. Und dennoch, auch das muß gesagt werden, war sie nur ein bescheidener Beitrag zum Kampf gegen den Faschismus, gemessen an dem, was die Widerstandsbewegung in anderen Ländern leistete, ganz zu schweigen vom entscheidenden Anteil der Armeen der Antihitlerkoalition. Die Bewegung ,,Freies Deutschland" stellte eine politische Koalition auf optimal breitester Grundlage dar. Breiter konnte diese Grundlage in der damaligen Zeit überhaupt nicht sein. Ihr gehörten Kommunisten wie Sozialdemokraten, Liberale wie Konservative, christlich orientierte Politiker, Republikaner aller Schattierungen, auch Monarchisten an. Sie stammten aus allen Schichten des Volkes, aus der Arbeiterschaft, aus der Bauernschaft, dem Unternehmertum, der künstlerischen Intelligenz, dem Mittelstand. Zu ihnen gehörten Berufsbeamte wie vor allem auch Berufsoffiziere. Sie verkörperten die politisch wie sozial breiteste Koalition im Rahmen des gesamten antifaschistischen deutschen Widerstandes, was vor allem aus zwei Gründen möglich war. Deutschland drohte die nationale Katastrophe. Ihre Abwendung oder auch ihre wesentliche Minderung waren ein Erfordernis, das weiterbestehende politische und ideologische Differenzen, selbstverständlich gerade auch über die Zukunft Deutschlands, seinen Staatsaufbau, seine Gesellschaftsordnung in den Hintergrund treten ließen. Ein großes und zugleich begrenztes Ziel stand im Vordergrund aller Aktivitäten, nämlich die Beendigung des Krieges, der unausweichlich mit der nationalen Katastrophe und der Zerstörung Deutschlands enden mußte. Die Beendigung des Krieges erforderte aber den Sturz der Hitlerregierung. Damit erklärt sich auch der Zeitpunkt der Gründung des Nationalkomitees selbst im Juli 1943, also etwa ein halbes Jahr nach Stalingrad und unmittelbar unter dem Eindruck der Kursker Schlacht, des Zusammenbruchs der letzten großen Offensive der deutschen Wehrmacht. Organisationen der Bewegung ,,Freies Deutschland" bildeten sich in vielen Ländern, in der UdSSR, in Frankreich, in Griechenland, in Jugoslawien und anderen vom Hitlerfaschismus okkupierten Ländern. In der UdSSR wie in Frankreich erzielte die Bewegung die stärkste Wirkung. In Großbritannien, in den USA, vorher schon in Mexiko und weiteren Staaten, in denen es eine deutsche antifaschistische Emigration politisch wie rassisch Verfolgter gab, wirkten ebenfalls Gruppen der Bewegung ,,Freies Deutschland". Hauptfeld der Tätigkeit in allen Ländern waren propagandistische Aktionen zur Vermittlung der Wahrheit über die verbrecherischen Ziele und Praktiken des Hitler-regimes und für eine antifaschistische Haltung. Dies geschah vorwiegend durch Rundfunksendungen, Flugblattaktionen sowie die Herausgabe von Zeitungen bzw. Zeitschriften. Sie drangen in wachsendem Maße auch nach Deutschland und vor allem in die Reihen der Wehrmacht an den Fronten. Sie gaben dem Widerstand, auch dem passiven, Orientierung und Kraft. Deutsche Antifaschisten nahmen auch am bewaffneten Kampf innerhalb der Widerstandsbewegung der von Nazideutschland okkupierten Länder, als Angehörige der Armeen Frankreichs, Großbritanniens, der UdSSR und der USA sowie weiterer Staaten der Antihitlerkoalition teil. Sie leisteten damit einen solidarischen Beitrag zur Niederwerfung des deutschen Faschismus. Dennoch sollte ihre Breiten- und Tiefenwirkung nicht überschätzt werden. Das unmittelbare Wirken der Bewegung ,,Freies Deutschland" in Deutschland selbst unterlag den gleichen schweren Bedingungen und Hemmnissen wie der Kampf des gesamten deutschen Widerstandes. Hinzu kam, daß es sich ja maßgeblich um eine Einstrahlung von außen handelte, also von jenseits der Frontlinie. Doch auch in Deutschland gab es nicht wenige illegale Gruppen, die in bestimmter Regelmäßigkeit die Rundfunksendungen abhörten, auch auf andere Weise losen Kontakt zur Bewegung im Ausland hatten, so sich Informationen und Argumente verschafften und neuen Mut für ihre Widerstandsarbeit schöpften. Die Bewegung ,,Freies Deutschland" hatte nicht wenige Opfer zu verzeichnen. Insbesondere der Einsatz unmittelbar an den Fronten, darunter die Uberbringung von Briefen an Generale der deutschen Wehrmacht und andere Aktionen endeten nicht selten tragisch. Dennoch waren die Opfer der Bewegung ,,Freies Deutschland" gering, gemessen an den Opfern, die der deutsche Widerstand insgesamt und erst recht die europäischen Völker in ihrem Befreiungskampf erbringen mussten. Die Erfahrungen der Bewegung ,,Freies Deutschland" sind in vieler Hinsicht einmalig und nicht wiederholbar, aber sie sind ein bleibendes Erbe der Geschichte. Hervorzuheben ist, dass es gelang, die Akzeptanz einer breiten Palette von recht unterschiedlichen Auffassungen mit der Ausarbeitung von Prioritäten zu verbinden. Der unter den damaligen Bedingungen des Krieges recht ungewöhnlich breite Meinungsaustausch und die manchen nicht leichtfallende Duldung so widersprüchlicher Standpunkte und Interessen wurde mit der Suche nach überbrückenden Gemeinsamkeiten und konstruktiven Kompromisslösungen verbunden Die Bewegung ,,Freies Deutschland" hat ihr eigentliches Ziel nicht erreicht. Auch Mängel in ihr selbst, ihren Strukturen und Arbeitsmethoden, Unzulänglichkeiten in den Handlungen und im Erkenntnisstand der führenden Kräfte, wie Wirkungen von außen trugen dazu bei, daß auch dieser Teil der deutschen Widerstandsbewegung letztlich scheiterte. Dennoch gehört sie deutlich zu den positiven Seiten der deutschen Geschichte. In dieser Hinsicht vermittelt die Bewegung ,,Freies Deutschland" wichtige Anregungen und Erfahrungen. Die beschleunigte Beendigung des Krieges war damals ein gesamtmenschliches Interesse. Heute steht anderes auf dem Spiel. Letztlich geht es aber auch um den Erhalt der menschlichen Zivilisation, eigentlich sogar der Möglichkeit menschlichen Lebens, der aus vielerart Gründen, potentiell wie auch akut nicht auszuschließen, höchste Gefahr droht. Auch deshalb hat die Beschäftigung mit den Traditionen der unikalen Bewegung ,,Freies Deutschland" im Gesamtrahmen des antifaschistischen Widerstandes durchaus aktuelle Bedeutung. Prof. Dr. Stefan Doernberg
Veranstalter: Verband Deutscher in der Résistance, in den Streitkräften der Antihitlerkoalition und der Bewegung "Freies Deutschland" e.V. - DRAFD Autor: Prof. Dr. Stefan Doernberg Termin: Oktober 2003 Ort: Rosa-Luxemburg-Stiftung Franz-Mehring-Platz 1 10243 Berlin Foyer