«Überleben in den Creative Industries» - Bildergalerie

Tagung zu einer der »Schlüsselindustrien des 21. Jahrhunderts«
    
Bei Debatten um die »Creative Industries« à la Richard Florida steht der Nutzen für die Wirtschaft und Stadtentwicklung im Zentrum, selten die gewandelten Lebens- und Arbeitsbedingungen der Kreativen selbst. Die sind auf diesem Kongress Thema. Die digitale Revolution der Produktions- und Distributionsmittel, die Kämpfe um intellektuelle Eigentums- und Verwertungsrechte, die Flexibilisierung von Unternehmensstrukturen und Arbeitsverhältnissen, die Projektförmigkeit der Arbeit sowie die Ökonomisierung oder Privatisierung von Kultureinrichtungen haben Arbeits- und Lebensweisen wie Subjektivitäten verändert. Einer schier unübersichtlichen Zahl von potenziellen Möglichkeiten steht eine enorme Konkurrenz gegenüber, den gewachsenen Ausdrucksmöglichkeiten ein Druck zur Konformität des Marktes, einer freieren Selbstbestimmung von Lebens- und Arbeitsformen die Selbstausbeutung in informellen und entgrenzten Arbeitsverhältnissen bei unsicheren Einkommen. Viele der freischaffenden Künstlerinnen, der Medienschaffenden mit Projektaufträgen, der befristeten Werber, Solo-Selbständigen, ›freien‹ Journalisten und unbezahlten Praktikantinnen sind Teil eines interner Link folgtneuen Prekariats. Nur wenige schaffen den Sprung in den festen Job oder werden zu einer bekannten Künstlerin. Etliche hingegen beziehen Hartz IV.

Entsprechend wird um Verwertungsbedingungen gerungen – v.a. im Zusammenhang mit den digitalen Technologien: Einerseits besteht für Kreative die Notwendigkeit, via Schutz der Urheberrechte Einkommen zu generieren, andererseits ist mit der Internettechnologie auch eine Art »Free Culture«-Bewegung entstanden, nach der kreative Schöpfung in digitalisierter Form allen frei zur Verfügung stehen sollte. Vor diesem Hintergrund entstehen neue digitale Verwertungsformen, wie Spendenportale oder Selbstvermarktung über das Netz (unter Ausschaltung von Intermediären wie Buch- oder Plattenverlage). Quer dazu steht schließlich der Konflikt zwischen den Kreativen und ihren Arbeitgebern, denen eine angemessene Verwertung (beispielsweise die Zweit-Verwertung von Produkten im Internet) abgerungen werden muss. Gegenstand unseres Streits am Abend: »Zwischen den digitalen Fronten - mehr Geld, mehr Freiheit oder alles für alle?« mit Benni Bärmann (Keimform.de), Wolfgang Schimmel (verdi) und Matthias Spielkamp (iRights.info).

Fast 50 Prozent der 2,5 Millionen sind Solo-Selbständige – die formale Existenzweise vieler Kreativer in Deutschland - und verdienen weniger als 1100 € im Monat. 40 Prozent der sogenannten Kreativen haben Anspruch auf Aufstockung ihres Einkommens mit Hartz IV, aber nur 16% nehmen das wahr (um Gängelei, Ein-Euro-Jobs und vieler anderer Zwangsmaßnahmen sowie der Zerstörung ihrer Kreativität aus dem Weg zu gehen). Häufig wird eher wenig glamourösen Tätigkeiten nachgegangen – Volkshochschulkurse geben, Arbeit in Kneipen oder Bars etc., um das Einkommen aufzubessern. Nicht selten bilden diese Jobs die Haupteinnahmequelle, um sich dann nach Feierabend die Kreativarbeit leisten zu können. Nur die wenigsten gehören zu den erfolgreichen Performern und Selbstmanagern. Toll, das passt zum Image des armen Künstlers. Und was ist eigentlich mit denen, die nicht zu den Kreativen gehören, deren Arbeit unsichtbar bleibt, aber unverzichtbar für die »Creative Industries«, sozusagen dem »Bodenpersonal«, von der Bühnenarbeiterin, über Kabelträger, Kartenabreisserin oder Putzmann? Wer hat eigentlich welche Möglichkeiten »kreativ« zu sein?

Auch bei der Organisation dieser Konferenz zogen sich die Widersprüche durch: manche machen die Arbeit im Rahmen ihrer festen Stelle innerhalb ihrer wöchentlichen Vertrauensarbeitszeit, andere auf Basis mehr oder minder schlecht bezahlter Werkverträge, wieder andere auf Basis kleiner Honorarverträge. Unsere Professorinnen bekommen nix, andere bestehen völlig zurecht auf eine angemessen bezahlte Anerkennung, alle tun es aus politischer Überzeugung und Lust an der Sache. Und einige bleiben kaum sichtbar im Hintergrund, obwohl ohne sie gar nichts laufen würde. Immerhin haben wir es hinbekommen, fast 50% der Produktionskosten in Honorare zu stecken – jedes Industrieunternehmen wäre danach pleite.

Kulturschaffende in den »Creative Industries« bewegen sich also in Widersprüchen: zwischen dem Wunsch, ihre Werke möglichst vielen Menschen nahe zu bringen und dem Schutz ihres geistigen Eigentums, zwischen der freiberuflichen Tätigkeit, die keinen Chef und keinen 9-to-5-Trott akzeptieren muss und der Freiheit von ausreichendem Einkommen und gesicherten Lebensverhältnissen, zwischen dem Wunsch nach freier Kooperation und vereinzelnder Konkurrenz, zwischen kreativer Arbeit als Lebensinhalt und Leben als Dauerarbeit – frei flexibel und fertig von der Arbeit eben. Sie/wir sind Vorreiter der Gentrifizierung in den Städten, Verdrängen ärmere Bevölkerungen und werden selbst verdrängt von den nachrückenden »Hipsters« und »Yuppies«, von der Inwertsetzung städtischer Freiräume und steigenden Mieten.

Trotz Unsicherheit, Selbstausbeutung, Entgrenzung der Arbeit, Unsicherheit, Verberuflichung der sozialen Netzwerke, Performancedruck, Konkurrenz und Kurzfristigkeit hat das ganze ja eine enorm anziehende Seite: hohe Autonomie, Selbstorganisation, eine hohe Identifikation mit der Arbeit, geradezu Hingabe an eine Berufung, die individuelle nonkonformistische Imagination – die Autonomie bleibt allerdings nur erhalten, sofern sie die Form der Wettbewerbsfähigkeit annimmt. Nicht selten kehrt die Sehnsucht nach Arbeitsverträgen zurück. Oder wie es in Falk Richters neuem Stück »Trust« unter dem Absatz »Arbeitsverträge« heißt:

    »Ich lerne dauernd irgendwelche gut aussehenden, interessanten, jungen, energiegeladenen Männer kennen, und ich will irgend eine Art Beziehung zu denen aufbauen, also ich würde gerne über Kunst mit denen reden, Musik hören, lange rumknutschen, mit denen schlafen, aber die wollen alle immer alles vertraglich aushandeln, die wollen alle Arbeitsverträge, die wollen für mich arbeiten und Verträge in der Hand haben, zumindest irgendwie Geld, Vorteile, irgendetwas, das sich ein bisschen besser rechnen lässt als so n paar nette Stunden. Diese Stunden sind ja auch nur für mich nett, denn die jungen Männer zahlen ja mit ihrer Währung, ihrem Jungsein, ihrer Jungseinenergie, ihren schönen Körpern, der neuen Sicht auf diese Welt und diesen Markt. Und ich? Ich muss ja irgendetwas zurückzahlen, und diese Generation braucht vor allem Struktur, Arbeitsverträge oder auch ganz einfach Geld, denn die wollen ja was kaufen, oder wegfahren, oder einen Computer haben, um ins Netz zu kommen, denn die können ja nicht unentwegt einfach immer nur von unserer Generation von einem Praktikum ins nächste Praktikum geschickt werden, die haben ja alle Kunstgeschichte und Literatur und Mediendesign und Kulturgeschichte Tibets studiert, und stehen jetzt alle neben Kopiergeräten herum und schleppen irgendwelche Umschläge zur Post, die wollen irgendwie mehr, als nur Rumliegen, Musikhören und Rumknutschen.«

Kulturschaffende und Kreative haben noch am ehesten die Möglichkeit, ihre eigenen Lebens- und Arbeitsverhältnisse in einer entsprechenden Weise zu thematisieren, neue künstlerische Ausdrucksformen und (Selbst-)Repräsentationen zu entwickeln. Auf diesem Kongress trifft daher wissenschaftliche Analyse auf zugespitzten Meinungsstreit und literarische, filmische und darstellende künstlerische Form in den unterschiedlichen »Creative Spaces«. Den Anfang macht die Choreographie der »Baktruppen« aus Norwegen.

Wir haben die Ausdrucksmittel und doch hindert uns nicht selten ein hoch individualisierter Habitus daran, kollektive Organisationsformen aufzubauen, sich gemeinsam die Verfügung über die unmittelbaren Lebens- und Arbeitsbedingungen anzueignen, gar gewerkschaftliche Initiativen zu entfalten. Solidarität ist Selbstmord, bringt es Rene Pollesch auf den Punkt. Der ICH-Streik ist nicht einfach. Dies wird auf unterschiedliche Weise in den »Creative Spaces« am späten Abend thematisiert.

Arbeits- und Lebensverhältnisse, Produktions- und Verwertungsbedingungen, Reproduktionsbedingungen und Stadt mit ihren Widersprüchen – das sind unsere Themen für den ersten Konferenztag: überleben, arbeiten, verwerten.

»Be creative – das neue Prekariat«
Wir beginnen mit den Arbeits- und Lebensverhältnissen: Angela McRobbie ist Professorin für Kommunikation an der Goldsmith College University London. Sie kommt vom Birmingham Center an dem unter Stuart Hall die Cultural Studies erfunden wurden. Sie hat Arbeiten über Fashion Design, Cultural Studies, Feminismus u.a. geschrieben, arbeitet u.a. zur Indie Musikszene. Ihr besonderes Interesse gilt den Subkulturen.

Unterwandern, widerstehen, organisieren ist das Motto für diesen zweiten Konferenztag.

Nonkonformismus, Kritik, Subversion – das alles galt und gilt zum Selbstverständnis kritischer Kulturschaffender. Doch was, wenn die damit verbundenen Praxen nur zur Modernisierung von Kapitalismus und Kulturindustrie dienen, zur Systemressource werden? Die These ist nicht ganz neu. Schon der alte Marx hat das mit Blick auf Fabrikkämpfe und relativen Mehrwert analysiert. Arbeiten von Seiten feministischer, marxistischer oder »cultural studies« Ansätze haben gezeigt, wie die Impulse der Kritik und der Kämpfe im Kapitalismus in widersprüchlicherweise zu seiner Entwicklung beitragen.  Neoliberalismus und neuen Unternehmenskulturen sei es nun aber in besonderer Weise gelungen, die Künstlerkritik zu integrieren, zum Motor der Entwicklung zu machen und die Sozialkritik zu marginaliseren. Widerstand ist zwecklos? Luc Boltanski und Ève Chiapello sind zwei prononcierte Vertreter_innen dieser These. Andere Ansätze gehen in eine ähnliche Richtung. Ist Widerstand damit zur Unmöglichkeit geworden? Oder zugespitzt: »Wenn Kreativität und Mobilität gefordert sind, dann bleiben wir zuhause und gestalten die Tage möglichst eintönig.«

So bringt Silke van Dyk die post-politischen Implikationen einiger populärer Zeitdiagnosen auf den Punkt. Dagegen wird sie Widersprüche, Praxen und Perspektiven von Widerstand analysieren/aufzeigen. Silke ist Diplom-Sozialwirtin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Jena, war lange Jahre Aktivistin oder ist es noch (sofern der Job es zulässt). So war sie z.B. an den Kampagnen Berlin Umsonst beteiligt und hat mit Ingo Stützle zusammen einen kritisch-programmatischen Artikel zu diesen Aktionen in der Zeitschrift Das ARGUMENT veröffentlicht. Zur Zeit ist sie außerdem Koordinatorin des Netzwerks Altersforschung an der Universität Jena. Ihr letztes Buch: Die Ordnung des Konsenses. Krisenmanagement durch Soziale Pakte am Beispiel Irlands und der Niederlande. Sie bearbeitet also eine Vielfalt von Themen, flexibel eben. Ihr Konferenzbeitrag »Rebellion for profit - wird Abweichung zur Norm?« wird in der nächsten Nummer der Zeitschrift PROKLA erscheinen.

Es gibt ja auch zahlreiche Versuche über individuelle Strategien des sich Durchwurschteln hinaus zu gegen. Einer Haltung von Solidarität als Selbstmord zu überwinden. Kooperation statt Konkurrenz zu organisieren. Zu erinnern wäre z.B. an die Protesten der französischen »Intermittents du spectacle« (der Bewegung der prekären Kulturschaffenden), an gewerkschaftliche Initiativen wie NIDIL in Italien oder connexx.av in Deutschland, veränderten Strategien der Berufsverbände bis hin zu den Protesten der US-amerikanischen Drehbuchautorinnen. Auch an neuen Verwertungs- und Kooperationsformen wird gearbeitet. Das ist Inhalt des nach Silke folgenden Panels: »Solidarität ist Selbstmord«? – Kooperation statt Konkurrenz. Mit Kathlen Eggerling (connexx.av), Eva Kiltz (VUT - Verband Unabhängiger Musikunternehmen) und Catherine McKercher (Carleton University Ottawa).

Am Samstag abend - nach einer weiteren Runde von Darbietungen im »Creative Space« - wird wieder die Stadt zum Thema: Der Gegensatz zwischen einer »Creative City«, die einen kreativen Humus benötigt, und einer Ökonomisierung und Projekte wie »Mediaspree«, mit dem Potenzial eben diesen Humus zu zerstören. Kulturschaffende benötigen eine funktionierende soziale und technische Infrastruktur, günstige Büro- un Attelierräume, v.a. aber bezahlbaren Wohnraum und niedrige Lebenshaltungskosten etc. also das, was eigentlich alle brauchen. Dies verweist auf auf ein noch nicht näher bestimmtes Verhältnis von öffentlich-städtischen Infrastrukturen, Leistungen und (Frei-)Räumen. Welche Schwierigkeiten und Perspektiven ergeben sich für linke Projekte, Stadtpolitik und Bewegungen? City for all – aber wie? Creating City – privat, staatlich, öffentlich? Mit Jaap Draaisma (Broedplaatsen Amsterdam), Klaus Lederer (DIE LINKE Berlin) und Ingo Bader (Technische Universität Berlin).


Anschließend gibt es die begnadete Stimme von Ofrin in Begleitung feinster Acoustronic, bevor die Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot zuschlägt und uns in Party-Laune versetzt. Die DJs Kevin Swanson, Artemis und Barbee begleiten danach uns weiter in die Partynacht.
 

Mario Candeias, 13.11.2009

Fotos: Anne Steckner
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