Von den Medien ignoriert

Angela Isphording (RLS-Büro Mexiko) über das 3. amerikanische Sozialforum in Guatemala

Am vergangenen Sonntag endete in Guatemala-Stadt das III. Amerikanische Sozialforum mit einer relativ schwach besuchten Abschlussdemonstration. Vom 7.-12. Oktober hatten mehr als 6000 Menschen an den rund 400 Aktivitäten des diesjährigen Programms teilgenommen. Ein gutes Drittel von ihnen war aus anderen Ländern der Region angereist, vor allen Dingen aus dem mittelamerikanischen Raum und Mexiko. Es gab zwar auch Delegationen aus den Ländern Nord- und Südamerikas, aber sie waren verhältnismäßig klein – vor allen Dingen im Vergleich zum letzten Forum in Caracas. Auffällig war die große Zahl von indigenen TeilnehmerInnen, eine  absolute Premiere auf einem Sozialforum. Wie die anderen AktivistInnen interessierten sie sich für Themen wie transnationale Konzerne, Ausbeutung natürlicher Ressourcen ohne Mitspracherecht der Bevölkerung, Gewalt gegen Frauen, Militarisierung und Straflosigkeit, Nahrungssouveränität und die Kriminalisierung sozialer Bewegungen. Während das Finanzsystem der Welt Kopf stand, tauschten sich die TeilnehmerInnen zu Strategien im Kampf gegen den Neoliberalismus und zu alternativen Wirtschaftsmodellen aus. Der Finanzcrash selbst wurde dagegen nur selten thematisiert. Noch Ende Juli hatte es so ausgesehen, als könne das Forum nicht stattfinden. Es mangelte an Geld und Organisation. Viele Menschen befürchteten, dass die Vorbereitung und Verwaltung so eines Events das sehr fragile Geflecht guatemaltekischer ziviler Organisationen zerreißen könnte. Selbst der Veranstaltungsort, die prestigeträchtige Universidad de San Carlos, sträubte sich lange Zeit, dem Forum die Tore zu öffnen. Man einigte sich auf einen Kompromiss: die Universität stellte einige Räumlichkeiten zur Verfügung, der Unibetrieb lief weiter. Das Ergebnis ließ sich sehen: die wunderschöne Universitätsanlage etwa eine halbe Busstunde vom Zentrum Guatemala-Stadts entfernt füllte sich mit „Anti-Globalistas“ aller Couleur. Einige Fakultäten, wie die Politikwissenschaften hatten das ganze Gebäude für Veranstaltungen zur Verfügung gestellt. Außerdem gab es einige thematische Zelte wie z.B. die der Frauen oder der Indígenas. Die TeilnehmerInnen kamen aus fast allen Sektoren des linkspolitischen Spektrums in Guatemala: Indigene, BäuerInnen, GlobalisierungsgegnerInnen, Gewerkschaften, Frauenorganisationen, regionale und überregionale Netzwerke, UmweltschützerInnen, alternative MedienmacherInnen, KünstlerInnen, Intellektuelle und viele mehr. Die massive Beteiligung unterschiedlichster Bewegungen lässt hoffen, dass eines der Ziele des Forums, nämlich den sozialen Bewegungen der Region einen positiven Input und die Möglichkeit der Vernetzung zu geben, umgesetzt werden konnte. Eine Befürchtung hat sich jedoch bewahrheitet: das Megaevent wurde von den guatemaltekischen Medien schlichtweg ignoriert. Im Vorfeld hatten die monopolisierten Medien des Landes versucht, durch Berichte über „anreisende TerroristInnen“ Stimmung gegen das Forum zu machen, aber nachdem diese Strategie nicht aufging, verzichteten sie während des Events auf jegliche Berichterstattung. Um der Informationsverzerrung, bzw. -blockade entgegenzuwirken, hat das externer Link in neuem Fenster folgtRegionalbüro der Rosa Luxemburg Stiftung in Mexiko eine intensive vor-während-und-nach- Berichterstattung durch die alternative guatemaltekische Nachrichtenagentur externer Link in neuem Fenster folgtCERIGUA unterstützt. Auf dem Forum selbst war dann ein ganzes Gebäude der Arbeit alternativer Medien gewidmet: Radionetzwerke wie externer Link in neuem Fenster folgtALER und externer Link in neuem Fenster folgtPulsar , externer Link in neuem Fenster folgtPulsar Brasil, alternative Medienprojekte wie externer Link in neuem Fenster folgtMinga Informativa, externer Link in neuem Fenster folgtIndymedia oder (auf deutsch) der externer Link in neuem Fenster folgtNachrichtenpool Lateinamerika berichteten rund um die Uhr vom Forum. Die RLS unterstützte eine Reihe von Veranstaltungen während des FSA: der langjährige Projektpartner der Stiftung, die Union guatemaltekischer Frauen (UNAMG) war Mitorganisatorin des Forums und machte eine fantastische inhaltliche Arbeit. Sie organisierte zwei gut besuchte Workshops zum Thema „Frauen im Kampf gegen den Neoliberalismus“ und „Frauenmorde“. Der andere Projektpartner der RLS in Guatemala ist die Fundación Guillermo Toriello, die parteinahe Stiftung der URNG, der Partei, die aus der Guerilla hervorgegangen ist. Auf dem FSA machten sie eine sehr interessante Veranstaltung zur Aufarbeitung der Diktatur und der Guerrilla in Guatemala. Weiterhin arbeitete die RLS auf dem Forum mit einem interdisziplinären Team von ErziehungswissenschaftlerInnen, der „Grupo Cuba“ zusammen, die zwei Workshops zum Thema Sozialismus durchgeführt haben. Ein weiterer wichtiger Themenkomplex auf dem amerikanischen Sozialforum in Guatemala war der Widerstand gegen das bevorstehende Assoziierungsabkommen zwischen Europa und Mittelamerika. Alle Organisationen, die dazu arbeiten, hatten sich zusammengetan, um sich einen ganzen Tag dem Thema Assoziierungsabkommen zwischen Europa und Ländern der Region zu widmen. Krönender Abschluss war eine Demo zum Sitz der fünften Verhandlungsrunde im Süden von Guatemala-Stadt. Die Rosa Luxemburg Stiftung unterstützte während des ganzen Jahres eine Reihe von Workshops zu diesem Thema. Nun bereiten sich die Bewegungen des Kontinents auf das nächste großen Ereignis vor: das Weltsozialforum, das Ende Januar in Belem, Brasilien stattfinden wird. Ob man mitten im Regenwald allerdings so basisnah agieren kann wie das in Guatemala der Fall war steht zu bezweifeln. Das Modell Weltsozialforum hat sich nach Meinung vieler AktivistInnen überlebt. Zu Beginn des Jahrzehnts waren die Foren ein wirkungsvolles Instrument, um ein Zeichen gegen das Weltwirtschaftsforum in Davos und den Neoliberalismus im Allgemeinen zu setzen. Es war wichtig, den verschiedenen Akteuren der sozialen Bewegung eine Bühne und die Chance zum Austausch zu bieten und die gemeinsame Strategieentwicklung voranzubringen. Aber im Zeitalter der neuen Technologien, von Videokonferenzen und Livestreams, ist eine dezentralere Form von Sozialforen möglich geworden. Der internationale Aktionstag, der im Januar 2008 an vielen Orten der Welt gleichzeitig organisiert wurde, ist dafür ein zukunftsweisendes Beispiel.  
Angela Isphording (Leiterin Regionalbüro Mexiko)