Publikation Geschlechterverhältnisse Auf den Spuren von Simone de Beauvoir

Impressionen aus Paris. Von Effi Böhlke

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Autorin

Effi Böhlke,

Erschienen

Februar 2008

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Nur online verfügbar

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung organisiert im Juni (27.-28.6.) die Konferenz »Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit – Beauvoir und die Befreiung der Frauen von (männlicher) Herrschaft« interner Link folgtmehr

Am 9. Januar dieses Jahres wäre Simone de Beauvoir 100 Jahre alt geworden. Weltweit finden dazu Events unterschiedlichster Art statt. Gefeiert wird eine Frau, die sich wie keine andere in die intellektuelle und politisch-praktische Geschichte der Frauenbewegung eingeschrieben hat. Mit ihrem exemplarischen Leben und Werk forderte sie die paternalistischen Strukturen und mit ihnen verbundenen Mentalitäten der modernen Gesellschaften heraus und wurde so zu einer der Avantgardistinnen der Bewegung für die Befreiung der Frauen, nicht nur in Frankreich, sondern europa-, ja weltweit.

Deutsche Presseorgane titelten um den 9. Januar mit Beauvoir; einschlägige Zeitschriften, wie die EMMA, brachten thematische Hefte; im Fernsehen wurden Filme über sie gezeigt; an der FU Berlin fand eine erste Tagung zum Thema statt.

In Frankreich selbst wurde der Geburtstag dieser Provokateurin in den Rang einer nationalen Feierlichkeit gehoben. Ich fuhr vom 7. bis 12. Januar nach Paris, um an dem vermutlich größten Kongress teilzunehmen, der in der Heimatstadt von Beauvoir veranstaltet wird, und nutzte die mir zur Verfügung stehende freie Zeit, um auf ihren Spuren durch Paris zu spazieren.

Montag, 7. Januar

Angekommen in Paris, werfe ich zunächst einen Blick in die Zeitungskioske. Unter dem Titel „Simone de Beauvoir. La scandaleuse“ macht der Nouvel Observateur mit einem Aktphoto von Beauvoir auf (eine Aufnahme von 1952, die Beauvoir von hinten zeigt) und provoziert damit einen Skandal. Französische Feministinnen protestieren gegen diese Form von Voyeurismus; während der Tagung zeigt man mir eine ihrer Antworten: Sartre, als Akt, ebenfalls von hinten (vermutlich eine Collage). Am 11. Januar findet gar eine Demonstration der „Wachhündinnen“ („Chiennes de garde“) vor dem Sitz des Organs statt. Andere Zeitschriften sind seriöser: Die Zeitschrift L’Histoire bringt in einem Sonderheft ein ausführliches Gespräch mit der deutschen Beauvoir-Spezialistin Ingrid Galster: „Die drei Leben von Simone de Beauvoir“ („Les trois vies de Simone de Beauvoir“, immerhin 12 Seiten lang), und das Magazine littéraire titelt mit „Simone de Beauvoir. Die Leidenschaft der Freiheit“ („Simone de Beauvoir. La passion de la liberté“) und einem Photo von Beauvoir (hier im Halbprofil, schräg von rechts vorn und nur bis zum Halsausschnitt). Es versammelt Aufsätze von französischen Spezialistinnen wie Julia Kristeva, Benoîte Groult, Danièle Sallenave, Élisabeth Badinter, von der Adoptivtochter Beauvoirs, Sylvie le Bon de Beauvoir, und wiederum einen von Ingrid Galster. Das Ereignis hat also, wenn nicht die Straße, so doch die Kioske erreicht. Und auch die Bücherläden sind voll von entsprechenden Neuerscheinungen. Hier sind insbesondere zu nennen die umfangreiche Biographie „Kriegsbiber“ („Castor de guerre“) von Danièle Sallenave, das kleine, aber sehr informative Buch „Simone de Beauvoir. Die Freiheit schreiben“ („Simone de Beauvoir. Écrire la liberté“) von Jacques Deguy und Sylvie Le Bon de Beauvoir (beide bei Gallimard erschienen) sowie „Beauvoir in all ihren Zuständen“ („Beauvoir dans tous ses états“) von Ingrid Galster (auch hier prangt ein elegantes Photo auf dem Cover, wieder Halbprofil, von links, Beauvoir schaut dem Betrachter ernst in die Augen). Zumeist sind diese Bücher auf einem gesonderten Tisch angeordnet, umgeben von den Titeln der Autorin selbst sowie von Studien älteren Datums, aber auch von der umfangreichen Literatur zur Geschichte der Frauen und der Frauenbewegung. Mein Koffer wird immer schwerer.Im Hotel angekommen, stecke ich mir das Buch von Inga Westerteicher „Das Paris der Simone de Beauvoir“, das ich mir bereits in Berlin besorgt hatte, in die Tasche und spaziere dann zurück Richtung Place St. Michel. An Notre Dame vorbei gelange ich über die kleine Fußgängerbrücke auf die Île Saint Louis. Bei einem Tee im Café Le Flore en l’île blättere ich in dem Büchlein und stelle mir ein paar Routen zusammen, auf denen ich mir die Lebensstationen der berühmten Pariserin erlaufen will. Als die Teekanne geleert ist, mache ich mich also in umgekehrter Richtung wieder Richtung Quartier Latin auf den Weg. Auf der Place St. Michel angekommen, wende ich mich nach rechts und gehe durch die belebte Rue Saint-André des Arts. Vorbei an Ständen, wo Meeresfrüchte angeboten werden, nähere ich mich dem Bd. Saint Germain. Dort erinnere ich mich daran, dass mir vor rund einem Jahr, als ich wegen Blasen an den Füßen (die ich mir – eben bei exzessiven Stadtwanderungen – mit offensichtlich unpassendem Schuhwerk weggeholt hatte) eines Sonntagmorgens eine offene Apotheke suchte, eine ältere Dame den Weg dahin mit folgenden Worten beschrieb: „Die ist genau vis-à-vis von dem Café, wo Beauvoir und Sartre verkehrten!“ Damit meinte sie offensichtlich Les deux Magots (Bd. St. Germain, Nr. 170), an der Place Saint Germain des Prés, wo auch die gleichnamige, zugleich älteste Kirche von Paris steht, in der René Descartes begraben liegt. Ich schaue in das Café hinein: An den Wänden, je auf einem Podest, zwei Holzfiguren asiatischen Ursprungs, auf welche der Name des Lokals zurückzuführen ist. Zwei Häuser weiter das Café de Flore, in dem Simone de Beauvoir ab 1938 oftmals die Abende zubrachte. Unweit die Place Jean-Paul Sartre et Simone de Beauvoir…

Dienstag, 8. Januar

Am nächsten Morgen spaziere ich von meinem Hotel in der Rue Monge, gleich neben den Arènes de Lutèce, einem restaurierten römischen Amphitheater, gelegen, Richtung Bd. Montparnasse, der aufs engste mit Beauvoirs Leben verbunden ist. Der Tag ist trüb; die Tour Montparnasse ist von Nebel umhüllt und sieht noch düsterer aus als sonst. An der Ecke Bd. Raspail/ Bd. Montparnasse Nr. 103 steht das Geburtshaus von Simone de Beauvoir, ein Eckhaus mit Fenstern auf beide Boulevards. Das im Erdgeschoss befindliche Café La Rotonde, das für Beauvoir eine wichtige Rolle spielte, wird gerade umgebaut. Gegenüber das nicht weniger berühmte Dôme, und etwas weiter rechts La Coupole, wo nicht zufälligerweise das Abschlussdiner der Konferenz stattfinden soll.

Ich gehe am Dôme vorbei und durch die Rue Huygens zum Cimetière du Montparnasse, zum Grab von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre. Es ist nicht schwer zu finden: Auf dem Friedhofsplan hat es die Nummer 5/1; nach dem Eingang wendet man sich in die erste Gasse rechts, und gleich dort ist es, schlicht, aus hellem Stein. Ich wundere mich über die Gaben, die Besucher dort hinterlassen haben: Fahrscheine, von Steinchen festgehalten, ein winziger Zweig mit drei roten Beeren daran, und sogar ein Ei. Nachdem ich das alles betrachtet habe, mache ich mich auf die Suche nach der Ruhestätte von Emile Durkheim; dabei stoße ich auf diejenige von Alfred Dreyfus, dem jüdischen General. Es sind viele jüdische Gräber hier. Als ich wieder am Grab von Beauvoir und Sartre vorbeikomme, sind die Fahrscheine, der Zweig und das Ei verschwunden. Eine junge Frau schmückt den Stein mit frischen Blumen; wie sie sagt, kommt sie von einer Gärtnerei, die mit der Grabpflege betraut ist, und bereitet nun alles für den morgigen Geburtstag vor. Auf meine Frag, ob die Sache mit den Fahrscheinen französische Tradition sei, antwortet sie mir, dass sie sich auch darüber wundere. Typisch Französisch sei dies nicht!

Gleich nebenan die Rue Schoelcher, in welcher Beauvoir lange Zeit – von 1955 bis zu ihrem Tod, und mit Blick auf den Friedhof – gelebt hatte. Ich selbst laufe den Bd. Raspail hinunter, schaue in die Maison des Sciences de l’Homme hinein, wo ich Gespräche zu führen habe und ein paar Stunden in der Bibliothek des Hauses arbeite. Anschließend spaziere ich zur Rue de Rennes. In der Nr. 71, 5. Stock, war das zweite Zuhause von Beauvoir, in das ihre Familie umziehen musste, nachdem sich ihre finanzielle Situation verschlechtert hatte. Durch den Jardin du Luxembourg, in dem sie zeitlebens viel spazieren ging, sich mit Freunden traf, Bücher las oder sich einfach erholte und erfreute, wandere ich wieder Richtung Rue Monge zurück.

Abends bin ich bei Freunden eingeladen, Josiane und Louis; beide sind aufs engste mit Pierre Bourdieu und seinen Ideen verbunden; Josiane engagiert sich aber auch inhaltlich und praktisch in der französischen Frauenbewegung. Wir sprechen über die Ereignisse rund um den Beauvoir-Geburtstag und diskutieren über Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Beauvoir und Bourdieu hinsichtlich der Frauenfrage; immerhin hatte Bourdieu das Buch über „Die männliche Herrschaft“ („La domination masculine“) veröffentlicht, das gerade unter französischen Feministinnen viel Kritik hervorrief. Dennoch sind, so kommen wir überein, die Ähnlichkeiten der Ansichten beider in verschiedenen Domänen nicht zu übersehen, gerade auch was das Problem der „freiwilligen Knechtschaft“ bzw. der „Komplizenschaft“ der Frauen anbelangt. Daran wollen wir weiter arbeiten.

Mittwoch, 9. Januar

Heute ist der Geburtstag von Simone de Beauvoir. Und heute beginnt auch das Internationale Kolloquium. Ich bin gespannt, auch auf das Publikum: Wie wird der Anteil von Männern und Frauen sein? Von Jungen und Alten? Von Franzosen und Ausländern?

Nach dem Frühstück gehe ich die Rue des Ecoles entlang, vorbei an einer Dependence des Harmattan-Verlags, am Collège de France, wo ich 1991 Bourdieus Vorlesungen zur „Frage des Staates“ (La question de l’État“) hörte, an der Sorbonne, wo Beauvoir studiert hatte – gegenüber sitzt Michel de Montaigne und schaut mir freundlich-ironisch zu – Richtung Rue de l’Ecole de Médicine Nr. 15. Dort soll das Kolloquium stattfinden, und zwar im Réfectoire des Cordeliers, einem ehemaligen Refektorium von Franziskanermönchen. Das ist nicht irgendwo: In diesem mittelalterlichen Gebäude tagte der Club des Cordeliers, La société des droits de l’homme et du citoyen, die in den 1790er Jahren die Erklärung über die Menschen- und Bürgerrechte ausarbeitete. Vor dem Eingang wartet schon eine Menschenmenge: Männer und Frauen, recht gemischt, wenngleich der Frauenanteil höher ist. Und es werden unterschiedliche Sprachen gesprochen: Französisch und Englisch dominieren, aber ich vermeine auch nördliche und asiatische Sprachen zu vernehmen, zuweilen, doch eher selten, meine eigene, also die deutsche.

Im Refektorium selbst ein beeindruckendes Bild: Der Saal ist groß, düster, die Wände und Decken von Scheinwerfern beleuchtet. Lange Stuhlreihen sind aufgebaut, die sich rasch füllen es ist von 400 angemeldeten Gästen die Rede). In einer Nische hinter dem Podium hängt ein Bild von Simone de Beauvoir: Gesammelt und aufmerksam scheint sie das Publikum zu betrachten.

Eröffnet wird das Kolloquium von Guy Cousineau, dem Präsidenten der Universität Paris 7 Denis Diderot, Julia Kristeva, der aus Bulgarien gebürtigen, jedoch seit langem in Paris lebenden Philosophin, Psychoanalytikerin und Schriftstellerin, die mit Arbeiten über berühmte Frauengestalten – u.a. Hannah Arendt – bekannt wurde, von Sylvie Le Bon de Beauvoir, der bereits erwähnten Adoptivtochter Beauvoirs, die aktiv die Herausgabe der Werke von Beauvoir betreibt (und als sie vor dem Photo von Beauvoir Platz nimmt, dieser in erstaunlicher Weise ähnlich sieht) , sowie von Yolanda Astarita Patterson, der Präsidentin der Internationalen Simone de Beauvoir Society, deren VertreterInnen hier so zahlreich versammelt sind. Alle vier betonen die Bedeutung von Beauvoir für die Entwicklung der geistigen und politischen Szenerie in Frankreich und der französischen, aber auch der internationalen – insbesondere amerikanischen – Frauenbewegung, wurde doch Beauvoir gerade auch in den USA besonders stark rezipiert, wenngleich sie, so Sylvie Le Bon de Beauvoir, nicht auf den Feminismus reduziert werden dürfe. Letztere unterstreicht die enge Beziehung zwischen dem Leben und dem Schreiben bei Beauvoir und die Eigenständigkeit derselben gegenüber ihrem Lebensgefährten Sartre. Julia Kristeva wiederum spricht von einer „anthropologischen Revolution“, die Beauvoir ausgelöst habe; mit ihrer Vorstellung von der „Transzendenz als Freiheit“ gebe Beauvoir zumindest die philosophischen Mittel in die Hand, sich von den Zwängen der Geburt frei und zum Autoren seines eigenen Lebens zu machen. Zudem weist sie auf verschiedene Spannungen bzw. Ambiguitäten bei Beauvoir hin: Die Spannung zwischen der Philosophin, der Soziologin, der Politologin sowie der Schriftstellerin Beauvoir; auf diejenige zwischen ihrem Universalismus einerseits, der aus der hegelianischen Tradition komme, und ihrer Darstellung des Singulären, des Einzelfalles, andererseits, angefangen bei sich selbst; auf die damit verbundene Spannung zwischen der politischen Philosophie der Freiheit auf der einen, und der Darstellung des, ja des Verhaftens im Intimen, andererseits; schließlich auf die Ambiguitäten, die Beauvoir nicht nur zwischen, sondern in den Geschlechtern selbst ausgemacht habe. Diese Ambiguitäten und Spannungen ausgehalten und durchlebt zu haben, so Kristeva, mache aber gerade das Vielseitige und Spannende, die Spannkraft von Leben und Werk Beauvoirs, aus. Sie bezeichnet Beauvoir als eine Frau, die durch enormen Aktivismus und Intensität von Lebensführung und -freude gekennzeichnet war.

Als „Highlight“ der Konferenz und Überraschung für alle TeilnehmerInnen kündigt sie die Installierung des Simone de Beauvoir-Preises für die Freiheit der Frauen (Prix Simone de Beauvoir pour la liberté des femmes) an, der aus Anlass des 100. Geburtstages Beauvoirs von CULTURESFRANCE und dem Verlagshaus Gallimard gestiftet und einmal jährlich vergeben werde, und zwar diesmal an Ayaan Hirsi Ali und Taslima Nasreen.
Dieser erste Tag des Kolloquiums steht unter dem Motto „Das Intime (be-)schreiben“ („Ecrire l’intime“). SpezialistInnen aus Frankreich, den USA und Dänemark – PhilosophInnen, BiographInnen, ÜbersetzerInnen, AutorInnen, Zeitzeugen, die Beauvoir persönlich kannten, wie Claude Lanzmann – behandeln aus ihrer jeweiligen Perspektive das schon von J. Kristeva angeschlagene Thema der engen Beziehung zwischen Leben und Werk, „vie et œuvre“ von Beauvoir. So ersteht Simone de Beauvoir im Laufe der Beiträge als eine Person, die in exemplarischer Weise den Versuch unternahm, Autorin nicht nur ihrer Werke, sondern ihres Lebens selbst zu werden und das von ihr konstruierte Leben in ihren Schriften zu rekonstruieren, seien dies ihre Briefe, ihre Tagebücher, ihre darauf basierenden Memoiren oder Romane. Philosophische Quintessenz dieser permanenten (Selbst-) Konstruktionen und Rekonstruktionen sei eben ihr Hauptwerk, „Das Andere Geschlecht“ („Le deuxième sexe“, 1949), in welchem sie, von der individuellen zur allgemeinen Ebene aufsteigend, die Frauen aufforderte, auf der Basis ökonomischer Unabhängigkeit zu selbstbewussten Gestalterinnen, Autorinnen ihres eigenen Lebens zu werden – also eine Subjekt- und keine Objektrolle einzunehmen.

Unmöglich, auf jeden der interessanten Beiträge einzugehen. Ich will hier nur Danièle Sallenave erwähnen, die sehr lebendig beschrieb, wie sie ihr Buch „Castor de Guerre“ über Beauvoir verfasste, sowie Sheila Malovany-Chevallier und Constance Borde, die an einer Neuübersetzung von „Le deuxième sexe“ ins Englische arbeiten und über ihre Prinzipien berichten, die sie dabei anwenden (so versuchen sie, so nahe wie möglich am Original zu bleiben, ja selbst die Interpunktion beizubehalten, was bei den vielen Doppelpunkten und Semikolons bei Beauvoir nicht so einfach ist). Und während die französische Spezialistin Catherine Viollet über die Korrespondenz von Beauvoir mit Violette Leduc referiert, trifft ein politischer Gast ein: die Ministerin für Wissenschaft und Forschung, Valérie Pécresse, die in ihrer kurzen Ansprache den Einfluss von Beauvoir auf das geistig-politische Leben Frankreichs betont, der bis dahin geführt habe, dass nunmehr, und zwar unter einem konservativen Präsidenten, die erste paritätisch besetzte Regierung entstanden sei, in der ebenso viele Männer wie Frauen Minister sind!

Die französische Historikerin Michelle Perrot, die eine der Nachmittagssessionen leitet, bezeichnet Simone de Beauvoir als eine „freie Frau, die es wagte, nein zu sagen, die anders lebte und liebte“. Und so spielen denn auch die erotischen Beziehungen der Beauvoir zu VertreterInnen beiderlei Geschlechts eine große Rolle, etwa bei Claude Lanzmann, selbst einer ihrer intimen Weggefährten, oder bei der Dänin Anastassia Arnold, die sich auf den Briefwechsel zwischen Beauvoir und dem Amerikaner Nelson Algren bezieht.

Der Abend klingt aus bei einem Empfang im Hôtel de Ville, dem Sitz des Bürgermeisters von Paris. Auf dem Weg dorthin zeigt mir meine Freundin Josiane noch das Wohnhaus von Sartre in der Rue Bonaparte 42, und wir spazieren die Rue Jacob entlang, in welcher sich der Cours Désirs befand, die erste Schule, die Simone mit fünfeinhalb Jahren besuchte. Während des Empfangs im Rathaus liest die Schauspielerin Marie-France Pisier aus dem Briefwechsel zwischen Beauvoir und Algren, und bei einem Glas Champagner bietet sich die Gelegenheit, mit den TeilnehmerInnen der Konferenz näher ins Gespräch zu kommen, so mit Yolanda Astarita Patterson, der Präsidentin der Internationalen Simone de Beauvoir Society, die sie selbst ins Leben gerufen hatte.
 
Donnerstag, 10. Januar

Der Donnerstagvormittag ist der Philosophin Beauvoir gewidmet. Den Auftakt macht Michel Kail mit einer Ausführung über den Einfluss Beauvoirs auf Sartre. Zumeist werde ja, so Kail, der Einfluss von Sartre auf Beauvoir untersucht und betont (gewissermaßen die männliche Herrschaft auf dem Gebiet des Geistigen); er nun wolle den aktiven Part akzentuieren, den Beauvoir auf das philosophische Schaffen ihres Lebensgefährten ausgeübt habe, und zwar insbesondere beim Übergang von „Das Sein und das Nichts“ („L’être et le néant“) zur „Kritik der dialektischen Vernunft“ („Critique de la raison dialectique“). Gerade auch im Ergebnis von Diskussionen mit Beauvoir, führt Kail aus, habe Sartre die Begriffe der Transzendenz und der Alterität („altérité“, im Sinne von Andersheit)  eingeführt und der Philosophie der Freiheit zuungunsten des Determinismus den Vorrang eingeräumt. In diesem Zusammenhang sei es auch zu einer Substantialisierung des Subjekts gekommen: Danach habe das Subjekt nicht die Freiheit, sondern es sei die Freiheit selbst. Für Beauvoir sei die einzige wirkliche Realität die Relation zwischen Subjekt und Welt, die selbiges immer wieder herstellt. Daraus resultiere allerdings die Frage danach, wer denn diese Relation beherrsche (im eigentlichen Sinne: wer denn hier das Subjekt ist).

Nancy Bauer macht auf das komplizierte Verhältnis von Gleichheit und Ungleichheit zwischen den Geschlechtern in „Das andere Geschlecht“ aufmerksam. Während es einerseits ein philosophisches Werk über die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen darstellt, klingt es im letzten Kapitel mit der Vision der Geschlechtergleichheit aus. Und wie stehen die unterschiedlichen Frauengenerationen zur Frage von Geschlechtergleichheit bzw. -ungleichheit, wie leben sie diese? Wollen, umgangssprachlich formuliert, die Frauen alles anders machen als die Männer, oder wollen sie letztlich nur das Gleiche tun können, wie sie dies bei jüngeren Frauen beobachtet? Die Referentin verweist hier auf generationelle Unterschiede beim Umgang mit der Frauenfrage in den USA. Und während Martine Reid über die zunächst sehr feindliche Aufnahme von „Das andere Geschlecht“ in Frankreich spricht, referiert Xian Miao über die unterschiedlichen Etappen der Rezeption dieses Werks in China. Christine Daigle arbeitet das besondere Gewicht des Begriffs der Ambiguität bei Beauvoir heraus. Diese lehne jede Konzeption der menschlichen Existenz als etwas Fixes, Fertiges zurück und fasse selbst den Körper nicht als etwas biologisch/natürlich Gegebenes, sondern als eine soziale und historische Konstruktion. Daigle verweist auf solche fundamentalen Ambiguitäten im Werk von Beauvoir wie diejenige zwischen dem Selbst und dem Anderen, zwischen Subjekt und Objekt sowie zwischen den Geschlechtern. Und jedes Geschlecht, so die Referentin, berge in sich selbst eine Ambiguität.

Das Mittagessen nehme ich mit einer äußerst freundlichen, aber ebenso pessimistischen Französin ein, die mir bereits in der Kaffeepause erklärt hatte, dass Schritt für Schritt sämtliches Französische verschwinde, ja der kulturelle Ausverkauf des Landes in vollem Gange sei. Nirgendwo mehr fänden sich typisch französische Speisen, außer auf sehr, sehr kleinen Inseln. Nun führt sie mich auf eine solche Insel; die allerdings den Namen Pâtissérie viennoise, also Wiener Feinbäckerei führt! Nichtsdestotrotz gibt es hier wahrlich schmackhaftes Essen und leckeren Kuchen.
Am Nachmittag zeigt das Centre audivisuel Simone de Beauvoir Filme über Beauvoir – eine willkommene Abwechslung zu dem dichten Vortragsprogramm. Zunächst präsentiert Alice Schwarzer den Film, den sie 1973 für das Deutsche Fernsehen gedreht hatte: Besonders im ersten Teil sind schöne, ruhige Aufnahmen von einer nun schon betagten Beauvoir zu sehen, die aber nichts von ihrer außergewöhnlichen intellektuellen Intensität und der Präzision ihrer Meinungsäußerungen eingebüßt hatte. Alice Schwarzers Fragen beantwortet Beauvoir gesammelt, jedoch in schnellem, ja hastig wirkendem Redetempo und mit rauer Stimme. Nein, antwortet sie auf eine entsprechende Frage, seit Publikation von „Das andere Geschlecht“ (diese liegt nunmehr fast 25 Jahre zurück) habe sich die Situation der Frauen in Frankreich nicht verbessert. Auch hinsichtlich ihrer verhältnismäßig optimistischen Äußerungen, die sie im selben Buch über die Lösung der Frauenfrage in den sozialistischen Ländern, speziell in der Sowjetunion gemacht hatte, zeigt sie sich ernüchtert. Der Sozialismus bringe nicht (unbedingt) die Befreiung der Frauen mit sich. Notwendig sei eine Revolution, die die Situation der Menschen ändert und nicht bloß die Eigentumsverhältnisse, heißt es im Film. In jedem Falle jedoch, und da bleibt sie ihren früheren Äußerungen treu, beginne die Emanzipation der Frau mit der ökonomischen Unabhängigkeit. Die Arbeit spielt in diesem Kontext also eine entscheidende Rolle. Ansonsten kommt es zu bzw. bleibt es bei der totalen Abhängigkeit von einem anderen Sein (zumeist des Mannes als des „großen Ernährers“). Sartre wiederum ist zum Zeitpunkt der Filmaufnahmen schon deutlich durch seine Krankheit gezeichnet.

Anschließend wird ein schwedischer Film von 1974 gezeigt: „Promenade in das Land des Alters“ („Promenad i de gamlas land“ bzw. „Promenade au pays de la vieillesse“), an dessen Herstellung Beauvoir selbst beteiligt war. Immerhin hatte sie sich in den 60er Jahren intensiv mit dem Problem des Alterns beschäftigt und 1970 das Buch „Das Alter“ („La Vieillesse“) publiziert, in dem sie den unwürdigen Umgang der modernen Gesellschaften mit den alten Menschen anklagt und eine Integration derselben in die Gesellschaft fordert. Mit dem Film will sie ein Tabu brechen – nämlich das Verschweigen des Siechtums der Alten und Kranken in den französischen Altersheimen. Am selben Abend stellt die Kanadierin Madeleine Gobeil, die lange Jahre als Directeur des Arts in der UNESCO tätig war, einen Film vor, den sie 1967 über Beauvoir und Sartre gedreht hatte und der aus verschiedenen Gründen erst seit drei Jahren überhaupt gezeigt wird. Der Film mit beeindruckenden Aufnahmen des berühmten Paares und des Paris der Zeit spielt während des Vietnam-Krieges; in ihm sind überraschend aktuell wirkende Äußerungen von Sartres gegen den US-Imperialismus enthalten. Und während Beauvoir über die Arbeit an ihren Memoiren berichtet, in denen sie in Proustscher Manier auf der Suche nach dem Mädchen ist, das sie einst war, spricht Sartre von seinem Buch über Flaubert, das er gerade verfasst.

Der Freitagvormittag ist der „Sache der Frauen“ („La Cause des Femmes“) gewidmet. In z. T. bewegender Weise sprechen Zeitzeuginnen und Weggefährtinnen über gemeinsame Aktionen mit Beauvoir etwa im Rahmen der Bewegung für die Befreiung der Frauen (Mouvement de libération des femmes, MLF) oder der durch Sartre gegründeten Zeitschrift Les Temps Modernes. Mit ihren Schriften – insbesondere „Das andere Geschlecht“, aber auch den „Erinnerungen einer Tochter aus gutem Hause“ – habe Beauvoir der französischen Frauenbewegung einen philosophischen Apparat in die Hand gegeben, und zwar Jahre vor deren Entstehen, wird immer wieder betont. In den 70er Jahren habe Beauvoir dann beobachten können, was aus ihren Ideen geworden war, wobei sie selbst wiederum durch das Engagement in der Frauenbewegung bereichert worden sei. Sie wollte, so etwa Annie Sugier, Präsidentin der Internationalen Liga für die Rechte der Frauen, die Frauen aus dem Schatten herausholen und kämpfte für die „Entkolonialisierung der Frauen“. In diesem Sinne bezeichnet Annie Zelensky Beauvoir als „engagierte Schriftstellerin“ („écrivaine engagée“), bei der eine starke Kohärenz von philosophischen Ideen und praktischem Handeln zu beobachten sei. Und während Josyane Savigneau von der Zeitung Le Monde von Beauvoir als der „Mutter von allen“ („la mère de toutes“) spricht und Alice Schwarzer von den „Töchtern von Beauvoir“ („les filles de Beauvoir“), bezeichnet die ehemalige Ministerin Huguette Bouchardeau Simone de Beauvoir als „femme monument“: Durch ihre Werke wie ihre Lebensweise habe sie die französischen Frauen sehr stark geprägt (das wurde mir in den Pausen immer wieder bestätigt). Die Soziologin Liliane Kandel hingegen plädiert für die Opportunität sehr unterschiedlicher Rezeptionsweisen der Ideen von Beauvoir: „Es gibt kein Monopol auf das Erbe Beauvoirs.“ Ja, selbst den Begriff des Feminismus pluralisiert sie und spricht von „den Feminismen“ („les féminismes“). „Ich bin nicht in der Lage zu sagen, was der heutige Feminismus ist.“

Auf dem Nachmittagsprogramm steht die Beauvoir als Romanautorin („Beauvoir romancière“). Literaturwissenschaftler analysieren insbesondere „Das Blut der Anderen“ („Le sang des autres“) und „Die Mandarins von Paris“ („Les Mandarins“) hinsichtlich ihrer moralisch-politischen Gehalte und Konflikte (zwischen Zielen und Mitteln des Handelns, der Notwendigkeit von Entscheidungen, der Verantwortung für Andere). Danièle Fleury spricht über die kritische, ja feindliche Aufnahme früher Texte von Beauvoir („L’Invitée“ und „Les bouches inutiles“) in Frankreich, die schon die ablehnende Haltung gegenüber dem 1949 erscheinenden Buch „Das andere Geschlecht“ vorweggenommen hätte.

Kurz vor Ende des in seiner Vielfalt an Ansätzen und Anregungen beeindruckenden Symposiums erscheint noch eine Ministerin: die Ministerin für Kultur, Christine Albanel. Auch sie erzählt, wie sie in ihrem Leben durch die Lektüre der Schriften von Beauvoir beeinflusst worden war.

Abschließend spricht Julia Kristeva über ihre Haltung zu Beauvoir in der Spannung von Distanz und Nähe: Was sie von Beauvoir (unter-) scheide, das sei deren ablehnendes Verhältnis zur Mutterschaft. Ihr (also Kristeva) selbst fehle unter den Feministinnen ein moderner Umgang damit! Schließlich stellt sie den Bezug zwischen Simone de Beauvoir und Hannah Arendt her: Beide, so Kristeva, hätten, wenngleich auf unterschiedlichen philosophischen Grundlagen, jegliche Form des Totalitarismus abgelehnt. Hier gebe es durchaus Ansatzpunkte für einen Vergleich beider Philosophinnen.

Krönung des Tages und der Tagung überhaupt ist ein Diner in La Coupole, wo Beauvoir und Sartre häufig verkehrten. Unter dem aggressiv anmutenden Sprechgesang von Michelle Brûlé versuchen die TeilnehmerInnen der Konferenz, sich über die Ergebnisse der vergangenen drei Tage sowie über künftige Projekte auszutauschen.
 Sonnabend, 12. Januar

Mein Flugzeug geht erst am späteren Nachmittag. Ich habe also noch Zeit für eine Abschiedspromenade. Von den Arènes de Lutèce laufe ich Richtung Jardin des Plantes, dem Botanischen Garten von Paris. Ich durchquere ihn und komme am Seine-Ufer heraus. Dann nehme ich aber doch den Bus Nr. 89 – mein Ziel liegt relativ weit außerhalb. Am Fluss entlang fahre ich zur 1996 eingeweihten Bibliothèque nationale de France François Mitterand. Ich steige die dunklen Treppen hinauf und sehe mir den monumentalen Bau mit seinen vier hohen Türmen an. Während sich mein Blick wieder der Seine zuwendet, entdecke ich mein „eigentliches“ Ziel: die vom Architekten Dietmar Feichtinger entworfene Passerelle Simone de Beauvoir, eine schöne Fußgängerbrücke, die sich wellenförmig über den Fluss spannt. Durch eine raffinierte Kombination von Bogen- und Hängebrücke, die sich an zwei Stellen schneiden, ist der Zugang von verschiedenen Niveaus aus möglich. Den Namen erhielt sie bei ihrer Einweihung am 13. Juli 2006, also 20 Jahre nach dem Tode von Beauvoir. Bei der Brücke handelt es sich um die 37 Pariser Seine-Brücke, die fünfte Fußgängerbrücke und die erste, die einen weiblichen Namen trägt! Ich spaziere auf ihr zur anderen Flussseite hinüber. An der Uferpromenade stehen drollige Gestalten: Bronzefiguren von Rachid Kimoune: „Die Kinder der Welt“ („Les Enfants du Monde“) von 2001. Darunter ist auch eine „Deutsche Eva“ („Ève allemande“). Erkenne ich mich darin wieder?

Mein Pariser Aufenthalt geht langsam zu Ende. Ich bin (über-) erfüllt von den Impressionen, den An- und Aufregungen der letzten Tage. Ich ärgere mich nur über eins: dass ich keinen Photoapparat mitgenommen hatte. Und so bleibt mir nur, die vielen Bilder im Gedächtnis zu bewahren.
Abends auf dem Flugplatz Roissy-Charles de Gaulle treffe ich einen französischen Soziologen, der sich mit Fragen der Evaluation befasst. Ich erzähle ihm von meinen Eindrücken von dem Beauvoir-Symposium, unter anderem auch von der Präsenz zweier Ministerinnen und einer Staatssekretärin. Er wiederum erzählt mir, dass demnächst die französischen Minister evaluiert würden. Ist die Anwesenheit politischer Prominenz auf der Tagung zu der wohl berühmtesten Französin des 20. Jahrhunderts auch aus einem solchen Faktum zu erklären?

Wieder in Berlin, fahre ich mit der S-Bahn zurück nach Zeuthen. Es ist bereits nach 22 Uhr – Partyzeit. In meinem Abteil sitzen vier lautstarke Mädchen von maximal 14 Jahren. Sie leeren eine Flasche nach der anderen – Bier, Sekt, Schnaps – und überreichen die geleerten Hüllen stolz zwei älteren Herren, die diese in einen blauen Müllsack einsammeln. Ist das nun, so frage ich mich, die negative Seite der Emanzipation? Hatte die Amerikanerin Nancy Bauer doch recht, dass es jüngeren Frauen und Mädchen oftmals schlicht darum geht, dasselbe tun oder lassen zu dürfen wie ihre männlichen Altersgenossen?

Emanzipation hat, wie der Feminismus auch, viele Gesichter, sage ich mir, und der Weg zur Gleichberechtigung und Unabhängigkeit der Frauen ist kein gerader oder einlinearer – er ist verschlungen und verläuft ganz offensichtlich über Um- und Ab- und Irrwege!