Publikation International / Transnational - Geschichte - Europa Warschaus große Wunde

Vor 65 Jahren brach der verzweifelte Aufstand der Juden im Warschauer Ghetto aus. Holger Politt (RLS-Büro Warschau) über das Gedenken an dieses Ereignis.

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Autor

Holger Politt,

Erschienen

April 2008

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Dieser Tage begeht Warschau den 65. Jahrestag des Aufstands im Ghetto, des Schlussakkords in einer Tragödie, mit der die polnische Hauptstadt den größten Blutzoll ihrer Geschichte bezahlte. Etwa 450.000 Menschen verloren zwischen 1940 und 1943 in dem von den Okkupanten amtlich so bezeichneten „Seuchensperrbezirk“ ihr Leben - durch Krankheit, durch Hunger, im bewaffneten Kampf –, oder wurden in die Vernichtungslager verbracht. Aus Treblinka, wohin annähernd 300.000 Menschen transportiert wurden, gab es keine Rückkehr. Die Stadt Warschau ehrte das Andenken an die Menschen des Ghettos nach dem Krieg mit dem „Denkmal für die Helden des Warschauer Ghettos“, welches 1948 eingeweiht wurde und allen Bewohnern des Ghettos gewidmet ist.

Der Aufstand brach am 19. April 1943 aus, als die Nazis das Ghetto vollständig liquidieren wollten. Knapp tausend Kämpfer, an Bewaffnung ihren Peinigern hoffnungslos unterlegen, schlugen in den Häuserschluchten des Ghettos eine Schlacht, die Zeugnis für den Lebenswillen der zur  Endlösung bestimmten Menschen überhaupt wurde. Die Aufständischen hielten sich bis Mitte Mai, dann wurde als Zeichen des Sieges über die Aufständischen Warschaus Große Synagoge gesprengt. Das Ghetto wurde anschließend dem Erdboden gleichgemacht, so wie 17 Monate später die Warschauer Innenstadt auch. Annähernd 20.000 Menschen entkamen dem brennenden Inferno, fanden Unterschlupf außerhalb der Ghettomauern. Viele von ihnen beteiligten sich im Sommer 1944 am Warschauer Aufstand.

Das wichtigste Zeugnis über das Alltagsleben im Ghetto wurde in einem Archiv angelegt, welches heute nach seinem Leiter Emanuel Ringelblum benannt ist. Das einzigartige Dokument von Menschlichkeit und Barbarei wurde vergraben, als die täglichen Transporte nach Treblinka 1942 auf Hochtouren liefen. Die Wiederentdeckung der unschätzbaren Materialien nach dem Kriege ist einem Überlebenden der Archivgruppe zu verdanken. Die Veröffentlichung des Ringelblum-Archivs durch das staatliche Jüdische Historische Institut in Warschau dürfte zu den wertvollsten Drucklegungen überhaupt zählen.

Das Schicksal der Warschauer Juden ist in besonderer Weise mit dem Ort Treblinka verbunden, der in östliche Richtung zwei Eisenbahnstunden von der polnischen Hauptstadt entfernt liegt. In der Nähe des kleinen Orts wurden in der kurzen Zeit vom Sommer 1942 bis Herbst 1943 über 800.000 Menschen umgebracht. Anders als in Auschwitz-Birkenau gab es hier keine Krematorien – die menschlichen Überreste wurden auf Scheiterhaufen verbrannt. Die Gedenkstätte wird durch 17.000 namenlose Steinsäulen geprägt, mit denen die konzipierte Obergrenze der tagtäglichen Vernichtungsleistung symbolisiert wird. Als die Gaskammern auf Hochtouren liefen, kamen jeden Tag zwischen 2.000 und 13.000 Menschen aus Warschau. Sie sahen an der Todesrampe einen Bahnhof mit Fahrkartenverkauf und nach Klassen unterteilten Warteräumen. Den kleinen Tierpark, der für die Freizeitgestaltung der Wachmannschaft gedacht war, sahen sie nicht. Ein einziger Stein trägt einen Namen, den von Janusz Korczak, der mit den Kindern seines Weisenheims zusammen in den Tod ging.

Fast alle nach Treblinka geschickten Menschen starben noch am selben Tag. Aus den Transporten wurden lediglich wenige Menschen ausgesondert, die in die Hölle kamen. Sie mussten die Vernichtungsarbeit verrichten. Im August 1943 kam es zu einem bewaffneten Aufstand, der einigen Hundert Menschen die Freiheit brachte. Unter ihnen Samuel Willenberg, einer der ganz wenigen Treblinka-Überlebenden. Seine Erinnerungen unter dem Titel „Aufstand in Treblinka“ erschien 1986 auf Hebräisch, anschließend auf Polnisch, Englisch, Spanisch und Französisch. In diesem Frühjahr erscheint die deutsche Übersetzung.
Im Beisein der Staatspräsidenten Israels und Polens fand dieser Tage die Grundsteinlegung für das Museum der Geschichte der polnischen Juden statt, welches 2010 fertig gestellt sein wird. Feliks Tych, langjähriger Direktor des Jüdischen Historischen Instituts, betont, dass dieses Museum vor allem Zeugnis geben wird für die jahrhundertelange Geschichte der Juden in Polen, die immer ein wichtiger Teil der polnischen Gesellschaft waren und ohne die Polens Gegenwart überhaupt nicht zu denken wäre.