Publikation International / Transnational - Asien Olympia und wie weiter?

China hat gezeigt, dass es ein internationales Großereignis erfolgreich ausrichten kann und gleichzeitig seinen Anspruch verdeutlicht, als globale Macht akzeptiert zu werden. Doch viele der inneren Probleme sind ungelöst und dürften sich zuspitzen. Von Lutz Pohle.

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August 2008

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Die Olympischen Spiele in Beijing sind vorbei. China hat gezeigt, dass es ein solches internationales Großereignis erfolgreich ausrichten kann. Das Land hat damit auch deutlich gemacht, dass es in Zukunft als globale Macht akzeptiert werden und die internationalen Regeln mit bestimmen will. Doch viele der inneren Probleme Chinas sind ungelöst und dürften sich eher noch zuspitzen. Ein Bericht von Lutz Pohle aus dem Beijinger Büro der RLS, dass derzeit aufgebaut wird.

Für China und die internationale Sportwelt waren die XXIX. Olympischen Spiele in Beijing ein Erfolg. Auch wenn der Mainstream der westlichen Medien konsequent versucht, das klein zu reden und mit penetranter Wiederholung die Schattenseiten und Probleme hervorgehoben hat, wird nach diesen 16 Tagen in Beijing jeder unvoreingenommene Beobachter bestätigen, dass in Beijing alles vorhanden war, was eine großartige Veranstaltung ausmacht. Die Wettkämpfe waren hervorragend vorbereitet, die Wettkampfstätten modern und bestens präpariert, Unterkünfte, Essen und Infrastruktur – ich habe niemanden getroffen, der nicht voll des Lobes war. Es gab packende Wettkämpfe, überragende Leistungen und Rekorde, umjubelte Sieger und enttäuschte Verlierer. Die Teilnehmer und die Besucher haben eine florierende Metropole erlebt, die in den letzten Jahren zu einer modernen Weltstadt umgebaut worden ist und die trotzdem ihre historischen Wurzeln nicht leugnet. Unter den unzähligen neuen Häusern, Strassen und Brücken, den neuen Hotels und Shopping Malls, den riesigen Neubaugebieten und Villensiedlungen symbolisieren drei Bauwerke das neue Beijing: Das „Vogelnest“ genannte neue Nationalstadion, das durch die Spiele zum Symbol der star-architektonischen Meisterleistungen der chinesischen Hauptstadt geworden ist; das auch „Vogelei“ genannte neue Nationaltheater am Tiananmen-Platz oder das als „Vogelstelzen“ beschriebene neue Gebäude des zentralen chinesischen Fernsehens CCTV. Dazu gehört auch das neue, wunderschöne Abfertigungsgebäude, das nicht nur durch seine großartige Formen- und Farbensprache glänzt, sondern mit dem der Beijinger Flughafen mit einem Schlag in die Liga der größten Airports der Welt katapultiert wird. Drei neue U-Bahnlinien und ein Airport-Express wurden gebaut, die die schon großzügig erweiterten, dennoch chronisch überlasteten und verstopften Strassen der Stadt entlasten sollen. Weitere Linien sind im Bau oder in der Planung.

Wichtiger noch als die perfekte „Hardware“ waren die überwältigende Gastfreundschaft, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der chinesischen Gastgeber. Die rund 1,7 Million jungen Menschen, die aus einer noch weit größeren Zahl von Bewerbern als Freiwillige und Helfer für die Spiele ausgewählt worden sind, boten an jeder Ecke der Stadt Hilfe an. Jeder Beijinger bis hin zum brummigsten Taxifahrer hatte zwei Wochen lang Sonntagslaune und verzichtete auf das Drängeln und Schubsen, das wir oft als so störend empfinden, was aber meist nur bleibt, um sich in der mitunter qualvollen Enge unter 1,3 Milliarden Menschen durchzusetzen oder wenigsten Gehör zu verschaffen. Die Zahl derer, die Englisch verstehen, ist gewaltig angestiegen, und auch die Kampagne, schlechtes oder falsches Englisch von den Hinweisschildern und Beschriftungstafeln in der Stadt zu tilgen, zeigt Erfolge. Die Beijinger haben auch (fast) ohne Murren ihr Auto an geraden bzw. ungeraden Tagen entsprechend der letzten Zahl auf ihrem Nummernschild stehen gelassen und die speziell eingerichteten „Olympiaspuren“ auf den Hauptstrassen der Stadt für die Teilnehmer frei gehalten. Manche haben dadurch sogar erkannt, dass der Verzicht auf das eigene Auto auch bedeuten kann, dass man am Ende schneller ans Ziel kommt. Das macht Hoffnung, dass nach der Aufhebung der Verkehrsbeschränkungen nach den Paralympics Ende September vielleicht doch etwas von den „grünen“ Spielen weiter wirkt. Und das angesichts der Tatsache, dass vor 7 Jahren bei der Vergabe an Beijing „grünes“ Gedankengut in China noch fast völlig unbekannt war. Sogar das Wetter spielte mit und die berühmt-berüchtigte Smog- und Hitzeglocke, die sonst den Beijingern das Leben im Juli/August schwer macht, verzog sich zumindest teilweise für die Zeit der Spiele (wobei noch zu klären bleibt, wie viel dazu die amtlich bestellten „Wettermacher“ beigetragen haben und was passiert, wenn all die abgeschalteten Betriebe ihre Produktion wieder aufnehmen). Als Fazit bleibt: Je länger die Spiele andauerten, desto mehr wurde die Stadt von einer Festtags- und Feierstimmung erfasst. Das war durchaus nicht zu erwarten, denn die Proteste und Kontroversen in und um Tibet, der ewige Vorwurf von Menschenrechtsverletzungen und die massiv einseitige Medien-Kampagne gegen China im westlichen Ausland hatten die nervöse Unruhe im Vorfeld der Spiele stark vergrößert. Diese Ereignisse lieferten dann den Hardlinern der Führung den Vorwand für das drastisch verschärfte Sicherheitskonzept seit Mitte März, was den Spaß an den Spielen fast erstickt hätte. Aber selbst die allgegenwärtigen Sicherheitsmaßnahmen wurden mit einer bisher ungekannten Professionalität und Freundlichkeit realisiert, die die unbequemen Prozeduren zumindest erträglich machten. Das alles könnte man zusammen fassen mit dem Verweis auf den Grundsatz „Gästen zeigt man sich von seiner besten Seite“, der in China ehernes Gesetz ist und das bereits seit Konfuzius. Aber letztlich dürfte es wohl diese chinesische Haltung gewesen sein, die bei aller technischen Perfektion die Spiele zu einem unvergesslichen Erlebnis gemacht hat.

„One World – One Dream“ war das Motto der Spiele der XXIX. Olympiade im August 2008. Für China ist dieser Traum zweifellos in Erfüllung gegangen. Das weltgrößte Sportereignis erfolgreich und ohne Zwischenfälle ausgerichtet zu haben, ist nicht genug zu würdigen und Grund für die Chinesen, sehr stolz zu sein. Eine Veranstaltung dieser Größenordnung hat aber immer auch eine politische Dimension. Das ist allein schon aus die Anzahl der Politiker abzulesen, die sich trotz Boykottforderungen und Negativschlagzeilen nach Beijing auf den Weg gemacht haben. Dass die deutsche Bundeskanzlerin nicht dabei war, die den Dalai-Lama im Bundeskanzleramt empfangen hat und auch sonst gern manches Vorrundenspiel von der Tribüne aus verfolgt, ist als politisches Zeichen falsch. Es ist auch noch nicht ganz absehbar, welche Langzeitfolgen das für das deutsch-chinesische Verhältnis haben wird. Der chinesischen Führung allerdings vorzuwerfen, die Spiele als Propagandashow und zur Legitimierung ihrer Herrschaft zu nutzen, ist nicht nur falsch, sondern heuchlerisch und es verkennt die realen Verhältnisse in China. Zunächst einmal ist es auch westlichen Politikern nicht unangenehm, ihre Popularität im Glanz großartiger Leistungen der Sportler ihres Landes zu erhöhen. Zum anderen ignoriert der Vorwurf aber die Tatsache, dass die Führung Chinas sich mit der übergroßen Mehrheit ihrer Landsleute einig weiß, dass diese Spiele symbolisch für die Rückkehr Chinas als gleichberechtigter Partner auf die internationale Bühne stehen. Das ist ein Ziel, was die Chinesen eint, die die vergangenen 150 Jahre als Zeit ausländischer Unterdrückung und Ungleichbehandlung empfinden. Seitdem vor dreißig Jahren die damalige Führung des Landes unter Patriarch Deng Xiaoping die Politik der Reform und Öffnung beschlossen hat, hat das Land gewaltige Veränderungen erfahren – vor allem auf wirtschaftlichem, aber unbestritten auch auf politischem Gebiet. Daher waren schon die Jubelfeiern bei der Vergabe der Spiele an Beijing im Jahre 2001 genauso spontan wie der Autokorso auf dem Kurfürstendamm nach einem gewonnenen Fußball-Länderspiel und noch viel weniger musste die Begeisterung für die Siege der chinesischen Sportler im Jahr 2008 organisiert oder bestellt werden – sie entspricht schlicht und einfach der Haltung der großen Mehrzahl der Chinesen, die stolz auf ihr Land und auf das sind, was sich dort in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Die Medaillenflut für die Gastgeber und am Ende Platz 1 in der Medaillenwertung  – das wurde schließlich von den Chinesen ebenso  gefeiert, wie es wohl überall auf der Welt geschehen wäre.

Dennoch, es bleibt ein Widerspruch zwischen der Faszination des Ereignisses und der Abneigung gegen die Auswüchse von Propaganda und Kommerz, die dieses Ereignis auch mit sich gebracht hat. Es soll an dieser Stelle nicht über die Politik des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) geurteilt werden, das die Spiele verantwortet und über die Vorgaben für den Veranstalter entscheidet. Leider wird viel zu wenig darüber diskutiert, welche Rolle Firmen und Sponsoren, Fernsehanstalten und Medien inzwischen im Hochleistungssport spielen und wie sich das ausgewirkt hat. Allerdings allein China und seiner Führung die Verantwortung für kritikwürdige Zustände zuzuschieben, geht am Kern der Sache vorbei. Wenn man berechtigterweise kritisiert, dass China das Internet zensiert, so muss auch die Frage erlaubt sein, warum amerikanische Fernsehanstalten im Bunde mit dem IOC aus rein kommerziellen Interessen die Verbreitung von Bildmaterial über Olympia vor allem (aber nicht nur) im Internet massiv einschränken dürfen. Da wird, wie in so vielen Fällen, mit zweierlei Maß gemessen und versucht, eigene Interessen zu kaschieren.

So schwankte die Stimmung während der letzten Monate immer zwischen Hochachtung und Sorge: Hochachtung und Bewunderung vor den Leistungen und auch Opfern, die erbracht worden sind, um den Erfolg dieser Spiele zu ermöglichen. Die Sorge äußert sich in der Frage, wohin das Streben nach den perfekten Spielen führt und wie es denn danach in China weitergehen wird. Es ist ja fast schon vergessen, dass vor nicht einmal drei Monaten das schwerste Erdbeben des Jahrhunderts und eines der schlimmsten der Geschichte überhaupt den Südwesten Chinas heimgesucht hat. Über 80000 Menschen sind am 12. Mai innerhalb weniger Sekunden gestorben, die Zerstörungen und Verluste sind kaum in Geld zu beziffern. Die internationale Sportkarawane wird weiter ziehen, der Wiederaufbau in Sichuan wird noch Monate, wenn nicht Jahre dauern. Es darf bei aller Würdigung der gelungenen Spiele auch nicht vergessen werden, dass in China immer noch viele Millionen Menschen in absoluter Armut leben (was bedeutet, dass sie mit weniger als 300 US$ im Jahr auskommen müssen), dass sich die Einkommensschere zwischen arm und reich und zwischen den Landesteilen in China dramatisch vergrößert hat. Im Norden und Westen des Landes herrscht akuter Wassermangel, zwei Drittel aller Flüsse und Seen des Landes gelten als sehr stark verschmutzt und der Großteil der Städte mit der stärksten Luftverschmutzung in der Welt liegt in China. Es sollte auch nicht vergessen werden, dass über 55 nationale Minderheiten mit fast 100 Millionen Menschen in China leben. Tibet ist nur einer der Konfliktfelder, für das dauerhafte Lösungen gefunden werden müssen. Die politische Kampagne im Vorfeld, die radikalen Aktionen der ausländischen Tibetaktivisten vor und während der Spiele haben mit der realen Situation in Tibet wenig oder gar nichts zu tun und sie haben dem berechtigten Anliegen der Tibeter für mehr Autonomie und Teilhabe am wirtschaftlichen und politischen Reformprozess eher geschadet.

Die großartigen Olympischen Spiele sollten auch nicht darüber hinweg täuschen, dass China am Ende des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts eine kritische Phase seiner Entwicklung erreicht hat. Die Zeit des ununterbrochenen wirtschaftlichen Wachstums mit zweistelligen Raten geht zu Ende. Eine Inflationsrate von offiziell eingestandenen 7 bis 8 Prozent (in Bereichen wie bei Lebensmitteln und Gütern des täglichen Bedarfes bereits im zweistelligen Bereich) ist nur ein Zeichen für eine mögliche wirtschaftliche Krise. Ein anderes ist die weltweite Verknappung der Rohstoffe, die zum einen vom ständig gestiegenen chinesischen Bedarf angeheizt wurde und wird, zum anderen aber China als „Spätstarter“ auf den internationalen Märkten und wirtschaftlichen Newcomer besonders hart trifft. Mit den Spielen hat China gezeigt, dass es zum Global Player aufgestiegen ist, und das nicht nur im Sport. Das erhöht gleichzeitig die Anfälligkeit des Landes für die Schwankungen und den Druck, den die internationalen Märkte, besonders die Finanzmärkte und Spekulanten, auf das Land ausüben.

Dabei fällt China schon allein wegen seiner Größe und Einwohnerzahl objektiv eine wichtige Rolle in der Welt zu. Jeder fünfte Mensch dieser Welt wird von Beijing aus regiert, viele Provinzen Chinas sind größer als die meisten europäischen Staaten und ein Provinz-Gouverneur in China muss die Interessen von mehr Einwohnern berücksichtigen als die meisten europäischen Staatschefs - wer da meint, aus seiner Erfahrung heraus den Chinesen Ratschläge oder gar Belehrungen geben zu können, und seien sie noch so gut gemeint, sollte es sich besser zweimal überlegen. Frieden und Stabilität, Entwicklung und Zusammenarbeit, Konfliktprävention und Krisenbewältigung sind ohne China nicht mehr möglich. Wirtschaftliche Entwicklung, Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit werden weltweit von der Politik Chinas beeinflusst. Und ohne oder gar gegen die Volksrepublik ist die Umweltzerstörung nicht zu stoppen und wirksamer Klimaschutz unmöglich.

In diesem Kontext sind in der Politik und Berichterstattung gleichberechtigter Umgang und kreative Ideen gefragt, nicht das so in Mode gekommene „China-Bashing“, das Draufschlagen auf alles, was uns an China nicht gefällt oder was wir nicht kennen. China steht nicht nur an der Spitze der Medaillenwertung der XXIX. Olympischen Spiele in Beijing. Die Spiele haben gezeigt, dass China ein, wenn nicht das internationales Großereignis an sich perfekt organisieren und durchführen kann. Was aber auch heißt, dass China (wieder) in der Weltspitze angekommen ist, in der Weltliga des Sports und der großen Politik, aber auch in der des Kommerzes. Beijing 2008 hat deutlich gemacht, dass China nach den Regeln der globalisierten (Wirtschafts-) Welt spielen kann, aber auch, dass es sich diese Regeln nicht aufzwingen lässt, sondern erwartet, dass wir uns mit seinen, teilweise anderen Regeln auseinandersetzen müssen. Beispielhaft dafür stehen die Eröffnungs- und Abschlussfeier der Spiele: Sie waren grandios und beeindruckend, nicht nur wegen des Feuerwerkes. Wer plumpe Propaganda im Sinne maoistischer Jubelfeiern erwartet hatte, wurde enttäuscht. Die Botschaft war ebenso simpel wie nachhaltig: In Beijing hat ein großes Fest für und mit der Welt statt gefunden. Wir Chinesen richten es aus für die Welt und wir sind gute Gastgeber. Wir haben unsere eigene Geschichte, die unsere Werte und Vorstellungen prägt. Unsere Bevölkerung stellt ein Fünftel der Menschheit. Wir können nicht nur die perfekt die Trommel schlagen und grandioses Feuerwerk zünden, wir haben auch das Papier, den Buchdruck und manches andere erfunden, wir können uns mit Kong-Fu verteidigen und wir fliegen in den Weltraum. Wir haben unsere eigene Musik, aber wir sind auch offen für den Rhythmus der Welt. Wer wusste vor den Spielen in Europa schon, dass der einstige chinesische Starturner Li Ning, der das olympische Feuer entzündet hat, inzwischen eine erfolgreiche chinesische Sportartikelfirma führt. Diese Firma ist dabei in die Liga der Großen um Nike und Adidas aufzusteigen. Als Li Ning mit dem olympischen Feuer in die Höhe gezogen und eine umjubelte Stadionrunde am Stadiondach zelebrierte, hatte das jene Symbolkraft, die die Chinesen so lieben: Konkurrent Adidas ist zwar der Hauptsponsor der Spiele, aber wir wollen auch nach oben. Wir wollen auf Augenhöhe mit der Welt sein. Glücklicherweise thronte über all der symbolträchtigen Show noch das chinesische Schriftzeichen „He“ – was soviel wie Harmonie und Frieden bedeutet.