Publikation Ungleichheit / Soziale Kämpfe - Globalisierung - Asien - Kapitalismusanalyse Abhängig vom »globalen Konsumenten«

Vorerst wird China nicht die USA als Wachstumsmotor ablösen. Finanz- und Konjunkturkrise sind auch dort angekommen. Von Mario Candeias

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Mario Candeias,

Erschienen

Oktober 2008

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Vorerst wird China nicht die USA als Wachstumsmotor ablösen. Finanz- und Konjunkturkrise sind auch dort angekommen.

Die Hoffnung auf eine Kompensation der Exporte in die USA und die Eurozone durch das Wachstum der Ausfuhren nach China haben sich zerschlagen. Zwar trifft zu, dass das starke deutsche Exportwachstum der letzten Jahre gerade auf die neuen wachstumsstarken Regionen zurückzuführen ist, insbesondere auf die Ausfuhren in die osteuropäischen EU-Staaten (13,9 Prozent) und nach Asien (11,2 Prozent). Doch die These von der Abkopplung der hiesigen Konjunktur von der Krise in den USA hat sich blamiert. Die Finanzkrise trifft nicht nur Europa mit voller Wucht. Nun wird auch in China eine Wirtschaftskrise denkbar: überhitztes Wachstum, Überakkumulation bei Produktionskapazitäten und Immobilien, Börsencrash und faule Kredite – daraus wird noch keine Rezession, aber eine deutliche Verlangsamung des Wachstum.

Der nachlassende Konsum in Europa und vor allem in den USA (letztere sind mit über 20% der größte Abnehmer chinesischer Exporte) lässt die Nachfrage nach billigen Massenprodukten zurückgehen. Die beginnende globale Rezession senkt die Nachfrage nach Rohstoffen (Kupfer, Aluminium), die Preise fallen, die Produktion sinkt bereits (FTD 16.10.08). Zudem drängen in den Bereichen Textil und Elektronik bereits billigere Anbieter wie Vietnam oder Kambodscha auf den Markt. Denn in China sind Lohnstückkosten in den letzten Jahren rasant angestiegen. Insbesondere Rohstoffe, Energie und Transportkosten sowie Kosten für Investitionsgüter verteuern die Produktion. Doch auch der Durchschnittslohn stieg in den letzten sechs Jahren um fast 150 Prozent (von 10.900 Yuan in 2001 auf 24.900 Yuan in 2007; FAZ 29.06.08). Und trotz des Überangebots an Arbeitskräften insgesamt mangelt es bereits an einer Million billiger, aber qualifizierter und ›gefügiger‹ Arbeiter. Wer arm, aber jung und gut ausgebildet ist, meidet die Hyperausbeutung in den sweatshops und versucht sein Glück in anderen Regionen. Arbeitskräfte vom Land, sind wiederum nicht qualifiziert genug und es mangelt ihnen an der ›nötigen Disziplin‹.

Der Boom und steigende Löhne vor allem in den Küstenregionen beförderten die Entstehung urbaner Mittelschichten und entsprechenden Konsumweisen. Zugleich führt dies in allen Bereichen zu einer steigenden Inflation, bei Nahrungsmitteln wie bei Energie und Kraftstoffen, aber auch bei den für die Industrieproduktion wichtigen Rohstoffpreisen. Im Durchschnitt beträgt die Inflation neun Prozent (der höchste Stand seit 1996). Bei Lebensmitteln liegt sie bei 21 Prozent, Fleischprodukte verteuerten sich gar um 48 Prozent und werden für viele zum Luxus. Insbesondere in den südlichen Regionen wie Guangdong kommt es zu Engpässen bei der Versorgung, es bilden sich lange Schlangen vor Tankstellen und Reisdepots. Um die Versorgung zu gewährleisten greifen die Behörden vorübergehend zum Mittel der Rationierung und stellen die Preise für Grundnahrungsmittel unter staatliche Kontrolle. Um die Inflation zu bremsen wurde die Währung, der Yuan, stärker als bisher aufgewertet, was wiederum die Exporte verteuert.

Die Inflation bezieht sich allerdings nicht nur auf die benannten Bereiche: 150 Millionen Chinesen entdeckten in den letzten Jahren das Spiel an der Börse, den Traum von Reichtum ohne Arbeit, was zu einer regelrechten asset-price-inflation führte, zu einer Aktienblase. Doch wie bei jeder Blase verliert auch diese irgendwann an Luft – seit dem Hoch im Oktober 2007 verlor der Shanghai-Index über 60 Prozent. Vermögen (bzw. fiktives Kapital) von mehr als 2,5 Billionen Dollar wurde vernichtet, Millionen Menschen verloren ihre gesamten Ersparnisse. Die kleinen und großen Anleger machten die erste bittere Erfahrung mit einem Börsencrash.

Der chinesische Exporterfolg steht beispielhaft für die mit der Globalisierung verbundene ›Zeit-Raum-Kompression‹ (Harvey), die ›Vernichtung von Raum durch Zeit‹ (Marx) angesichts von Beschleunigung von Transport und Logistik auf Basis billiger fossiler Energien. Doch mit der Verteuerung des Ölpreises – zwischenzeitlich um das 12fache –  erodiert ein wesentlicher Konkurrenzvorteil. Zum ersten Mal überhaupt gibt es kein Wachstum mehr bei frachtintensiven Gütern, die aus China kommen: die Preise etwa für den Transport einer Tonne Eisenerz hat sich verdreifacht. Entsprechend gingen die Stahlexporte in die USA um 20 Prozent zurück – noch bevor die Finanzkrise auf die produzierende Industrie durchschlagen konnte. Auch bei billigen Massengütern schlagen steigende Transportkosten überproportional auf die Gesamtkosten. Inzwischen fallen die Ölpreise wieder, weil Spekulanten sich zurückziehen, die entsprechenden Summen zur Stützung der Verluste in Folge der Finanzkrise benötigt werden und die beginnende Rezession die Nachfrage drosselt. Doch der Oil-Peak in der Förderung ist bereits überschritten und trifft auf das Wachstum der neuen kapitalistischen Zentren, d.h. mittelfristig sind die Zeiten billigen Öls vorbei.

„Globalisierung ist nicht irreversibel“, folgert Jeff Rubin, Chefökonom der kanadischen Investmentbank CIBC (FAZ 29.06.08). Noch ist der Preisvorteil der chinesischen Produkte beträchtlich. Aber die strukturelle Verteuerung von Rohstoffen, Energie, Transportkosten, von Kosten für Investitionsgüter und Kapital (Zinsen) sowie Lohnstückkosten nagen am Erfolg. Finanzkrise und Rückgang der globalen Nachfrage, vor allem der US-Konsumenten, tut ihr Übriges: Der Außenhandelsüberschuss im ersten Halbjahr 2008 sank bereits auf 124 Mrd. Dollar und lag damit fast 10 Prozent unter dem Wert des entsprechenden Vorjahreszeitraum. Insbesondere gegenüber den USA verringerte sich der Überschuss, während er gegenüber der EU sogar noch um ein Viertel zulegen konnte (87 Mrd. Dollar). Die weltgrößte Bank, die Schweizer UBS, schätzt, dass China „an das Ende einer langen Periode hohen Wachstums“ angelangt sei (FR 16.08.08).

Nur für die Schaffung von Arbeitsplätzen für die Millionen von Menschen, die jedes Jahr zusätzlich auf den Arbeitsmarkt drängen, benötigt China ein Wirtschaftswachstum von mindestens acht Prozent. Bereits im ersten Halbjahr brach das Wachstum um drei auf zehn Prozent ein (drei Prozent sind mehr als der Unterschied zwischen Rezession und Boom in Deutschland). Befürchtet wird ein weiter Einbruch um mehr als zwei Prozent (FTD 16.10.08). Aber nur solange individueller Aufstieg, eine Verbesserung der Lage und schnelles Wachstum aufrechterhalten werden können, verfügt der Block an der Macht über ausreichend Legitimation, um die Mittelklassen zu binden und die »gefährlichen Klassen« zu kontrollieren. Um dies zu gewährleisten ist China angewiesen auf eine schnelle Erholung des vermeintlichen Konkurrenten und ›globalen Konsumenten‹ USA. Auch die hohen Exportüberschüsse Chinas werden ganz überwiegend von transnationalen Konzerne in den Exportenklaven erbracht (über 60%), insbesondere von US-Konzernen wie Wal-Mart, und ein großer Teil der Profite fließt wieder in die kapitalistischen Metropolen ab. Chinas „exportistisches Akkumulationsregime“ (Sum 1997, 174) ist damit noch abhängig vom ständig prekären Gleichgewicht von Kapitalzuflüssen aus den Zentren sowie von deren Marktkapazitäten zur Aufnahme der Exporte aus den Peripherien. Mittelklassenkonsumtion gewinnt zwar zunehmend an Bedeutung, bleibt jedoch prekär ohne die Exogenität der erweiterten Reproduktion durch intensive Akkumulation im Innern ausgleichen zu können.

Gelingt es, die Akkumulationsdynamik zur Stärkung der Binnenkräfte, zur Schaffung einer allgemein zugänglichen sozialen Infrastruktur umzulenken sowie die Entwicklung unabhängiger Institutionen zur Artikulation von Klassen- und Gruppeninteressen zuzulassen, könnte in China von einer post-neoliberalen Entwicklung und Wachstumskonstellation gesprochen werden, die tatsächlich einen Nachfragesog erzeugen könnte, der die Ungleichgewichte der globalen Ökonomie dämpfen könnte (auf Kosten sinkender chinesischer Exportüberschüsse). Doch die Hoffnung, China möge die USA als Wachstumsmotor ablösen, erweist sich vorerst als verfrüht. China wie der Rest der Welt bleiben fest mit dem Schicksal des ›globalen Konsumenten‹ verbunden und umgekehrt. Die neue Produktionsweise ist eben transnational verwoben, mehr als je zuvor.

Mario Candeias, 17.10.08