Publikation Bildungspolitik Warten auf Godot

Welche politische Bildung braucht eine neue Linke? Text der Woche 29/2007 von Dieter Schlönvoigt

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Reihe

Artikel

Autor

Dieter Schlönvoigt,

Erschienen

Juli 2007

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Bemerkungen zum Beitrag „Gegen das falsche Bewusstsein. Welche politische Bildung braucht eine neue Linke?“ Von Dr. Edelbert Richter, ND 5./6. Mai 2007[1]

Irgendwie erzeugt dieser Beitrag  in mir ein Bild, welches mich fatal an ein Stück des absurden Theaters erinnert, nämlich „Warten auf Godot“ von Samuel Beckett. Die Hauptfiguren des Stücks sind die beiden Landstreicher Estragon und Wladimir, die an einem Ort ihre Zeit damit verbringen, auf Godot zu warten, den sie nicht kennen, von dem sie nichts wissen, nicht einmal ob es ihn gibt. Godot selbst erscheint allerdings nie und das Warten auf ihn ist anscheinend vergeblich. Am Ende eines jeden Aktes erscheint ein Junge, der verkündet, dass sich die Ankunft von Godot weiter verspätet. Spätestens dann keimt in den beiden der Zweifel an ihrer Situation auf, der sich in diesem mehrfach im Stück wiederholenden Dialog ausdrückt, doch können sie ihr trotzdem nie entfliehen:

Estragon: Komm wir gehen!

Wladimir: Wir können nicht.

Estragon: Warum nicht?

Wladimir: Wir warten auf Godot.

Estragon: Ach ja.

Bis zum Ende des Stückes wird nicht klar, wer Godot eigentlich ist und warum die beiden auf ihn warten. Die Zeit vertreiben sich die beiden Protagonisten mit Belanglosigkeiten und dem Nachdenken über ihre Situation, ohne jemals eine Klärung zu erlangen.

Estragon: Wir finden doch immer was, um uns einzureden, dass wir existieren, nicht wahr Didi?

Wladimir: Ja ja. Wir sind  Zauberer.

In dem Stück, um das es sich im oben genannten Beitrag handelt, wartet der Autor auch, nämlich auf die Revolution, die jetzt einfach nicht kommen will. Und er ist ebenso unsicher, ob sich politisches Einmischen, Widerstand oder politisches Agieren angesichts der Offenheit der Geschichte tatsächlich lohnt. Diese Ungewissheit drückt sich bei ihm sprachlich in der wiederholten Benutzung des Konjunktivs aus: „…wie wenig die Linke wahrscheinlich verändern könntewenn sie mit an die Macht käme.“ Denn die Macht des Kapitals ist ungebrochen. Hier verweist der Autor nun auf einen seiner früheren Beiträge vor einem Jahr und betont: „Das war ernüchternd. Also ist es vielleicht besser, wenn die Linke noch ein bisschen in der Opposition bleibt“ – weiter dort auf den richtigen Moment wartet. „Zumal herrschende Politik beim Volk immer unglaubwürdiger wird und es unklug wäre, sich in diesen Strudel hineinziehen zu lassen.“ Den Vorwürfen des Zynismus, des Zuschauens und Abwartens, „bis der Tiefpunkt erreicht ist“, begegnet der Autor mit dem Argument: „Auch wenn oben alles wackelt, muss unten das Leben weiter gehen.“ Dafür sitzen die Linken schließlich in den Kommunalvertretungen und Landesparlamenten. Was für ein merkwürdiges Politik- und Gesellschaftsverständnis soll hier politischer Bildungspraxis für eine neue Linke unterlegt werden?

Die mögliche andere Welt „ist nicht mehr wirkliche Bewegung, die den bestehenden Zustand aufhebt, sondern zerfällt in die Idee einer künftigen Gesellschaft, die auf die gegenwärtige folgt und eine wirkliche Bewegung, die dazu bloßes Werkzeug ist“. (Castoriadis 1984, 113) Und  die Frage nach der Logik des Ganzen: „Wenn es eine objektive Entwicklung der Geschichte gibt, die vom menschlichen Willen unabhängig ist, welche Rolle spielt dann der Kampf?“ (John Holloway)

Alle gesellschaftlichen Phänomene existieren, weil sie Menschen machen. Auch der Kapitalismus. Die Linke ist genauso Teil des Problems und hat kein Recht, die Dinge aus einer Mondperspektive abwartend zu betrachten. Der Kampf als Kritik, diskursive Intervention, Widerstand, Rebellion kann nur als Prozess der Selbstemanzipation, die Veränderung der Welt als schöpferischer Akt der Öffnung von  Handlungsräumen und der Wiederaneignung der kollektiven Handlungsfähigkeit gedacht werden, eine andere Welt solidarisch mitgestalten zu können. Und das ist  nicht als Aufführung eines Theaterstücks zu verstehen, dessen Skript unter dem Titel „Machtergreifung“ längst in der Schublade der Geschichte fix und fertig vorliegt.

Entsprechend ist die Methode auch eine andere. Die traditionelle Rede eines weltlosen Wissenschaftsmenschen, der vor unseren Augen objektive Tatsachen analysiert, ist für diese Praxis eher ungeeignet. Jetzt geht es um die Fähigkeit der Akteure zur Reflexion der Bedingungen, Möglichkeiten und Ziele des eigenen Handelns, kurzum die Reflexion der rebellischen Subjektivität, eine Subjektivität, die nur wir selbst sein können. (John Holloway) Das wäre für mich der Ansatz politischer Bildung. Ein  Ansatz, der die Überzeugung nicht verloren hat – der Kapitalismus ist nicht das Ende der Geschichte und die Welt ist veränderbar, auch die kapitalistische. Jeder Widerstand, jede Kritik im Kapitalismus ist ein Angriff auf seine Dauerhaftigkeit.  Politische Bildung ist für mich eben auch Verhinderungsarbeit, die Preisgabe der Hoffnung auf Änderbarkeit der Umstände undenkbar zu machen. Und sie ist jetzt und heute zu leisten, wo auch immer.

Hier kann ich dem Autor nur zustimmen: Es gibt viel zu tun. Allerdings wage ich zu bezweifeln, dass das nach den alten edukativen  Methoden funktioniert, „falsches Bewusstsein“ durch ein vermeintlich „richtiges  Bewusstsein“ zu ersetzen, wie ein Teil der Überschrift des Beitrages suggeriert. Außerdem bliebe dann immer noch die Frage: Wer besitzt dieses „richtige Bewusstsein“ und wie kommt es an die Frau und den Mann und in die Bewegung. In diesem Zusammenhang sei an die machttheoretischen Konsequenzen der Leninschen Parteitheorie erinnert – im Zweifelsfall steht immer die Elite gegen die Massen, die Partei gegen die Bewegung, die Bewusstheit gegen die Spontaneität und die Wissenschaft  gegen die Erfahrung.

In meinem Selbstverständnis geht es um eine politische Bildungspraxis, die auf die Selbstbefreiungspotenziale der Menschen setzt, die die Mechanistik des autoritären Lernens verneint, jegliche Reglementierung des Geisteslebens ablehnt, in der die geistig-intellektuelle Mündigkeit und Selbständigkeit des Einzelnen, Bedingungen der tatsächlichen Entwicklung der Bewegung  sind. Ihr Ziel ist das Fördern von gesellschaftskritischem politischen Bewusstsein, verstanden als ein Bewusstsein über die individuelle Eingebundenheit in ein allseitiges Weltverhältnis, welches die Gesellschaftlichkeit des Menschen stärkt und dazu beiträgt, als Subjekt personale Handlungsfähigkeit im Sinne der bewusst vorsorgenden Verfügung über gesellschaftlich-individuelle Lebensbedingungen erlangen zu können (Holzkamp, 1984). Das schließt für mich die Auseinandersetzung mit den eigenen historischen Fehlern ebenso ein, wie die Infragestellung und Selbstüberprüfung der eigenen Bewegung. Ich denke, man ändert das Problem nicht dadurch, dass man die Frage ändert oder historische Tatsachen umdeutet. So meine ich auch, dass es keinen wirklichen Sinn macht,  die Gescheiterten nachträglich zu Helden zu erklären und für das Scheitern die Westlinken verantwortlich zu machen. „Ja ja. Wir sind Zauberer.“

Die Auseinandersetzung mit den eigenen historischen Fehlern bedeutet zugleich auch das kritische Befragen der Bildungsgeschichte der Arbeiterbewegung. Ist mit der Niederlage des Sozialismus nicht auch eine Hauptlinie der marxistischen Arbeiterbildung untergegangen, nämlich die der von oben verkündeten Verflechtung von Bildung und Macht als Strategie zur Erlangung politisch-kultureller Hegemonie? Peter Weiss sieht in „Ästhetik des Widerstands“, die für mich auch als eine Geschichte der Arbeiterbildung angelegt ist, gerade darin eine Ursache für die Niederlage der organisierten Arbeiterbewegung im Faschismus. Gilt das nicht auch für den Zusammenbruch des Sozialismus?  In den „Notizbüchern“ hält Weiss für den Schlussabschnitt des Romans fest: „Linie Luxemburg-Gramsci – Voraussetzung: Aufklärung der historischen Fehler – die lebendige kritische Wissenschaft, Ablehnung jeder Illusionsbildungen, Idealismen, Mystifikationen“ (1981, S. 686, zitiert nach J. Wollenberg 2002). Diese Linie der Kritiker einer „atavistischen Bevormundung“ (Weiss) wäre zu verlängern mit Persönlichkeiten wie August Thalheimer, Walter Benjamin, Ernst Bloch, Karl Korsch, Bertolt Brecht, Augusto Boal oder Paulo Freire. Was mit dieser Kritik am traditionellen Bildungsverständnis der Arbeiterbildung gemeint ist, lässt Peter Weiss in „Ästhetik des Widerstands“ den Bremer Arbeiter Münzer so sagen: „Wenn ich versuche, mir klarzuwerden über meine Stellung in der Arbeiterbewegung, so ist es, als müsse ich mich rauswühlen, rauskratzen aus einer Masse von Schutt, die uns zudeckt. Unsere Organisationen sind wie Erdschichten, die abgehoben werden müssen, damit wir uns selbst finden können“ (Bd. 2, S. 237).

In einem möchte ich dem Autor des oben genannten Beitrages danken und zwar dafür, das Thema „Linke und politische Bildung“ in die Diskussion gebracht zu haben. Es bleibt zu hoffen, dass es eine solche geben wird. Auf die Tagesordnung der Bewegung gehört sie schon lange.

Autor: Dr. sc. phil. Dieter Schlönvoigt, Rosa-Luxemburg-Stiftung, stellv. Bereichsleiter Politische Bildung