Publikation Geschlechterverhältnisse Neue Chancen – alte Kämpfe. Geschlechterverhältnisse in den Debatten der Linken.

Beitrag vom 11. März 2006 in Mainz

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Autorin

Ulrike Schleier,

Erschienen

März 2006

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Geschlechtersensibler Innenblick auf die WAG

Beitrag von Ulrike Schleier (WASG)
gehalten am 11.03.2006


Mein geschlechtersensibler Blick ist der Blick eines Parteimitglieds ohne Funktionen, also ein subjektiver Blick von ganz unten. Er richtet sich aus drei unterschiedlichen Perspektiven auf die WASG: der Perspektive auf das Programm, der auf Personen und der auf politische Praxis.
Zum Programm nur zwei grundsätzliche Bemerkungen.
Der zentrale programmatische Begriff ist der des Neoliberalismus. Dieser Begriff wird nirgendwo in Beziehung gebracht zur Geschlechterfrage. So als hätte beides nichts miteinander zu tun. Nach meiner Einschätzung liegt das nicht an der Unkenntnis über die Art des Zusammenhangs, sondern an der fehlenden Erkenntnis, dass er existiert und dass es sich lohnt, ihn zu analysieren.
Begriffe im Abschnitt Geschlechterdemokratie sind „Diskriminierung von Frauen“ und „überkommene Rollenbilder“. In anderen Abschnitten ist von gleichen Chancen, u.a. für beide Geschlechter, die Rede. Es entsteht der Eindruck, als ließe sich Geschlechtergerechtigkeit[1] durch einige frauenpolitische oder strukturelle Reformen erreichen. Die zentrale Erkenntnis, dass es eine hierarchische Geschlechterordnung gibt, ist offensichtlich im Programm der WASG nicht angekommen. Dass die Geschlechterfrage im Programm überhaupt vorkommt, scheint eher einer political correctness als echter Einsicht geschuldet.
Dasselbe gilt übrigens aus meiner Sicht für das gemeinsame Eckpunkteprogramm.
Zur personellen Vertretung der Geschlechterfrage.
Der Frauenanteil liegt nach offizieller Aussage bei etwa 20%. Nach außen sichtbar – bzw. durch die Medien nach außen sichtbar gemacht – sind nur Oskar Lafontaine und Klaus Ernst. In Leitungsgremien sind Frauen in der Minderheit.
In meiner Wahrnehmung (ich lasse mich gern belehren, falls es nicht zutrifft) hatte die WASG bisher kaum Anziehungskraft für feministische[2] Frauen. Masseneintritte aus der Frauen­bewegung in die WASG sind bisher ausgeblieben. Das Motiv für einen Parteieintritt war für viele Frauen – so auch für mich – die Hoffnung in einen Aufbruch, die Freude darüber, dass etwas in Bewegung gerät, nicht in erster Linie als Frauen, sondern in erster Linie als Linke. Gleichzeitig ist aber auch festzustellen, dass viele Frauen in der WASG frauenbewegt sind. Aber die aktuelle Schwäche der Frauenbewegung schlägt sich als programmatische Schwäche auch der WASG-Frauen nieder.
Zur Praxis der Partei
Innerparteilich sind die Debatten geprägt durch Machtgehabe, durch Hahnenkämpfe und Ausgrenzung von Frauen (aber auch von Männern mit Minderheitenpositionen) bis hin zum Mobbing. Frigga Haug nannte es am Freitag die „Formensprache des Fußballvereins“, die auf mancher Versammlung der WASG eindrucksvoll beobachtet werden kann. Selbst WASG-Frauen, die in männerdominierten Berufen arbeiten, schätzen es so ein, dass sie noch nie ein so ausgeprägtes Macho-Klima erlebt hätten. Für mich deutet das darauf hin, dass die Parteimitglieder mit der Herstellung von Hierarchien beschäftigt sind und somit die patriarchalischen Strukturen der Gesellschaft in die Partei einschreiben.
Ein Beispiel für die fehlende Sensibilität für die Geschlechterfrage ist der letzte Rundbrief der WASG-Mitglieder der Bundestagsfraktion. Dort gibt es nur Referenten, Mitarbeiter, Koordinatoren und Kollegen. Von Frauen keine Spur. So weit geht die political correctness im Alltag denn doch nicht.
Nun zur politischen Praxis der WASG nach außen. An den aktuellen außerparlamentarischen Initiativen (z.B. gegen Frauenhandel im Zusammenhang mit der Fußballweltmeisterschaft oder anlässlich des 8. März) beteiligt sich die WASG nach meiner Kenntnis nicht. Wie Geschlechtergerechtigkeit sich öffentlich darstellt, dazu ein Interview von Oskar Lafontaine in der „Zeit“ vom 09.02.2006:
„ZEIT: Die Bundesregierung unterstützt unter anderem Jobs in privaten Haushalten. Wollen Sie mehr Kindermädchen und Putzfrauen?
Lafontaine: Ich habe als Finanzminister dafür gesorgt, dass solche private Beschäftigung absetzbar wurde. Die Idee ist richtig, auch familienpolitisch.“
Nun steht Oskar Lafontaine nicht stellvertretend für alle männlichen Parteimitglieder. Aber eine solche Aussage eines exponierten Parteimitglieds, das bekannt dafür ist, Stimmungen zum Ausdruck zu bringen, führt mich zu der Einschätzung, dass viele männliche WASG-Mitglieder nicht nur das traditionelle Rollenverständnis verinnerlicht haben sondern dies auch nicht reflektieren. Die programmatischen Aussagen werden hier noch einmal als Lippen­bekenntnisse enttarnt.
Fazit
Ohne programmatische und personelle Verankerung feministischen Ideenguts in der WASG wird sich die Partei nicht zu einer emanzipatorischen Bewegung für beide Geschlechter entwickeln und wäre dann als Reformkraft zum Scheitern verurteilt.


[1] Ich benutze den Begriff hier für die Utopie einer Gesellschaft, in der alle Menschen in Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit zusammenleben. Zur Problematik der Begrifflichkeit wird auf die Diskussion von Freitag verwiesen.

[2] Ich benutze den Begriff für die Frauen, deren politisches Anliegen in erster Linie die Befreiung der Frauen ist.