Publikation Gesellschaftliche Alternativen - Sozialökologischer Umbau Lebensführung Revisited

Zur Aktualisierung eines Konzepts im Kontext der sozial-ökologischen Transformationsforschung

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Autorin

Beate Littig,

Erschienen

Januar 2017

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Lebensführung revisited

In der Diskussion um eine sozial-ökologische Transformation in Richtung einer nachhaltigen Gesellschaft spielen die Konzepte der Lebensweise und der Lebensstile eine relativ prominente Rolle. Ersteres thematisiert die Nichtnachhaltigkeit der kapitalistischen Lebensweise vor einem marxistischen Hintergrund; zuletzt als «imperiale Lebensweise», die zunehmend auch die aufsteigenden Mittelschichten der sogenannten Schwellenländer prägt (Brand/Wissen 2011; 2017). Lebensweise als gesellschaftliche Form der Lebensorganisation korrespondiert mit der ökonomischen Produktionsweise und ist auf der Aggregatebene von Gesellschaft angesiedelt, nicht auf der Ebene gesellschaftlicher Teilgruppen oder von Individuen. Eine typische Lebensweise bezieht sich auf den Durchschnitt der zugrunde gelegten sozialen Einheit. Im Gegensatz dazu bezieht sich das Lebensstilkonzept – oftmals verbunden mit den Lebensstilen verschiedener sozialer Milieus – auf die Sozialstruktur von Gesellschaft, also auf die Beschreibung gesellschaftlicher Untergruppen und der ihnen zuzurechnenden Individuen (Otte/Rössel 2011). Das Konzept der Lebensstile wurde insbesondere im Kontext der sozialwissenschaftlichen Konsumforschung und der kommerziellen Marktforschung weiterentwickelt. Hier wird in erster Linie die Stilisierung, Ästhetisierung und Sinnkonstruktion von Konsummustern als Mittel sozialer Distinktion betont. Gleichzeitig wird zumeist die individuelle Wählbarkeit von Lebensstilen angenommen.

Im Kontext der Nachhaltigkeitsforschung geht es dann einerseits um die Beschreibung des unterschiedlichen Ausmaßes nicht nachhaltiger Lebensstile und andererseits um die Sondierung möglicher Ansätze zur Veränderung von Lebensstilen in Richtung Nachhaltigkeit (Rink 2002a; Götz et al. 2011). Auf das ursprünglich auf Max Weber zurückgehende Konzept der Lebensführung hingegen wird in der sozial-ökologischen Transformationsforschung vergleichsweise wenig Bezug genommen. Laut Max Weber manifestierte sich in der (methodischen) Lebensführung die spezifische Verbindung von protestantischer Ethik und frühkapitalistischem Wirtschaften (Weber 1988/1920). Bereits bei Weber stellte die Lebensführung eine Vermittlungsebene zwischen soziokulturellen und sozialstrukturellen Entwicklungen und der Lebensorganisation von Individuen dar. Der Vermittlungsansatz wurde im Konzept der «alltäglichen Lebensführung» im Rahmen eines Sonderforschungsbereichs der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) weitergeführt (Voß 1995). Unter alltäglicher Lebensführung wird hier ein Prozess verstanden, bei dem die Individuen die in ihren verschiedenen Lebensbereichen (Erwerbsarbeit, Familie, Freizeit, Schule etc.) auferlegten Verhaltenszumutungen im Rahmen bestimmter Voraussetzungen (Wohnverhältnisse, Einkommen etc.) in Bezug auf ihre eigenen Interessen sowie die ihres sozialen Umfeldes (Familie, Freunde, Nachbarn etc.) in spezifischen Arrangements ausbalancieren. Dieser Prozess ist vielfach widersprüchlich und konflikthaft und manifestiert sich in der Bewältigung alltagspraktischer Anforderungen. Dieses Lebensführungskonzept fokussiert vor allem auf die Veränderungen im Erwerbsleben (erhöhte Frauenerwerbstätigkeit, Flexibilisierung und Subjektivierung von Arbeit etc.) und ihre Auswirkungen auf die Praxis der Lebensführung.1 Beim DFG-Projekt spielten sozial-ökologische Überlegungen keine Rolle. Diese wurden von Hildebrandt (2000) vor dem Hintergrund «reflexiver Lebensführung», also dem zunehmenden Gestaltungszwang hinsichtlich der Lebensorganisation im Zuge fortschreitender Modernisierung aufgegriffen. Dabei ging es um die Frage, wie Erwerbsarbeit und neuere Entwicklungen in Arbeitsverhältnissen und Arbeitsorganisation mit Anforderungen der Nachhaltigkeit interferieren. Empirischer Ausgangspunkt dafür war eine Studie zu den Arbeitszeitverkürzungen bei VW in den 1990er Jahren und die daran anknüpfende Frage, inwieweit mehr Freizeit bei weniger Einkommen sozial-ökologisches Handeln befördert. (Die Antworten fielen überwiegend negativ aus.)

(Aus der Einleitung)

INHALT

1 Einleitung

2 Das Konzept der alltäglichen Lebensführung und zentrale empirische Befunde
2.1 Die Grundzüge der alltäglichen Lebensführung
Alltägliche Lebensführung als subjektorientiertes Konzept
Alltägliche Lebensführung im Kontext der Erwerbsarbeitsgesellschaft
Familiale Lebensführung und Geschlechterverhältnisse
2.2 Ausgewählte empirische Befunde
Idealtypen und gegenwärtige Trends der alltäglichen Lebensführung

3 Alltägliche Lebensführung und sozial-ökologische Transformation
3.1 Zur Vielgestalt sozial-ökologischer Transformation
3.2 Alltägliche Lebensführung als alltagspraktische nicht nachhaltige Arbeit
3.3 Zu den praxistheoretischen und sozial-ökologischen Leerstellen des Konzepts der alltäglichen Lebensführung
Theorien sozialer Praktiken im Überblick
Theorien sozialer Praktiken und nachhaltige Entwicklung
3.4 Schlussfolgerungen anhand eines Fallbeispiels
Alltägliche Lebensführung in einem nachhaltigkeitsorientierten Wohnprojekt
Alltägliche Lebensführung und sozial-ökologische Transformation

Literatur