Publikation Krieg / Frieden Im Geist von Jaurès und Luxemburg

Nur eine neue Logik der Konfliktlösung kann die Gewalt in Nahost stoppen. Text der Woche 33/06 von Peter Wahl (attac Deutschland).

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Autor

Peter Wahl,

Erschienen

August 2006

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In der deutschen Linken im allgemeinen und bei einigen Mitgliedern von Attac im besonderen reproduziert sich bei der Debatte um den Krieg im Nahen Osten im Kleinen, was sich im Großen in dem Konflikt selbst ereignet: das gesamte, hochkomplexe Problem wird in erster Linie - wenn nicht gar ausschließlich - auf die Fragestellungen reduziert:

Wer hat Schuld? Wie erringe ich den Sieg? Wie mache ich klar, dass ich Recht habe?

Beide Seiten fühlen sich moralisch und emotional unter dieser Fragestellung ebenso unerschütterlich wie unerbittlich im Recht. Die eine Seite mit dem Holocaust im Rücken. Vor sich als Feindbild apokalyptische Reiter aus Hisbolla/Hamas/Iran/Al Khaida etc. Die andere mit den Bildern von toten Kindern aus den Trümmern von Beirut und dem Feindbild des  haushoch überlegenen Molochs des israelischen Militärs mit seinem rücksichtslosen Vorgehen gegenüber der Zivilbevölkerung im Libanon und Gaza. Wenn man jeweils nur die eine Seite wahrnimmt, ist die emotionale Polarisierung gut nachzuvollziehen. Beides ist für sich genommen moralisch hochrespektabel. Aber eben nur für sich genommen. Die halbe Wahrheit - aber nicht die ganze.

Der Koordinierungskreis von Attac hat eine Erklärung verabschiedet, die einer anderen Logik folgt. Die zentrale Passage der Erklärung lautete: "Gewalt, Terror und Faustrecht bringen keine Lösung, sondern schaffen immer neue Probleme. Es ist höchste Zeit, aus der Logik von Rache und Vergeltung auszusteigen. Wer in dem Konflikt, der tagtäglich das Überleben der Menschen im Nahen Osten bedroht, auf Sieg statt auf Verständigung, auf einseitige Parteinahme statt auf Vermittlung setzt, bleibt in der Spirale der Gewalt gefangen." Die Leitfrage der Erklärung ist also nicht, wer Schuld hat, wie man siegt, und wer Recht hat, sondern: Wie kann die Endlosspirale der Gewalt, der Rache, der Schuldzuweisungen und Vergeltung endlich unterbrochen werden? Und damit: Wie können Angst, Schrecken und Tod für die Menschen in Beirut und Kiriat Schmona gestoppt werden?

Das ist keine wohlfeile "Sowohl-Als-Auch-Haltung" oder ein fauler Formelkompromiss im Organisationsinteresse, damit es Attac nicht zerreißt. Es geht auch nicht um bequeme Äquidistanz oder um Ausgewogenheit als Wert an sich. Vielmehr ist dies die einzig adäquate Herangehensweise, mit der man einen so hochkomplexen Konflikt beenden kann. Die Konflikttheorie hat dies als einzig erfolgversprechenden Lösungsansatz für verfahrene und komplexe Konfliktkonstellationen erkannt. Das gilt - von der Problemstruktur her - für die hoffnungslos gescheiterte Ehe ebenso wie für den Nahostkonflikt.

Ethisch verankert ist diese Position im Humanismus, oder - wer will - in christlicher Nächstenliebe. Und für jene unter uns, die sich Marx verbunden fühlen, in einer radikalen Kritik der Situation im Nahen Osten. Kritik heißt bekanntlich nicht meckern oder Anmache, sondern kommt aus dem Griechischen "kritein" = unterscheiden, differenzieren. Und radikal heißt, nach einem berühmten Zitat von Marx, "die Probleme an der Wurzel packen". Und, so geht das Zitat weiter, die "Wurzel aber ist der Mensch."

Um einmal vom emotionalen Engagement im aktuellen Konflikt etwas zurücktreten zu können, empfiehlt sich ein Blick auf ein instruktives historisches Beispiel, an dem sich – bei allen konkret-historischen Unterschieden – die Grundstruktur der Herangehensweise der Attac-Erklärung verdeutlichen lässt: 1914 bestand zwischen Frankreich und Deutschland das, was auf beiden Seiten zutreffend als "Erbfeindschaft" bezeichnet wurde. Eine jahrhundertealte Konfrontation, vom 30-jährigen Krieg und den Zerstörungen des Rheinlands durch die Söldner Ludwig des XIV über die napoleanischen Feldzüge bis zum preussisch-französischen Krieg 1870/71, der mit der deutschen Staatsgründung im Spiegelsaal zu Versailles (!!!) endete. Elsass-Lothringen wechselte mehrfach den Besitzer, das Linksrheinische war zeitweise französisches Département. Die meisten Intellektuellen beider Länder spielten das barbarische Spiel mit. Selbst bei Goethe hieß es: "Was ein rechter Deutscher ist, mag keinen Franzen leiden ..." Ja selbst bis zu den Musikern reichte die unversöhnliche Feindschaft. Débussy glaubte ernsthaft, "französische" Musik zu komponieren - was so plausibel ist wie der evangelische Güterbahnhof - und Wagner warnte in den Meistersingern vor "welschem Tand". Gemeint war die Grande Opéra des deutsch-französischen Juden Giacomo Meyerbeer.

Es gibt von daher also keinen Grund, über die irrationalen Dimensionen des Nahostkonflikts die europäische Nase zu rümpfen, zumal dieses Schlamassel bis 1945 weiterging. Auf alle Fälle aber war die Verbissenheit, Langwierigkeit, moralische Aufgeladenheit und Komplexität des Konflikts nicht geringer als die des heutigen Nahostkonflikts. Und die Untaten, über die in der Presse, in Büchern, Militärbulletins und den Regierungsverlautbarungen auf der einen Seite jeweils über die andere Seite berichtet wurde, waren nicht minder greulich, als das, was man auf israelischer oder arabischer Seite heute zu hören bekommt. Wie immer in solchen Konstellationen war manches zutreffend, das meiste arg übertrieben und anderes schlicht gelogen. Wie in den Militärbulletins Israels und den Deklarationen der Hisbollah.

Die Linke in beiden Ländern - im wesentlichen repräsentiert durch die SPD in Deutschland und die SFIO in Frankreich - entschied sich 1914 für den jeweils heimischen Imperialismus Partei zu ergreifen. Die SPD für den wilhelminischen Fundamentalismus, die SFIO für "Eretz France", die "Grande Nation".

Hier aber wird es interessant: anders als die Mehrheit der SPD und der SFIO entschied eine Minderheit in der SPD unter Führung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht und in der SFIO unter der von Jean Jaurés sich gegen die binäre Logik, gegen den Druck, einseitig Partei zu ergreifen und mit den Wölfen zu heulen. Sie argumentierten, dass der Krieg auf beiden Seiten illegitim sei. Für sie war ein drittes Interesse höherwertig als die "Vaterlandsverteidigung", der Sieg oder das Rechthaben der einen Seite über die andere. Rosa Luxemburg und Jean Jaurès hatten - ohne dass sie von moderner Konflikttheorie etwas wussten - verstanden, dass die militärische Konfrontation nicht nur nichts emanzipatorisches hatte, sondern durch und durch antiemanzipatorisch war und der emanzipatorischen Bewegung, die bis dahin im wesentlichen von der Arbeiterbewegung repräsentiert wurde, nur schadete.

Jaurès wurde am 31.Juli 1914, also noch kurz vor dem Beginn des Krieges, von einem französischen Nationalisten ermordet. Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht nach dem Krieg von deutschen Reaktionären.

August 1914 ist nicht 2006. Aber 2006 im Geiste von Rosa Luxemburg und Jean Jaurès zu analysieren, heißt zuallererst sich von der primitiven Schwarz-Weiß-Logik, hier die Guten, da die Bösen, zu verabschieden, und sich für das emanzipatorische Dritte einzusetzen. Also weder für Israel noch für Hisbollah & Co.