Publikation Demokratischer Sozialismus - Geschichte Ein Repräsentant der ausgeschlagenen Möglichkeiten

Über Wolfgang Abendroth und den Umgang mit dessen 100. Geburtstag. Text der Woche von Rainer Rilling.

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Autor

Rainer Rilling,

Erschienen

Mai 2006

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Ja, es ist verwunderlich, welch’ eine große Resonanz dieser 100ste Geburtstag hatte. Das naheliegende Element des schlechten Gewissens scheint kaum eine Rolle gespielt zu haben – es ging offenbar nicht um nachholende Wiedergutmachung für einen, an dessen Außenseiterrolle sich jahrzehntelang viele Denunziationspraktiker erprobt hatten. Das Gedenken war ungewöhnlich wohlwollend, informiert und weitläufig: von der Süddeutschen Zeitung („Partisanenprofessor“) über die Frankfurter Rundschau („Im Klang wie Abendröte“ – „Demokratie muss erneuert werden“), Deutschlandradio Kultur („Kämpferischer Gelehrter“) , AP („Ein Außenseiter mit großem Einfluß“), ddp („Partisanenprofessor und linke Ikone“) bis hin zum Freitag („Linientreu? Niemals!“), der Jungen Welt („Umkämpftes Recht“, „Transformation des Kapitalismus“) und dem ND („Schatten einer Möglichkeit“, „Alles was links ist“), Konkret („Annahme verweigert“) oder den Blättern für deutsche und internationale Politik („Der Kampf für ein demokratisches und soziales Recht“) und Utopie kreativ („Wolfgang Abendroths Parteitheorie“).

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Es geht um das Gedenken an Wolfgang Abendroth, geboren am 2.Mai 1906 und gestorben am 15. September 1985. Zwei große Veranstaltungen mit mehreren Hundert TeilnehmerInnen fanden statt, ausgerichtet am 2. Mai 2006 vom Institut für für politische Wissenschaften in Marburg (u.a. mit Herbert Claas, Norman Birnbaum, Frank Deppe, Theo Schiller, Hans See, Gerhard Stuby, Franz Neumann, Michael Buckmiller, Reinhard Kühnl, Karl Hermann Tjaden, Lothar Peter) und wenige Tage später am 6. Mai 2006 in Frankfurt am Main vom IG Metall-Vorstand, Funktionsbereich Gesellschaftspolitik / Grundsatzfragen / Strategische Planung, dem Herausgeberkreis der Schriften von Wolfgang Abendroth und WISSENtransfer (u.a. mit Jürgen Peters, Frank Deppe, Jürgen Habermas, Alex Demirovic, Hans-Jürgen Urban, Uli Schöler, Joachim Perels, Detlef Hensche, Norman Paech, Michael Buckmiller, Heinz Brakemeier, Jakob Moneta, Reinhard Schwitzer, Jörg Wollenberg, Franziska Wiethold und Richard Detje). Auch andernorts fanden kleinere Veranstaltungen statt. Gleich fünf Publikationen sind zu vermelden:

- Andreas Diers: Arbeiterbewegung-Demokratie-Staat. Wolfgang Abendroth Leben und Werk 1906-1948, mit einem Vorwort von Lothar Peter und Gerhard Stuby, 632 S., VSA Hamburg 2006 39.80€

- Richard Heigl: Oppositionspolitik. Wolfgang Abendroth und die Entstehung der neuen Linken, Diss. Universität Augsburg 2006

- Wolfgang Abendroth: Gesammelte Schriften. Herausgegeben von Michael Buckmiller, Joachim Perels und Uli Schöler. Bd. 1 1926-1948, ca. 600 Seiten, Offizin Hannover 2006 24.80 €

- Friedrich Martin Balzer: Bibliographie der Publikationen Wolfgang Abendroths (über 1000 Titel), CD, 2. Auflage Marburg 2006

- Gerhard Schäfer: Das Marburger Dreigestirn: Wolfgang Abendroth – Heinz Maus – Werner Hofmann. Zur Vorgeschichte kritischer Gesellschaftswissenschaft in Marburg, in: Stephan Moebius/Gerhard Schäfer (Hrsg): Soziologie als Gesellschaftskritik. Wider den Verlust einer aktuellen Tradition. Festschrift für Lothar Peter. VSA Hamburg 2006

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Viele Bezeichnungen fanden in Marburg und Frankfurt ihren Weg aus den Manuskripten: Jurist, Politikwissenschaftler und Historiker der Gewerkschafts- und Arbeiterbewegung, Antifaschist und Widerständler, Propagandist der Einheit, Zeitzeuge gegen die Amnesie der 50er und 60er Jahre, Lehrer, „der unendlich viel las und das auch noch behalten konnte“ (Perels), intervenierender politischer Intellektueller, Outcast und „revolutionärer Kommunist“ (Fülberth). In der Person Wolfgang Abendroths fasste sich vieles an Problemen, Fähigkeiten und Hoffnungen der Jahrhundertlinken in diesen fünf, allmählich sechs deutschen Staaten zusammen. Die Blicke, die in Frankfurt und Marburg zumeist auch kräftig in die Jahre gekommene Männer eben nicht nur der „Marburger-Schule“ auf Abendroth, die Linke und deren lange Zeit warfen, motivierten oft zu neuen Blickwinkeln.

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Sicherlich war der Abendroth der Bundesrepublikzeit ein Outcast (vor allem nach seinem SPD-Rauswurf 1961) und ein Partisanenprofessor – aber er war auch „vernetzt“, hatte Zugang, stille Verbindungen und Einfluß auch in der kältesten Adenauerzeit. In einer Zeit der Verbote, Tausender Prozesse und der Kommunistenverfolgung, der Rechtsbeugung und Denunzation und einer unerhörten neuen Zerschlagung und gar nicht sanften Integration der politischen und gewerkschaftlichen Linken gab es dennoch eine andere Linke, die sich selbst erkannte, sich unterstützte und die auch nicht zuletzt im akademischen und intellektuellen Feld in unendlich vielen winzigen Kämpfen und großen Mühen Freiräume und kleine Diskussionsräume offen halten konnte, von denen man heute sagen würde, dass sie für die Multiplikatoren der 68er Kultur- und Theorierevolte eine Schlüsselbedeutung hatten. Für diese Revolte selbst bildete sie oft ein unverzichtbares, oft im Hintergrund wirkendes backbone. Abendroth gehörte dazu – er aber gut sichtbar als jemand, in dem sich auch viele aus dieser Revolte der Abweichung wiederfinden konnten und den sie anerkannten. Lange Zeit schrieb die Linke die Zeit der 50er und frühen 60er zu sehr nur und ausschließlich als politische Leidenszeit. Das ist nachvollziehbar, greift aber zu kurz. Ein nicht ganz kleiner Teil der Linken gehörte schon in dieser Zeit der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ (Schelsky) zu einer abhängigen und angestellten Mittelklasse, die man politisch formierte, aber nicht unbedingt unsäglich drangsalierte und der man manche Spielräume intellektueller Beweglichkeit mitsamt institutioneller Absicherung gewährte. Auch die Linke hat einen marginal mitlaufenden langen sozialen und politischen Aufstieg hinter sich, der ihre prekären Lagen wenigstens etwas zurücknahm. Es hat auch mit dem zu tun, was auf den Tagungen kurz gestreift wurde: Abendroth war ein besonderer Repräsentant der berühmten Zwischengruppen zwischen Sozialdemokratie und Kommunistischer Partei, deren politische Fähigkeiten, sich in den verschiedenen Welten der Linken zu bewegen, im Nachkriegsbundesdeutschland und seiner Machttechnologie der Integration durch „Volkspartei“ und „formierte Gesellschaft“ von hohem Nutzen war.

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Was die Linke angeht, konnten deshalb einige aus diesen Zwischenströmungen - und am prominentesten vielleicht Wolf Abendroth – ein ungewöhnliches Maß an politischer Gelassenheit, Geduld und Toleranz aufbringen, die mit der Erfahrung des produktiven Sinns politischer Vielfalt und der utopisch-rationalistischen Hoffnung auf ein Selbstverschwinden linken Schwachsinns zu tun hatten. Das summierte sich in einem Gestus der politischen Großzügigkeit und politischen Souveränität - was übrigens bei ihm gespannteste Aufregung und heftigsten ganz ungeschützten Ärger nicht ausschloß - , dessen notorisches Fehlen sicherlich einer der dauerhaftesten und verständlichsten Mängel der immer schwachen und aus Minderheitspositionen heraus agierenden deutschen Linken war und die immer wieder so geschichtslos verdrängte, wie sehr die besiegte oder unterdrückte Linke auf Bündelung ihrer Kräfte und Verständigung über „Minimalpositionen“ angewiesen war, wollte sie bloß überleben. Abendroth war anders als die ewige RechthaberInnenlinke – arbeitete er an Abgrenzungen, fand er zugleich Zugänge und Bündnisöffnungen oder, wie man heute sagt, Gründe für und Verfahren der politischen Inklusion. Er unterschied durchaus stilvoll zwischen „innen“ und „außen“ – was vielen das Gefühl gab, dass „man sich auf ihn verlassen konnte“, auch wenn man ihn nur von ferne erlebte. Er konnte damit umgehen, dass ihn die Adornos und Horkheimers in der langen Kalte-Kriegs-Zeit nur einmal als Ersatz für den ausfallenden Vortrag von Lucien Goldmann einluden. Es war mit Sicherheit weitaus wichtiger (auch für ihn), dass ein IG Metall-Vorstand (wie Jürgen Peters berichtete), dereinst seine turnusgemäße Sitzung verschob, weil Abendroth nur zu einem anderen Termin der Vorstandseinladung folgen konnte.

Das alles schloß, natürlich, die scharfe und unversöhnliche Grenzziehung gegenüber allem ein, was den brutalen Kern des Faschismus und seiner Herrschaft ausmachte. Auch dies, wie das vorgenannte, etwas, das neben anderem Abendroths lange Bindung an eine Sozialdemokratie erklärt, in der viele Angehörige dieser Zwischengruppen bis hin zu Willy Brandt Macht und Einfluß hatten – aber auch eben nicht bereit waren, alle Sauereien der politischen Rechten mitzumachen, die heutzutage die Münteferings und Steinbrücks selbst aushecken. Politische Moral, durch viele Kommunisten und Sozialdemokraten und Mitglieder der Organisationen der Welt dazwischen repräsentiert, ist jetzt eine Wortkombination, die im Weltbild und Sprachschatz der SPD heute nicht mehr vorkommt. Wenn der Geburtstag Abendroths solch unerwartete Resonanz hatte, dann geht es auch um die neue Lücke auf dem Feld der politischen Moral, aus dem sich Grüne wie Sozialdemokratie mittlerweile kompromisslos opportunistisch verabschiedet haben. Die gleichwohl ja durchaus vorhandenen Schranken dieser Resonanz haben allerdings auch damit zu tun, dass der Sprechraum, das staatstheoretische, politizistische und politökonomische politische Vokabular und die Spanne politischer Sensibilität und kultureller Anschlußfähigkeit Abendroths und seiner „Schule“ jene Problemlagen und Mittelklassenakteure lange Zeit nicht erreichten, die unter der Etikette „neue soziale Bewegungen“ sich in den 70er Jahren auf neue Weise der alten „Frauenfrage“ und der neuen Umweltfrage und ihrer Risikodimension zuwandten. Es war wohl doch für sie zunächst ein verlorenes Jahrzehnt, bis sie auf dem Umweg über die Friedensbewegung (ein Motiv, das sich diese „neue“ Bewegung nur radikalistisch, aber nicht radikal aneignete, wie dann auch ihre spätere Begeisterung für humanitäre Interventionen mit ziemlich allen Mitteln indizierte) sich bewegungs- und problempolitisch neu und langsam auch eigenständig verorten konnte, bis dann freilich die 89er Wende erneut die bisher tiefste Schneise in diese politische Traditionslinie schlug.

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Die politische Arbeiterbewegung hat sich seitdem „weitgehend aufgelöst“ (Deppe) und ihre Restgruppen operieren unter struktureller Überlastung, Stress und oft auch mit historischer Müdigkeit, die klassischen Arbeiterintellektuellen sind verschwunden, die Zwischengruppen gibt es nicht mehr, die Erfindungen der alten Arbeiterbewegung von der Massenpartei bis zur verwissenschaftlichten Politik und Utopie sind in der Substanz getroffen und der Neoliberalismus hat neue Kampffelder etabliert, in der eine historisch geschwächte Linke ihre Stärke noch lange Zeit in der Fähigkeit zum Gewinnen aus der Defensive suchen muss. Lange Zeit ist exit aus der Linken Normalhandlung gewesen und oft mit deprimierenden Reinigungsriten verbunden gewesen – unter Rekurs auf den doch recht unsäglichen Kraushaar ist dieser Tage in einer wissenschaftlichen Schrift von Anne Nagel (Gießen) zu lesen, dass die Abendroth – Koterie „in einer engen Verbindung zum Staatssicherheitsdienst der DDR“ gestanden hätte, eine Insinuation, die Georg Fülberth und Frank Deppe auf Basis der empirisch überpüften Aktenlage schon längst widerlegt haben. Die Niederlage freilich ist ein Geschäft, das in der Linken ihre unerreichte Expertin gefunden hat. Abendroths Biografie, die jene génération de la crise repräsentiert, für die 1933 das Schlüsseldatum des Jahrhunderts war, steht aber auch für die Expertise des Neubeginnens. Die Linke hat freilich nur selten verstanden, die eigene Geschichte nicht als Katastrophe, Kreislauf oder Aufwärtspirale, sondern eher pragmatisch als unsicheren, aber grausamen wie großartigen Reichtum eines Wechselspiels von Niederlage und Neubeginn zu sehen. Abendroths Biografie, Politik und Theorie ist dabei eine Hilfe – 1933, 1945, 1961, 1976.

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Alex Demivoric hat in seinem Frankfurter Vortrag nicht nur das Verschwinden des Schutzraums Universität ausgezeichnet, welche die Überrumpelung durch die alte linke Revolte nur gemächlich, aber sehr sicher ausschwitzte. Er brachte auch dreist und die ZuhörerInnen verblüffend einen theoretisch wie politisch abgewickelten Begriff ins Spiel des gewerkschaftspolitische Diskurses: die Rede vom Allgemeininteresse. Er passt in die Zeit des Ausverkaufs der öffentlichen Güter. Sein Votum für ein reclaiming the general interest komplettierte Hans-Hürgen Urban kurz darauf mit der Formel vom Veto-Spieler, als welcher die Gewerkschaft im politischen Kräftefeld agieren müsste und könnte. Es geht darum, Demokratiepolitik neu auch für die Gewerkschaft und die Akteure der Politik zu entdecken und politische bzw. politiktheoretische Kategorien neu zu überprüfen und fallweise zu revitalisieren. Eine solche Radikalität in der Formulierung der notwendigen Reichweite gewerkschaftlicher Politik müsste eben auch für politische Akteure gelten.

Befremdlich daher und erklärungsbedürftig genug, warum keiner der paar Hundert Linken, die in Marburg und Frankfurt über den „Repräsentanten der ausgeschlagenen Möglichkeiten“ (so der Marburger Vizepräsident Herbert Claas in seinem Grußwort) in der Woche zwischen dem 4. Europäischen Sozialforum in Athen (wo 100 000 Menschen aus ganz Europa auf die Straße gingen) und den Parteitagen zweier linker Parteien in der Bundesrepublik tagten und die wohl in ihrer Mehrheit die Linkspartei wählten – warum diese also dieses Wort „Linkspartei“ nicht über die Lippen brachten. Kein einziges Mal – in all den Debatten über jemand, der zwar auf die Klasse blickte und in ihr operierte, aber lebenslang in Parteigeschäfte verwickelt war. Seltsam, sehr seltsam. Abendroth wäre das nicht passiert.