Publikation Wirtschafts- / Sozialpolitik Computerunterstützter Wohlfahrtsstaat - Wiederbelebung durch neue Technologien?

Beitrag zur Konferenz "Neuerfindung des Sozialstaats" der Rosa-Luxemburg-Stiftung (Berlin, 8.10.2005) von Peter Fleissner

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Oktober 2005

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 Gruppennetzwerke (Targeted Intelligence Networks – TINs)
Präsentation zum Beitrag von Prof. Dr. Peter FleissnerBeitrag zur Konferenz "Neuerfindung des Sozialstaats" der Rosa-Luxemburg-Stiftung (Berlin, 8.10.2005)

Im Laufe der letzten Jahrzehnte geriet der herkömmliche Wohlfahrtsstaat in Ost und West durch eine Vielzahl von Faktoren unter Druck: Hierzulande sind es offenkundig die steigenden Kosten und die relativ geringe Effektivität, begleitet von einer Image-Verschlechterung der öffentlichen Verwaltung. In vielen Reformländern sind die traditionellen Systeme des staatlichen Gesundheitswesens und der Sozialversicherung mit noch größeren Schwierigkeiten konfrontiert. Der Mangel an finanziellen Mitteln und neo-liberale Ideen untergraben ihre Funktionalität. Daher ist die Frage legitim: Welche Möglichkeiten gibt es unter den Bedingungen neuer Technologien, den Wohlfahrtsstaat zu erneuern, ohne seine positiven Effekte zu verlieren oder ihn überhaupt abzuschaffen?

Auf welcher Grundlage könnte dies geschehen? Die Antwort steht in Zusammenhang mit den sogenannten „Transaktionskosten“. Dieser Begriff wurde in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts geprägt. Die Wirtschaftswissenschaftler, die diesen Begriff vertraten, verwendeten ihn gegen die Positionen der neo-klassischen Ökonomie, die auf vollkommenen Wettbewerb und vollständige Information setzte. Sie meinten, dass nicht nur der Preis eines Produkts oder einer Dienstleistung für den Abschluss einer wirtschaftlichen Transaktion von Bedeutung seien, sondern auch die Kosten der Informationsgewinnung und die erforderlichen Bedingungen dafür. Reale Wirtschaftssubjekte müssen etwa die Kosten dafür tragen, wie sie die gesamten, für die Errichtung eines Vertrags notwendigen Informationen erhalten, bevor sie ihn unterzeichnen. Dazu bedarf es Verhandlungen, die wieder etwas kosten, und auch die Kommunikation in diesem Prozess ist nicht gratis.

Die verschiedenen Institutionen des Wohlfahrtsstaates können als Dienstleistungsbetriebe angesehen werden, in denen Information, Kommunikation und Organisation eine wesentliche Rolle spielen. Veränderte Transaktionskosten können daher starke Auswirkungen auf die Art und Weise der Produktion dieser Dienstleistungen haben. Welche Tätigkeiten sind davon betroffen? Hier folgen einige Beispiele, wie etwa

· Kommunikationstätigkeit (z. B.: Vorbereitung, Übermittlung, Empfang, Beurteilung von Botschaften zwischen zwei oder mehreren Parteien),

· Koordinationstätigkeit (z. B.: in Bezug auf alle Vorgänge in Zusammenhang mit einem Vertragsabschluss, Planung oder Entscheidungsfindung),

· Informationstätigkeit (z. B.: Prozesse des Rechnens, Surfens, Suchens, Bearbeitens, Bewertens, Verifizierens),

die leichter, schneller, billiger und in besserer Qualität durchgeführt werden könnten.

Die gegenwärtigen I&K Technologien ermöglichen eine erhebliche Senkung aller dieser Transaktionskosten, aber die quantitative Kostensenkung selbst ist m.E. nicht das Wesentliche. Eines der interessantesten Ergebnisse, das von den Proponenten des „Transaktionskosten“- Ansatzes erzielt wurde, liegt in der Erklärung für das Auftauchen qualitativ neuer Organisationsstrukturen, d. h. dass durch die Veränderung der Struktur und die Höhe der Transaktionskosten neue Akteure ins Spiel kommen können und andere verschwinden, wie beim Ende des „putting-out-Systems“ und der Geburt des „factory-Systems“ in Großbritannien im frühen Kapitalismus.

Targeted Intelligence Networks

Diese Fähigkeit der Informations- und Kommunikationstechnologien, nicht nur Quantitäten, sonder auch Qualitäten zu verändern, veranlasste Mitglieder des Instituts für Gestaltungs- und Wirkungsforschung der TU Wien, nach alternativen Wegen für Dienstleistungen im Rahmen des Wohlfahrtsstaates Ausschau zu halten 1.

Der Grundgedanke ist einfach: Weder groß angelegte Institutionen noch die Individuen sind in der Lage, mit den Schattenseiten der menschlichen Existenz angemessen fertig zu werden. Daher schlugen wir neue gruppenzentrierte Einrichtungen vor, die von zeitgemäßen Kommunikationswerkzeugen und entsprechenden Ausbildungsangeboten unterstützt werden. Während ich später für die EU-Kommission tätig war, veranstalteten wir einen internationalen Workshop, um die Einrichtung dieser neuen Gruppen zu diskutieren. Um dem Kind einen Namen zu geben, nannte wir sie „Targeted Intelligence Networks“ (TINs). Die Gemeinsamkeit der verschieden Gruppen bestand in der freiwilligen Zusammenarbeit in Kleingruppen auf ein bestimmtes Ziel hin.

Ich bin genug Realist, um zu wissen, dass es nicht genügt, nur auf den postmodernen Mythos der Selbstorganisation zu vertrauen und auf seine Verwirklichung zu warten. Ich vertrete vielmehr die Ansicht, dass ein Rahmen geschaffen werden muss, innerhalb dessen diese neuen Formen entstehen können. Dieser Rahmen besteht nicht nur aus ermunternden Worten und Medienkampagnen, sondern auch aus finanziellen, infrastrukturellen und Bildungsmitteln, die es Menschen ermöglichen, ihre neuen Aufgaben freiwillig zu übernehmen.

Hier soll eine methodische Bemerkung angebracht werden. Während sich die herkömmliche Arbeit von Sozialwissenschaftlerinnen mit der Analyse vergangener Entwicklungen befasst, geht es hier vor allem um die Zukunft. Aber wie lassen sich Vorschläge für die Zukunft mit Entwicklungen aus der Vergangenheit verbinden? Unsere methodische Antwort war, dass wir in der Lage sein müssten, Fälle, Beispiele, Fallstudien in Keimform in der Vergangenheit zu identifizieren. Ist das nicht der Fall, wären unsere Vorschläge bloß utopisch (im Sinne der ursprünglichen Bedeutung des Wortes im Altgriechischen: „Ohne Ort“, „nirgendwo“). Daher begannen wir an der TU Wien verschiedene gesellschaftliche Teilbereiche nach bereits existierenden alternativen Entwicklungen abzuklopfen. Interessanterweise konnten wir in jedem der wichtigsten Teile des Wohlfahrtsstaates solche Entwicklungen aufweisen: im Bereich der Altenbetreuung, dem Bildungswesen, dem Gesundheitswesen und der Beschäftigung: „Peer Group Care“ als Betreuungseinrichtung für ältere, arme, behinderte Menschen oder sonstige Außenseiter; „Studienzirkel“ zur Ergänzung des traditionellen Schulsystems, „Arbeitermedizin“ zur Verbesserung des betrieblichen Gesundheitswesens, und „Intrapreneur-Gruppen“ gegen die Entfremdung am Arbeitsplatz. Alle vier Gruppen stellen Beispiele dar, wie der Wohlfahrtsstaat ergänzt und transformiert werden könnte.

Peer Group Care

In der Gesellschaft der Gegenwart können wir verschiedene gruppenbasierte Tätigkeiten feststellen. Die Initiative geht dabei teils von religiösen Gemeinschaften aus (z.B. Caritas), teils von anderen NGOs, die sich um alte Menschen, Drogenabhängige, Obdachlose, MigrantInnen oder Angehörige von Minderheiten annehmen. Unser Vorschlag für ein TIN in diesem Bereich könnte eine Gruppe von Freiwilligen sein, die sich in ihrer Freizeit in ihrem Wohnviertel engagieren. Diese Einrichtung nannten wir „Peer Group Care“. Ihre Tätigkeit könnte durch freien Internet-Zugang unterstützt werden. Staatliche Einrichtungen müssen je nach Zielgruppe entsprechendes Training anbieten. Wichtig für solche Gruppen ist der Umgang mit Krisensituationen: Sie müssen Zugang zu den Notdiensten haben, sie müssen die Möglichkeit haben, ihre Klienten wenn nötig in öffentliche oder private Krankenanstalten überweisen zu können. Wie könnten die Mitglieder der Peer Groups für ihre Tätigkeit entschädigt werden? Eine Möglichkeit bestünde darin, ihnen die Sozialversicherungsbeiträge zu erlassen, wobei ihnen aber die Leistungen erhalten blieben.

Studienzirkel

Im Bildungswesen identifizierten wir eine Einrichtung, die schon seit vielen Jahren in Skandinavien besteht: Die “Studienzirkel” sind in den skandinavischen Ländern weit verbreitet. Ihr Ursprung geht auf die protestantischen Bibelrunden des 19. Jahrhunderts zurück. Im Unterschied zur römisch-katholischen Tradition, wo die Bibel für private Interpretation nicht offen war und nur die kirchlichen Autoritäten das Recht hatten, die Texte authentisch auszulegen, lud der protestantische Klerus die Gläubigen ein, ihre persönliche Interpretation hinzuzufügen. Eine säkularisierte Version der Bibelrunden wurde von den Regierungen fortgeführt. Bis heute kann jede Gruppe von Personen, die sich mit einem bestimmten Gegenstand beschäftigen will, bei jeder öffentlichen Einrichtung, sei es bei lokalen oder regionalen Verwaltungen, Kammern oder Gewerkschaften um (beschränkte) finanzielle Unterstützung ansuchen. Mir wurde gesagt, dass mehr als die Hälfte aller skandinavischen Staatsbürger mindestens einmal im Leben einen Studienzirkel besucht hat. Die Internetunterstützung für Studienzirkel hat in den skandinavischen Ländern bereits begonnen 2.

Soll die Arbeit mit Studienzirkeln nicht wirkungslos verpuffen, ist eine institutionelle Anerkennung durch das formale Bildungswesen und die Schulen nötig. Besonders im Bildungs- und Ausbildungsbereich, wo die Halbwertszeit des Wissens laufend fällt, können neue Wissensfelder leichter außerhalb als innerhalb der offiziellen Institutionen erschlossen werden. Durch Studienzirkel ließen sich die Grenzen des Lehrplans erweitern. Damit könnte dem Bildungssystem größere Flexibilität und Anpassungsfähigkeit an neue Entwicklungen verliehen werden.

Arbeitermedizin

Im Bereich des Gesundheitswesens stießen wir auf eine interessante Entwicklung in Italien: In den 70er Jahren starteten die meisten italienischen Gewerkschaften eine Initiative, um die gesundheitliche Lage in den Fabriken vor allem für die manuellen Arbeiter zu verbessern 3. Sie erfanden zwei neue Konzepte: Die Idee der „homogenen Gruppe“ und das „non delega” Prinzip. Eine “homogene Gruppe” wurde eine Gruppe von Menschen genannt, die am selben Fliessband unter mehr oder weniger identischen Arbeitsbedingungen tätig war, und deren Mitglieder sich persönlich kannten. Solch eine Gruppe muss nicht bloß eine interaktive Arbeitsgruppe sein, sondern kann sich auch als politisch bewusste Gemeinschaft formieren, die sich für die Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen einsetzt. Mit der Anwendung des „non delega” Prinzips durchbrachen die Arbeiter die übliche Praxis, in der den Arbeitsmedizinern eine Vermittlerrolle zwischen Arbeitern und ihrer Umwelt zugeschrieben wird. Die homogene Gruppe selbst übernahm die Verantwortung für ihre Gesundheit, wobei sie von der Gewerkschaft mit Lehrmaterialien, aber auch mit Geräten unterstützt wurde, um bestimmte Umweltparameter mit Messinstrumenten zu bestimmen (Vibration, Licht, Staub, Lärm etc.). Die Arbeit der homogenen Gruppen war ziemlich schöpferisch. Neue Konzepte zur Bestimmung von Krankheit und Gesundheit wurden erfunden. Krankheiten wurden etwa nicht nach dem lateinischen Namen gegliedert, sondern nach der Länge der Zeit, die notwenig ist, um sich von der Krankheit wieder zu erholen.

In den 70er Jahren fanden solche Konzepte auch in schweizerischen und bei Teilen der österreichischen Gewerkschaften Interesse, aber sie gingen mit der Wirtschaftskrise der Mitte der siebziger Jahre wieder zugrunde. Heute könnten “arbeitermedizinische Gruppen” durch das Internet verstärkt unterstützt werden. Die Gruppen könnten sich untereinander und mit professionellen arbeitsmedizinischen Ressourcen vernetzen.

Intrapreneur-Gruppen

Als letztes Beispiel, das den Wohlfahrtsstaat unterstützen könnte, soll eine Entwicklung angeführt werden, die etwa zur gleichen Zeit in den USA und in der Sowjetunion aufkam, natürlich unter völlig verschiedenen Randbedingungen. Während in den USA die Intrapreneur-Gruppen als kleinere Produktions- und Verrechnungseinheiten angesehen wurden, die auf eigene Rechnung, aber mit kleinem Overhead arbeiten können, wurden die sogenannten “Brigaden” Gorbatschows als mehr oder weniger selbstbestimmte Teileinheiten des staatlichen Produktionssystems betrachtet, die vertraglich an den Staatsbetrieb gebunden waren. Hier soll eine Erweiterung beider Konzepte vorgeschlagen werden: Intrapreneur-Gruppen sollten nicht nur innerhalb ihrer Unternehmung ihre Güter und Dienstleistungen auf eigene Rechnung anbieten können. Um das Ausgeliefertsein an den eigenen Betrieb zu reduzieren, wäre es durchaus vorstellbar, dass Intrapreneur-Gruppen nicht nur an den eigenen Betrieb, sondern auch an andere Unternehmungen verkaufen können. Dadurch würde sich die Verhandlungsposition der Intrapreneur-Gruppen gegenüber der „Mutterfirma“ drastisch ändern. Auch die Produktionsmittel könnten an die Intrapreneur-Gruppen tendenziell entweder geleast oder verkauft werden. An die Stelle der vielstufigen Unternehmenshierarchie würde teilweise der Markt treten, die Zahl der Hierarchiestufen könnte reduziert werde, die traditionelle Ausgrenzung der Belegschaft von den Managemententscheidungen würde abgebaut werden und die Zahl der Menschen, die an Entscheidungen beteiligt sind, wüchse enorm. Die Menschen kämen verstärkt in die Lage, ihre Probleme selbstbestimmt lösen zu können (und zu müssen). Sie könnten direkt das Ergebnis ihrer eigenen Entscheidungen und ihrer eigenen Tätigkeit erfahren, was u. U. auch die Arbeitsproduktivität erhöhen könnte. Gleichzeitig könnten sich die Unternehmen rascher an geänderte Marktbedingungen anpassen. Die Einstellung von weiterem Personal würde erleichtert werden. Die Intrapreneur-Gruppen könnten zusätzliches Personal aus ihrer eigenen Nachbarschaft rekrutieren, wobei eine Querverbindung zur oben erwähnten Peer Group Betreuung hergestellt wäre. Ausbildungsmängel ließen sich durch Studienzirkel beheben. Der Einsatz von I&K-Technologien ist bei Intrapreneur-Gruppen eine Selbstverständlichkeit, müssten sie sich doch an einem globalen Markt orientieren.

Schlussbemerkung


1  Diese Aktivität war Teil einer Antwort auf ein weltweites Preisausschreiben unter dem Titel:  “Men’s work – tomorrow”, das von FUTUROSCOPE, einer Art Disneyland für die Zukunft, von Poitiers, Frankreich, aus veranstaltet wurde. Unsere Arbeit war einer der beiden Gewinner (siehe das Gesamtergebnis unter http://members.chello.at/gre/fleissner/documents/work/work.pdf). 

2  siehe das Arbeitspapier von Lars Karlsson, Study Circles, IPTS Seville, Spain 2000.

3 Siehe z.B. Wintersberger, H.: "Arbeitsmedizin in Italien - und in der BRD?" in: Opitz, N. (Hrsg.): Unsere tägliche Gesundheit. Krankheit und Industriegesellschaft, Berlin 1981; Dörr, Gerlinde, und R. Klautke, Gesundheitsinteresse und Industriearbeit, Aspekte der italienischen Arbeitermedizin, Wissenschaftszentrum Berlin 1981; Wintersberger, H. (1988). Arbeitermedizin in Italien. Eine Kulturrevolution im Spannungsfeld von Arbeit und Gesundheit. Berlin: Sigma.