Publikation Geschichte Hitlers Volksstaat, oder: Horkheimer, übermalt

Rezension zu Götz Aly: Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus, S. Fischer Verlag Frankfurt am Main 2005

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Autorin

Dietz-Verlag,

Erschienen

August 2005

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publiziert in: Des Blättchens 8. Jahrgang (VIII) Berlin, 18. Juli 2005, Heft 15Wer vom Kapitalismus nicht reden will, der sollte vom Faschismus schweigen, sinnierte einst der heute dem Vergessen anheimfallende Max Horkheimer und gab damit der 68er Generation eines ihrer wichtigsten Stichworte. Geht es nach dem fast 60jährigen Historiker Götz Aly, dem in der akademischen Wissenschaft trotz eines beeindruckenden wissenschaftlichen Werkes nie dauerhaft ein Platz eingeräumt wurde, soll nun die Formel lauten: »Wer von den Vorteilen für die Millionen einfacher Deutscher nicht reden will, der sollte vom Nationalsozialismus und vom Holocaust schweigen.«
Zum Mut, offen gegen Horkheimer zu opponieren, reicht es bei ihm allerdings nicht. Denn nur wer Horkheimers These kennt – und das sind in der nachwachsenden Generation von Jahr zu Jahr immer weniger –, kann sie wiedererkennen. Götz Aly zieht es vor, den Bildungsbürger zu geben und so für Uneingeweihte in seiner Polemik unkenntlich zu bleiben; quasi »übermalt« er Horkheimer.
Doch das Positive zuerst: Auch wenn die Aly eigene, methodisch in der Tradition des Vulgärmarxismus zumeist monokausal vorsichhinspulende Argumentation zuweilen etwas einfältig anmutet, ist diesem Holocaust-Forscher ein großer Wurf gelungen. Dort, wo er bei den Fakten bleibt, beweist er, wie die Naziführung auch nach der restlosen Zerschlagung der legalen deutschen Arbeiterbewegung nie die Angst vor der Arbeiterschaft loswurde und sich deshalb deren Wohlwollen erkaufte.
Daß bis Anfang 1945 die Versorgung der deutschen Bevölkerung auf einem für Kriegszeiten überraschend hohen Niveau gewährleistet werden konnte, ist selbst historisch wenig  Beleckten bekannt; daß dafür ganz Europa ausgeraubt wurde, bestreiten nur Ignoranten; daß der auf der »Herrenmenschenseite« einsortierte Arbeiter deutlich besser als im Ersten Weltkrieg lebte, ist auch kein Geheimnis; daß der Haushaltstag 1943 eingeführt (und 1991 wieder abgeschafft) wurde, ebenfalls nicht; daß in der DDR bis zum Ende beim Grundbedarf die sozialverträglichen Preise von 1944 galten, erst recht nicht (außer vielleicht für Aly, der zumindest weder Haushaltstag noch staatliches Preisdiktat erwähnt); daß die deutschen Soldaten lange Zeit die Wehrmacht als Dampfer auf großer Butterfahrt erlebten, wußten wenigstens schon immer jene Deutsche, die in der Schule unausweichbar mit Brechts »Soldatenweib« »indoktriniert« worden waren; daß das Eigentum der Juden seinen Weg in die Haushalte nichtjüdischer Nachbarn gefunden hatte, wußten nicht nur diejenigen, die in den sechziger oder siebziger Jahren einmal einen Abendbrottisch in indigniertes Schweigen versetzt hatten.
Aly stellt – und das ist neu – zwischen alledem den Zusammenhang her und zeigt, wie im Zusammenspiel zwischen Naziführung und den »unpolitischen Fachleuten« der Ministerialbürokratie Teile der Kriegsfinanzierung durch die Ausplünderung der europäischen Juden und danach aller anderen unterworfenen Europäer (die Dänen ein wenig ausgenommen) auf das perfideste organisiert worden waren. Auch wenn nicht alle seine Berechnungen der Überprüfung standhalten und er schon mal Milliarden mit Millionen verwechselt – Alys Leistung besteht darin, das Puzzle in seinen Umrissen erkannt zu haben. Götz Aly hat – so, wie es aussieht – das, was für viele Forscher über Jahrzehnte hinweg nicht zusammenpassen wollte, an vielen Stellen erstmals historisch getreu zusammenfügt. Dieses Wissen wird von nun ab bleiben; dahinter wird künftig schwerlich zurückzugehen sein. Und, das sei fairerweise auch erwähnt: Für Forschungen über die Arbeiterschaft in Ost und West nach 1945 hat Aly mindestens eine neue Tür aufgestoßen.
Trotzdem hat Götz Aly eine große Apologie des Kapitalismus verfaßt. Ihm gelingen Sätze wie: »In der Höhe dieses Betrages muss von staatlicher und gesellschaftlicher, nicht jedoch von privatwirtschaftlicher Ausbeutung und Vorteilsnahme gesprochen werden.« Gemeint sind die durch den NS-Staat veruntreuten Sparguthaben der sowjetischen Zwangsarbeiter. Das Interessante an dieser Aussage ist: Für sich genommen ist an ihr gar nichts zu bemängeln – außer daß bis auf diesen, die Privatwirtschaft völlig unmotiviert in und gleich wieder aus dem Spiel bringenden Satz die Zwangsarbeiterausbeutung, die durch die private deutsche Rüstungswirtschaft betrieben wurde, im übrigen Text nur noch in einer schon peinlich berührenden, weil ausschließlich relativierenden Passage erwähnt wird.
Ansonsten kommt die private Wirtschaft bei Aly fast durchgängig als Opfer der nationalsozialistischen Rüstungspolitik daher: Weil sie und die Hausbesitzer im Unterschied zur den unteren zwei Dritteln der Gesellschaft während des Krieges hart besteuert worden und ihnen von ihren Gewinnen kaum etwas geblieben waren. Aly verwendet in diesem Zusammenhang allen Ernstes das Wort Sozialismus. Während des Ersten Weltkrieges hätten die kleinen Leute die Zeche bezahlt, im Zweiten Weltkrieg seien es die Juden, die anderen europäischen Völker und die »Wohlhabenden« in Deutschland gewesen. Alys unmißverständliche Botschaft: Kapitalismus ist, wenn der Arbeiter mehr Steuern zahlt als der Unternehmer; Sozialismus ist, wenn die Verhältnisse umgekehrt sind. So klug und differenziert Aly auch sonst analysiert und argumentiert – kommt er auf das Kapital, wird es beinahe zu einer Beleidigung für den Intellekt. Mehrwert ist für ihn ausschließlich Gewinn; daß Mehrwert zuerst und oft vollständig in die Akkumulation und nicht in den Gewinn fließt, hat Götz Aly, dem ansonsten sein (Vulgär-)Marxismus aus allen Knopflöchern schimmert, plötzlich vergessen.
Nach den akkumulationsarmen zwanziger Jahren hatten die Aufrüstung und der Zweite Weltkrieg der deutschen Wirtschaft einen gewaltigen Akkumulationsschub beschert und trotz Bombenkrieg die Kapitalbasis in einem solchen Ausmaß verbreitert, daß Deutschland in Europa wirtschaftlich zur uneinholbaren Nummer 1 hatte werden können. Zumindest in seinem westlichen Teil, wo Demontagen kaum stattgefunden hatten, war der Kriegsverlierer Deutschland ab 1950 – als der Koreakrieg die USA zwang, den Weltmarkt freizugeben – dank der Weltkriegsinvestitionen und aufpoliert durch den Marshallplan in einen langfristigen Nachkriegsaufschwung gestartet. Dies war im wesentlichen ein Resultat der Industriepolitik der Naziführung gewesen, die mit hohen Gewinnsteuern weniger den Kriegshaushalt hatte füttern als die Motivation für (Kriegs-)Investitionen stärken wollen – eine Politik, die dem deutschen Kapital anders als im Ersten Weltkrieg gestattete, wirtschaftlich gestärkt aus einer Niederlage hervorzugehen.
Bei Aly zu alledem: nichts. Nutznießer des Nationalsozialismus waren in seiner Lesart vorrangig die Arbeiter, »die Millionen einfacher Deutscher«. Angesichts dieses Zynismus möchte man selbst zynisch werden und das Bundesverdienstkreuz am Bande sowie eine Ehrenpension des Bundesverbandes der Deutschen Industrie anregen. Da man sich damit jedoch auf Alys Niveau begeben würde, halte ich mich vorerst – bis Götz Aly etwas Intelligenteres für einen Freispruch des deutschen Kapitals von seiner Ausplünderung Europas dank der Hilfe der Nazis einfällt – lieber weiter an den unverdächtigen Antikommunisten Horkheimer: Wer vom Kapitalismus nicht reden will, der sollte vom Faschismus schweigen.

Götz Aly: Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus, S. Fischer Verlag Frankfurt am Main 2005, 445 Seiten, 22,90 Euro.