Publikation Staat / Demokratie - Globalisierung Aufhören, den Kapitalismus zu machen

von John Holloway, aus der Beilage der Ost-West-Wochenzeitung "Freitag" zum Kirchentag 2005

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Erschienen

Mai 2005

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Wir haben unterschiedliche politische Perspektiven, wir haben unterschiedliche Vorstellungen von politischer Praxis und Organisierung und vielleicht auch von der Art Gesellschaft, die wir gerne erschaffen würden. Was haben wir gemein? NEIN. Unser NEIN gegen die existierende Gesellschaft. Das ist nichts Kleines und Unbedeutendes. Unser NEIN ist eine Wut, ein rasender Zorn, eine tiefe Überzeugung, die uns eint. NEIN zum Neoliberalismus, NEIN zum Kapitalismus, NEIN zum Krieg, NEIN zur Zerstörung der Menschheit. Unser NEIN muss der Ausgangspunkt für unser Nachdenken über Bündnisse sein.

Dies ist ein sehr dringliches NEIN. Wir sind Lemminge, die auf eine Klippe zueilen. Die Menschheit befindet sich auf einem Weg, der direkt zu ihrer eigenen Selbstzerstörung hinführt. Die Selbstvernichtung der Menschheit wird mit jedem Tag wahrscheinlicher: durch den Krieg, durch die Zerstörung der Umwelt, durch die vom Neoliberalismus erzeugte Misere und Armut und Krankheit und Gewalt. Die einzige Möglichkeit, die bleibt, ist NEIN zu sagen, sich zu verweigern: „Nein, wir werden diesen Weg zu unserer Selbstzerstörung nicht beschreiten“. Nicht: „wir sollten vorsichtiger oder langsamer gehen, oder wir sollten lieber auf der linken Seite statt der rechten fahren“, sondern einfach NEIN.

NEIN ist auch das Geheimnis unserer Stärke. Diejenigen, die herrschen, sind immer abhängig von denjenigen, die beherrscht werden. Die Kapitalisten können ohne ihre Arbeiter keinen Profit machen, die Generäle können ohne ihre Soldaten keinen Krieg führen, die Präsidenten und Premiers können nicht ohne ihre Untergebenen herrschen. Wenn der Knecht nein zum Herrn sagt, dann ist der Knecht kein Knecht mehr und der Herr kein Herr mehr: beide beginnen, Menschen zu werden. Wenn die Soldaten nein zu ihren Generälen sagen, dann sind die Soldaten keine Soldaten mehr und die Generäle keine Generäle mehr. Wenn die Arbeiter nein zu ihren kapitalistischen Bossen sagen, dann sind die Arbeiter keine Arbeiter mehr und die Kapitalisten keine Kapitalisten mehr. Allen diesen Menschen, die uns herumkommandieren wollen, die uns sagen wollen, was wir tun sollen, würde bewusst, dass sie von uns abhängig sind, und dass es sich nicht andersherum verhält. Wir sind stärker als wir denken.

Zuerst also ein NEIN: Streik, Meuterei, Boykott, Ungehorsam, Verweigerung. Das NEIN ist, was uns gemein ist, das NEIN ist dringlich, das NEIN ist die Quelle unserer Stärke.

Wir machen den Kapitalismus. Wenn der Kapitalismus heute existiert, dann nicht deswegen, weil er im achtzehnten oder neunzehnten Jahrhundert erschaffen wurde, sondern weil er heute erschaffen wurde, weil wir ihn heute erschaffen. Wenn wir ihn morgen nicht erschaffen, wird er morgen nicht existieren. Wir neigen sehr häufig dazu, andere dafür verantwortlich zu machen – die Imperialisten, die Amerikaner, Bush, die Kapitalisten – aber wenn wir sie dafür verantwortlich machen, dann stellen wir uns in der Rolle der Opfer dar und wenn wir Opfer sind, dann sind wir unfähig, die Dinge zu ändern: wir müssen jemand darum bitten, es für uns zu tun. Aber es sind nicht sie, die den Kapitalismus erschaffen, wir sind es, die ihn erschaffen. Und wenn wir die Kraft haben, ihn zu erschaffen, dann haben wir auch die Kraft aufzuhören, ihn zu erschaffen. Nur wenn wir uns unserer Verantwortung bewusst werden, vermögen wir auch unsere Stärke zu verspüren.

Die Frage der Revolution ist folglich nicht: „Wie zerstören wir den Kapitalismus?“, sondern, „Wie hören wir auf, den Kapitalismus zu erschaffen?“ Dies löst die Probleme nicht, aber es ermöglicht uns eine andere Form des Nachdenkens über die Veränderung der Welt.

Zuerst einmal verändert es die Zeit. Die Frage dreht sich nicht um den Aufbau für die Revolution in der Zukunft (die Schaffung von Bündnissen), sondern darum, wie hier und jetzt gehandelt werden kann, um den Kapitalismus zu zerbrechen, um jetzt aufzuhören, ihn zu erschaffen.

Zum zweiten konzentriert es unsere Aufmerksamkeit auf die Verweigerung. Es gilt jetzt, keine Zeit zu verlieren. Wir müssen verweigern und alles unternehmen, damit diese Verweigerung effektiv wird. Unsere ganze Geschichte ist eine Geschichte der Verweigerungen – eine Geschichte der Streiks, der Meutereien, der Boykotte, der Weigerung, Schulden zu zahlen, des Sich-Entfernens von denjenigen, die uns herumzukommandieren versuchen. Häufig wurden diese Verweigerungen einfach als Mittel eingesetzt, um eine Akzeptanz zu besseren Bedingungen auszuhandeln – z.B. Streiks für höhere Löhne – aber nicht immer. In den letzten Jahren hat es eine ganze Reihe von Aktionen gegeben, um Vetos gegen die neoliberale Entwicklung einzulegen, häufig mit Erfolg und häufig in einem sehr großen Rahmen (z.B. Bolivien im Oktober 2003). Wie machen wir diese Verweigerungen effektiver, wie verweigern wir, nicht um bessere Bedingungen auszuhandeln, sondern um zu verhindern, dass wir zur Zerstörung der Menschheit hingetrieben werden?

Drittens leben wir nicht in einer Welt, in der es eine große Verweigerung gibt. Vielmehr gibt es Millionen von Verweigerungen, Millionen von Menschen, die jeden Tag NEIN sagen oder schreien, die sagen, NEIN, wir werden nicht zulassen, dass das Kapital unsere Leben bestimmt, wir werden unsere Leben in der Weise gestalten, die wir als notwendig oder wünschenswert erachten. Manchmal sind diese Weigerungen so klein, dass sogar diejenigen, die daran beteiligt sind, sie nicht als Verweigerungen wahrnehmen, aber häufig sind es kollektive Projekte, die nach einem alternativen Weg voran suchen und manchmal sind sie so groß wie der lakandonische Dschungel oder der argentinische Aufstand von vor drei Jahren oder die Revolte in Bolivien. Diese Verweigerungen können als Fissuren, als Risse im System kapitalistischer Herrschaft betrachtet werden. Der Kapitalismus ist kein, zumindest nicht in erster Linie, ökonomisches System, sondern ein Herrschaftssystem. Durch das Geld beherrschen die Kapitalisten uns, sagen uns, was wir zu tun haben. Sich weigern zu gehorchen, heißt die Herrschaft des Kapitals zu brechen. Die Frage ist für uns folglich, wie wir diese Verweigerungen, diese Risse im Gewebe der Herrschaft vervielfältigen und ausdehnen.

Anders ausgedrückt, geht die Revolution notwendigerweise von den Zwischenräumen aus: die Ausweitung der Risse oder Spalten in der Struktur kapitalistischer Herrschaft. Jede dieser Spalten ist zuerst ein Ort der Verweigerung, aber es ist auch ein Ort der Erschaffung, ein Ort, an dem wir unsere eigene kreative Macht und unseren eigenen Drang zur Selbstbestimmung entwickeln. Die NEINs beinhalten viele Jas, viele unterschiedliche Jas, die experimentell in verschiedene Richtungen drängen. Es sind Vorwegnahmen, jedoch keine Denkformen, die sich an Angelpunkten ausrichten. Der utopische Stern einer anderen Gesellschaft existiert selbstverständlich für alle von uns, aber wir haben ganz unterschiedliche Weisen, diesen Stern zu sehen, und zu versuchen ihn zu erreichen. Wenn wir versuchten, diese Erkundungen in eine Richtung zu kanalisieren, hieße das, ihnen Gewalt anzutun. Wir sollten natürlich diskutieren und kritisieren, aber es ist wichtig, dass die Welt, die wir erschaffen möchten, eine Welt ist, die viele verschiedene Welten enthält.

Wenn wir über Bündnisse und Zusammenarbeit reden wollen, dann sollten wir uns auf das Negative konzentrieren, auf unsere Verweigerung, auf die praktische Organisierung, wie wir ein Ende setzen können: der Regierung Bush, dem Krieg, der Umweltzerstörung, kurz der gegenwärtigen Erschaffung des Kapitalismus. Aufhören, den Kapitalismus zu machen und dabei gleichzeitig eine andere Welt erschaffen, eine Welt vieler Welten.

Vortrag, gehalten auf dem World Social Forum in Porto Alegre, Februar 2005.

Übersetzung: Lars Stubbe (22.4.05)