Publikation Geschichte Russische und deutsche Historiker diskutierten über die Rolle der Frau im Krieg

Rund 50 Wissenschaftler beteiligten sich an der Konferenz in Wolgograd, die einen bis heute weitgehend unbeachteten Aspekt des 2. Weltkriegs untersuchte. Konferenzbericht von Peter Linke, Moskau

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Peter Linke,

Erschienen

Mai 2005

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Für den 12. und 13. Mai hatte die Universität Wolgograd gemeinsam mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung sowie dem Deutschland-Institut der Russischen Akademie der Wissenschaften zu einer wissenschaftlichen Konferenz zum Thema „Die Frau im Krieg. 1941 – 1945. Russland und Deutschland“ nach Wolgograd geladen. Gekommen waren über 50 Historiker, Pädagogen, Aspiranten und Studenten aus Russland, Deutschland und Italien.

Nach einleitenden Bemerkungen von Dr. Evelin Wittich, Geschäftsführerin der Rosa-Luxemburg-Stiftung,  Dr. Sergei G. Sidorow, Prorektor für wissenschaftliche Arbeit der Universität Wolgograd, sowie Prof. Dr. Jakow S. Drabkin, Kriegsteilnehmer und Nestor der russischen Deutschlandforschung näherten sich die Anwesenden in vier Sektionen dem Thema der Konferenz, das nach allgemeiner Meinung einen Aspekt des 2. Weltkrieges berührt, der bis heute weitgehend unbeachtet geblieben ist.

In Sektion 1 „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ spürten  Andrea Moll, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Museums Berlin-Karlshorst, sowie Dr. Marina Rossi, Dozentin der Universität Triest, dem Schicksal weiblicher Militärangehöriger im Spannungsfeld zwischen männlichem Heldenkult und realer Kriegspraxis nach.

Eine Vorstellung, wie vielschichtig das Thema „Frauen und Krieg“ ist, vermittelte insbesondere

Sektion 2 „An der Front und im Hinterland: Russland“. Während Prof. Dr. Nina E. Waschkau von der Wolgograder Universität unter der Überschrift „Ohne Schuld schuldig“ über Leben und Überleben russlanddeutscher Frauen in Stalins Arbeitsarmee referierte und ihre Kollegin Prof. Dr. Nadeschda W. Kusnezowa über das schwere Los der Frauen im sowjetischen Dorf der unmittelbaren Nachkriegszeit berichtete, erinnerte Irina S. Petrowa, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Staatlichen Archivs des Wolgograder Gebietes, an die Verdienste Stalingrader Schauspielerinnen bei der Truppenbetreuung und beim Wiederaufbau.

Deutschen Kriegserfahrungen war Sektion 3 „An der Front und im Hinterland: Deutschland“ gewidmet. So erzählte Dr. Erika Richter aus Meschede über „Die Kriegsjahre in Deutschland am Beispiel von Frauenschicksalen im Sauerland“, gab Dr. Barbara Diestel , Leiterin der Gedenkstätte Dachau, einen beklemmenden Überblick über „Frauen in nazistischen Konzentrationslagern“, reflektierte  Dr. Marianna B. Kortschagina vom Moskauer Institut für Allgemeine Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften in bewegenden Worten über „Frauen im organisierten Widerstand“.

Turbulent gestaltete sich Sektion 4 „Gedächtnisarbeit“. In seinem Vortrag „Zwischen Forschung und Popularisierung. Die Ausstellung ´Mascha, Nina, und Katjuscha´ im Museum Berlin-Karlshorst“ machte Museumsleiter Dr. Peter Jahn auf Möglichkeiten und Grenzen moderner Museumsarbeit aufmerksam. Lora F. Petrowa, Hauptarchivarin des Wolgograder Museumskomplexes „Die Schlacht von Stalingrad“ zitierte aus Briefen von Wehrmachtsangehörigen und deren Verwandten. Auf großes Interesse stieß Klaus Maiwald, Lehrer aus Bückeburg, der sehr engagiert über eine „Spurensuche vor Ort am Beispiel der sowjetischen Zwangsarbeiterin Maria Arbenina (St. Petersburg)“ berichtete. Auf Widerspruch hingegen stieß die These Prof. Dr. Alexander I. Borosnjaks von der Staatlichen Pädagogischen Universität Lipezk, ohne „biographisches Erinnern und Lernen“ sei die Geschichtswissenschaft zum Untergang verurteilt: Geschichte, so mehrere Konferenzteilnehmer, sei stets mehr als induviduell erinnerte Geschichten, insbesondere, wenn daran mehrere Generationen beteiligt seien.

Die Konferenz endete mit einem Runden Tisch Wolgograder Geschichtslehrer und Studenten der Philosphischen Fakultät zum Thema „Die Bewahrung der historischen Erinnerung. Die Kriegsthematik in russichen und deutschen Schülerarbeiten“ sowie einem Gespräch mit der Wolgograder Künstlerin Nadeschda E. Tschernikowa, die als Zeitzeugin in sehr persönlichen Zeichnungen und Gemälden den Horror von Stalingrad festgehalten hat.