Publikation Nachhaltigkeit als Politische Ökologie

Eine Kontroverse über Natur, Technik und Umweltpolitik. von Hanna Behrend, Peter Döge Manuskripte 12 der RLS

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Reihe

Manuskripte

Autor/innen

Peter Döge, Hanna Behrend,

Erschienen

Februar 2001

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Eine Kontroverse über Natur, Technik und Umweltpolitik. von Hanna Behrend, Peter Döge

Manuskripte 12 der RLS

Inhalt

Editorial

Kapitel I: Was ist Natur? Verhältnis des Menschen zur Natur und ökologische Folgen

Kapitel II: Kapitalismus-, Industrialismus- und Technikkritik

Kapitel III: Stillstand in der Umweltpolitik, Suche nach alternativer Technik

Kapitel IV: Nachhaltigkeit und patriarchal-kapitalistisches Gesellschaftssystem

Kapitel V: Nachhaltigkeit als politische Ökologie

Literaturverzeichnis

Editorial

„Nachhaltigkeit als politische Ökologie“ behandelt ein unverzichtbares Thema. Unverzichtbar, weil, wenn es uns um eine menschenwürdigere Zukunft geht, zu dieser ein neues Natur- und Umweltverständnis gehört. Ein sinnvolles „gutes Leben“, an dem alle Menschen, gleich welcher Klasse, Ethnie, welchen Geschlechts und Alter, in welchem Teil unserer Erde lebend, teilhaben können, erfordert eine gesunde, vielfältige und unzerstörte Umwelt unter menschen-, tier- und pflanzenfreundlichen Bedingungen. Dem würden vermutlich die meisten Menschen zustimmen. Weniger einig dürften sie allerdings darüber sein, wie dies herbeizuführen wäre und wie eine Umweltpolitik, die uns dieser Vision näher bringen könnte, aussehen müsste.

Eine wichtige Voraussetzung, um sich darüber ein kompetentes Bild zu machen, ist unserer Auffassung nach die Kenntnis der bisherigen umweltpolitischen Überlegungen, Visionen, Argumentationen, Programme. Als wir diesen Text planten, wollten wir zunächst eine Darstellung der bisherigen umweltpolitischen Vorstellungen und Überlegungen vorlegen.

Bald wurde aber klar, dass jeder solcher Abriss vor allem die Auffassungen und Überzeugungen des Autors über das von ihm/ihr favorisierte Umweltkonzept präsentieren würde. Dieses stünde dann als die Antwort auf bisher keineswegs endgültig geklärte Fragen unwidersprochen im Raum. Da kam uns der Einfall, die Überlegungen des Autors zum Thema Nachhaltigkeit als politische Ökologie in einem Dialog den Zweifeln, Einwänden und Entgegnungen einer Gesprächspartnerin gegenüberzustellen. Ein fiktiver Briefwechsel schien uns ein geeignetes Medium für diese Debatte, die dem Leser/der Leserin die Problematik des Themas und seine vielen widersprüchlichen Facetten zeigen sollte.

Es ergab sich, dass sich zwei Gesprächspartner für unser Projekt fanden, wie sie nicht unterschiedlicher sein könnten: Sie repräsentieren bereits in ihren Personen wesentliche soziale Differenzen unserer Zeit: Geschlecht, Alter, soziale, regionale und politische Herkunft.

Peter Döge, geboren im Jahr des Berliner Mauerbaus 1961 in Bayern, ist ein „Neuberliner“ aus dem Westen. Er ist promovierter Politologe, schon als Student politisch engagiert in der Friedens- und Umweltbewegung und speziell aktiv in der Forschungs- und Technologiepolitik. Als kompetenter Kenner nicht nur der (west)deutschen Ökologiebewegung, sondern auch der umweltpolitischen- und theoretischen Fachliteratur, der seine ökologischen Überzeugungen auch lebt, stellt er die Umweltbewegung, ihre Vorkämpfer und Visionen in seinen Briefen vor.

Hanna Behrend, einer Generation zugehörig, die Heimatverlust und Emigration kennenlernte und in der Ostzone und späteren DDR eine Heimat fand, dort studieren konnte, aber auch die Ambivalenzen des realsozialistischen Regimes gegenüber WestemigrantInnen erlebte, hat Jahrzehnte lang StudentInnen englische Sprache und Literatur gelehrt. In den 80er Jahren erweiterte sie ihr interdisziplinäres Forschungsprojekt zum Thema „Englische und irische Arbeiterliteratur“ zu einem, das feministische Studien und die Literatur ethnischer Minderheiten einschloss. Trotz kritischer Distanz zu vielen Erscheinungen in  der DDR blieb sie dem Sozialismus-Experiment bis zu dessen Scheitern treu. In der Wendezeit, für sie eine Zeit der Hoffnungen, Illusionen und des Bilanzziehens, engagierte sie sich im UFV (Unabhängigen Frauenverband) und ist bis heute auch noch mit dem ZiF (Zentrum für interdisziplinäre Frauenforschung an der Humboldt-Universität) verbunden. Wie Peter Döge ist auch sie publizistisch und als Vortragende sowie als Seminarleiterin tätig.

In unserem Dialog, den wir auch als ein Beispiel politischer Kultur im Umgang mit Meinungsverschiedenheiten und inkompatiblen Auffassungen vorstellen wollen, haben wir nicht jede Meinungsverschiedenheit „ausdiskutiert“, sondern bestimmte, uns weniger bedeutsam vorkommende Differenzen stehen gelassen. Trotz wesentlich unterschiedlicher Auffassungen über unser Thema gibt es, wie wir am Schluss formulieren, auch entscheidende Übereinstimmungen: Wir sind beide überzeugt davon, dass ein gesellschaftlicher Wandel, der diesen Namen verdient, also ein grundlegender Umbau unserer patriarchal-kapitalistischen Gesellschaft in Richtung auf ein sinnvolles, existenzsicherndes, angstfreies Leben für alle Menschen unverzichtbar ist und dass der Schutz unserer natürlichen Umwelt ebenso dazu gehört wie ein Ende der Diskriminierung und Verfolgung von Menschen wegen ihrer Klasse, ihres Geschlechts, ihrer ethnischen, nationalen, religiösen oder anderen sozialen Zugehörigkeit.

Unser Konsens erwächst aber auch aus unserer Zuversicht, dass die Menschen potentiell imstande sind, eine solche Veränderung zu bewirken. Wir erhoffen uns Leserinnen und Leser, die sich wie wir mit den divergierenden Standpunkten zum Thema aktiv auseinandersetzen und sich ihre eigene Meinung dazu bilden und die aber auch, bei allen Differenzen im einzelnen und vielleicht sogar in wichtigen Teilfragen einen gemeinsamen Nenner mit unseren Absichten im Bemühen um produktive, menschenfreundliche Veränderung finden können.

Peter Döge, Hanna Behrend