Publikation Bildungspolitik - Gesellschaftstheorie Kultur, Macht, Politik

Perspektiven einer kritischen Wissenschaft. Zweites Doktorandenseminar der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Oktober 2003. Manuskripte 51 der RLS

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Reihe

Manuskripte

Autor/innen

Katrin Schäfgen, Hella Hertzfeldt,

Erschienen

Juli 2004

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Perspektiven einer kritischen Wissenschaft. Zweites Doktorandenseminar der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Oktober 2003.

von Hella Hertzfeldt, Katrin Schäfgen (Hrsg.)

Manuskripte 51 der RLS

Vorwort

Kunst und Kultur sind in unserem täglichen Leben in unterschiedlichsten Formen allgegenwärtig: als Literatur, Film, Werbung, Architektur. In diesen werden sie zwar wahrgenommen und rezipiert; theoretisch hinterfragt oder auf ihr politisches Potenzial hin analysiert werden sie jedoch im Alltagsleben i.d.R. nicht. Diese Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur stellte den Focus des zweiten Doktorandenseminars der Rosa-Luxemburg-Stiftung dar.

Im Oktober 2003 stellten 11 Stipendiatinnen und Stipendiaten der Stiftung ihre Dissertationsprojekte zu diesem Themenschwerpunkt vor und zur Diskussion. Die Ergebnisse dieses Seminars liegen nun in diesem Band vor, der nicht nur die unterschiedlichen Themen, sondern auch die unterschiedlichen Be- und Verarbeitungsstufen und Herangehensweisen verdeutlicht.

Den Auftakt bildet Guido Brendgens mit seiner Frage nach demokratischer und antidemokratischer Architektur und welche Kriterien dafür anzulegen sind. Eine Beantwortung dieser Frage schließt für ihn die Berücksichtigung des gesellschaftlichen Kontextes und die Nutzung der Gebäude ein, also eine Abkehr von abstrakten Prinzipien und eine Hinwendung zu konkreten Inhalten. Mit künstlerischen Äußerungen anderer Art im öffentlichen Raum befasst sich Nicole Grothe. Sie untersucht die InnenStadtAktionen der Jahre 1997/98, die sich als künstlerische Kritik und künstlerischen Widerstand auf neoliberale Umstrukturierungsprozesse in den Städten verstanden. Dabei geht sie auch der Frage nach, wie es um die angestrebte Vernetzung und Zusammenarbeit von künstlerischen und politischen Zusammenhängen steht.

Um Räume geht es bei Tobias Pieper auch, jedoch um soziale Räume. Der soziale Raum, den er im Fokus seiner Analysen hat, ist das dezentrale Lagersystem zur Unterbringung von Flüchtlingen. Unter Verwendung Bourdieuscher Kategorien, wie z.B. kulturelles Kapital, beleuchtet er das historische Werden des dezentralen Lagersystems und seine ökonomischen Wirkungen.

Sind bürgerliche Kulturidee und sozialistische Gesellschaftskonzeption miteinander vereinbar, so wie es sich Thomas Mann erhofft hatte? Diesem Problem geht Thomas Schubert nach, der sich mit der Gedankenwelt von Rudolf Bahro beschäftigt und zu der Schlussfolgerung kommt, dass Bahros Synthese zwischen deutscher Klassik und Marxismus zu einer politischen Romantik führte.

Mit der modernen Liedkultur Frankreichs und ihrer identitätsstiftenden Funktion befasst sich Annika Runte in ihrem Beitrag. Sie zeigt auf, inwieweit sich im modernen Lied Spuren von Brechung, Transformation bzw. Dekonstruktion eines homogenen Kulturbegriffes nachweisen lassen. Irina Neumann hat sich eine weitere Kunstgattung zum Gegenstand gemacht: die Literatur und hierbei im Speziellen die Kriminalliteratur Lateinamerikas. Sie verdeutlicht die Affinität des Genres zu visuellen Medien im lateinamerikanischen Kontext. Der Rückgriff auf Visualisierungstechniken, die Ähnlichkeiten zu Filmen aufweisen, stellt den Versuch dar, das literarische Genre Kriminalroman zu „lateinamerikanisieren“- so ihr Fazit.

Das gedruckte Wort steht ebenso bei Petra Schilling im Mittelpunkt ihres Textes. Sie gibt einen Überblick über die Diskurse zum Holocaust in den deutschen Printmedien in den 90er Jahren. Beginnend mit einem historischen Abriss des Diskurses in der Bundesrepublik in den 80er Jahren zeigt sie den Zusammenhang mit der Problematik der nationalen Identität vor dem Hintergrund der Vereinigung der beiden deutschen Staaten auf. Stefanie Holuba beschäftigt sich mit dem Lachen, auf den ersten Blick einen ungewöhnlichen Gegenstand sozialwissenschaftlicher Untersuchungen. Sehr anschaulich verdeutlicht sie den Platz des Lachens in der Rhetorik und insbesondere in der Politik.

Wie eng das Medium Film mit gesellschaftlichen Ereignissen zusammenhängt, verdeutlichen die Beiträge von Tobias Nagl und Nancy Cheng. Tobias Nagl untersucht in seinem Beitrag anhand des Films „Die schwarze Schmach“ das Zusammenspiel zwischen nationalistischen und rassistischen Gebaren in Folge der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg. Die Besetzung des linken Rheinufers durch französische Soldaten, von denen eine Vielzahl aus Nordafrika stammte, wurde zu einem rassistischen Propagandafeldzug genutzt. Am Beispiel der Figur des Rambo aus dem gleichnamigen Film dechiffriert Nancy Cheng die Konstruktion von Männlichkeit im Hollywood Film der 80er Jahre. Sie zeigt dabei auf, wie das Vietnam-Trauma des verlorenen Krieges positiv umgedeutet wird.

Werbung als Gegenstand zeithistorischer Forschung wird von Klaus Melle untersucht. Dabei geht er auf die Beantwortung folgender Fragen mit Hilfe von Beispielen aus der unmittelbaren Nachwende-Werbung ein: Inwieweit werden in der Werbung zeithistorische Zusammenhänge und gesellschaftliche Stimmungen reflektiert? Können aus ihr Rückschlüsse auf kollektive Denk- und Verhaltensweisen einer Gesellschaft gezogen werden?

Der abschließende Beitrag fokussiert die Kulturpolitik der EU. Christina Schlich untersucht die kulturpolitischen Dimensionen in der EU und schlägt dabei den Bogen von den Diskussionen im Konvent bis zur Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik. Dabei wird die Sprachenfrage in der EU genauso angesprochen, wie das Thema Kultur und Erweiterung, wo es nach wie vor großen Handlungsbedarf gibt.

Die einzelnen Texte verdeutlichen die unterschiedlichen Herangehensweisen an die einzelnen Bereiche des Feldes Kultur und dessen vielfältige  Definierbarkeit, gleichwohl wird das Einigende, Gemeinsame klar: „Kultur ist Kommunikation: eigenständige, nie endende Dynamik von Zuschreibungen, Auslegungen und Repräsentationen.“ (Beitrag von Annika Runte, S. 97)

Hella Hertzfeldt, Katrin Schäfgen, Juni 2004

Inhalt

Vorwort

1. Kunst, Kultur und Gesellschaft

GUIDO BRENDGENS: Macht versus Mensch. Versuch einer Abgrenzung antidemokratischer von demokratischer Architektur

NICOLE GROTHE: InnenStadtAktion! Neoliberale Stadtpolitik, politische Kunst und Möglichkeiten der Intervention im „öffentlichen“ Raum

THOMAS SCHUBERT: Rudolf Bahro: Eine Kreuzung von deutscher Klassik und russischer Revolution?

TOBIAS PIEPER: Die Lebensrealität von Flüchtlingen in der BRD – Anwendungsmöglichkeiten der Kategorien Bourdieus

2. Sprache, Literatur und Kommunikation

ANNIKA RUNTE: Identitätsdiskurse im massenmedialen Lied: Konstruktion, Brechung und Transformation kultureller Identitätsmodelle in Texten zeitgenössischer Popmusik (in Frankreich)

IRINA NEUMANN: Kriminalliteratur in Lateinamerika – Besonderheiten aus der Perspektive visueller Medien

PETRA SCHILLING: Der Holocaust-Diskurs in den deutschen Printmedien der 1990er Jahre. Zur konstruktiven Verfertigung von Vergangenheit im Schreiben STEFANIE HOLUBA: Der Mensch kann nicht nicht kommunizieren. Das Lachen in der Rhetorik

3. Film und Werbung

TOBIAS NAGL: „Die Wacht am Rhein“: „Rasse“ und Rassismus in der Filmpropaganda gegen die „schwarze Schmach“ (1921–1923)

NANCY CHENG: Man in the Making und die Lust am Actionkörper. Sylvester Stallone in „First Blood“

KLAUS MELLE: Werbung als historisches Zeitdokument? Wirtschaftskommunikation zur deutschen Einheit im Spannungsfeld deutsch-deutscher Befindlichkeiten

4. Perspektiven der EU-Kulturpolitik

CHRISTINA SCHLICH: Kulturpolitische Perspektiven der Europäischen Union: die Rolle von Kultur im Europäischen Reformprozess

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