Publikation Nachhaltige Annäherungsversuche

„Globalisierung und nachhaltige Entwicklung: wissenschaftliche Grundlagen und Probleme der Bildung” Russisch-deutsches Seminar am 10. und 11. Februar 2004 in Moskau

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Erschienen

Januar 2005

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Thema

„Globalisierung und nachhaltige Entwicklung: wissenschaftliche Grundlagen und

Probleme der Bildung”

Russisch-deutsches Seminar am 10. und 11. Februar 2004 in Moskau

Was passiert eigentlich zum Thema Nachhaltigkeit in Russland? Wer beschäftigt sich dort mit dieser Entwicklungsperspektive? Welche Theorien, Erfahrungen und Probleme gibt es diesbezüglich?

Zur Beantwortung dieser Fragen trugen zwei sehr Interessante und diskussionsreiche Tage in Moskau bei. Dort haben wir (die Teilnehmer der deutschen Delegation) eine Reihe von namhaften russischen Natur- und Gesellschaftswissenschaftlern kennen gelernt, die sich mit dem Thema Nachhaltigkeit befassen. Die Mehrzahl der Wissenschaftler dort waren Mitarbeiter und Dozenten der Akademie für den öffentlichen Dienst unter ihnen auch drei Duma-Abgeordnete und wissenschaftliche Berater des russischen Präsidenten Putin.

Die Beiträge, sowohl der deutschen als auch der russischen Konferenzteilnehmer, waren eine ausgewogene Mischung aus wissenschaftlich-theoretischen Grundlagenreferaten einerseits und Berichten zur praktischen „Nachhaltigkeitsarbeit” sowie deren Erfolge und Probleme aus deutscher und russischer Sicht andererseits.

Die dargelegten wissenschaftlichen Theorien boten umfangreichen Nährboden für Diskussionen unter den Teilnehmern des Seminars. Es wurde deutlich, dass Nachhaltigkeit und Globalisierung zwei Seiten einer Medaille sind: Komplex, sich gegenseitig bedingend und beeinflussend. Nur während die Globalisierung offenbar ein der gesellschaftlichen Entwicklung des Menschen immanenter Vorgang ist - Prof. A.D. Ursul, Präsident der Russischen Akademie für den öffentlichen Dienst, sprach in diesem Zusammenhang vom „Streben der Menschen nach Einheit, der Herausbildung einer einheitlichen Zivilisation” - ist Nachhaltigkeit ein dazugehöriges Erfordernis, welches erst in der aktuellen Phase, der zielgerichteten Globalisierung, zutage tritt. Prof. Ursul betrachtet die Prozesse der Globalisierung in seinem Referat zum Thema „Globalisierung, nachhaltige Entwicklung, Bildung” in drei Phasen: Von der spontanen, über die zielgerichtete hin zur nachhaltigen Globalisierung. Damit setzt er voraus, dass wir hier gesellschaftlich und politisch steuerbare Prozesse vorfinden. Hingegen spricht Joachim Spangenberg, Vizepräsident des Sustainable Europe Research Institute (SERI) und Mitglied der deutschen Delegation, von Nachhaltigkeit als „evolutionären Begleitprozess” und damit von einer nicht vorhersehbaren Entwicklung. Dass derartig kontroverse Thesen für eine unheimlich spannende Diskussion sorgten, kann man sich sicher vorstellen.

Weiterhin ging es im „Theoretischen Diskurs” um Themen wie „Probleme der Moral in der Bildung für nachhaltige Entwicklung;” (Dr. sc. phil. B.I.Koslow) „Philosophische Probleme der nachhaltigen Entwicklung"(Dr.sc.phil. W.A.Los) oder „Weltanschauliche Stabilität und Bildung”.

Besonders interessant war auch der Beitrag von Dr.sc.geog. Prof. K.S.Lossew, sich zu den Zusammenhängen von Bildung, Gesetzgebung und internationalen Abkommen im Hinblick auf nachhaltige Entwicklung äußerte. Prof. Lossew eröffnete sein Referat mit der Aussage, das der Mensch gegenwärtig eine Wirtschaftsweise betreibt, die im Klartext bedeutet: „Krieg gegen alles, was uns umgibt”. Er sprach über Kompromisse, Konsens und Lobbyismus und wie dadurch wissenschaftliche begründete Gesetzesvorschläge letztendlich „verwässert” werden. Durch die Darstellung dieses Problems anhand des konkreten Gesetzgebungsverfahren in Russland wurde deutlich, dass es sich hierbei keineswegs um ein ausschließlich russisches Problem handelt. Die Mechanismen von Lobbyismus und des Ausgleichs von Interessenkonflikten Im Gesetzgebungsprozess wirken in allen Ländern. Sie sind nur unterschiedlich stark ausgeprägt und mehr oder weniger transparent, stellen aber insgesamt ein ernstzunehmendes Hindernis für die Durchsetzung nachhaltiger Politik dar.

Wir haben viel über ökologische Probleme in Russland erfahren, und das es heute eine „Ökomafia” in Russland gibt, welche gerade dabei ist, die Position Russlands als „Klimastabilisator” (Sauerstoffproduktion der Wälder anteilig nirgendwo so hoch wie in Russland) durch Raubbau an Wald- aber auch Tierbeständen stark gefährdet. Auch zu Fragen der Vereinbarkeit bzw. Nicht-Vereinbarkeit von Weltraum- und Luftfahrtaktivitäten und nachhaltiger Entwicklung wurde referiert und diskutiert (Dr. tech. S.W.Kritschewskij).

Auch wenn die bis dato beschriebenen Probleme die Chancen für eine nachhaltige Entwicklung in Russland gegenwärtig noch sehr gering erscheinen lassen, so überraschten uns doch zwei sehr konkrete und positive Maßnahmen in Sachen Nachhaltigkeit: In der Russischen Akademie für den öffentlichen Dienst werden obligatorisch Seminare zu Nachhaltigkeit durchgeführt und „Beamten- bzw. Offiziersüberhänge” werden zum Thema Umweltschutz weitergebildet und eingesetzt.

Die deutschen Teilnehmer haben versucht, durch ausgewählte Themen und Beiträge den russischen Partnern ein vielfältiges Bild zum Stand des Nachhaltigkeitsdiskurses in Deutschland zu geben. Evelin Wittich, Mitglied des geschäftsführenden Ausschusses der Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS), gab einen Einblick in die Arbeit einer links ausgerichteten politischen Stiftung in Deutschland. Ihre Ausführungen zielten speziell auf die Bildungsangebote und -anforderungen zum Thema Nachhaltigkeit ab und versuchten die Frage zu beantworten, warum es aktueller denn je ist, sich mit sozialen Fragestellungen im Kontext ökologischer und ökonomischer Zusammenhänge auseinander zu setzen.

Kerstin Schmidt, Mitglied im Gesprächskreis Nachhaltigkeit der RLS und im Vorstand der GRÜNEN LIGA Berlin, stellte ergänzend bzw. demgegenüber dar, wie sich eine auf das Thema Umwelt und Ökologie ausgerichtet Organisation des Themas Nachhaltigkeit angenommen hat und damit auch stärker soziale und ökonomische Aspekte in die klassische Umweltarbeit aufgenommen wurden.

Arnold Fuchs, Abteilungsleiter Integrierter Umweltschutz und nachhaltige Entwicklung im Umweltministerium Mecklenburg-Vorpommern, schließlich belegte sehr anschaulich die Nachhaltigkeitsarbeit einer ostdeutschen Landesbehörde und bekam neben staunenden Blicken auch umfangreiche Nachfragen seitens der russischen Konferenzteilnehmer.

Klaus Meier, Bereichsleiter in der RLS, sprach zum Thema „Generationengerechtigkeit – Schlüsselbegriff für alternative demokratische Globalisierung” und kam somit auf eine der Kernfragen nachhaltiger Entwicklung zu sprechen.

Joachim Spangenberg (SERI) begeisterte gleichermaßen deutsche und russische Anwesende mit seinen Ausführungen zu Nachhaltigkeit und Institutionalisierung/Administration. . . Er baute seinen Vortrag auf eine im Nachhaltigkeitsdiskurs oft vergessene, aber umso wichtigere 4. Dimension auf: Die institutionelle, welche ebenso unmittelbar wie die ökologische, die ökonomische und soziale Komponente in einer zukunftsfähigen Entwicklung zu berücksichtigen ist.

„Ich befürchte nicht den Untergang der Menschheit sondern eher den Untergang der uns so lieb gewordenen Zivilisationsform”

Mit diesem Zitat von Joachim Spangenberg möchte ich den Bericht über eine „voll gepackte” spannende und Informative Veranstaltung schließen. Das Thema und die damit verbundenen Fragen, Thesen, Probleme etc. sind derart vielfältig, dass dieses Seminar auch wirklich nur ein erster „Annährungsversuch” sein konnte.

Damit aus einer Veranstaltung für Nachhaltigkeit auch eine Veranstaltung mit Nachhaltigkeit wird, gibt es sowohl auf deutscher als auch auf russischer Seite konkrete Überlegungen für eine weitere Zusammenarbeit.

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