Publikation International / Transnational Was ist eigentlich kurdisch? Zu Fragen des ethnischen Bewusstsein in der kurdischen Diaspora

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Erschienen

Juli 2000

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Es redet sich schnell daher, wenn man kaum etwas von den Selbstbildern anderer Völker weiß und sich aufgefordert fühlt, aus politischen oder anderen Gründen dennoch Meinungen zu äußern.

Zur kurdischen Frage haben die Medien jahrelang schlechte Vorarbeit geleistet. Magere Sachkenntnisse werden zusätzlich vereinseitig, Mitleid für Giftgasopfer oder Angst vor PKK-Terror emotionalisiert, Information bleibt aus.

Ausgesprochen vielschichtig, kompetent und anregend daher der Vortrag von Birgit Ammann, die ihre Gedanken zu kurdischer Identität zu einer Dissertationsschrift fügte (demnächst gedruckt zu erwerben.) Ihre forschende Neugier, das Erlernen der kurdischen Sprachen und Lebensweisen sowie ausgedehnte Reisen in kurdische Siedlungsgebiete waren dabei von unermesslichem Wert.

In Deutschland leben heute, so Amman, weit mehr als eine halbe Million Kurden, rund die Hälfte aller im Verlauf der Jahrzehnte nach Westeuropa geflüchteten oder als Arbeitsmigranten eingewanderten. Laut Auskunft des zuständigen Bundesamtes wäre in Deutschland nahezu jeder dritte der kürzlich registrierten Flüchtling kurdischer Herkunft, allein 50-70 000 irakische Kurden kamen von 1994 und 1996. Heute identifizierten sich auch türkische Kurden zunehmend ethnisch, ein Vorgang, der früher wegen der drohenden Verfolgung unvorstellbar war. Die kurdische Diaspora, so Amman, sei aber trotz ihrer Brisanz bis heute wissenschaftlich kaum erforscht. Das europäische, auch das deutsche Kurdenbild werde stattdessen durch allianzpolitische Loyalitäten und die Medien vereinseitigt, die staatenübergreifende Zusammengehörigkeit trotz unterschiedlicher Herkunftsländer (Türkei, Syrien, Iran und Irak) kaum oder nur negativ wahrgenommen.

Amman sprach von der Besonderheit kurdischer Ethnizität trotz des fehlenden Nationalstaats, von Kultur, Sprachen, Fahnen, Geschichte, Abstammung, Mythen und Herkunftslegenden. Begriffe hoher Symbolkraft schaffen auch hier Zusammengehörigkeit, so der Traum einer “Heimatregion” Kurdistan, die sich real über vier Staaten erstreckt und seit dem elften Jahrhundert ein Gebiet ohne klare Grenzen ist. Auch die Suche nach einem begründenden antiken Kulturvolk verbinde. In der neueren Geschichte werde das gemeinsame Leid der Verfolgung und Unterdrückung in allen Herkunftsländern zur Basis der Tradierung von Ethnizität für nachfolgende Generationen. Sprache ist stets Identitätskriterium, und so suchten türkische, arabische und persische Wissenschaftler den Nachweis, dass kurdisch Dialekt oder Pidgin ihrer Sprachen sei. Identitätsbindende Funktion haben auch der Nationalfeiertag Newroz und die Märtyrer, die heimlichen Hauptstädte Diyarbakir, Sulaymania, Mahabad. Amman sprach ausführlich über das Fehlen einer gemeinsamen Religion. Kurden sind meist sunnitische Muslime, linken Kurden in der Diaspora gilt der Islam als reaktionär und dem Kurdentum widersprechend, doch Islamisierungstendenzen machen sich auch hier bemerkbar. Zunehmend werde nun die yezidische Religion als ursprüngliche Religion aller Kurden betrachtet. Die Yeziden wurden von Muslimen Jahrhunderte lang schwer verfolgt, teilweise ähnlich erging es den Aleviten in der Türkei.

Die kurdische Diaspora-Gemeinschaft hat sich eine europaweite Struktur geschaffen. Schon vor der Anwerbung türkischer Arbeitskräfte durch westliche Industrieländer organisierten kurdische Studenten aus der Türkei, Syrien, dem Irak und Iran sich auf ethnischer Basis. 1956 wurde in Deutschland die KSSE (Kurdish Students Society in Europe) gegründet. Aufgrund hoher Bildung und eines souveränen ethnischen und politischen Selbstbewusstseins wurde daraus die Keimzelle für weitere Organisationen, auch wenn ethnische Unterschiede damals kaum thematisiert wurden. Migrierende Kurden kamen meist als Türken nach Europa, aus einem Land, in dem ihre Muttersprache verboten und ihr Selbstbewusstsein weitgehend zerstört war, um die Lebensbedingungen zu verbessern. Als am Beginn der 70er Jahre die Anwerbung von ausländischen Arbeitnehmern europaweit eingestellt wurde, war auch für Kurden legal nur noch der Weg über Familienzusammenführung offen - oder das Asylverfahren. Birgit Ammann sprach auch von der Vernetzung parteipolitisch gebundener Organisationen, von Kulturzentren, Frauengruppen, Kindertagesstätten, Jugendfreizeitstätten, akademischen Zirkeln, Künstlervereinigungen, Verlagen, Medienbetrieben, die kurdische Interessen wahrnehmen und als politische Artikulatoren in Europa fungieren. Lehre, Forschung, Sprachkurse, Museums- und Ausstellungsarbeit, Filme, Lesungen und Konferenzen sind dabei Mittel zur Artikulation. (Parteigebundene) Fernsehsender, Rundfunkprogramme und das Internet kommen dazu. Diese Öffentlichkeits-, Informations- und Bildungsarbeit verbindet sich teilweise mit der Forderung nach Anerkennung als eigenständige Volksgruppe mit entsprechenden Rechten in den Aufnahmeländern sowie mit der Mobilisierung unpolitischer beziehungsweise assimilierter Kurden. Zu Konflikten in und mit den europäischen Staaten führt die aktive Unterstützung des politischen Kampfes in den Herkunftsregionen.

In den meisten großen Städten der alten Bundesrepublik und in Berlin gibt es heute eine breite kurdische Infrastruktur, zu der soziale Beratung, Selbsthilfeorganisationen, Männercafés mit Kartenspiel, Geschäfte, Ärzte, Lokale gehören. Kurdische Konzerte, Feste und Konferenzen sind informell und erfolgreich, die erweiterte Familie hat nach wie vor einen hohen Wert.

Die Antwort auf “Was ist kurdisch?” ist demnach vielschichtig und verändert sich. Überlappungen sind die Regel. Kurden können sich zugleich als Muslime, Yezide oder Atheisten, als Deutsche oder Syrer beschreiben, sie müssen nicht in kurdischem Gebiet von kurdischen Eltern stammen und kurdisch als Muttersprache sprechen oder kurdische Politikansätze verfolgen. Auch ihre Ethnizität wird je nach Umgebung und Situation mobilisiert oder verleugnet, immer wieder entstehen Konkurrenzen der einzelnen Identitätskriterien und Loyalitäten untereinander.

In der Diskussion wurden zahlreiche kurdische Selbstverständlichkeiten nachgefragt, spielte u.a. der Vergleich von kurdischer und jüdischer Identität eine Rolle, nicht nur wegen des Diaspora-Begriffs, sondern auch, weil heute in Israel etwa 150 000 bis 200 000 Nachfahren von Kurden aus verschiedenen Herkunftsregionen auch als Juden und Israelis leben.

Das Thema jüdische Identität wird Gegenstand einer Debatte im September sein.