Publikation Ungleichheit / Soziale Kämpfe - Wirtschafts- / Sozialpolitik Gedanken zum Problem Gesundheit und Altern

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Juni 2002

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Konferenz: Sirenen der Ökonomie. Am 21. und 22. Juni 2002 in Hamburg

Vorangestellt sei: Es geht bei diesem Thema um die Umsetzung der WHO-Strategie: Gesundheit für Alle, um die Erhaltung und Verbesserung der Chancengleichheit und sozialen Gerechtigkeit für alle Bevölkerungsschichten und Generationen. (Einschließlich der in Deutschland lebenden Ausländer!) Die Senioren sind allerdings durch den Zusammenhang zwischen Altern und der Zunahme von chronischen Krankheiten und Multimorbidität besonders stark von der Zugänglichkeit und Qualität des Gesundheitswesens sowie der solidarischen Finanzierung abhängig.

  1. Das Menschenrecht eines jeden auf das für ihn erreichbare Höchstmass an Gesundheit muss endlich wie die Menschenrechte auf Arbeit, auf Wohnen als Grundrecht in das Grundgesetz der BRD aufgenommen werden. Diese bundesdeutschen Defizite gegenüber dem völkerrechtsgültigen Menschenrechtskodex müssen endlich bereinigt werden. Das erfordert einen massiven Druck auf die herrschende Politik des Bundes, der Kommunen und Länder.

  2. Erhaltung des solidarischen Charakters der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) und den ungehinderten Zugang zu allen notwendigen wissenschaftlich begründeten Leistungen des Gesundheitswesens. Erhaltung und Verbesserung der Chancengleichheit und soziale Gerechtigkeit. Dazu gehört auch die Bekämpfung von Armut und armutsähnlichen u.a. sozialen Einschränkungen als wesentlichen Risikofaktor für Gesundheit. Obwohl häufig bestritten, gibt es in der Bundesrepublik eine Altersarmut. Diese findet man besonders bei alleinstehenden Frauen, die keine Witwenrente erhalten. Niedrige aufgefüllte Renten haben seit Jahren keine Anpassung an steigende Lebenshaltungskosten bekommen. Die jährlichen Erhöhungen werden von den Auffüllbeträgen abgeschmolzen. Dadurch kommt es zu einer Nettokürzung gerade der niedrigen Renten mit z.T. erheblichen Einschränkungen besonders im soziokulturellen Bereich sowie zu Billigernährung mit entsprechenden Qualitätsabstrichen. (u.a. Fe, Ca, ausgewählte Vitamine) Psychosomatische Krankheiten können auf dieser Grundlage entstehen, die wiederum zu höheren Kosten und oft Unterversorgung führen. Durch Budgetierungsprobleme bei den Ärzten werden wiederum oft gerade alte, multimorbide Patienten durch die schleichende, verdeckte Rationierung getroffen. Die Beratungs- und Hilfeangebote sind in der Regel auf den gebildeten Mittelstand angelegt, greifen also nicht bei dem in Frage kommenden Klientel. (Es stehen nur 5 DM/Person und Jahr für die Prävention zur Verfügung) Die Lücke in der Chancengleichheit zwischen betroffenen Gruppen und dem Durchschnitt wird weiter vergrößert. Besonders würden und werden sich diese Zustände zuspitzen, wenn die neoliberalen Bestrebungen der FDP, der Unternehmerverbände, der CDU und Teilen der SPD und Funktionären der Ärzteschaft verwirklicht würden, zukünftig die Leistungen der GKV auf eine Basisversorgung einzuschränken und notwendige weitere Leistungen des Gesundheitssystems durch eine private, nur durch die Versicherten selbst finanzierte Zusatzversicherung zu ermöglichen. (Vorschlag orientiert sich an Riesters Neuordnung der Renten) Das Ergebnis wäre ein Mehrklassensystem im Gesundheitswesen mit erheblichen Problemen für viele leistungsschwache Ältere. Für die Zukunft wäre das Anwachsen des Anteils der Rentner mit prekären Einkommen vorprogrammiert mit der Folge einer Erhöhung der Zahl der Sozialhilfeempfänger und des Anstiegs der verdeckten, verschämten Armut.

  3. Die Erhaltung und Förderung eines höchstmöglich selbstbestimmten Lebens mit hoher Lebensqualität erfordert neben einer eigenen gesunden und aktivierenden Lebensführung auch die Gestaltung von gesundheitsfördernden und altersgerechten Lebensbedingungen als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Diese könnte unter der Federführung und Koordinierung des öffentlichen Gesundheitsdienstes und des Sozialamtes im Rahmen eines bestätigten Altenplanes durchgesetzt werden. (Umwelt, Wohnung, Soziokultur) Hier muss der Sozialstaat seiner Verantwortung zur Förderung und Gestaltung von Verhältnissen, die die Gesundheit unter Einbeziehung des sozialen Wohlbefindens erhalten und fördern, gerecht werden. (Stichwort: Verhältnisprävention unter Einbeziehung der natürlichen und sozialen Umwelt im umfassenden Sinne) Dazu gehört aber auch die flächendeckende Absicherung mit Begegnungsstätten und der Zugang zu Mobilität für Gehbehinderte und bei psychischen Beeinträchtigungen.

  4. Die Stärkung des öffentlichen Gesundheitsdienstes für den Ausbau einer gesundheitserhaltenden und -fördernden Medizin und Umwelt sowie als Träger und Koordinator von aufsuchenden Hilfen und Beratungen ist unerlässlich. Zu denken ist z.B. an die Verwirklichung folgender Gesundheitsziele (Versorgungsziele): Sicherung eines möglichst hohen Durchimpfungsgrad für Grippe, Pneumokokken, Hepatitis, Auffrischung Tetanus, Poliomyelitis, etc. Dazu Nutzung der vorhandenen Strukturen wie der Heime und Begegnungsstätten. Aufsuchende Dienste für Hochbetagte. Bekämpfung und Prävention nosocominaler Infektionen in Pflegeheimen und Krankenhäusern. Qualitativer Ausbau des betreuten Wohnen z.B. mit Beratungs- und Behandlungsdiensten für das zunehmende Problem Gerontopsychiatrie. Sensible Beachtung von Schnittstellen zum Übergang zur hausärztlichen Betreuung wie Vorsorgeuntersuchungen: Brustkrebs, Prostata-, Lungen- und Darmkrebs.

  5. Förderung von Strukturen, die über einen Hausarzt des Vertrauens als Partner, Anwalt und Vermittler, den Zugang zu einem integrierten Netz der ambulanten und stationären Versorgung mit den notwendigen Facharztbereichen und den dazugehörigen Hilfsleistungen (Physiotherapie, Psychotherapie etc.) sichern. Für Ältere ist eine solche integrative medizinische Betreuung besonders wichtig weil in der Regel mehrere Krankheiten und Risikozustände (über Facharztgrenzen hinweg) gleichzeitig bestehen: Degenerative Arthrosen, rheumatische Erkrankungen; Osteoporose mit Knochenbrüchen in der Folge von Stürzen; Adipositas, Fettleibigkeit als Risiko für Altersdiabetes II; Herzkreislaufkrankheiten, Infarkt, Schlaganfall; Seh- und Hörstörungen; Gerontopsychiatrische Krankheiten. Für Hochbetagte u.a. Bedürftige sind aufsuchende Dienste bereitzustellen. Integrative Strukturen sind effektiver in einer ergebnisorientierten Medizin und deshalb zu fördern. Weiterbildung und Qualitätskontrollen auf dem Fachgebiet der Geriatrie sind durch Ärztekammern zu intensivieren. Erprobung von Modellen kooperativer Strukturen. (Z.B. Altenhilfestrukturen der Zukunft: Geriatrisches Netzwerk Dresden Nord)

  6. Gerade für Seniorinnen und Senioren mit einem größeren Bedarf an medizinischen Leistungen ist eine Stärkung der Patientenrechte dringend notwendig. Beratung und Mitwirkung bei der Wahl diagnostischer und therapeutischer Verfahren mit Beachtung der konkreten Situation sollten zum Standard eines guten Arzt- Patientenverhältnisses gehören. Patientenverfügungen für die Anwendung oder auch Nichtanwendung von Intensivmedizin und anderen invasiven Therapien sollten für den Fall des Verlustes eigener Entscheidungsfähigkeit vorbereitet werden.

  7. Erhebliche Anstrengungen der Gesellschaft sind notwendig, um für den letzten Abschnitt des Lebens ein Sterben in Würde zu ermöglichen. Gegenwärtig sterben in Deutschland die Menschen überwiegend noch in Krankenhäusern und Pflegeheimen, die in der Regel nicht auf diese Aufgabe eingestellt sind. Von diesen Tatsachen ausgehend ist es dringend notwendig allen Sterbenden in stationären Einrichtungen die Würde für den letzten Abschnitt des Lebens zu gewähren und die dazu notwendigen Voraussetzungen zu schaffen. Für alle, die es wollen, sollte das Sterben in der vertrauten Umgebung der Familie oder unter Freunden ermöglicht werden. Dazu bedarf es des Ausbaus ambulanter für eine humane Sterbebegleitung qualifizierter Dienste. Die Hospizbewegung ist ein Anfang, der jedoch nicht ausreicht. Bisher werden weniger als 5 % der Verstorbenen über diesen Weg betreut. Die Ergänzung durch nichtkirchlich gebundene Dienste sowie insbesondere die flächendeckende Förderung der Palliativmedizin sollte zügig vorangebracht werden. Bewährte Modelle bedürfen politischer Entscheidungen zu einer breiten Anwendung. (Z.B. Support Göttingen: Krebs im Endstadium. Die Finanzierung über die Kassen ist seit 2002 geregelt.)