Publikation Geschichte - Rosa Luxemburg Rezension zu Manfred Scharrers Buch: "Freiheit ist immer ..." - Die Legende von Karl und Rosa

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August 2002

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Rezension zu Manfred Scharrers Buch:
"Freiheit ist immer ..."
Die Legende von Karl und Rosa
TRANSIT Buchverlag Berlin 2002, 186 SeitenDas Endes des staatlich institutionalisierten Kommunismus in Osteuropa zwingt zur kritischen Bestandsaufnahme all dessen, was von den Vordenkern des Kommunismus seit Marx und Engels gedacht und getan wurde, um den Sozialismus Realität werden zu lassen. Wenn die Stimme der marxistischen Linken künftig wieder Gewicht und politischen Einfluss erhalten soll, muss sie schonungslose Kritik an sich selbst üben, ebenso schonungslos wie dies Rosa Luxemburg nach dem Zusammenbruch der II. Internationale am 4. August 1914 für die Sozialdemokratie gefordert hatte.

Wer als Insider Manfred Scharrers "Büchlein" zur Hand, den Titel zur Kenntnis nimmt und das Cover betrachtet, ist zunächst distanziert. Hier ist Autor und Verlag ein Irrtum unterlaufen: Der Dame neben Karl Liebknecht ist zwar einige Ähnlichkeit mit Rosa Luxemburg nicht abzusprechen, sie ist es aber nicht. Böse Zungen behaupten sogar, der Verlag habe, nicht zuletzt weil dem SPIEGEL zuvor der gleiche Fauxpas unterlaufen war, um die Fälschung gewusst, sie aber - mangels anderer Fotos - billigend in Kauf genommen.

Karl Liebknecht war nie so umstritten wie Rosa Luxemburg. Er war der Mann der unermüdlichen Antimilitarismus-Propaganda, der Jugendbewegung, der Ankläger des Rüstungskapitals, der mutige Verneiner des Krieges am 2. Dezember 1914 im Reichstag und am 1. Mai 1915 auf dem Potsdamer Platz, der Mitbegründer der KPD, das symbolische Opfer der Konterrevolution. Das Bild von Rosa Luxemburg hingegen ist viel differenzierter und widersprüchlicher. Sie war sowohl die schärfste Kritikerin des Revisionismus/Reformismus, des politischen Opportunismus und parlamentarischen Kretinismus als auch der Allmacht des engsten Führungszirkels der Partei und der terroristischen Methoden der bolschewistischen Revolution, zugleich die leidenschaftlichste Befürworterin revolutionärer Massenaktionen und der in den europäischen Revolutionen 1917/18 spontan entstandenen Räte. Ihre Persönlichkeit vereinigte eine Vielzahl von Eigenschaften, mit denen sie sich nicht nur Freunde machte. Erst nach Rosa Luxemburgs Märtyrertod erkannten ihre politischen Freunde und geistigen Erben die Bedeutung ihrer Person und rezipierten ihre Biografen das, was sie in der jeweiligen politischen Situation für relevant hielten, manches nicht ohne ideologische Befangenheit. So entstanden die verschiedenen Rosa Luxemburg-Bilder.

Manfred Scharrer beschreibt diese - allerdings mehr als schlicht und nicht ohne ihnen ein weiteres hinzufügen. Auf nur 186 Seiten, gegliedert in fünf Kapiteln ("Frieden", "Krieg", "Revolution", "Aufstand", "Danach") mit ebenso prosaischen Unterabschnitten analysiert er zuvor das anfangs parallele und später gemeinsame Handeln und Denken dieser beiden Akteure in den wichtigsten politischen Auseinandersetzungen ihrer Zeit. Den Hauptteil des Buches bildet dabei die Entwicklung der beiden Revolutionäre in der Kriegs- und Revolutionszeit 1914 bis 1918/19.

Wenngleich der Autor seine Absicht nicht ausspricht, reiht er sich in die Richtung jener Theoretiker ein, die seit 1989/90 versuchen, den genetischen Code für das Scheitern des Kommunismus zu knacken. Manfred Scharrer hat sich dafür die beiden prominentesten Vertreter der deutschen Linken ausgesucht. Er korrigiert mit seiner Legende die bisherige Sicht auf die antiautoritäre und demokratische Seite Rosa Luxemburgs, und auch Karl Liebknecht wird demontiert - durch die Aufdeckung seiner autoritären Eitelkeit.

Was der Autor von Liebknecht und mehr noch von Rosa Luxemburg zitiert, ist allerdings hinlänglich bekannt. Sie bejahte die Diktatur des Proletariats, sah in der demokratischen Republik lediglich die Zwischenstation auf dem Weg dorthin, verstand Reformen nur als Teilschritte auf dem Weg zur Revolution und vertrat ihre Ansichten mit Unerbittlichkeit bis zum Bruch persönlicher Beziehungen.

All das konnte man schon in der Edition ihres Werkes nachlesen, die nahezu vollständig noch vor dem Fall der Mauer östlich der Elbe vorgelegt wurde. Diese Edition ermöglichte es jedem Erdenbürger egal welcher Überzeugung, sich ein Urteil zu bilden und dabei festzustellen, dass Rosa Luxemburg keine Patin der bürokratischen Funktionärshierarchie der kommunistisch regierten Staaten war. Darin besteht bis heute das große Verdienst dieser international anerkannten Werk- und Briefausgabe.

Daran ändert auch nichts der von Scharrer bemängelte Umstand, dass der berühmte Satz von der Freiheit des Andersdenkenden lediglich in einer Fußnote auftaucht. Das leuchtet jedem sofort ein, der Rosa Luxemburgs Manuskript wirklich gesehen hat. Im übrigen darf bezweifelt werden, ob es in absehbarer Zeit eine andere, gar bessere Ausgabe geben wird. Jüngere Ergebnisse der Luxemburgforschung, auch selbstkritische Stellungnahmen zum Umgang mit dem Thema bleiben von ihm völlig unbeachtet.

Die zentrale Botschaft Manfred Scharrers lautet: Beide (Rosa & Karl) machten ihren Standpunkt, nicht ohne persönliche Eitelkeit, zum Maßstab für ihre überhebliche und die eigenen Genossen verletzende Bewertung der Politik. Moralische Denunziation als Verräter und Feigling habe diejenigen getroffen, die nicht ihre Meinung teilten. Mit ihrer Kompromisslosigkeit ("Kampf bis aufs Messer" - Karl Liebknecht) und ihrer alternativlosen Gesellschaftskonzeption ("Entweder oder" - Rosa Luxemburg) hätten beide auf die Gewinnung von Mehrheiten und auf praktikable politische Teilerfolge verzichtet und damit ihre Politikunfähigkeit bewiesen. Eine solche Haltung habe zwangsläufig zu putschistischer, terroristischer und diktatorischer Politik geführt.

Liebknecht und Luxemburg stünden damit in der Tradition des Jakobiners Robespierre und des Bolschewisten Lenin, deren terroristische Mittel ihren Zielen jeden Sinn nahmen. Letztlich seien Liebknecht und Luxemburg mit ihren Illusionen hinsichtlich des Massenwillens, den sie aus der von ihnen gedachten geschichtlichen Gesetzmäßigkeit und nicht aus dem tatsächlichen subjektiven Wollen der Massen ableiteten, weit ab von jeder politischen Realität gewesen. Unter Freiheit verstanden sie, wie der Autor suggeriert, allein ihr eigenes Andersdenken. Deshalb mussten sie als kleine intellektuelle egozentrische Minderheit scheitern. Die Revolution 1918/19 habe beide endgültig ad absurdum geführt, weil es nicht die Mehrheit des klassenbewussten Proletariats gab, deren Diktatur über eine kleine Minderheit demokratisch und somit auch mit einer gewählten Nationalversammlung realisierbar gewesen wäre. Die Rätediktatur, für die sich Liebknecht und Luxemburg vehement engagierten und für die sie auch den blutigen Januar-Aufstand in Kauf nahmen, sei Ausdruck des Dilemmas der radikalen Minderheit gewesen, eine Erziehungsdiktatur mit ihrem notwendigen Ausgrenzungskonzept ins Werk setzen zu müssen. Damit hätten sie den von der Französischen Revolution gesetzten Standard unterschritten, den die Sozialdemokratie in ihrem Erfurter Programm mit sozialer Freiheit und Gleichheit ergänzen wollte.

Mit dem Untergang der SED-Diktatur sei Liebknechts und Luxemburgs Weg in die antidemokratische Sackgasse geendet. Historischen Bestand habe deshalb nicht Rosa Luxemburgs Revolutionskonzept vom November 1918, sondern ihre von ihr selbst verratene Freiheitsdefinition.

Diese Sichtweise befindet sich auf dem Niveau des heutigen Zeitgeistes. An einer einzigen Stelle kann Scharrer allerdings zugestimmt werden: in der Aussage, dass Liebknecht und Luxemburg keinen unmittelbaren Einfluss auf den Revolutionsverlauf hatten. Es stimmt, dass diese Revolution von Mehrheitssozialdemokraten, Unabhängigen Sozialdemokraten und Spartakusanhängern gemacht wurde und die Mehrheit der Revolutionäre das sozialistische Konzept Liebknechts und Luxemburgs ablehnten bzw. nicht verstanden.

Doch genau hier ist der Punkt, wo sich Scharrer in den Tatsachen und in seiner Logik verheddert. Warum nur, so fragt man sich als Leser, wurden die beiden zu Symbolfiguren der Revolution und als solche gehetzt und gemeuchelt? Die Gefahr einer bolschewistischen Revolution hatte doch zu keinem Zeitpunkt bestanden!

Die Antwort auf diese Frage ist einfach. Die Alternative 1918/19 lautete nicht Rätediktatur oder Nationalversammlung. Das ist die eigentliche Legende, die mit - wenngleich entgegengesetzten Intentionen - schon von der SED und - in Scharrers Sinne - von der Mehrheit der staatlich finanzierten Geschichtsschreibung bis heute sorgsam gepflegt wird. In Wirklichkeit lautete die Alternative Revolution oder Konterrevolution. Niemand analysierte dies so scharf wie Liebknecht und Luxemburg und demaskierte die "Unaufrichtigkeit der MSPD, die Zerfahrenheit der USPD, die Konzeptionslosigkeit der revolutionären Obleute so hellsichtig und rückhaltlos öffentlich" (Sebastian Haffner). Allein dadurch zogen Liebknecht und Luxemburg die Furcht und den tödlichen Hass der Durchschauten und Bloßgestellten auf sich und standen sie bereits Wochen vor der Bluttat auf der Todesliste.

Die Verwirklichung des Konzepts von Liebknecht und Luxemburg hätte möglicherweise, trotz und wegen ihrer Fehleinschätzungen der konkreten Situation und selbstverständlich im Widerspruch zu ihrem subjektiven Wollen (wie ähnlich radikale Vorstellungen in anderen bürgerlichen Revolutionen auch), zum demokratischen Optimum der Revolution (konsequente Demokratie und weitgehende Kontrolle des Beamten- und Militärapparates durch die sozialdemokratische Regierung) geführt - und nicht zur Restauration der Macht der alten Herrschaftseliten. Das sozialistische Ziel hätten beide allerdings solange hinten an stellen müssen, bis sie dafür eine Mehrheit gefunden hätten. Dies war letztlich der historische Sinn der KPD-Gründung.

"Rosa & Karl" waren Aufklärer, sie waren keine Revolutionäre wie Lenin und Trotzki. Manfred Scharrer macht jedoch aus beiden Volksverhetzer, die letztlich die Schuld an ihrem Schicksal selbst trugen. Während er aus dem Psychogramm und der Logik der beiden ihr Scheitern ableitet, bewertet er ihre Gegenspieler, deren Charaktere und Antriebe in keinster Weise.

Doch das ist letztlich nebensächlich. Scharrer ist mit seiner - nicht nur wenig originellen, sondern auch hämischen - Philippika angetreten, den eigentlichen Knackpunkt der erzählten Geschichte vergessen zu machen: Die Revolution wurde von disziplinierten, kreativen und sozialdemokratisch geschulten Proletariern getragen, die nicht mehr wollten als eine konsequente Demokratie.

Sie - und viel weniger Liebknecht und Luxemburg - waren die Betrogenen dieser Revolution. Im Bündnis, das die Regierungssozialdemokraten mit dem konterrevolutionären kaiserlichen Militärapparat zur Liquidierung dieser Revolution eingingen, besteht das historische Versagen der Verantwortlichen.

Hierin - und nicht im Handeln von Liebknecht und Luxemburg - liegt das genetische Erbgut für die Katastrophe des 20. Jahrhunderts.

Statt dessen ist Scharrer bemüht, Liebknecht und Luxemburg zu Ahnen des Stalinistischen Terrors zu machen, und bedient so jene, die froh sind, endlich eine Rechtfertigung für das historische Versagen der Regierungssozialdemokraten gefunden zu haben.

Dies ist kein tragfähiger Ansatz für den Umgang mit dem 20. Jahrhundert; hier prostituiert sich Clio lediglich wieder einmal als Hure der Politik. Wer heute das von Ebert/Scheidemann/Noske herbei geführte Ergebnis der deutschen Revolution von 1918/19 als das deutsche Demokratiemodell versteht - und das ist Scharrers Botschaft -, der bleibt unterhalb der Schwelle der französischen Revolution, vom Erfurter Programm ganz zu schweigen.

HARTMUT HENICKE