Publikation Dieter Klein zum 70. Geburtstag

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Autor

Michael Brie,

Erschienen

Oktober 2001

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An der Wand im Arbeitszimmer Dieter Kleins in der Rosa-Luxemburg-Stiftung hängt ein alter Spruch über den chinesischen Reformer und Weisen Konfuzius: "Ist das nicht der, der weiß, dass es nicht geht, und es doch versucht?" Dieter Klein hat vieles gesellschaftlich-politisch versucht, was unmöglich schien, und dadurch manches erreicht, was ohne ihn so nicht geworden wäre.

Seit den sechziger Jahren zumindest stand Dieter Klein für den Versuch, dem Staatssozialismus der DDR humanistische demokratische Reformen abzutrotzen. Dazu musste dieser Sozialismus reformierbar gedacht, musste ihm ein Wesen zugedacht werden, dass es freizusetzen galt gegen alle Erscheinung von Bevormundung, Diktatur, Stagnation und dem Widersinn einer Politbürokratie. Weder Dieter Klein noch andere haben den Sozialismus der DDR überlebensfähig zu reformieren vermocht, aber er hat dazu beigetragen, die Idee eines freiheitlichen und egalitären Sozialismus lebendig zu halten.

Im Jahr der "Wende" hat sich Dieter Klein nicht gewendet, sondern neuen Aufgaben zugewandt. Er hat sich für die Reform der SED eingesetzt und entscheidend das programmatische Profil der PDS geprägt als einer Partei eines modernen demokratischen Sozialismus. Gleichzeitig hat er in vielen Jahren vor 1989 als Prorektor für Gesellschaftswissenschaften der Humboldt-Universität dazu beigetragen, dass diese Universität ein Zentrum weltoffenen demokratisch-sozialistischen Denkens wurde und hat versucht, dieses Erbe durch einen Wandel der Universität zu erhalten. Auch die Förderung der Friedensforschung und die Gründung einer Forschungsgruppe zur Homosexualität gehörte dazu. Diese Versuch haben der Abwicklung nicht standgehalten, aber sein Engagement und seine großen Vorlesungen haben die Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität auch nach der Wende geprägt.

Dieter Klein hat schon früh über die "Chancen für einen friedensfähigen Kapitalismus" (so der Titel eines Buches von ihm von 1987) nachgedacht und solches Denken auch in die Öffentlichkeit der DDR eingebracht. Er hat versucht, Möglichkeiten zu entdecken, die Dominanz der Kapitalverwertung zu überwinden, soziale Gerechtigkeit und Demokratie gegen die Herrschaft von Profit durchzusetzen, die Welt friedlicher zu gestalten. Die Welt führt neue Kriege und gerade deshalb ist jenes Denken aktueller denn je.

Wenn Menschen das scheinbar Unmögliche versuchen und das ihnen Mögliche tun, damit Gesellschaften humaner, gerechter, friedlicher und demokratischer werden, kann man ihre Biographie in diesen Zeitläuften (wie in so vielen der menschlichen Zivilisation) als eine Geschichte des Scheitern lesen. Man kann sich aber auch fragen, wie diese Welt wäre, wenn es diese Versuche nicht gäbe, wenn sich niemand den Mächten von Politbürokratie, Kapital und Militarismus entgegenstellen würde. Man kann sich entsetzt vorstellen, was wäre, wenn niemand menschliche Ansprüche an Gesellschaften stellen würde, um das Unmenschliche an ihnen sichtbar zu machen. "Ohne Visionen", so die jüdischen Weisen, "werden die Menschen wild und wüst." Ohne Dieter Kleins Versuche, immer neue Schritte auszuloten für eine Welt, in der die Menschen frei und gleich leben können, wären viele von uns, die sein Wirken und vor allem seine Güte erfasste, ärmer an Wissen und ärmer an Hoffnung.

Dieser Beitrag erscheint am 26. Oktober 2001 im Neuen Deutschland.