Publikation Demokratischer Sozialismus - Geschichte Auf zum letzten Gefecht? Zur Kritik an Domenico Losurdos Neostalinismus

Utopie Kreativ Heft 118 August 2000

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Reihe

Zeitschrift «Utopie Kreativ» (Archiv)

Autor

Christoph Jünke,

Erschienen

August 2000

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UTOPIE kreativ, H. 118

(August 2000),

S. 778-785Linke, die sich inmitten des neoliberalen Durchmarsches Anfang der neunziger Jahre damit trösteten, daß wenigstens der Stalinismus historisch endgültig passé sei, müssen umdenken. Nicht nur, daß einige stalinistische Reservate im globalkapitalistischen Weltsystem überlebt haben. Auch in der Theorie kann man seit einigen Jahren zunehmend selbstbewußter vorgetragene Diskurse beobachten, die wesentliche Theoreme der alten stalinistischen Weltanschauung aktualisieren und darauf hinauslaufen, den historischen Stalinismus mehr oder weniger unverhohlen zu rechtfertigen.1

Das neueste Kapitel dieser Renaissance hat nun der namhafte italienische Linksphilosoph und Publizist Domenico Losurdo geschrieben. Er wurde für diesen intellektuellen Dienst prompt und sicherlich nicht zufällig von der ostdeutschen Tageszeitung junge Welt belohnt. Als exklusive Vorveröffentlichung einer im Mai im DKP-Verlag Neue Impulse erschienenen Broschüre2 brachte sie Ende März den fast vollständigen Text in einer immerhin siebenteiligen doppelseitigen Serie. Der folgende Text (hier in erweiterter und mit Anmerkungen versehener Fassung) wurde Anfang April als Reaktion auf die Serie in der jungen Welt verfaßt, nicht ohne mich vorher bei der Redaktion zu versichern, daß Kritiken ausdrücklich erwünscht sind. Doch auch nach zwei Monaten konnte sich die Redaktion zu einer Veröffentlichung noch nicht durchringen, da solcherart Kritik, vor allem die darin benutzte Vokabel des (Neo-)Stalinismus, geeignet sei, die Diskussion auf eine vermeintlich schiefe Bahn zu lenken.3

Vorurteilsfreie Selbstkritik wagen?

Schluß machen mit der »Unterwerfung der Opfer unter die Werte ihrer Unterdrücker« möchte Domenico Losurdo in seinem Versuch über »die kommunistische Bewegung zwischen Selbstkritik und Selbsthaß«. Schluß machen mit der »Selbstgeißelung der Linken« und ihrer »Scham« über die in Blut und Enttäuschung getränkte Vergangenheit des ›real existierenden Sozialismus‹.

Mit »radikaler und vorurteilsfreier Selbstkritik« will er gegen den »aufgeblasenen Narzißmus der Sieger« angehen, wie er gleich zu Beginn erklärt, und fordert deswegen autonome Souveränität im Umgang mit Geschichte und Gegenwart ein. Doch ich weiß nicht, worüber ich mehr staunen soll: über den Inhalt von Dome-nico Losurdos Argumentation oder über die Form, mit der er diese vorträgt.

Diktatur, Terror und Verbrechen habe es zwar gegeben im Lande der Oktoberrevolution und in der kommunistischen Weltbewegung, aber jedes diesbezügliche Eingeständnis wird von ihm unmittelbar relativiert mit dem internationalen Kontext eines vermeintlichen »Dritten Weltkrieges«. Auch Bürokratie habe es zwar gegeben, aber deren Fehler, Irrtümer und Verbrechen seien subjektiv bedingt gewesen, »mit der traditionellen Arroganz der Mandarine verbunden«, also Überbleibsel des Alten, nicht Grundlage des Neuen, wie er am chinesischen Beispiel behauptet.

Losurdo beklagt sich darüber, daß man darauf »wetten« könne, daß jeder, der »schüchtern« (also anders als er selbst) versuche, objektive Rahmenbedingungen des postkapitalistischen Sozialismus-Kommunismus zu erforschen, mit dem Vorwurf des Rechtfertigungsversuchs konfrontiert werde. Man wird zwar hellhörig, schließlich war solcherart Objektivismus schon immer das Ein-fallstor des Stalinismus. Doch bei gutem Willen klingt das nicht verkehrt, denn »objektive Rahmenbedingungen« sind bekanntlich nur die eine Seite, können noch immer mit kritischer Betrachtung des Inhalts einhergehen. Was aber, wenn wie bei Losurdo diese kritische Binnenbetrachtung schlicht ausbleibt? Dann bleibt in der Tat nur die Rechtfertigung des Geschehenen mit den nicht selbst verschuldeten objektiven Rahmenbedingungen.

Zu allem Überfluß insistiert Losurdo noch darauf, daß die Marxsche Methode des historischen Materialismus darin zusammengefaßt wird, daß die Menschen ihre Geschichte zwar selbst, aber nicht unter selbst gewählten Bedingungen machen. Was jedoch tut Losurdo? Die in dieser Formulierung enthaltene dialektische Spannung löst er auf, indem er sich im folgenden ausschließlich über die »nicht selbst gewählten Bedingungen« ausläßt. Daß er es mit solch hohler Methodik schafft, einen nicht unerheblichen Teil seines Publikums zu blenden, sagt wenig über seine Geschicktheit aus und mehr über dessen weit verbreitetes Bedürfnis, sich blenden zu lassen …

Die Logik des »Dritten Weltkriegs«

Den Großteil seiner Energie (vier von sieben Kapiteln) verwendet Losurdo darauf, den »Dritten Weltkrieg« zu beschreiben. Dieser war »erbarmungslos«, kannte »keine Regeln« (hier zitiert er einen US-General), »erstreckt(e) sich über den ganzen Erdball und dauert(e) Jahrzehnte«.

Doch in der Nacht sind alle Katzen grau, heißt es. Und genauso ist es mit Losurdos »Dritter-Weltkriegs«-Theorie. Sie ist alles andere als konkret, vermag als homogenisierende Abstraktion realgeschichtlich nicht mehr zu unterscheiden und verunmöglicht damit jede ernsthafte, wissenschaftliche Analyse. Auch der Klassenkampf – um ein anderes methodisches Beispiel zu nennen – ist immer virulent. Mal ist er offener, mal versteckter, mal ist er stärker, mal schwächer. Mal ist das Klassenhandeln der Individuen und Parteien den Herausforderungen angemessen, mal ist es kontraproduktiv. Wir haben also noch nicht viel erklärt, wenn wir konkrete Klassengeschichte auf die allgemeine Tatsache von die Geschichte beherrschenden Klassenkämpfen zurückführen.

Entsprechend ergeht es dem »Dritten Weltkrieg«: Wenn alles abstrakt ein permanenter Krieg war, wie erklärt sich Losurdo dann die konkrete Abfolge von friedlichem Wettbewerb der Systeme in den zwanziger und dreißiger Jahren sowie weitgehend friedlicher Koexistenz während der sechziger und siebziger Jahre? Selbst im ersten Kalten Krieg der fünziger wie auch im zweiten Kalten Krieg während der achtziger Jahre gab es blockübergreifende Zusammenarbeit. Ach ja: In der Nacht sind alle Katzen grau.

Es stellt sich bei diesen methodologischen Ungereimtheiten nicht nur die Frage, was der Aufweis eines vermeintlichen »Dritten Weltkrieges« eigentlich erklären soll? Mehr noch stellt sich die Frage, was dieser Aufweis zu rechtfertigen in der Lage ist? Für Losurdo ist die Sache klar: »Es handelt sich dabei um ein Kräftemessen, das sich letzten Endes (!) auf die Wirtschaft und Politik des feindlichen Landes auswirkt (!), auf seine ganzen (!) inneren Verhältnisse«. Er führt auf diesem Wege den stalinistischen Terror – seine Formulierung des »erst leninsche(n), dann stalinsche(n) Terror(s)« erweist sich als geschickte Homogenisierung – auf den sich weltweit ausbreitenden Totalitarismus zurück und sieht den permanenten Ausnahmezustand im Nominalsozialismus als integralen Bestandteil der »totale(n) Mobilmachung und Gleichschaltung« im »Dritten Weltkrieg« usw. usf. Solcherart von individueller und kollektiver Schuld gereinigt, wird ihm der (natürlich in Gänsefüßchen gesetzte) Stalinismus »mit allen (!) seinen Schrecken ein Kapitel jenes Emanzipationsprozesses …, der das ›Dritte Reich‹ besiegt hat« und den Impuls gab für den Kampf gegen Dekolonisierung, Antisemitismus und Rassismus.

Was ist dies anderes als eine unverhohlene und umfassende Rechtfertigung? Außerdem ist es auch noch falsch. Der Stalinismus hat Emanzipationsprozesse nicht nur nachhaltig blockiert, er hatte auch keinerlei Probleme, wenn nötig, auf Rassismus und Antisemitismus zurückzugreifen und hat selbst seine »Bruderparteien« und Satellitenstaaten in quasi kolonialer Manier gehalten. Und daß ihm das Verdienst des Emanzipationskampfes gegen den Faschismus zufällt, ist sehr zu bezweifeln; erinnert man sich daran, wie er durch seine verheerende Politik zuerst zu dessen Machtergreifung beigetragen und dann den antifaschistischen Kampf seinen diplomatischen Direktiven untergeordnet hat.

Leo Trotzki beschrieb bereits 1939, wie eine souveräne Antwort auf solcherart »Leistung« aussähe: »Wenn einer ein Haus in Brand steckt oder dabei hilft und dann von den 10 Einwohnern des Hauses 5 rettet, um sie zu Halbsklaven zu machen, so ist dies ein geringeres Übel, als wenn alle 10 verbrannt wären. Aber eine Rettungsmedaille hat dieser Brandstifter für seine Tat wohl kaum verdient. Sollte ihm dennoch eine solche Medaille verliehen werden, so wäre er gleich darauf zu erschießen, wie es mit einem Held aus einem Roman von Victor Hugo geschieht.«4

Losurdo wird nicht müde, Stalin und andere mit Roosevelt, Churchill und Co. zu vergleichen und treibt dieses Spiel bis zur zynischen Erbsenzählerei, wer denn schwerwiegendere Verbrechen verübt, wer denn mehr Menschen auf dem Gewissen habe. Und fragt an: »Auf Grund welcher Logik kann man also behaupten, die Verbrechen Lenins und Stalins (man beachte die Gleichsetzung – cj.) seien schlimmer als jene, derer sich Clinton schuldig macht?«

Hier beißt sich die graue Katze schließlich in den eigenen Schwanz: Wenn diese verschiedenen Verbrechen alle Teil eines übergeordneten Ganzen, des »Dritten Weltkrieges«, und insofern alle gleich sind, warum sollen wir uns dann eigentlich dazu durchringen, die »kommunistische« Weltbewegung zu verteidigen, uns als sogar stolzen Teil derselben verstehen? Weil jemand behauptet, gut heiße kommunistisch zu sein? Weil bei den einen das gesellschaftliche Eigentum in der Hand einer staatlichen Bürokratie, während es bei den anderen in den Händen der Bourgeoisie privatisiert ist? Auch darauf wußte schon Trotzki das passende Bildnis zu erwidern: »Wenn ein Dampfer zum Kollektiveigentum erklärt wird, die Passagiere aber nach wie vor in erste, zweite und dritte Klasse eingeteilt werden, so ist offensichtlich, daß für die Passagiere der dritten Klasse der Unterschied in den Existenzbedin- gungen von weit größerer Bedeutung sein wird als der juristische Eigentumswechsel. Umgekehrt werden die Passagiere der ersten Klasse bei Kaffee und Zigarren dem Gedanken huldigen, das Kollektivgut sei alles, die bequeme Kajüte dagegen nichts.«5

Hier sind wir beim Kern der Sache angelangt. Losurdo will die Kommunisten souverän machen, aus ihrer Unterordnung unter die Logik der Sieger befreien. Doch er selbst bindet sich in schlichter Negation unerbittlich an die Logik einer untergegangenen (und in ihren letzten Resten zum Untergang verdammten) bürokratischen Kaste. Die Perspektive mag eine andere sein, die Unterordnung ist dieselbe.

Es läßt sich dabei nicht einmal sagen, daß er sich der Logik der Besiegten unterordnet, denn die bürokratische Kaste ist nur bedingt der Verlierer des »Dritten Weltkriegs«. Nennenswerte Teile derselben haben sich gekonnt in die neuen abhängig-kapitalistischen Verhältnisse gerettet – oder sind dabei, sich gekonnt hinein zu retten. Losurdo vertritt dagegen jene ehemalige Schicht von in tiefster Subalternität verharrenden Linksintellektuellen, die jede Denkdirektive von oben immer geflissentlich befolgt haben. Ein Großteil dieser Schicht hat mit dem Zusammenbruch des Nominalsozialismus jeden ideologischen Halt verloren und hat sich mal mehr, mal weniger der bürgerlichen Logik untergeordnet. Ein kleiner Teil verharrt dagegen in trotzigem ›Jetzt erst recht!‹ und ist auf der Suche nach einem neuen großen Bruder, an den man sich anlehnen kann. Für letztere und gegen erstere schreibt Losurdo. Mit Souveränität, eigenbestimmter Logik oder marxistischem Sozialismus hat dies wenig zu tun.

Die Logik des Sozialismus

Losurdo kommt dagegen zur absurden Konsequenz, die bürgerliche Theorie des nackten »Kampfes ums Dasein« einfach auf die Ebene der Systemauseinandersetzung anzuwenden und sich zustimmend auf Carl Schmitts bürgerlich-reaktionären Souveränitätsbegriff zu beziehen.

In der bürgerlichen Gesellschaft ist die sie zutiefst kennzeichnende Entfremdung eine sich alltäglich reproduzierende. Souveränität erscheint hier einzig als außergewöhnliche möglich, als Souveränität, über den Ausnahmezustand zu entscheiden. Sozialistinnen und Sozialisten dagegen sind souverän, wenn sie es vermögen, mit der bürgerlichen Alltäglichkeit, mit der alltäglichen Entfremdung und den ihnen entsprechenden Denkformen (zumindest partiell) zu brechen. Souveränität hat etwas mit Subjektivität zu tun, doch Losurdos ganzes Sinnen ist in typisch stalinistischer Denktradition auf Objektivitäten gerichtet.

Die Verbrechen Stalins, Pol Pots und all der anderen sind in der Tat schlimmer als die Verbrechen der Bourgeoisie, weil sie – und hier ist die objektive Rechtfertigung für den von Losurdo so beklagten »Verrats«-Vorwurf – im Namen des Sozialismus durchgeführt wurden und weil sie mehrere Generationen von Sozialisten-Kommunisten in Verwirrung und Verirrung getrieben haben. Sie wirkten verheerender, weil die sozialistische Bewegung hier nicht von außen, sondern von innen massakriert wurde.

»Niemand, Hitler inbegriffen, hat dem Sozialismus so tödliche Schläge versetzt wie Stalin. Das ist auch nicht verwunderlich: Hitler hat die Arbeiterorganisationen von außen attackiert, Stalin – von innen. Hitler attackiert den Marxismus. Stalin attackiert ihn nicht nur, sondern prostituiert ihn auch. Nicht ein ungeschändetes Prinzip, nicht eine unbefleckte Idee sind übriggeblieben. Selbst die Worte Sozialismus und Kommunismus sind grauenhaft kompromittiert, seit wildgewordene Gendarmen unter der Titulatur ›Kommunisten‹ ihr Gendarmenregime Sozialismus nennen. Eine abscheuliche Lästerung! Die GPU-Kaserne ist nicht das Ideal, für das die Arbeiterklasse kämpft. Sozialismus bedeutet eine durch und durch transparente Gesellschaftsordnung, die auf der Selbstverwaltung der Werktätigen beruht. Stalins Regime basiert auf einer Verschwörung der Herrschenden gegen die Beherrschten. Sozialismus bedeutet ständig zunehmende Gleichheit aller. Stalin hat ein System abscheulicher Privilegien geschaffen. Der Sozialismus hat die allseitige Entfaltung der Persönlichkeit zum Ziel. Wo und wann wurde die Persönlichkeit so erniedrigt wie in der UdSSR? Der Sozialismus hätte gar keinen Wert, wenn nicht die Menschen miteinander uneigennützig, ehrlich, human umgehen. Stalins Regime hat die gesellschaftlichen und persönlichen Beziehungen mit Lüge, Karrierismus und Verrat durchtränkt. Gewiß, nicht Stalin bestimmt die Wege der Geschichte. Wir kennen die objektiven Ursachen, die der Reaktion in der UdSSR den Weg geebnet haben. Doch nicht zufällig kam Stalin an die Spitze der thermidorianischen Welle. Dem gierigen Appetit der neuen Kaste verstand er unheilvollen Ausdruck zu geben. Er trägt keine Verantwortung für die Geschichte. Aber er trägt die Verantwortung für sich und seine Rolle in der Geschichte. Diese Rolle ist verbrecherisch. Die Maßstäbe des Verbrecherischen sind derart, daß Ekel sich mit Schrecken multipliziert.«6

Wer wie Losurdo das welthistorisch Neue des Sozialismus nicht verstanden hat, wer nicht verstanden hat, daß die sozialistische Umwälzung anders als alle bisherigen Revolutionen nur als eine eminent bewußte und selbsttätige Tat der Bevölkerungsmehrheit gegen eine sie ausbeutende und erniedrigende Minderheit gelingen kann, will sie Ernst machen mit dem emanzipatorischen Ziel einer Aufhebung menschlicher Entfremdung, der versteht auch nicht die historisch neuartige Tiefe der sozialistischen Niederlage. Die Sklaven Roms lehnten sich mit der Macht historischer Fatalität und einer daraus erwachsenden – von Losurdo genüßlich zitierten – barbarischen Grausamkeit immer wieder neu auf, weil sie in der Tat nichts mehr zu verlieren hatten. Auf die modernen Proletarier, die lohnarbeitende Klasse, trifft dies – hier irrte das Kommunistische Manifest – nicht zu. Ihre Entscheidung zum Sozialismus ist nicht die »Freiheit von«, sondern die »Freiheit zu«. Anders können sie gar nicht die ungeheuren Aufgaben in Angriff nehmen, die vor ihnen stehen. Denn Sozialismus baut zwar auf bürgerlich-kapitalistischen Produktionsverhältnissen und Produktivkräften auf. Nichtsdestoweniger ist er ein fundamentaler Bruch mit denselben. Er stellt erstmals den Menschen in den Mittelpunkt von Arbeit und Leben. Und da es einen Zusammenhang zwischen Ziel und Mittel gibt, wird sich der Sozialismus nicht als Hegelsche »List der Vernunft« gegen deren Subjekte durchsetzen lassen. Und weil dies so ist, lassen sich die Verbrechen der »kommunistischen« Weltbewegung auch nicht durch den Vergleich mit den Verbrechen der bürgerlichen Gesellschaft oder durch Vergleiche mit der vorbürgerlichen Geschichte (Christentum, Sklavenaufstände etc.), also mit dem, was Marx und Engels noch als »menschliche Vorgeschichte« ansahen, relativieren.

Daß sich Losurdo von der sozialistischen Idee grundlegend abgewandt hat, zeigt sich, wenn er am chinesischen Beispiel »die Haupt-aufgabe der neuen Volksmacht nach dem Sieg der Revolution« schlicht und einzig darin sieht, »die zurückgebliebenen Produktivkräfte zu entwickeln«7, sprich: in der Erledigung der bürgerlichen Aufgaben. Daß er diese Produktivkräfte als rein technische mißversteht, ist dabei gleichermaßen Ursache wie Folge solch fundamentalen Unverständnisses.

»Das wichtigste Kriterium der Politik ist für uns«, so Trotzki dagegen 1939, »nicht die Umwandlung des Eigentums auf dem einen oder anderen Teilterritorium (oder gleichsam die bloße Entwicklung der Produktivkräfte – cj.), wie wichtig sie an und für sich auch immer sein möge, sondern der Wandel in der Bewußtheit und Organisiertheit des internationalen Proletariats und die Steigerung seiner Fähigkeit, alte Errungenschaften zu verteidigen und neue zu machen. Unter diesem allein entscheidenden Gesichtspunkt und aufs Ganze gesehen ist die Politik Moskaus nach wie vor reaktionär und bleibt das Haupthindernis auf dem Wege zur internationalen Revolution.«8 Unter diesem Gesichtspunkt gesehen prallt der Losurdosche Aufruf zum letzten blinden Gefecht an der Intelligenz und Humanität der Mehrheit derer ab, auf die es ankäme.

Während sich der alte sozialdemokratische Revisionismus den unmittelbaren proletarischen Denkformen anpaßte und Sozialismus als bloße Erweiterung bürgerlicher Demokratie verstand, ordnete der erziehungsdiktatorische Stalinismus den subjektiven Faktor dem von ihm (vermeintlich) erkannten objektiven Weltgeist unter. Drängte die Sozialdemokratie ihre ehemals eigenständige sozialistische Rationalität zurück und ordnete diese zunehmend der herrschenden bürgerlichen Logik unter, so ordnete der Stalinismus die ehemals eigenständige kommunistische Rationalität ihrer politbürokratischen Herrschaftslogik unter.9 Beiden gemeinsam war damit die Abkehr vom Glauben an die Fähigkeit der lohnarbeitenden Klasse zur umfassenden Selbsttätigkeit, die erneute Unter- werfung der Emanzipationssubjekte zu Objekten ihres Herrschaftsanspruchs.

Ein ganzes Kapitel verwendet Losurdo darauf, den Begriff der Implosion des ehemals real existierenden Sozialismus als »völlig ungeeignet« abzulehnen. Ein solcher Begriff ist ihm lediglich »ein apologetischer Mythos des Kapitalismus und Imperialismus«, der den Charakter des »Dritten Weltkrieges« verschleiere. Fällt jedoch eines beim realgeschichtlichen Zusammenbruch der »kommunistischen« Staaten auf, so war es, daß weder die »kommunistischen« Regierungen noch deren Bevölkerungen Widerstand leisteten, der in seiner Intensität auch nur annähernd dem nahekommt, was man bei einem »(Welt-)Krieg« erwarten sollte. Daß dies ein schlagender Hinweis darauf ist, daß dieser Zusammenbruch doch mehr mit inneren als äußeren Faktoren zu tun hat, das kann für Losurdo nicht sein, weil es eben nicht sein soll.

Die Geschichte des Dritten Weges (nicht zwischen Kapitalismus und Sozialismus, sondern zwischen sozialdemokratischem »Sozialismus« und politbürokratischem »Sozialismus«), das was Losurdo unter dem Stichwort »Zurück zu Marx« heftig ablehnt und denunziert, ist der Versuch, einen Maßstab der eigenen Kritik an den genannten Strömungen zu finden, sowie mögliche Hinweise, wie man es anders machen könnte bzw. müßte. Während Trotzkismus, Reformkommunismus, Syndikalismus, westlicher Marxismus, Neue Linke und andere eine neue Synthese von Demokratie und Sozialismus suchten, rief die real-existierende Politbürokratie schlicht ›Glaubt uns, folgt uns, wir werden es schon für Euch richten!‹ und tötete mehr Kommunisten als Hitler. Bei ihrem schließlichen Zusammenbruch ließ sie ihre historischen Errungenschaften einfach fahren, rettete dagegen (soweit wie möglich) ihre Felle ins Trokkene und hinterließ ideologisches Ödland.

Die Logik des Neoliberalismus

Und nun kommt Losurdo (in Kapitel 5 und vor allem 7) und sagt uns: Schuld am ideologischen Kater sind die illusionären Hoffnungen auf menschliche Emanzipation. Putzen wir uns doch einfach, so Losurdo, diese Emanzipationsversprechen als anarchistische von der Backe und erkennen, daß die reale historische Bewegung der marxistischen Theorie überlegen ist. Er singt das bourgeoise Lied von den angeblich eschatologischen Grundlagen des marxistischen Emanzipationsversprechens und heult schließlich mit jenen Neoliberalen, die am Eingang von Dantes Hölle ausrufen: »Ihr, die ihr hier eintretet, laßt alle Hoffnung fahren!«10

Daß mit der sozialistischen Revolution der Staat abzusterben beginnt, und daß in diesem Prozeß sowohl die Klassenwidersprüche aufgehoben, als auch die nationalen, ethnischen und Geschlechterverhältnisse angegangen werden müssen, interpretiert Losurdo umstandslos als »eschatologische Hoffnung auf eine vollständig versöhnte Gesellschaft ohne jegliche Widersprüche und Konflikte«, die »gewiß nicht als eine Theorie der zu errichtenden nachkapitalistischen Gesellschaft betrachtet werden (kann)«.

Welch gnadenlos tragische Ironie, daß der vermeintliche Kämpfer gegen die neoliberalen Sieger nicht nur deren antisozialistische Vorurteile teilt, sondern auch noch deren Kerntheorem reproduziert, wenn er den chinesischen »Marktsozialismus« mit der Aussage verteidigt, es gäbe zu ihm keine Alternative. Losurdo behauptet, daß die chinesische Führung eine »revolutionäre Macht«, daß der staatliche Sektor Chinas »sozialistisch« sei. Demokratie hält er für vernachlässigenswert, weil die »zuvor nie genossenen ökonomischen und sozialen Rechte … ein(en) Emanzipationsprozeß von enormem Ausmaß« in Gang gesetzt hätten. Er sagt uns aber nicht, daß die chinesischen Lohnarbeiterinnen und Lohnarbeiter bestenfalls nominell Eigentümer ihrer Produktionsmittel sind. Er sagt uns nicht, daß sie faktisch keinerlei demokratische Kontrollmöglichkeiten haben über jene Produktionsbedingungen, unter denen sie ausgebeutet werden. Er sagt uns nicht, daß sie keinen Einfluß auf Werksstillegungen und Arbeitsplatzunsicherheit haben, und auch nicht, in welchem Ausmaß gerade Frauen und Wanderarbeiter überausgebeutet und aus dem gesellschaftlichen Produktionsprozeß ausgespuckt werden. Er sagt uns nicht, welche Ausmaße Arbeitslosigkeit und Armut in China angenommen haben und wie sich die Korruption strukturell ausweitet. Er sagt uns nicht, in welch großem Umfang sich die Arbeiter und Bauern im Arbeiter-und-Bauern-Staat mittels Streiks, Bummelei und Sabotage ihrer nackten Haut erwehren. Er sagt uns nicht, wie unabhängige Arbeitergruppen real agieren und von den Hütern des »Sozialismus« mit Terror und Mord überzogen werden.11 Auf innenpolitische Verhältnisse in China geht Losurdo weder hier noch in seiner speziell zu China verfaßten zweiten Broschüre12 ein. Er will uns statt dessen weismachen, daß all dies unsere einzige Alternative zum Kapitalismus sei und daß »eine Reihe von Dingen … neues Licht auf die Ereignisse vom Tien-An-Men werfen«.

Wen will Domenico Losurdo mit all dem eigentlich überzeugen, was ist der kommunikative Sinn seiner Ausführungen? Bestenfalls überzeugt er die eh schon Überzeugten, spendet Trost den Trostlosen. Zur proklamierten Hegemoniebildung kann er damit jedenfalls nicht beitragen. Und wie will Losurdo gegen die die Menschen und die Natur zerstörende und erniedrigende neoliberale Profitlogik ankämpfen, wenn er ein System verteidigt, das in dieser Profitlogik sein einziges Heil sieht und das deswegen auf eine menschliche und ökologische Katastrophe zusegelt, von der wir uns noch gar keinen richtigen Begriff machen können?13

Das theoretische wie praktische Ringen um einen emanzipativen Sozialismus ist kein solches, wenn es erziehungsdiktatorisch daher kommt. Und der theoretische wie praktische Kampf gegen den Neoliberalismus ist kein solcher, wenn er einäugig à la Losurdo geführt wird.

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Christoph Jünke – Jg. 1964, lebt und arbeitet als Historiker und Journalist in Bochum.

Zuletzt: »Zur Verteidigung der Neuen Linken. Eine Erwiderung auf Georg Fülberths politische Archäologie derselben«, in: Z – Zeitschrift Marxistische Erneuerung, Juni 2000, S. 179-186 und »Freiheit wozu? Zur Einführung in Leben und Werk Leo Koflers (1907-1995)«, in: Leo Kofler: Zur Kritik bürgerlicher Freiheit. Ausgewählte politisch-philosophische Texte eines marxistischen Einzelgängers, Hamburg 2000, S. 7-29.

 

1 »Im Beschönigen und Lobpreisen stalinscher Taten und in der Unterdrückung antistalinistischer Kritik lebt Stalinismus bis heute fort.« Manfred Behrend: Überlegungen zum Stalinismuskomplex, in: Beiträge zur Stalinismus-Diskussion, Berlin 1997, S.18.

2 Domenico Losurdo: Flucht aus der Geschichte? Die kommunistische Bewegung zwischen Selbstkritik und Selbsthaß, Essen (Neue Impulse) 2000 (in: junge Welt vom 15.-23. März 2000 vorveröffentlicht).

3 Der Begriff des Stalinismus ist noch immer sehr umstritten und wird in bestimmten Kreisen der Linken geradezu als Indikator des Antikommunismus angesehen. Solche Linke ziehen sich zumeist darauf zurück, daß man eine gesellschaftliche Theorie und Praxis nicht mit einer Person benennen könne. Sie haben aber keinerlei Probleme damit, sich selbst als »Marxisten« und andere als »Trotzkisten«, »Luxemburgisten« usw. zu titulieren. Sicherlich ist der Begriff nicht optimal, da er verschiedene Phänomene zu sehr vereinheitlicht. Doch er ist meines Erachtens noch immer der treffendste, weil inhaltlich neutralste. Es ist jedoch geboten, mit dem britischen Historiker und Marxisten Edward P.Thompson (Das Elend der Theorie. Zur Produktion geschichtlicher Erfahrung, Frankfurt/M. – New York 1980, S. 193ff.) zwischen dem Stalinismus als einem spezifischen historisch-politisch-soziologischen Ereigniszusammenhang auf der einen und der stalinistischen Ideologie, ihren weiterwirkenden Institutionen und Praktiken auf der anderen Seite zu unterscheiden. »Wenn wir den Stalinismus in seinem zweiten Sinne als ein System von institutionellen Formen, Praktiken, abstrakten Theorien und Herrschaftsverhalten verstehen, dann ist die ›nachstalinistische Generation‹ noch nicht geboren worden«. Thompson, a.a.O., S. 196.

4 Leo Trotzki: Noch einmal zum Charakter der UdSSR, in: Ders.: Schriften 1, Sowjetgesellschaft und stalinistische Diktatur, Bd. 1.2. (1936-1940), S. 1302.

5 Leo Trotzki: Verratene Revolution (1936), in: Ders: Schriften 1, a.a.O., S. 943.

6 Leo Trotzki: Der Anfang vom Ende (August 1937), in: Ders.: Schriften 1, a.a.O., S. 1100.

7 So Losurdo in seiner zeitgleich im Verlag Neue Impulse erschienenen Broschüre Die Linke, China und der Imperialismus, S. 27.

8 Leo Trotzki: Die UdSSR im Krieg, in: Ders.: Schriften 1, a.a.O., S. 1292.

9 Vgl. hierzu Peter Cardorff: Studien über Irrationalismus und Rationalismus in der sozialistischen Bewegung. Über den Zugang zum sozialistischen Handeln, Hamburg 1980.

10 Bei einem der weltweit engagiertesten und fundiertesten Kritiker des Neoliberalismus, Franz Hinkelammert, läßt sich nachlesen, daß dies kein Ausrutscher Losurdos ist, daß und inwieweit stalinistisch-sowjetisches Denken vielmehr bemerkenswerte Übereinstimmungen zum neoliberalen Denken zeitigt. (Vgl. dazu Franz Hinkelammert: Kritik der utopischen Vernunft. Eine Auseinandersetzung mit den Hauptströmungen der modernen Gesellschaftstheorie, Mainz/Luzern 1994; Ders.: Kultur der Hoffnung. Für eine Gesellschaft ohne Ausgrenzung und Naturzerstörung, Mainz/Luzern 1999.)

11 Vgl. Gerard Greenfield, Apo Leong: China’s Communist Capitalism: The Real World of Market Socialism, in: Socialist Register 1997, p. 96-122.

12 Vgl. Anmerkung 7.

13 Vgl. Richard Smith: Creative Destruction: Capitalist Development and China’s Environment, in: New Left Review, No 222, March/April 1997, p. 41.