Publikation Globalisierung Vijay Jawandhia

Beitrag zur Konferenz "Gerechtigkeit oder Barbarei" Interkontinentales Forum vom 5. bis 6. Oktober 2000 in Berlin

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Oktober 2000

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Gerechtigkeit oder Barbarei.

Interkontinentales Forum vom 5. bis 6. Oktober 2000

Jawandhia ist Präsident des Inter-State Coordination Committee of Farmers´ Organisations sowie der Bauernorganisation im Bundesstaat Maharasthra, Shetkari Sanghatana

 

In Indien gibt es eine Vielzahl von Bauernorganisationen, großenteils regional begründet, doch politisch sehr stark divergierend. Das Inter-State Coordination Committee of Farmers´ Organisations ist ein Versuch der Koordination. Eine aufsehenerregende Aktion war die Intercontinental Caravan im vergangenen Jahr anlässlich des G 7/8 in Köln: Einen Monat lang sind 400 Bauern und Bäuerinnen aus Indien – gemeinsam mit einigen Dutzend RepräsentantInnen aus anderen Regionen der Welt, als Protestkarawane in elf Bussen durch 10 Länder Europas gezogen: siehe http://stad.dsl.nl/~caravan. Vijay Jawandhia hatte daran teilgenommen – und wurde mit einer Festnahme an dem Versuch gehindert, die Mächtigen auszulachen (Presseerklärung der ICC 19/06/2000)

Die Bauernbewegungen in Indien

Im Zuge der Liberalisierung des Welthandels verelendet ein immer größerer Teil der Weltbevölkerung, so auch in Indien. Gleichzeitig finden Proteste von Hunderttausenden von Indern und Inderinnen statt, gerichtet gegen die multinationalen Konzerne und gegen die Institutionen, die die Globalisierung der Wirtschaft fördern. Ihre sehr klare Haltung diesen gegenüber basiert auf ihren eigenen Erfahrungen. Viele sind in ihrer Lebensgrundlage bedroht. Durch den späten Eintritt Indiens in die Welthandelsorganisation (WTO) vollzog sich die Entwicklung dort noch schneller und aggressiver als in anderen Ländern. Doch auf der ganzen Welt können Kleinbauern nicht gegen Agrarmultis konkurrieren – und Subventionen für die Landwirtschaft gibt es nur im Norden.

 

Gleichzeitig steigen die Lebenshaltungskosten. So stieg infolge der Liberalisierung der Zwiebelpreis innerhalb von Wochen sogar auf das Achtfache. Damit wurde die Versorgungslage – insbesondere der untersten Schichten, zu deren Grundnahrungsmitteln die Zwiebel gehört – prekär. Auf dem Land verübten in den vergangenen Jahren zahlreiche Bauern und Bäuerinnen Selbstmord. Angesichts ihrer enormen Schulden und der Tatsache, dass sie auf dem liberalisierten Markt nicht überleben konnten, sahen sie keinen Ausweg.

 

Die Welthandelsorganisation (WTO) und multinationale Konzerne wie Bayer, Monsanto oder Hoechst zwingen den BäuerInnen die globalisierten Handelsbedingungen auf, was dazu führt, dass kleinbäuerliche Existenzgrundlagen zerstört werden. Die KleinbäuerInnen können nicht gegen Agrarmultis und Importe aus den USA und Europa konkurrieren. Nachdem im Rahmen der Zollbestimmungen der WTO die Importzölle für Erdnüsse aufgehoben wurden, sahen sich die BäuerInnen in einer ausweglosen Situation, da sie den Preis der nach Indien importierten Erdnüsse, nicht weiter unterbieten konnten. Im letzten Jahr begingen aus diesem Grund hunderte von KleinbäuerInnen Selbstmord.

Während einerseits die BäuerInnen von ihren Produkten nicht mehr leben können, kann sich paradoxerweise der Rest der ärmeren Bevölkerung Grundnahrungsmittel kaum noch leisten. So hat sich beispielsweise der Preis von Zwiebeln, einem der wichtigsten Nahrungsmittel der traditionellen indischen Küche, verachtfacht. Solches geschieht vor allem aufgrund der Öffnung des Marktes, wo dann die lokalen Eigenheiten, hier der Preis eines Grundnahrungsmittels, nicht mehr berücksichtigt werden.

 

Nicht nur die Wirtschaftsbedingungen, sondern auch bestimmte Produkte werden den BäuerInnen aufgezwungen. Beispiel dafür ist die Entwicklung von gentechnisch verändertem Saatgut in Indien, was bei den BäuerInnen jedoch auf erbitterten Widerstand gestoßen ist. Der Versuch der Firma Monsanto, erstmals Feldversuche mit manipuliertem Saatgut durchzuführen, hatte im letzten Jahr den Protest hunderttausender Bauern und BäuerInnen hervorgerufen. Diese steckten während einer Aktion in vergangenen November einfach kurzer Hand das erste Versuchsfeld in Brand.

Bleibt man beim Thema Gentechnologie, so wird deutlich, dass die Karawane auch unsere Verhältnisse in Europa anspricht, die ebenfalls die Realität von Globalisierung widerspiegeln. Zum Beispiel die heutige Situation in unseren Supermärkten, in denen die Produkte vorzugsweise erst mal tausende von Kilometern zurücklegen, bevor sie bei uns im Kühlschrank landen. Und ob dann gentechnisch behandelte Pflanzen in diesen Nahrungsmitteln verwendet wurden, kann heute keiner mehr nachvollziehen.

 

InterContinental Caravan 1999

 

Im Mai/Juni 1999 reisten über 400 Inder und Inderinnen zusammen mit VertreterInnen aus anderen Ländern des Trikonts durch Europa. Sie wollten nicht mehr auf Almosen aus der westlichen Welt warten, sondern sie forderten Respekt für ihre Rechte bei denen ein, die sie seit Jahrhunderten weltweit missachten. Sie verstehen sich selber als Teil des internationalen Protests gegen ein ungerechtes Wirtschaftssystem, das sich nicht an den Bedürfnissen aller Menschen orientiert. Die “Internationale Karawane für Solidarität und Widerstand” besuchte innerhalb von einem Monat acht Länder Europas. Den Teilnehmern der Karawane ging es um den Austausch und den Kontakt mit europäischen BäuerInnen sowie politischen Basisbewegungen. Andererseits wollten sie einer breiten Öffentlichkeit im Norden ihre Situation und die direkten Auswirkungen des “freien” Handels und der WTO-Abkommen (WTO®Welthandelsorganisation) vermitteln.

 
 

epd-Bericht über die ICC

Report on the ICC/ The Guardian

 

Ihre Alternative zur globalisierten Wirtschaftsordnung besteht im Aufbau von lokalen Versorgungsnetzen, von nachhaltigen Technologien und solidarischen Bündnissen. Die VertreterInnen wollten mit den Menschen Europas in einen direkten Dialog treten und sich gemeinsam mit uns für eine Welt einsetzen, in der die Menschen unmittelbare Kontrolle über ihre regionale Ökonomie erlangen. Lebensqualität ist für sie nicht mit ständigem Wirtschaftswachstum und beharrlich steigendem Massenkonsum verbunden.

Die Initiative für diese Karawane ging von den BäuerInnen aus dem indischen Bundesstaat Karnataka aus. Diese sind in der KRRS (“Karnataka State Farmers´ Association”) einer indischen Bauernorganisation organisiert.

 

...zum Beispiel in Karnataka

 

«Hunderttausende von Bauern und Bäuerinnen in ganz Indien protestieren gegen Monsanto. Am 28. November 1998 setzten sie das erste Feld in Brand, auf dem Monsanto Feldversuche mit genetisch manipuliertem Saatgut durchgeführt hat. Die Feldversuche liefen seit drei Monaten, die Öffentlichkeit hat aber erst kürzlich davon erfahren. Aktivisten und Aktivistinnen der Bauernbewegung stürmten am 1. Dezember das Bürogebäude von Monsanto in Hyderabad, woraufhin die Regierung des Bundesstaats Andhra Paresh Monsanto aufforderte, die Feldversuche in diesem Staat abzubrechen.» Dies berichtet ein Aktivist der Bauernbewegung des Staats Karnataka (KRRS). Das von Monsanto getestete Saatgut ist nicht nur resistent gegen den Baumwollwurm, sondern auch steril, das heißt, es kann sich nicht vermehren. Wird das Saatgut wie von Monsanto geplant vermarktet, können die Bauern nicht mehr der Tradition gemäß, einen Teil der Ernte zur Wiederaussaat zurückbehalten. Statt dessen müssen sie neues Saatgut von Monsanto kaufen und verschulden sich damit weiter. Mit der Biodiversität wird auch die Sicherheit der Nahrungsmittelversorgung beendet. Gegen diese Gefahr, die Abhängigkeit und die Umgehung jahrhundertealter Traditionen wehren sich die Bauernbewegungen.

 

Gleichzeitig wenden sich immer mehr Inderinnen und Inder den politischen Bauernbewegungen zu. In Karnataka, dessen Landbevölkerung 50 Millionen Menschen umfasst, haben sich rund zehn Millionen Bauern und Bäuerinnen der Bauernbewegung KRRS angeschlossen. Diese ist damit die stärkste Bauernbewegung Indiens. Ihre Arbeit bezieht sowohl landwirtschaftliche und globale politische, als auch gesellschaftliche und kulturelle Themen ein. Die Bewegung beschränkt sich nicht auf Protest, sondern fördert Alternativen und strebt gesamtgesellschaftliche Veränderungen an. Sie kämpft für das Recht der Menschen, ihre Zukunft selbst zu bestimmen.

 

Als erste Organisation in Indien organisierte die KRRS Demonstrationen gegen das GATT (General Agreement of Trade and Tariffs, Vorläuferorganisation der WTO), an denen rund eine halbe Million Leute teilnahmen. Im landwirtschaftlichen Bereich wendet sich die Bauernbewegung insbesondere gegen die Biotechnologie, die Anwendung von Chemie oder gegen den Erzabbau. Der Einbezug ökologischer Gesichtspunkte ist für die Bauernbewegung selbstverständlich. Die Lebensweise, die die Bauern und Bäuerinnen verteidigen, ist ein Musterbeispiel der von Experten vielzitierten «nachhaltigen Entwicklung». Widerstand geht Hand in Hand mit der Förderung von Alternativen. So wird im Süden Karnatakas das «Global Centre for Sustainable Development» aufgebaut, ein Zentrum der traditionellen Technologie, Anbauweise und Medizin, in dem auch eine Sammlung aus der Diversität des Saatguts aufbewahrt wird. Dieses Zentrum ist ein gesamt-indisches Programm, das in Zusammenarbeit mit anderen Bauernbewegun­gen geplant wurde. Die KRRS lehnt neue Technologien dabei nicht grundsätzlich ab: So wird der elektrische Zaun, der das Zentrum vor wilden Elephanten schützt, mit Solarenergie betrieben werden.

 

Kulturelle Veränderung

Zudem strebt die KRRS kulturelle Veränderungen an. Insbesondere die Aufhebung des Kastensystems stellt für sie eine Voraussetzung für soziale Gerechtigkeit dar. Zudem richtet sich die Bauernbewegung gegen die patriarchalen Strukturen der indischen Gesellschaft. Innerhalb der Bewegung organisieren sich die Frauen selbst. Sie haben ein eigenes Programm und mobilisieren für ihre Forderungen. Auf parlamentarischer Ebene fordert die KRRS – Männer und Frauen gemeinsam – Frauenwahlkreise, um so die Reservierung von Parlamentssitzen für Frauen zu erreichen. Aufgrund des Drucks der Bauernbewegung und anderer Organisationen wurde diese Forderung in Gebieten Karnatakas bereits durchgesetzt.

 

Organisation

KRRS ist eine ghandische Bewegung. Ihr Ziel ist die Umsetzung der Dorfrepublik, die auf Basisdemokratie, wirtschaftlicher und politischer Selbstbestimmung gründet. Entscheidungen sollen darin nur unter Einbezug aller Betroffenen gefällt werden. Dieses dezentrale Modell wird auch innerhalb der Organisation umgesetzt. Die Grundlage der Bewegung ist die Dorfeinheit, die über ihre Organisationsform und ihre Finanzen, ebenso wie über ihr Programm und ihre Aktionen selbst bestimmt. Die nächst größeren Organisationsebenen sind die des Taluks, des Distrikts und des Staats. Auf diesen Ebenen werden jedoch nur Themen behandelt, die mehrere Dörfer, Taluks oder Distrikte betreffen und deshalb koordiniert angegangen werden müssen.

 

Aktionsformen

Alle Aktionen von KRRS werden unter dem Prinzip der Gewaltlosigkeit durchgeführt, wobei Gewalt als gegen Lebewesen gerichtet verstanden wird. Die hauptsächlichen Aktionsformen sind daher ziviler Ungehorsam und direkte Massenaktionen, wie beispielsweise die erwähnten Proteste gegen Monsanto. Auch versucht KRRS, die Bevölkerung auf die Wirkung nicht nur der Transnationalen Großunternehmen (TNC) aufmerksam zu machen, sondern auch auf die der globalen politischen Instrumente, beispielsweise der Welthandelsorganisation oder der Verhandlungen zum Multilateralen Investitionsabkommen (MAI). So werden die Auswirkungen globaler Prozesse auf die lokale Ebene betrachtet, wo die Bevölkerung direkt betroffen und Widerstand möglich ist.

 

Die Bauernbewegung ist bestrebt, nationale und internationale Netzwerke aufzubauen, um die Themen auch in einem breiteren Rahmen anzugehen. So ist sie beispielsweise in La Via Campesina aktiv, einem weltweiten Netzwerk von Bauernbewegungen. Durch eine breite Zusammenarbeit entstanden in Indien Organisationen wie die Indische Bauernunion (BKU) oder JAFIP, ein Aktionsforum der indischen Bevölkerung gegen die WTO, in dem neben der Landbevölkerung auch IndustriearbeiterInnen, Frauenorganisationen und AkademikerInnen vertreten sind. Das Prinzip der Gewaltlosigkeit wird nicht nur in Protesten gegen Multis oder gegen die Regierung wirksam, sondern auch in Konflikten zwischen Gemeinschaften. So ist beispielsweise Gewalt zwischen verschiedenen religiösen Gruppierungen schwächer in Gegenden, in denen die KRRS stark verankert ist.