Publikation Globalisierung Yash Tandon: „Modernisierung“ und „Globalisierung“

Beitrag zur Konferenz "Gerechtigkeit oder Barbarei" Interkontinentales Forum vom 5. bis 6. Oktober 2000 in Berlin

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Oktober 2000

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Gerechtigkeit oder Barbarei.

Interkontinentales Forum vom 5. bis 6. Oktober 2000

Yash Tandon

(Direktor des International South Group Network und Direktor des Southern and Eastern African Trade Information and Negotiations Initiative)

„Modernisierung“ und „Globalisierung“

Der Gegensatz zwischen “Nord” und „Süd“ klafft immer weiter auseinander. Behauptungen, die diese Annahme von einer allgemeinen Teilung der Welt zu präzisieren suchen – wie zum Beispiel die These vom „Norden“ im „Süden“ und vom „Süden“ im „Norden“ – schwächen diese Annahme nicht ab, sondern stärken sie im Gegenteil. „Nord“ und „Süd“ sind mehr als geographische Konstruktionen. Sie verweisen auch auf spezifische kulturelle und konsumerische Eigenschaften. Der dominante Norden hat historisch einen kleinen Ableger der eigenen Klasse im Süden herangezogen und tut dies weiterhin – jene, die dort herrschen und am Überkonsum teilhaben. Gleichzeitig erzeugt der Norden im Norden selbst einen verarmten und marginalisierten „Süden“, der nicht herrscht und unter Unterkonsum leidet.

Die Modernisierungstheorien der 50er und 60er Jahre gingen von der Annahme aus, dass die Gesellschaften des Südens dann zum Norden aufschließen würde, wenn sie nur endlich ihre Ökonomie für westliche Technologie und Wissenschaft öffnen und den demokratischen Institutionen des Norden nacheifern würden. In der Retrospektive wird klar, dass diese Theorien nichts anderes als ideologischer Ausdruck des anhaltenden westlichen Bestrebens waren, den „Rest“ der Welt zu beherrschen und zu erobern. Auch heute gibt es dieses Bestreben. Nur wird es jetzt nicht mehr „Modernisierung“, sondern „Globalisierung“ genannt. Wie das frühere Konzept der Modernisierung wird auch die Globalisierung durch ihre Ideologen als ein Prozess dargestellt, der durch technologische und wirtschaftliche Kräfte vorangetrieben wird, die nicht gestoppt werden können, ein Prozess, der „natürlich“ sei, der Geschichte selbst inhärent.

Sozialisation der Sprache

Die Sprache kann die Wirklichkeit verschleiern. Oft wird sie bewusst so projektiert, dass sie die Herausbildung einer bestimmter Perspektive, einer bestimmten Weltanschauung stimuliert. So hatten Menschen in der Kolonialzeit, wenn sie aus der kolonialisierten Welt kam, keine individuelle Identität. Sie waren Araber, Asiaten oder Afrikaner. Ihre Persönlichkeiten wurden generalisiert, ihre Individualität aufgelöst. Das machte es einfacher, die Kolonialisierten zu beherrschen. Die rassistische Polarisierung zwischen „uns“ und „ihnen“ beförderte während des Kolonialismus die globale Kontrolle.

Nichts beschreibt besser den gekonnten Gebrauch der Sprache, um Weltanschauungen hervorzubringen, als die westlichen Definitionen dessen, was „Barbarei“ in unserer Zeit ausmache. Niemand, der irgendwie normal ist, würde die Bombardierung der US-amerikanischen Botschaften in Nairobi oder Daressalam im August 1998 rechtfertigen. Ob dies das Werk des „Terroristen“ Osama bin Laden gewesen war, ist offen. Die Regierung der USA sieht ihn als Schuldigen an. Auf dieser Grundlage bombardierte sie eine Arzneimittelfabrik im Sudan, von der behauptet wurde, sie versorge Laden mit biochemischen Waffen. Kein einziges Land, nicht einmal Großbritannien, unterstützte die USA. Wäre man in dieser Sache objektiv, dann müsste das US-Bombardement in gleicher Weise als Akt der Barbarei qualifiziert werden wie das ihrer Botschaften durch andere. In der Sprachwelt des Westens ist aber nur letzteres barbarisch.

UNICEF, das Kinderhilfswerk der UNO, berichtete 1999, dass fast 600 000 Kinder unter fünf Jahren aufgrund der westlichen Sanktionen gegen den Irak starben. Die Kindersterblichkeit erhöhte sich nach den Sanktionen von 56 je Tausend Geburten auf 131. Was ist das, wenn nicht Barbarei. Und wiederum: In der Sprache der herrschenden Kreise des Westens sind dies nicht mehr als „Kollateralschäden“, die die Sanktionen auf Kinder haben. Es ist unglaublich, wie Sprache eine groteske Wirklichkeit karikiert, von allem Bösen „reinigt“ und die Verbrecher von aller Schuld freispricht. Die empörende und nicht zu rechtfertigende Verteidigung dieses Gemetzels durch den Westen besteht darin, alle Verantwortung Saddam Hussein zuzuschieben.

Die Sündenbock-Kultur ist tief in der Kultur und Geschichte des Westens verwurzelt. Man schiebt die Verantwortung für „Kollateralschäden“, die das jugoslawische Volk trafen, Milosevic zu, macht Fidel Castro für die Sanktionen der USA gegen Kuba verantwortlich, isoliert ihn und versucht, ihn von der Macht zu beseitigen. Die britischen Scheußlichkeiten, begangen an den Mau Mau, werden Jomo Kenyatta in die Schuhe geschoben. Beschuldige Nasser und bombardiere den Suez-Kanal; mache Lumumba für das Chaos im Kongo verantwortlich und ermorde ihn; beschuldige Gaddaffi und beschieße sein Haus; beschuldige Mugabe, er ist Marxist; beschuldige Mahathir Mohamed, weil er nicht klein beigibt. Die Dämonisierung der „rebellischen“ Führer des Südens war ein wiederkehrendes Merkmal der „Rechtfertigung“ des Westens für seine barbarischen Akte gegen den „Rest“.

Sprache macht „akzeptabel“, was inhuman und ungerecht ist. „Kollateralschäden“ gegen Zivilisten gibt Bombardements einen sauberen Anstrich. Der Kollektivbegriff „der Afrikaner“, enthumanisiert das Individuum und macht es leichter, über es zu verfügen. Die Dämonisierung des individuellen Führers entfremdet ihn von seinem Volk, seiner Geschichte und seinem Anliegen, stellt ihn als irrational oder einfach als verrückt dar (die tapferen somalischen Kämpfer gegen die britische Kolonisation wurden simpel als die „verrückten Mullah“ bezeichnet), stellt ihn damit außerhalb des „zivilisierten“ Diskurses.

Sozialisation der Ideologie

Während Sprache einzelne Ereignisse beschreibt, ist Ideologie ein komplexes Gemisch aus Werten, Vorurteilen und Annahmen. Sprache wie Ideologie dienen dem gleichen Zweck – der Verschleierung der Wirklichkeit und der Durchsetzung von „Akzeptanz“ dessen, was inhuman und ungerecht ist. Die anthropozentrische Ideologie stellt den Menschen in das Zentrum des Universums und „rechtfertigt“ vor ihm selbst die Unterwerfung aller „niederen“ Lebensformen unter seine Kontrolle und Missbrauch. Die Ideologie von der „Bürde des weißen Mannes“ stellt den weißen Mann und die weiße Frau in das Zentrum des Universums und drückt alle anderen menschlichen Arten auf Niveaus herab, die kontrolliert und missbraucht werden. Die Ideologie der „angelsächsischen Überlegenheit“ stellt die Engländer und die angelsächsischen Amerikaner in des Zentrum des Universums. In diesem immer enger werdenden Kreis der Definition des „Überlegenen“ ist es letztlich der angelsächsische Mann, dessen Geschlechterideologie ihn in das Zentrum des Universums stellt, wodurch sogar die angelsächsischen Frauen um einen Schritt gegenüber der Krönung der Schöpfung zurückversetzt werden. Rassistische und sexistische Ideologien bestimmen die Hackordnung in der menschlichen Gesellschaft.

Während Sprache beschreibend ist, ist Ideologie vorschreibend. Sie weist die Richtung, in die sich das Universum auf Geheiß der „überlegenen“ Wesen zu bewegen habe. Die kommunistische Ideologie war teleologisch; sie versprach, auf Geheiß der Avantgarde des Proletariats zu einer klassenlosen Gesellschaft zu führen. Die kapitalistische Ideologie ist ökonomistisch; sie verspricht auf Geheiß der Kapitaleigentümer nichtendendes „Wachstum“. Beide sind reduktionistisch und anmaßend, beide missachten die Rolle des menschlichen Geistes für die Beförderung von Menschlichkeit.