Publikation Globalisierung Carsten Hübner: Fassaden der Barbarei - Sprache als Feld politischer Kämpfe

Beitrag zur Konferenz "Gerechtigkeit oder Barbarei" Interkontinentales Forum vom 5. bis 6. Oktober 2000 in Berlin

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Oktober 2000

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Gerechtigkeit oder Barbarei.

Interkontinentales Forum vom 5. bis 6. Oktober 2000Wie vielschichtig und bedeutsam Sprache, Worte und Begriffe in der politischen Auseinandersetzung sind und wahrgenommen werden, möchte ich einführend an zwei Zitaten verdeutlichen, die natürlich, wie alle Zitate, aus dem Zusammenhang gerissen sind und die Tendenz der Vereinfachung in sich tragen.

Heinrich Böll, Literaturnobelpreisträger und ein aus meiner Sicht im ursprünglichen Sinn liberaler Aufklärer charakterisierte die Sprache als solche einmal sehr hoffnungsvoll: "Die Sprache kann der letzte Hort der Freiheit sein. Wir wissen, daß ein Gespräch, daß ein heimlich weitergereichtes Gedicht kostbarer sein kann als Brot, nach dem in allen Revolutionen die Aufständischen geschrien haben." In diesen wenigen Worten kommt zum Ausdruck, daß Sprache für Böll weit mehr bedeutet als rein funktionale Kommunikation. Sie ist für ihn Ausdruck des Menschlichen an sich, ist Ausdruck von Kultur, von Verbundenheit im tieferen Sinn des Wortes und nicht zuletzt auch Ausdruck von Widerständigkeit und dem Drang nach Freiheit. Mich haben diese Zeilen von ihrer Botschaft her unweigerlich an die Liedzeile "Die Gedanken sind frei" aus dem beginnenden 19. Jahrhundert erinnert. Sprache, Denken, Gedanken als zumindest potentieller Gefahrenherd für Potentaten, Unterdrücker, ihre Zensoren und Hofbarden. Sprache, Denken und Gedanken als Waffe des Volkes gegen die herrschende Macht - und damit als per se politische und zumindest potentiell fortschrittliche Kategorie. Sprache, Dialog als Gegensatz etwa zur Friedhofsruhe. Eine Denkweise, eine Hoffnung, die mir persönlich sehr nahe geht, die historisch durchaus ihre Berechtigung hatte, sicher auch heute noch hat, gerade wenn man Fortschritt zuallererst als einen emanzipativen Prozeß begreift. Eine Denkweise aber auch, die zwangsläufig in dem Moment an ihre Grenzen stoßen muß, wo es den Herrschenden gelingt, die Menschen genau mit dieser Waffe, mit der Sprache, in ihren Bann zu schlagen und damit zu schlagen. Oder, um in der Begrifflichkeit zu bleiben, zu bevormunden, sprachlos, mundtot zu machen. Arthur Koestler hat in seinem Text "Mensch" in diesem Sinne formuliert: " Die tödlichste Waffe des Menschen ist die Sprache. Er ist für die hypnotische Wirkung von Schlagworten ebenso anfällig wie für ansteckende Krankheiten." Ist Sprache also eher ein Instrument zur Vereinfachung, zur Verdummung und Herrschaftssicherung, was im offenkundigen Gegensatz zu Böll's Ansichten stände? Erinnern wir uns an die Propaganda der Nazis. Oder, wenn auch völlig anders, an Begrifflichkeiten wie "Kollateralschaden", um nicht tote Zivilisten oder gar Kriegsverbrechen beim Namen nennen und damit das eigene Handeln in Mißkredit bringen zu müssen. Oder nehmen wir Begriffe aus der internationalen Diskussion wie "Schurkenstaaten", "humanitäre Intervention", "Überbevölkerung", "Globalisierung", "Entwicklungshilfe" oder "Schuldenerlaß für die Dritte Welt". Sie alle dominieren die gesellschaftliche Auseinandersetzung über weltweite Entwicklungschancen und die Lage der Menschenrechte. Sie alle - zumal im Verständnis der hiesigen Mainstream-Debatte - verkürzen, verdummen, verschweigen mehr, als daß sie reale Verhältnisse reflektieren - und das gerade dann, wenn es um die Verantwortung der reichen Industriestaaten, ihrer Konzerne und Strategen, wenn es um die hiesige Verantwortung geht! Alle diese Begriffe sind rein interessengeleitet, spiegeln Herrschaftssicht und nicht Wahrheit, bilden, wie es der Titel dieses Podiums treffend beschreibt, die Fassaden der Barbarei. Fassaden, die aus meiner Sicht erst recht auf Hochglanz poliert sind, seit in den USA und Europa in vielen Regierungen ehemalige Linke oder Menschen, die dafür gehalten wurden oder noch werden, an den Hebeln der Macht sitzen. Denn ihnen gelingt es nicht nur, eine vergleichsweise indifferente Mehrheit der Bevölkerung zu überzeugen. Ihnen gelingt es zudem, auch in die Diskussion fortschrittlicher und kritischer Kreise einzudringen, weil sie in der Lage sind, sich bewußt auch auf die Begriffe und Argumentationszusammenhänge dieses Diskurses zu beziehen. Daß sie die Begriffe dabei von ihrer ursprünglichen Bedeutung abkoppeln und oft gegensätzlich gefüllt in den Diskurs reintegrieren, erschwert die Auseinandersetzung. Denn zunächst hört sich vieles ja erst mal gut an, die Sprache kennt und schätzt man. Daß Bill Clinton dennoch, de facto, in der Praxis, eine ebenso, wenn nicht aggressivere Außen- und Interessenpolitik betreibt, wie etwa Ronald Reagan, daß der Grüne Joschka Fischer als Außenminister einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg zu verantworten hat, was seinen Vorgängern so jedenfalls nicht nachgesagt werden kann - all das verschwimmt in seiner politischen Tragweite ganz schnell, wenn uns bloß die Sprache und die Argumentationsweise halbwegs vertraut vorkommt. All das sorgt gegenwärtig dafür, daß eine von Links vermittelte und betriebene Politik der wirtschaftsliberalen Globalisierung und Interessensicherung zumindest in den Metropolen auf sehr viel weniger Widerstand stößt, als es bei originär konservativen Regierungen der Fall wäre. Die eigentlichen Inhalte aber, um die es bei vielen Begriffen mal ging, bleiben ebenso auf der Strecke wie bei den Vorgängern. Herbert Marcuse hat diesen Prozeß in seinem Aufsatz "Repressive Toleranz" folgendermaßen beschrieben: "Der Zugang zur Sprache wird denjenigen Wörtern und Ideen versperrt, die anderen Sinnes sind als der etablierte - etabliert durch Reklame der bestehenden Mächte und verifiziert in deren Praktiken. Andere Wörter können zwar ausgesprochen und gehört, andere Gedanken zwar ausgedrückt werden, aber sie werden nach dem massiven Maßstab der konservativen Mehrheit (außerhalb solcher Enklaven wie der Intelligenz) sofort 'bewertet' (das heißt: automatisch verstanden) im Sinne der öffentlichen Sprache - einer Sprache, die 'a priori' die Richtung festlegt, in welcher sich der Denkprozeß bewegt. Damit endet der Prozeß der Reflexion dort, wo er anfing: in den Bedingungen und Verhältnissen. Sich selbst bestätigend, stößt der Diskussionsgegenstand den Widerspruch ab, da die Antithese im Sinne der These neubestimmt wird. Zum Beispiel, These: wir arbeiten für den Frieden; Antithese: wir bereiten Krieg vor (oder gar: wir führen Krieg); Vereinigung der Gegensätze: Kriegsvorbereitung ist Arbeit für den Frieden. Frieden wird dahingehend neubestimmt, daß er, bei der herrschenden Lage, Kriegsvorbereitung (oder sogar Krieg) notwendig einschließt, und in dieser Orwellschen Form wird der Sinn des Wortes 'Frieden' stabilisiert." Wer erinnert sich bei dieser, wie ich finde brillanten Prozeßanalyse, nicht an die Argumentationen unserer Alt-68er Schröder und Fischer, als sie die pazifistische und antifaschistische Formel "Nie wieder" dazu benutzten, um den Kosovokrieg zu legitimieren. Sie haben ihren Marcuse gelesen, aber offenbar gründlich mißverstanden. Denn eine so präformierte Sprache nennt Marcuse schlicht eine "Orwellsche Sprache".

Wie aber nun umgehen mit der Sprache im politischen Spannungsfeld. Ist sie eher unser Verbündeter beim Niederreißen der Fassaden der Barbarei und damit auch ihrer Überwindung? Ist sie, wie auch immer das auszudrücken, zu fassen wäre, ein eigenständiger Faktor fortschrittlicher Entwicklung? Das hieße, sich sehr viel sorgfältiger mit der Sprache, unserer aber auch der der gesellschaftlichen Mehrheiten und natürlich der Herrschenden auseinandersetzen, als es über viele Jahre geschehen ist. Das hieße, sie auch als Waffe bewußt wahrzunehmen und weiterzuentwickeln.

Oder ist sie schlicht Teil des sogenannten Überbaus, determiniert durch die gesellschaftliche Entwicklung und damit nicht mehr und nicht weniger als deren Ausdruck.

Ich denke, als Grundgerüst trägt auch weiterhin die Formel "Das Sein bestimmt das Bewußtsein" - und damit natürlich auch dessen Entäußerungen. Aber die Geschichte hat auch gezeigt, daß es erhebliche Wechselwirkungen in beide Richtungen gibt, daß Spielräume da sind, die genutzt werden können und müssen. Der italienische Marxist Antonio Gramsci hat vor diesem Hintergrund bereit vor rund 70 Jahren gefordert, die Linke müsse ihren Kampf um gesellschaftliche Hegemonie "als kulturellen Kampf um die Mentalität des Volkes" führen. In seinem Denken nahm gerade die gestaltende Kraft der Sprache, wenn sie denn nur adäquat, lebensnah und zielgenau eingesetzt wird, einen wichtigen Stellenwert ein. Ähnlich argumentiert heute Pierre Bourdieu, wenn er sagt: "Wir Forscher können zumindest davon träumen, daß ein Teil unserer Forschungen der sozialen Bewegung nützen könnte, anstatt verloren zu gehen, wie dies heutzutage so oft der Fall ist, weil sie von Journalisten oder feindlich gesinnten Interpreten usw. unterschlagen oder entstellt werden. Im Rahmen von Gruppen wie "Raisons D'agir" suchen wir nach neuen Ausdrucksformen, mit Hilfe derer der Erfahrungsschatz der fortgeschrittensten Forschung den Aktiven an der Basis vermittelt werden kann. Doch das erfordert auch seitens der Forscher einen Wandel in ihrer Sprache und ihrer Geisteshaltung." Mit Blick auf einen neuen Internationalismus formuliert er wenige Zeilen weiter: "Wir müssen den Internationalismus, der vom sowjetischen Internationalismus vereinnahmt und veruntreut wurde, neu erfinden. Das bedeutet, Formen des theoretischen Denkens und praktische Aktionsformen zu erfinden, die dem Niveau angemessen sind, auf dem der Kampf stattfinden muß. Wenn es stimmt, daß der Großteil der herrschenden ökonomischen Kräfte auf globalem, transnationalen Niveau agiert, dann gibt es freilich hier eine Leerstelle, nämlich die der transnationalen Kämpfe."

Solcher Kämpfe wird es aber bedürfen, um der Barbarei, zumindest langfristig, ein Ende zu bereiten. Dafür unabdingbar ist aber zunächst das Abtragen ihrer schönen Fassade, zumal in den Metropolen. Ohne eigene, ohne gesellschaftlich etablierte und positiv besetzte Begriffe für diesen Kampf und seine Ziele, wird dieses Unterfangen scheitern, werden wir immer sprachloser werden ob der Dreistigkeit, mit der uns die Herrschenden ein Wort nach dem andern, einen Begriff nach dem andern entwenden und entfremden. Wenn Frieden nicht gleichbedeutend werden soll mit Krieg, Menschenrechte nicht mit humanitärer Intervention, eine solidarische Welt mit globaler Strukturpolitik unter neoliberalem Vorzeichen, dann ist es höchste Not, sich jetzt Gedanken über die Sprache, unsere und die der anderen, zu machen. Ich denke, wir sollten Begriff hartnäckiger verteidigen, sollten bereit sein, neue, zeitgemäße, verständliche und lebensnahe Begriffe zu finden und zu erfinden. Zudem sollten wir überalterte und nicht mehr zeitgemäße Begriff endlich in Rente gehen lassen. Sie haben ihren Zweck, mehr oder weniger, erfüllt. Und laßt uns Sprache noch viel mehr als bisher im Dialog, im Diskurs einsetzten, nicht zur Predigt. Auch das bliebe nicht folgenlos für die Konzeption von Begriffen und muß bedacht werden. In diesem Sinne wünsche ich mir eine lebendige, phantasie-, kraft- und lustvolle Dekonstruktion aller Fassaden, die den Blick auf die alltägliche Barbarei verbergen sollen. Die Fassaden aus Sprache und täuschenden Begrifflichkeiten sollten dabei durchaus im Zentrum stehen.

Vielen Dank!