Publikation Geschichte - Rosa Luxemburg - Parteien- / Bewegungsgeschichte Karl Liebknecht: Theoretisches über die Wirkung erfolgloser politischer Aktionen

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Januar 2004

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"Verschlechtert eine politische oder wirtschaftliche Aktion, die das Erstrebte von den herrschenden politischen Klassen nicht zu erzwingen vermag, die also, isoliert betrachtet, erfolglos war, die Machtstellung des Angreifers und die Aussichten auf künftige Erreichung des Ziels?

Oft wird es behauptet und zum Anlaß ängstlicher Warnungen vor ernsten Kämpfen genommen. Prüfen wir!

Erfolglose Aktionen können nachteilig wirken - aber nur, wenn sie den Angegriffenen zeigen, daß der Angreifer schwächer ist, als sie bis dahin voraussetzten [...] Dann werden die herrschenden Klassen von nun an eine geringere Macht des Feindes in ihre Berechnungen einsetzen als bisher und darnach ihr Verhalten, sei es in der Defensive, sei es in der Offensive, einrichten [...] Aber dieser Nachteil der erfolglosen Aktion ist nur ein scheinbarer. Er bedeutet nur das Zerplatzen einer Seifenblase, die Zerstörung eines Wahns, eine schreckende Gefahr nur für überlebte Parteien und Kastraten der Scheinopposition. Ganz anders, wenn die Einzelaktion trotz Ihrer Erfolglosigkeit eine Offenbarung nicht der Schwäche, sondern der Starke ist, keine falsche Größe zerbricht, sondern wahre Größe zeigt [...]

Und darum brauchen aufstrebende Parteien, aufsteigende Klassen kein kühnes Wagen und Schlagen zu scheuen.

Wenden wir dies auf einen Spezialfall an.

Wenn der Eintritt in die parlamentarische Opposition der einzige Stein ist, den eine Partei - z.B. die Regierungssozialisten - im Brette hat, so kann man begreifen, daß sie ihn zurückhalten möchte, denn mit seinem Ausspielen ist sie sofort - matt gesetzt. Nur schade, daß dies auch der Regierung und jedem nicht auf den Kopf Gefallenen bekannt ist. Woraus folgt, daß sich mit der Drohung des Übergangs zur parlamentarischen Opposition nichts Rechtes erreichen lässt, ja daß alle Versuche dazu regelmäßig damit enden, daß die Möchte-gern-Wucherer - geprellt werden. Will man auch nur parlamentarische Erfolge erzielen, so kommt alles darauf an, daß die parlamentarische Opposition nicht der letzte, sondern nur der erste, nicht der stärkste, sondern der schwächste Trumpf, nicht der Schluß, sondern der Anfang ist; daß die Partei eine außerparlamentarische Macht hinter sich hat, die sie, aller Niederlagen ungeachtet, in unerschöpflicher Mannigfaltigkeit und Schlagfertigkeit der Methoden mit stets zunehmender Energie in den Kampf einzuwerfen fähig und entschlossen ist, und daß dies dem Gegner durch durch die Tat [...] demonstriert wird. Anders wird in der politischen - auch parlamentarischen! - Arena weder Respekt erworben noch Erfolg erzielt. Jene Taktik aber führt bestenfalls einen Scheidemann zum Posten des Johann auf dem Reichskutschbock."

März/April 1918.

Karl Liebknecht: Politische Aufzeichnungen, S. 65-67.

 

aus: Karl Liebknecht: Gesammelte Reden und Schriften, Band IX, Dietz Verlag Berlin/DDR 1982, S.460-462