Publikation Geschichte - Erinnerungspolitik / Antifaschismus Nichts darf vergessen werden! Niemand darf vergessen werden!

Diskussionsbeitrag auf der Konferenz: „Der Krieg 1941 - 1945 im Gedächtnis der Generationen. Nachdenken über Vergangenheit und Gegenwart. Europa ohne Kriege?“ Moskau, 22. Juni 2001. von Michael Brie

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Autor

Michael Brie,

Erschienen

Juni 2001

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Diskussionsbeitrag auf der Konferenz: „Der Krieg 1941 - 1945 im Gedächtnis der Generationen. Nachdenken über Vergangenheit und Gegenwart. Europa ohne Kriege?“

Moskau, 22. Juni 2001

 

In meiner kleinen Gemeinde Schöneiche am Rande Berlins steht ein Obelisk auf einem roten Ziegelsockel. Er steht am Waldrand, zwei schmale Straßen führen vorbei. Man kann die Amseln hören, wenn man dort steht. Die Inschrift auf dem Obelisken heißt: „Ewiger Ruhm jenen, die im Kampf für die Freiheit und Unabhängigkeit der sowjetischen Heimat gefallen sind“. Es werden 123 Namen von toten sowjetischen Offizieren und Soldaten genannt, darunter der des Hauptmanns Inin und des Unteroffiziers Aljoschin. Auch die Zivilistin Semjonkina gehört dazu. Weitere unbekannte Männer und Frauen sind hier begraben. Die meisten fielen zwischen dem 20. und 23. April 1945. Andere starben erst, nachdem der Krieg schon ein, zwei, drei Wochen vorbei war. Es soll ein wunderschöner Frühling gewesen sein. Sie aber mussten sterben, nachdem der Hitlerfaschismus durch sie bereits besiegt war, nachdem sie die unendlich lange Strecke, geprägt von Kampf, Tod, Niederlagen, ersten Siegen und vielen neuen Toten zwischen Brest und Moskau, Moskau und wieder Brest, von Warschau bis Berlin zurückgelegt hatten. Es gibt viele solche Friedhöfe zwischen Moskau und Berlin. Deshalb sollte es dabei bleiben: „Nichts ist vergessen. Niemand ist vergessen.“

Ich bin dankbar, heute hier sein zu können. Es ist ein Tag, an dem es wichtig ist, hier in Moskau zu sein. Ich danke der Gesellschaft Russland – Deutschland, die uns eingeladen hat, ich danke der Friedrich-Ebert-Stiftung, die diese Konferenz unterstützt hat, vor allem aber danke ich jenen der hier Anwesenden, die als junge Frauen und Männer Hitler und den mörderischen Armeen Deutschlands Einhalt geboten, sie zum Stehen gebracht und den deutschen Nationalsozialismus in seinem Ursprungsland endgültig besiegt haben. Ich verneige mich vor ihnen und vor allen, die damals mit ihnen waren.

Der Krieg gegen die Sowjetunion, der am frühen Morgen des 22. Juni 1941 begann, war ein anderer Krieg als der gegen Frankreich oder England. Es war ein Vernichtungskrieg. Es war ein Krieg gegen den Sozialismus und Kommunismus. Dies zu sagen, ist heute nicht populär. Hitlers Krieg gegen die Sowjetunion richtete sich nicht gegen jene Verbrechen, die unter Stalin am eigenen Volk und an Kommunisten und vielen anderen aufrichtigen Menschen durch Kommunisten begangen wurde. Nein, es war ein Krieg gegen eine große geistige Alternative, gegen jede Vision von wirklicher Volksherrschaft. Und es war ein Krieg der Vernichtung des russischen und aller slawischen Völker. Denn es sollte Raum geschaffen werden für die germanische Rasse, Raum im Osten. Nur kurzzeitig sollten die slawischen Völker als Sklaven noch den Boden bereiten für die neuen Herren. Dieser Unterschied zwischen Krieg im Westen und Krieg im Osten ist fast vergessen. Aber er darf niemals vergessen werden. Vor allem in Deutschland nicht.

Fast vergessen ist in Deutschland der Tag der bedingungslosen Kapitulation, der zum Tag der Befreiung wurde. Der Tag der Erinnerung an die Befreiung von Auschwitz hat als offizieller Gedenktag den Tag der Befreiung abgelöst. Dies aber ist eine Irreführung. Das große Verbrechen des Hitlerfaschismus und seiner Kriege ist nicht nur und nicht einmal vor allem die Vernichtung des europäischen Judentums. Die Vergasung von Menschen begann mit Menschen, die behindert waren. Und die Vernichtung von jenen, die als unterlegene oder konkurrierende „Rassen“ angesehen wurden, richtete sich auf Juden, Zigeuner und auf die Völker Osteuropas insgesamt. Nur die Siege von Moskau, Stalingrad, Kursk und Berlin, die Eröffnung der zweiten Front im Sommer 1944 haben die Vollendung dieses schrecklichen Werkes verhindert. Nur diese Siege waren es, die bewirkten, dass der Shoa der Juden nicht die Vernichtung der großen Völker Russlands, der Ukraine, Belorusslands, Kasachstans und anderer folgten. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung wird dazu beitragen, dass der Tag der Befreiung wieder ein zentraler Gedenktag in Deutschland wird.

Zwei Mal ging im 20. Jahrhundert von Deutschland Krieg gegen Russland aus. Es waren diese Kriege, die den Lauf des ganzen Jahrhunderts wesentlich bestimmten. Die Geschichte Russlands wurde vor allem im Gefolge dieser Kriege zu einer Tragödie seiner Völker. Die Bürgerinnen und Bürger Deutschlands stehen in dieser Geschichte und haben Verantwortung zu übernehmen.

Voller Scham müssen wir bekennen, dass erst 56 Jahre nach dem Ende des II. Weltkrieges die Entschädigung von Zwangsarbeitern beginnen kann. Die Wiedergutmachung von materiellen Verlusten, die deutsche Bürger erlitten, ist schon seit über 40 Jahren faktisch abgeschlossen. Das Feilschen um Rechtssicherheit ist angesichts des brutalen Rechtsbruchs der Vergangenheit unangemessen.

Ich denke auch, dass ein weiteres 30-jähriges Moratorium über die Frage einer Rückführung von Kunst nach Deutschland verhängt werden sollte. Es handelt sich um ein gemeinsames Menschheitserbe. Gemeinsam sollte es bewahrt werden. Erst dann, wenn wir es geschafft haben, eine gemeinsame Zukunft unserer Völker, des deutschen und der russischen Völker, in Frieden, Freiheit und Wohlstand aufzubauen, sollte diese Frage erneut besprochen werden. Bis dahin sollten wir uns auf den Erhalt dieses Erbes und den öffentlichen Zugang zu diesem Erbe konzentrieren.

Unsere Völker werden wohl ein weiteres halbes Jahrhundert brauchen, um die Folgen der Kriege des 20. Jahrhunderts zu überwinden. Wenn deutsche Politik im 20. Jahrhundert die wesentliche Ursache für die Tragödien Russlands war, so sollte sie heute aus eigenem Interesse und historischer Verantwortung dazu beitragen, dass die Russische Föderation zu einem wirtschaftlich starken, sozialen und demokratischen Staat mit sicheren Grenzen werden kann.

Das 20. Jahrhundert hat schreckliche Verluste hinterlassen. Ganze Völker und Kulturen Osteuropas sind verschwunden oder wurden an den Rand der Vernichtung geführt. Das 21. Jahrhundert muss ein Jahrhundert der Schaffung eines neuen gemeinsamen Europas werden, eines Europas der Vielfalt lebendiger Völker und Kulturen, gegründet auf erfolgreichen Volkswirtschaften und Sozialstaaten. Die Logik der Vernichtung und die Logik gespannter Koexistenz müssen durch die Logik von Kooperation ersetzt werden: Der Reichtum der anderen muss als Bedingung des eigenen Reichtums erkannt werden. Dazu sind Rassismus, Nationalismus und Chauvinismus zu überwinden.

Solange die „Mitte der Gesellschaft“ nicht erkennt, dass Zukunft nur gemeinsam mit anderen zu haben ist, wird sie die Ermordung von Bürgern ausländischer Herkunft und von Obdachlosen durch Duldung befördern, werden sogenannte „national befreite Zonen“ die Chancen auf ein Deutschland von Toleranz und Zusammenarbeit zerstören. Es ist die gemeinsame Verantwortung aller Bürgerinnen und Bürger Deutschlands, aller demokratischen Parteien und ihrer Stiftungen, diese Tendenzen zu brechen.

Dazu gehört auch, klar zu regeln, dass die Friedhöfe und Denkmäler für die sowjetischen Soldaten und Offiziere auf dem Territorium der Bundesrepublik Deutschland bewahrt werden müssen. Es gibt einen schleichenden Verfall vieler dieser Friedhöfe. Was in der DDR möglich war, muss in der Bundesrepublik Pflicht sein.

Jene, die Rosa Luxemburg ermordeten, waren es auch, die den Krieg gegen die Sowjetunion vorbereiteten und durchführten. Es war der gleiche Geist und es waren die gleichen Hände. Ich bin heute in Moskau, um der vielen Millionen Toten zu gedenken, die der Vernichtungskrieg Deutschlands gegen die Sowjetunion kostete. Ich bin in Moskau, um jenen zu danken, die unser Land von seinen mörderischen Herren befreit haben. Ich bin in Moskau, um im Namen der Rosa-Luxemburg-Stiftung zu erklären, dass wir uns der Verantwortung stellen werden, die uns die Geschichte hinterlassen hat.