Publikation Geschichte Zum 70. Geburtstag von Professor Kurt Pätzold

von Michael Brie

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Autor

Michael Brie,

Erschienen

April 2000

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Meine Damen und Herren,

ich möchte vor allem den Initiatoren des heutigen Ehrenkolloquiums danken – Professor Werner Röhr und Professor Manfred Weißbecker. Ich möchte der Berliner Gesellschaft für Faschismus­­‑ und Weltkriegsforschung und dem Jenaer Forum für Bildung und Wissenschaft danken dafür, dass sie an die Rosa-Luxemburg-Stiftung herangetreten sind mit dem Vorschlag, dieses Ehrenkolloquium gemeinsam durchzuführen. Wenn auf der Einladungskarte das Signum der Stiftung zu groß geraten ist im Verhältnis zu den Namen aller drei Veranstalter, so nur, damit Sie den Weg hierher finden. Vielleicht auch haben es Mitarbeiterinnen unserer Stiftung zu gut gemeint im Bestreben, unseren Beitrag zu der Ehrung des Jubilars zu betonen. Dann sei um Nachsicht gebeten.

Kurt Pätzold ist Historiker und er ist siebzig Jahre alt geworden. Dies ist – so sagte mir mein verehrter Lehrer Eduard Davidovitsch Frolov, selbst Historiker in St. Petersburg – ein Alter, wo man schon fast ein guter Historiker geworden sein kann, denn es bedürfe des Alters in diesem Feld der Wissenschaft. Clio möge zu junge Diener nicht.

Historiker gibt es viele. Historiker wie Kurt Pätzold nur wenige. Andere werden heute sein bisheriges Werk würdigen. Ich möchte nur eines und dies nachdrücklich hervorheben – seinen wissenschaftlichen und seinen wissenschaftlich-politischen Beitrag, den er mit seiner 1975 erschienenen Habilitation „Faschismus, Rassenwahn, Judenverfolgung“ und nachfolgenden Arbeiten wie die Dokumentation „Verfolgung, Vertreibung, Vernichtung“ oder dem gemeinsam mit Irene Runge entstandene Band „Pogromnacht 1938“ sowie dem mit Erika Schwarz verfassten Band „Tagesordnung Judenmord. Die Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942“ geleistet hat. Diesen Forschungen waren bahnbrechend in der DDR.

Mein Großvater floh schon 1934 aus Deutschland. Er war in seinen doppelten Eigenschaft als Sympathisant der KPD und als Jude sehr früh Zielscheibe des Terrors geworden. Ein Berliner Wachtmann warnte ihn Minuten vor der Verhaftung. Ehre diesem Manne. Als mein Vater nach dem Krieg zurück kam, da kam er als Kommunist. Dazu gehörte auch das Schweigen über, wenn auch nicht das Verschweigen der Verbrechen des deutschen Faschismus an den Juden in Deutschland und Europa. Es war meine deutsche Mutter, die, aus bürgerlichem Elternhaus, uns in Synagogen führte, auf die Friedhöfe in Berlin und Prag. Auch dies, das Schweigen jener, die 1945 zurückkamen, muss verstanden werden.

Was für die offizielle Ideologie der DDR und ihrem Antifaschismus nur eine besonders grausame Extremform von deutschem Faschismus war, die Verfolgung und Vernichtung des deutschen und europäischen Judentums, wurde durch Kurt Pätzold in seinen wissenschaftlichen Arbeiten in der geschichtlichen Besonderheit und Einzigartigkeit kenntlich gemacht. Dies ist originäre historische Arbeit. Dies ist Arbeit, die den Opfern der Verbrechen Gerechtigkeit zuteil werden lässt, sie ihrer Namenlosigkeit entreißt. Es ist eine Arbeit, die die Täter und Taten genau benennt. Es ist eine gründliche, akribische Suche nach den Spuren in den Abgründen des deutschen Nationalsozialismus. Auch durch Kurt Pätzolds Arbeit kenne ich den Weg genauer, der viele meiner Vorfahren und Verwandten in die Gaskammern und den letzten qualvollen Todeskampf im Nebel des tödlichen Giftes trieb. Dafür persönlich zu danken, wollte ich heute sprechen.

Wir ehren mit diesem Kolloquium einen Historiker, der sich besonders der Geschichte des deutschen Faschismus gewidmet hat. In seiner politischen Überzeugung, seiner wissenschaftlichen Arbeit geht er stets davon aus, dass nicht nur kein Schlussstrich unter die NS-Zeit gezogen werden darf, sondern dass vielmehr eine intensive Auseinandersetzung - eine nachhaltige, anstrengende und andauernde geistige und politische Auseinandersetzung - mit der NS-Zeit vonnöten ist, um demokratisches Handeln zu ermöglichen und weiterzuentwickeln.

Diesen Standpunkt unseres Vereinsmitgliedes Kurt Pätzold möchte ich an die Spitze unseres Dankes als Mitglied des Vorstandes der Stiftung stellen. Es ist genau diese Haltung und diese Sicht, es ist dieses Geschichts‑ und Politikverständnis, das auch in den heutigen Debatten, Anstrengungen und Kämpfen bitter nötig ist und diese vorantreiben hilft.

Wir veranstalten dieses Kolloquium zu einer Zeit, in der es in der deutschen Gesellschaft starke Tendenzen gibt, den Antifaschismus als nicht mehr zeitgerecht zu erklären oder gar einem Anti-Antifaschismus das Wort zu reden. Andererseits sind regierungsoffiziell ideologische Konstrukte geboren wurden, unter Verweis auf Auschwitz brutale Militäreinsätze gegen souveräne Staaten, gegen unschuldige Menschen, die in diesen Staaten leben, zu rechtfertigen. Verstärkt haben sich die Versuche, einem Schlussstrich-Denken unter die Geschichte des Faschismus Vorschub zu leisten. Nicht zu vergessen sind jene Bemühungen, mit Hilfe der Totalitarismusdoktrin die Geschichte der NS-Zeit zu revidieren.

Im letzten Jahrzehnt vollzog sich in der Bundesrepublik und international eine zunehmende Stärkung der extremen Rechten. Beängstigend ist in diesem Zusammenhang die erneute öffentliche Übernahme nationalistischen und rechtsextremen Gedankengutes durch den Konservatismus. Die extreme Rechte bildet eine aus den Realitäten und Widersprüchen der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts sich entwickelnde, differenzierte , wandlungsfähige und anpassungsbereite, gleichwohl demokratiefeindliche Kraft, die auf alle nur denkbaren Herausforderungen der Zeit Lösungen anzubieten sucht, die letztendlich eine Ungleichwertigkeit der Menschen suggerieren. Die vielfältigen Ursachen für diese Entwicklungen sind in den Prozessen und Widersprüchen der heutigen Gesellschaft(en) zu suchen. Zeitgeschichte ist gefragt.

Linkssozialistische Politik und Kultur steht und entwickelt sich in grundsätzlicher Gegnerschaft mit der extremen Rechten. Die Grundlage eines demokratischen Linkssozialismus ist die Freiheit der Gleichen, ist die Anerkennung gleicher Rechte für jeden und jede. Der Antifaschismus und die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Faschismus bedürfen vieler neuer kräftiger Impulse. Es gilt das antifaschistische Erbe als europäisches Gut zu bewahren, zu befestigen und zu problematisieren. Es ist zu befragen auf seine künftige Tragfähigkeit in der Auseinandersetzung um mehr soziale Gerechtigkeit in Europa und bei der Zurückdrängung der extremen Rechten als nationale wie europäische Aufgabe.

Lassen Sie mich abschließend noch über etwas anderes sprechen: Kurt Pätzold wurde – wie ich auch – von der Humboldt-Universität entlassen. Auch ihm gegenüber wurden politische Gründe geltend gemacht. Manchmal waren es Mitläufer von Gestern, die zu Richtern wurden, nicht wenige, um ihre eigene Haut zu retten. Dies ist Allzumenschlich. Andere waren wirklich verletzt und verletzten nun. Aber es geht um mehr: Jeder von uns, der in der DDR lehrte, muss sich selbst fragen und auch fragen lassen, wie er in dem Spannungsfeld von Politik, Ideologie und Wissenschaft gewirkt hat. Kurt Pätzold ist über sein eigenes wissenschaftliches Werk selbst Gegenstand von Debatten über die Geschichtswissenschaften und die Geschichtswissenschaftler der DDR geworden. Als öffentlich Lehrende von Gestern werden wir heute reden müssen. Welche Opfer haben wir gebracht, welche Opfer haben wir anderen auferlegt? Warum haben wir es getan? Wann ist es uns gelungen, Dinge zu tun, die unmöglich schienen und doch so notwendig waren? Wann haben wir Dinge getan, die besser nicht hätten getan werden sollen?

Wir sind belehrt über die Ambivalenz von Strukturen. Wir wissen viel genauer als früher, dass Strukturen immer alternative Handlungsfelder sind. Wir haben erfahren, dass Handeln damals wie heute nur selten auf einen eindeutigen Nenner zu bringen ist. Dies spricht gegen Moralisieren, aber mehr noch für Moral. Lassen Sie uns heute auch über diese Erfahrungen, über diese Einsichten sprechen. Wir brauchen sie dringend, um Dissidenz hervorzubringen gegen Unterdrückung Andersdenkender, um immun zu werden gegen untergründige Manipulation, um widerstandsfähig zu sein gegen den ungeheuren und fast unsichtbaren Druck des Opportunismus in dieser neuen Gesellschaft, aus dem neue völkerrechtliche und menschenrechtliche Verbrechen des Staates, indem wir leben, schon erwachsen sind – dazu zähle ich den Krieg gegen Jugoslawien – und schlimmere noch erwachsen können.

Wir schreiben nicht nur über Geschichte, wir schreiben auch selbst Geschichte, wir sind, wie sollte es anders sein, zugleich Autoren, Schausteller, Zuschauer und Kritiker dieser unserer Geschichte. Indem wir heute Kurt Pätzold ehren, sollten wir uns nutzen – gerade auch durch Analyse und Kritik unseres Wirkens als Autoren und Schausteller.