Publikation Krieg / Frieden - Geschichte D-day: „Befreiung Europas“ statt „Zweite Front“

Text der Woche 24/2004. von Jörn Schütrumpf

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Dietz-Verlag,

Erschienen

Juni 2004

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Text der Woche 24/2004Von der ersten Angriffswelle würde so gut wie niemand überleben. Das war allen Beteiligten von vornherein klar gewesen. Wer in den ersten Wellen eingesetzt wird, hat nur ganz selten eine Chance lebend davon zu kommen – zumal bei einer Großaktion wie der Landung in der Normandie vor sechzig Jahren.

Seit Tagen lassen sich Amerikaner und Briten für ihre Heldentaten feiern. Ist es antiamerikanisch, wenn man darauf hinweist, dass das große Sterben nicht allein auf die Amerikaner und Briten beschränkt war und an einigen Landungsstellen sogar schon vorbei war, als diese in die Operation hineingeworfen wurden?

Tausende Polen, viele Emigranten aus Deutschland – jüdischer wie nichtjüdischer Herkunft –, und weitere Soldaten aus Staaten, die die Deutschen überfallen und unterworfen, zumindest aber angegriffen hatten, starben in den ersten Wellen. Sie sind nicht nur vergessen; sie werden mit den momentanen Gedenkfeierlichkeiten auch vergessen gehalten. Nicht anders ergeht es zumeist den Schwarzafrikanern, die zwei Fünftel der Truppen de Gaulles ausmachten.

Die Melodie ist immer und überall dieselbe: Nur die eigenen Opfer zählen. Das Monopol, Opfer gewesen zu sein, findet seine Entsprechung im Monopol der Sieger. Bei beiden geht es um Ansprüche an die Gegenwart und an die Zukunft, die aus dem jeweiligen Monopol hergeleitet werden.

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Als sich die Wasser des Ärmelkanals mit dem Blut der antinazistisch gesinnten Polen, Juden, Tschechen, Amerikaner, Briten, Australier, Kanadier und Soldaten anderer Herkunft vermischten, redete alle Welt von der „Zweiten Front“, um die nicht nur Stalin seit 1941 immer wieder nachgesucht hatte, sondern die auch in den angloamerikanischen Medien seit langem gefordert worden war. Dieser Begriff ist heute vollständig aus der Öffentlichkeit verschwunden, denn wo es etwas Zweites gibt, da muss auch etwas Erstes gewesen sein.

Die neue Lernaufgabe lautet: Das, was zwischen Stalingrad und Berlin geschah, war keine Befreiung. Die Befreiung Europas begann mit dem D-day. Und nun – bitte – alle im Chor! Dass die strategische Angriffsfähigkeit der Deutschen zuvor im Osten gebrochen worden war, ist heute höchstens noch etwas fürs Fachbuch.

Das Sympathische an der westlichen Demokratie war einst das Recht auf eine abweichende Meinung. Wenn man heute an diese Urtugend – die von der amerikanischen Unabhängigkeits- und französischen Freiheitsrevolution herrührt – auch nur wagt zu erinnern, wird man immer öfter angeschaut, als sei man ein Fall für die Couch.

Die Selbstgleichschaltung der Medien, das heißt: der freiwillige Verzicht auf eine abweichende Meinung, hat mit diesen D-day-Feierlichkeiten einen neuen Höhepunkt erreicht. Doch nicht nur deshalb bleibe ich bei meiner abweichenden Meinung: Die Befreiung Europas von der Gefahr, unter deutscher Herrschaft auf Jahrhunderte in eine rassistisch organisierte Sklaverei zu fallen, konnte nur durch die Anspannung aller Kräfte gelingen: der der Völker der Sowjetunion ebenso wie der der Amerikaner und der aller anderen Völker und Menschen, die sich Hitler widersetzten.