Publikation Gesellschaftstheorie - Globalisierung Eine andere Wirtschaft ist möglich!

von Friederike Habermann

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Artikel

Autorin

Friederike Habermann,

Erschienen

Juni 2004

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„Otra economía es posible! – Eine andere Wirtschaft ist möglich!“ – unter diesem Motto versammelten sich am Wochenende vom 4. bis 6. Juni 2004 Menschen aus Argentinien und anliegenden Ländern zu einem thematischen Sozialforum in Buenos Aires zu „solidarischer Ökonomie“. Mit diesen thematischen Foren soll die Idee des Weltsozialforums nicht nur stärker lokal verankert werden, sondern sich zudem zu bestimmten Themen die speziell darin interessierten Menschen versammeln können, um so gezielt diskutieren und Verbindungen untereinander zu ermöglichen.

Schon vor zwei Jahren hatte es in der argentinischen Hauptstadt ein thematisches Sozialforum gegeben, damals unter dem Eindruck des erst kurz zurückliegenden Staatsbankrotts und den katastrophalen Auswirkungen für die Menschen: Viele, die bis dahin gut verdient hatten, wussten plötzlich nicht mehr, wovon sie leben sollten. Aus dieser Krise heraus haben sich seitdem in Argentinien breite Strukturen einer solidarischen Ökonomie gebildet: Kleinstbetriebe, die als Kollektive arbeiten, aber auch große Fabriken, die von ihren ArbeiterInnen übernommen wurden, Tauschmärkte und Erwerbslosenbewegungen, welche versuchen, sich durch Eigenproduktion vom Geldmarkt unabhängiger zu machen.

Das Hotel Bauen in der Innenstadt ist ein Vier-Sterne-Hotel, welches ebenfalls von der Belegschaft übernommen wurde, allerdings nicht mehr als Hotel arbeitet, sondern einzelne Veranstaltungen ausrichtet. An diesem Freitag Abend füllt sich der Ballsaal mit dem pittoresken Charme einer 60er Jahre-Einrichtung mit Hunderten von Besuchern, um den Eröffnungsveranstaltungen zu lauschen; die beiden Tage darauf finden in der Fakultät für Gesellschaftswissenschaften der Universität statt – direkt neben dem Park Centenario, in welchem nach der Krise sich jeden Sonntag Delegierte der spontan entstandenen Nachbarschaftsversammlungen aus dem gesamten Großraum Buenos Aires zum gemeinsamen Plenum trafen. Auch ohne die Plakate des Sozialforums sind die Wände dieses Gebäudes zugepflastert: „Sigamos construyendo el cambio! – Wir bauen weiter an der Veränderung!“ und „Schulhilfe: Jeden Samstag um 15 Uhr im Haus der Kinder der Verschwundenen – komm!“ und „In Verteidigung des Marxismus: Wohin geht Lateinamerika?“ bis zu „1,5 Millionen Armenier durch die Türkei ermordet! Gerechtigkeit!“ und kleiner darunter das Datum: „15.April 1915“.

Bis zu 50 Workshops werden parallel angeboten – theoretisch. Praktisch fällt jeder zweite aus, weil die OrganisatorInnen nicht erscheinen. So ist weder zu erfahren, wie sich die Gruppe der „Linken Ökonomen“ die Zukunft der Solidarischen Ökonomie vorstellt, noch etwas über den Zusammenhang von Solidarischer Ökonomie mit „educación popular“, volksnaher Bildung. Dabei arbeiten die Mütter der Verschwundenen, die diesen Workshop anbieten wollten, seit Jahren sehr intensiv im Bereich der „educación popular“. Zahlreiche Bücher sind von ihnen zu diesem Thema herausgegeben worden. Schade also.

Der dritte Versuch klappt: Die Kooperative „La Asamblearia“ berichtet von regionalen Vernetzungsversuchen. Gerechter Handel, selbstbestimmte Produktion und verantwortungsvoller Konsum sind die drei Begriffe, unter denen sich die Kooperative organisiert. Entstanden war sie – wie so vieles andere – aus den Nachbarschaftsversammlungen in der Krise. Und wie viele andere Kooperativen auch bietet sie auf Ständen vor dem Uni-Gebäude ihre Waren an: Kerzen, Kinderklamotten und nicht zu vergessen selbstgemachte Mintschokolade sowie „Pampa“, der Name für eine Art Baileys, werden hier angeboten. Die Produkte sind – auch im Vergleich zu den Erzeugnissen manch anderer Kooperative – von hervorragender Qualität.

Daneben findet sich ein Stand mit 20 verschiedenen selbst gemachten Büchern: Biogas, Müll-Recycling, Solarenergie für Arme und Häuser selber bauen sind einige der Themen. Noch einen Stand weiter stehen die „Architekten der Not“. Auf ihrem Tisch: Bausteine und Ziegel, alle aus einer Mischung von Beton und Müll hergestellt. Der eine Baustein besteht in erster Linie aus zerkleinerten Plastikflaschen, welche durch den Beton zusammengehalten werden. Die Plastikflaschen könnten aber gegen Geld von den „Cartoneras“, den MüllsammlerInnen, zu den Recyclingstellen gebracht werden, erklärt die anwesende Architektin, weshalb inzwischen zunehmend auf die Etiketten der Flaschen als Rohstoff zurückgegriffen wird: Die Cartoneras entfernen diese vor der Rückgabe der Flaschen und bringen sie zu Extra-Sammelstellen. Wieviel Arbeit steckt also in einem solchen Baustein! Noch etwas ausgefeilter ist die Version mit den eingebauten Fanta-Flaschen aus Glas: Diese sind verschlossen und mit Wasser gefüllt. Im Winter erwärmt die Sonne das Wasser, so dass am Abend noch einige Stunden länger die Wärme in der Wohnung gehalten wird. Vorgesehen ist, dass an der Außenwand eine Pflanze hochrankt,  und während im Winter die Blätter abgefallen sein müssen, diese im Sommer das Wasser kühlen und so auch einen kühlenden Effekt für die Wohnung erreichen.

Nicht alle Arbeitsgruppen verlaufen so konkret wie die von den ArchitektInnen angebotene. Häufig erscheinen die Diskussionen ziellos und global. Die Podiumsdiskussionen heißen „Die weltweite Krise des Systems. Alternative Modelle“ oder „Die neuen wirtschaftlichen Praxen als Formen des Widerstandes und der Konstruktion“ oder „Die solidarische Wirtschaft als Alternative zur Exklusion“. Seltsamerweise spricht niemand für die Erwerbslosenbewegungen – so stark diese in Argentinien sind und so wichtig für diese alternative Wirtschaftsstrukturen in ihrer Organisierung – hier sind sie nicht zugegen. Statt dessen kommen viele der ReferentInnen von Universitäten und Nichtregierungsorganisationen.

Lohnt sich das große I bei ReferentInnen? Bei fünf Podien mit vier bis sechs Redenden ist nur eine Frau vertreten. Dagegen sammeln sich zahlreiche Frauen in der Arbeitsgruppe „Geschlecht und Familie in der solidarischen Ökonomie“. Der Ausdruck „Frauen“ sei von den OrganisatorInnen des Forums in „Geschlecht und Familie“ umbenannt worden, beschweren sich die Vorbereiterinnen der AG. Doch letztlich dreht sich tatsächlich die Diskussion ausschließlich um die Arbeit von Frauen in der Familie. Diese müsse von einer nicht anerkannten und unbezahlten in eine anerkannte und bezahlte Arbeit verwandelt werden. Kritik, dass dies zum einen die geschlechtliche Arbeitsteilung zementieren und zum anderen eine Durchkapitalisierung des Lebens bedeutet würde, wird kaum geäußert und kaum gehört.

In der letzten Pause vor dem Abschlussplenum treffen sich VertreterInnen aus allen Teilen Argentiniens, um eine Vernetzung untereinander aufzubauen. Nicht nur sollen Produkte stärker ausgetauscht werden, vor allem soll auf einer theoretischen Ebene intensiver zusammengearbeitet werden. Um eine solche Vernetzung zu erreichen, ist auch die Studentin Pupi aus Mendoza – eine Tagesreise entfernt - zum Sozialforum gekommen. Neben ihrem Ökonomiestudium und ihrem Engagement in einem Projekt mit Frauen, welche Schuhe produzieren, interessiert sie alles, was mit solidarischer Ökonomie zu tun hat: Sie kennt die Ansätze in Argentinien ebenso wie in Brasilien und interessiert sich auch für Theorien, die explizit versuchen, Alternativen nicht im, sondern zum Kapitalismus aufzubauen, wie beispielsweise die Partizipative Ökonomie von Michel Albert. „Aber das ist sehr schwierig“, sagt sie, „es läuft doch immer wieder auf die Einbindung in den Markt hinaus.“

„Mir gefällt am Forum, dass es so viele verschiedene Gruppen zusammenbringt“, sagt Martin, ein junger Aktivist, der selber an der Arbeitsgruppe „Copyleft“ teilgenommen hat. Hier wurde es konkret: Es sollen virtuelle und tatsächliche Räume entstehen, in denen das Konzept des Copyleft – als Ablehnung von Copyrights – in der Praxis umgesetzt wird: Wissen zu kopieren und weiterzugeben. Dabei soll auch eigenes produziertes Wissen stärker untereinander ausgetauscht werden. Wie konkret dies angegangen wird, zeigt sich nach der Arbeitsgruppe, als ein Teil der Teilnehmenden sich zu einem nahegelegenen, noch von einer Nachbarschaftsversammlung besetzten ehemaligen Bankgebäude begibt. Hier schließt sich gleich das nächste Treffen an, in Vorbereitung zur Eröffnung einer Bibliothek in diesem Gebäude. Ein Copyleft-Zentrum soll dem angegliedert werden. Während die Diskussion in der Frauenarbeitsgruppe so nicht auf Deutschland übertragbar gewesen wäre, erinnert diese hier stark an die Aneignungs- und Umsonst-Kampagnen, welche sich derzeit in Deutschland bilden: Eigentum sich gegenseitig zugänglich zu machen, aber auch bewusst Eigentumsrechte zu übertreten, da die legalen Aneignungsmethoden auf Ausbeutung und Ausschluss beruhen. Auch das ist eine Form solidarischer Ökonomie.