Publikation Geschichte Der Tod des Diktators - das Leben einer Hoffnung. Zum 50. Todestag von J. Stalin

Text der Woche 10/2003. von Michael Brie

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Autor

Michael Brie,

Erschienen

März 2003

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Text der Woche 10/2003

Es gibt Namen
Die gehören nicht mehr dem,
Der sie trägt:
Ein jeder hat ihn angenommen
Und gibt ihn weiter
Und überträgt ihn -
Allen Taten
Wird er vorangetragen -
Schon nicht mehr
Eines Menschen Name -
Name von Millionen.
Name eines ganzen Lands.
Name einer Zeit.
Name eines Jahrhunderts!
So auch dieser:
Stalin

JOHANNES R. BECHER (1931)

Die kommunistischen Revolutionen des 20. Jahrhunderts und vor allem die russische Revolution werden in der Erinnerung der nachfolgenden Generationen vielleicht - so will ich hoffen - als gescheiterte Experimente der Verwirklichung einer emanzipativen Gesellschaft, "in der die freie Entwicklung eines jeden Bedingung der freien Entwicklung aller" wird, bleiben. Auf jeden Fall aber werden sie auf ewig mit größten Verbrechen in Verbindung gebracht werden. Dafür steht ein Name - Stalin. Der, der diesen Namen trug, starb heute vor fünfzig Jahren. Er war es, der eine kommunistische Entwicklungsdiktatur in eine totalitäre Maschinerie verwandelte, der viele Millionen Menschen zum Opfer fielen; nicht zuletzt jene, für die der Kommunismus mehr als nur absolute Herrschaft war.

Von Stalin kann man sagen, dass er die schlimmsten Potenziale der kommunistischen, der bolschewistischen, der leninistischen Bewegung in Wirklichkeit verwandelt hat und dadurch etwas schuf, was die düstersten Phantasien der Kommunismuskritiker überstieg - ein System, dass sich dadurch erhält, indem es in immer neuen Wellen seine eigenen Träger mordet, das die "Schaffung des neuen Menschen" durch die Vernichtung von Menschen ersetzt. Wo es in der Großen Französischen Revolution noch möglich war, mit dem Revolutionär Robespierre zugleich den Terroristen zu köpfen, mussten die Völker des sowjetischen Blocks auf den altersbedingten Tod des Staatsterroristen warten, der schon längst die Revolutionäre umgebracht hatte.

Wieso dieser Blick zurück in die Vergangenheit, wo doch die Arbeitslosigkeit und soziale Polarisation mühsam errungene Normalität zerstören, schon neue Kriege auf uns warten, der Menschen aus der Retorte Wirklichkeit zu werden verspricht, wo die ganze Zivilisation in ihren Grundlagen aufgelöst zu werden droht? Wozu der Blick auf den Diktator, den Schlächter, denjenigen, der die größten Hoffnungen endgültig in die großen Verbrechen verkehrte?

Zunächst einmal ist der Blick in die fünfzigjährige Vergangenheit ein Blick in die Geschichte meiner Generation - das Erbe des Diktators wurde unsere Kindheit und Jugend. Hatte Stalin die inneren Krisen des sowjetischen Staatssozialismus dadurch unterdrückt, dass er immer neue Wellen des Terrors auslöste und den Mangel an Freisetzung innerer Entwicklungsressourcen durch Unterjochung externer Kräfte unter das System überdeckte, so löste sein Tod die erste internationale Krise des sowjetischen Sozialismus aus. Sie erfasste die Sowjetunion selbst, die Tschechoslowakei, die DDR, Ungarn und Polen. Sie zwang alle Staaten des Warschauer Vertrages zu mehr oder minder deutlichen Anpassungen. Sie beendete die Möglichkeit, derartige Krisen vor allem durch Massenterror zu lösen, auch wenn sie nicht die Nutzung staatsterroristischer Mittel beendete.

Die Erfahrung der kommunistischen Dienstklasse, dass sich der Terror gegenüber den Unterdrückten schnell in den Terror gegen sie selbst verwandelte, zwang sie, diesem engere Grenzen zu setzen. Die Erfahrungen mit den Aufständen von 1953 und 1956 zeigten, welche Kosten mit einer Herrschaft verbunden waren, die sich gegenüber den elementaren Bedürfnissen der Bürgerinnen und Bürger als blind erwies. Eine Art Stillhalteabkommen, ein sog. Sozialpakt zwischen Herrschenden und Volk wurde durch dieses erzwungen - leben lassen (buchstäblich und im übertragenen Sinne) gegen herrschen lassen, aber in den enger gezogenen Grenzen einer Macht, die keine Allmacht mehr war.

In dem Maße aber, wie der Terror als Mittel unbrauchbarer wurde, und dies nun prägte das Leben meiner Generation in den darauf folgenden dreißig bis fünfunddreißig Jahren, wurde die Frage gestellt, ob es Reformen geben kann, die es erlauben, im Staatssozialismus Entwicklungspotenziale freizusetzen, die seinen dauerhaften Bestand oder sogar seine Transformation in einem emanzipative sozialistische Gesellschaft ermöglichen. Es war für uns die Frage, ob die sozialistische Vision in den Grenzen des Staatssozialismus verwirklicht werden konnte. Als wir 1989 aktiv an der Demontage des Staatssozialismus mitwirkten, hatten wir diese Frage schon negativ beantwortet.

Die ersten zehn bis fünfzehn Jahre nach dem Tod des Diktators waren Jahre, in denen Herrschaftsstabilisierung mit vornehmlich ökonomischen und Verwaltungsreformen einhergingen. Da sie im Käfig einer zentralistischen Planwirtschaft verblieben, waren ihre Wirkungen nicht nachhaltig. Das Gespenst der Stagnation zeichnete sich an den Mauern des Staatssozialismus ab. Der kurze Frühling politischer Reformen wurde noch einmal durch eine neue Welle von Repressionen unterdrückt. Die Versuche, dem Pakt mit dem Volk in Gestalt einer Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik Gehalt zu geben, scheiterten an Ressourcenauszehrung. Herrscher und Völker lebten sich auseinander. Polens Solidarnocs durchbrach mit der Gewalt des Massenprotests erstmalig auf Dauer das bolschewistische politische System.

Die achtziger Jahre wurden zu Jahren des schleichenden Verfalls und des Wartens auf ein Ende. Die Perestroika führte es herbei, indem sie die Grundlagen des Systems zerstörte - zuerst und vor allem seine ideologische Grundlage: den Stalinismus. Die Abrechnung mit dem Diktator wurde zur treibenden Kraft der Zersetzung und Auflösung des ideologischen Zusammenhalts der herrschenden sowjetischen Klasse. Und als der gemeinsame Geist diese Klasse verlassen hatte, suchte sie Machterhalt in systemzerstörenden Reformen und einem utopischen Kapitalismus und Neoliberalismus sowie Nationalismus. Das aber ist schon die Geschichte nach der Geschichte des Stalinismus.

Der Schatten Stalins ist lang. Er wirft Dunkel über die Zeitspanne unseres Lebens. Die Befreiung von seiner Macht über unser Denken ist eine Aufgabe, die wir nicht als abgegolten ad acta legen können. Aber neue Generationen und neue Bewegungen haben sich formiert, für die das staatssozialistische Experiment und die stalinistische totalitäre Diktatur nur noch Vorgeschichte sind - wichtig bleibend als Mahnung, unwichtig geworden im Sinne von eigenen Schuld und Verstrickung. Auch der größte tote Diktator herrscht nicht über das ganze Jahrhundert nach ihm. Die Befreiung der sozialistischen Visionen aus der Hörigkeit gegenüber einer Diktatur hat fünfzig Jahre gebraucht. Jetzt sind Menschen aufgebrochen, die ihre Visionen jenseits dieser Hörigkeit formieren konnten. Eine andere Welt ist möglich - es kann eine Welt sein zu mehr Freiheit durch mehr Freiheit, zu mehr Gerechtigkeit durch mehr Gerechtigkeit, zu mehr Demokratie durch mehr Demokratie. Und es gibt neue Diktaturen und totalitäre Verführungen sowie staatsterroristische Unternehmungen wie die des globalen Krieges um Weltherrschaft im Namen des Kampfes gegen eine Gefahr, die selbst vor allem eine Ausgeburt dieser neuen Diktaturen ist.

Berlin, im März 2003