Publikation Geschichte - Parteien- / Bewegungsgeschichte Alexandra Kollontai: Mein Leben in der Diplomatie

Aufzeichnungen aus den Jahren 1922 bis 1945. Schriften 12 der Rosa Luxemburg Stiftung

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Reihe

Schriften (Archiv)

Erschienen

Mai 2004

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704 Seiten, 32 Bildseiten, gebunden mit Schutzumschlag

39,90 €

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Den einen galt sie als zutiefst verkommen und als Verführerin der Jugend, den anderen als das »Schönste Gesicht des Stalinismus«: Alexandra Kollontai (1872–1952).

Ihre vehemente Forderung nach sexueller Gleichstellung der Frau prägt bis heute die Erinnerung an diese Revolutionärin, die dem russisch-finnischen Adel entstammte. Alexandra Kollontai hatte 1917/18 kurze Zeit in Lenins Revolutionsregierung gesessen, war als Kopf der »Arbeiteropposition« 1921 beim Versuch unterlegen, die Reste der Demokratie gegen die immer apodiktischere Herrschaft der Bolschewiki zu verteidigen; 1922 hatte sie sich als Diplomatin nach Norwegen schicken lassen. Hier nahm sie als erste Frau in der Geschichte auf dem Stuhl eines Botschafters Platz – damals keine mindere Unerhörtheit als ihr radikaler Feminismus.

Alexandra Kollontai gehörte zu den wenigen Revolutionärinnen und Revolutionären aus der Leninzeit, die bei der systematischen Hinmordung ausgelassen wurden. Kurz vor seinem Tod 1986 hat Stalins Mordgeselle Molotow erklärt, warum sie die fern von Moskau Wirkende verschonten: »Sie hat uns nicht geschadet.«

Nach dem Ausscheiden aus dem Diplomatischen Dienst im Jahre 1945 arbeitete Alexandra Kollontai bis wenige Tage vor ihrem Tod an den Erinnerungen der Jahre 1922 bis 1945. Gegen das damals herrschende Dogma – kodifiziert in Stalins »Geschichte der KPdSU (B)« – wollte sie ihre eigene Sicht auf die Zeitgeschichte setzen. Das lange Zeit als verschollen geglaubte Manuskript wurde 2001 in Moskau publiziert und wird hier – quellenkritisch bearbeitet – erstmals in deutscher Sprache vorgelegt.

 

 

 

Die Aufzeichnungen der Alexandra Kollontai.
Buchpräsentation in der Rosa-Luxemburg-Stiftung am 5.12.2003

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung hat ein umfangreiches Projekt zu einem glücklichen Ende gebracht: Die Aufzeichnungen der berühmten sowjetischen Diplomatin und Frauenrechtlerin Alexandra Kollontai aus den Jahren 1922-1945 liegen in russischer Originalfassung und in deutscher Übersetzung in Buchform vor. Am 5. Dezember wurde die deutschsprachige Fassung als Band 12 der Reihe "Schriften" der Rosa-Luxemburg-Stiftung - erschienen im Karl Dietz Verlag Berlin - in Berlin vorgestellt.

Ritta Kollontai, Prof. Heinz Deutschland, Dr. Ruth Deutschland, Prof. Wladimir Kollontai (v.l.n.r.)

Es war nicht nur eine Buchpräsentation im herkömmlichen Sinn: Zugegen war der Ökonom Prof. Dr. Wladimir Kollontai, Enkel von Alexandra Kollontai, zugegen war dessen Ehefrau Ritta, und zugegen waren die Übersetzer des umfänglichen Werkes ins Deutsche, Dr. Ruth Deutschland und Prof. Dr. Heinz Deutschland - letzterer auch Herausgeber des Buches und an diesem Abend ebenfalls mit einer informationsreichen und zugleich unterhaltsamen Rede aufwartend.

Es ist - in Gegenwart u. a. auch von Dr. Gesine Lötzsch (MdB-PDS) und der rls-Kuratoriumsvorsitzenden Prof. Dr. Christa Luft - ein Buch vorgelegt worden, das zu intensiver Diskussion herausfordert. Nicht nur des Aufgeschriebenen selbst wegen, sondern auch wegen der Bedingungen, unter denen diese Aufzeichnungen entstanden, und der Umstände, unter denen es der Verfasserin gelang, den Stalinschen Terror zu überleben.

Im Ankündigungsblatt des Karl Dietz Verlages zum Buch der Alexandra Kollontai ist formuliert: "Ihre vehemente Forderung nach sexueller Gleichstellung der Frau prägt bis heute die Erinnerung an diese Revolutionärin, die dem russisch-finnischen Adel entstammte. Alexandra Kollontai hatte 1917/18 für kurze Zeit in Lenins Revolutionsregierung gesessen, war als Kopf der ›Arbeiteropposition‹ 1921 beim Versuch unterlegen, die Reste der Demokratie gegen die immer apodiktischere Herrschaft der Bolschewiki zu verteidigen, und hatte sich 1922 als Botschafterin nach Norwegen schicken lassen. Hier nahm sie als erste Frau in der Geschichte auf dem Stuhl eines Botschafters Platz - damals keine mindere Unerhörtheit als ihr radikaler Feminismus.

Alexandra Kollontai gehörte zu den wenigen Revolutionärinnen und Revolutionären aus der Leninzeit, die bei der systematischen Hinmordung ausgelassen wurden. Kurz vor seinem Tod 1986 hat Stalins Mordgeselle Molotow erklärt, warum sie die fern von Moskau Wirkende verschonten: ›Sie hat uns nicht geschadet.‹ Nach dem Ausscheiden aus dem Diplomatischen Dienst im Jahre 1945 arbeitete Alexandra Kollontai bis wenige Tage vor ihrem Tod an den Erinnerungen der Jahre 1922 bis 1945. Gegen das damals herrschende Dogma - kodifiziert in Stalins ›Geschichte der KPdSU (B)‹ - wollte sie ihre eigene Sicht auf die Zeitgeschichte setzen."

Sie seien ein Geschichtsbuch, diese Aufzeichnungen, sagte Wladimir Kollontai, der seine Großmutter noch als Student in lebendiger Debatte hatte erleben können, und sie seien zugleich ein auch heute noch nützliches Lehrbuch der Diplomatie. Dr. Evelin Wittich, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der rls, ließ in einer Rede noch einmal die Entstehungsgeschichte der russischen und der deutschen Buchausgabe der Aufzeichnungen Revue passieren, und Prof. Dr. Michael Brie, Mitglied des Geschäftsführenden Ausschusses, näherte sich mit einem kurzweiligen Beitrag dem Thema der geistigen, politischen und wohl auch seelischen Verwandtschaft zwischen Alexandra Kollontai und Rosa Luxemburg. Es ist dies ein Thema, das in der Stiftung weiter vertieft werden wird.

 

 Michael Brie: Rosa Luxemburgs und Alexandra Kollontais Parteinahme für einen demokratischen Sozialismus [pdf, 56KB]

 

Der Abend klang aus in kleiner Runde, in der sich zeigte, dass es nicht nur Geschichte war, die hier die Leute zusammengeführt hatte. Prof. Wladimir Kollontai, tätig am berühmten MEiMO - dem Moskauer Institut für Weltwirtschaft und Internationale Beziehungen - warf Fragen auf nach der Strategie der, wie er sagte, "europäischen Eliten" im Angesicht der Entwicklung der Außenpolitik der USA, nach der Art und Weise, wie sich die rls solchen Debatten stellt, und nach den Möglichkeiten eines verbesserten Informationsaustausches zwischen seinem Institut und der rls, und die lebhafte Debatte darum bewies, dass es sich lohnt, die Fäden gegenseitigen Verständigens wieder fester zu spinnen.

 

(Wolfram Adolphi)