Publikation Rassismus / Neonazismus - Ungleichheit / Soziale Kämpfe - Kultur / Medien - Kommunikation / Öffentlichkeit - Digitaler Wandel - Digitalisierung und Demokratie «Sie haben verstanden wie man einen Kulturkampf gewinnt»

Die Journalistin Angela Nagle über den Erfolg der Alt-Right in den USA

Information

Autorin

Angela Nagle,

Erschienen

Oktober 2017

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Nur online verfügbar

Bild: Alt-Right Demonstrations in DC, 6/25/17 von Susan Melkisetian, flickr, CC BY-NC-ND 2.0

  • Angela, wer ist die Alt-Right? Der Begriff wird hier in Deutschland mehrdeutig verwendet.

Die Alt-Right ist eine rassistische und völkische Bewegung, die bürgerrechtlichen Liberalismus, soziale Gerechtigkeit und die Werte der demokratischen Aufklärung fundamental ablehnt und bekämpft. Das ist die genaue Definition. Ich rate auch dazu den Begriff präzise zu verwenden, weil es dann für diejenigen, die mit der Alt-Right liebäugeln, schwieriger wird sich von ihr und ihren radikalen, finsteren Inhalten zu distanzieren und so zu tun als ob das bloß ein paar spaßige Trolle wären. 
 

  • Warum nennst Du sie Alt-Right? Könnte man sie nicht auch einfach als Nazis bezeichnen?

Ja, vielleicht. Die Ereignisse von Charlottesville stellen in dieser Hinsicht eine Zäsur dar, weil man sehr deutlich erkennen konnte, dass es sich bei der Alt-Right um radikale Rechte handelt. Es war so als ob die ganzen Memes, das Verspielte und Ironische auf einmal weggefallen wäre. Trotzdem gibt es auch Unterschiede: die Alt-Right sind keine klassischen Faschisten. Sie interessieren sich nicht sonderlich für den Staat und dafür welche Form er hat. Sie sind sogar offen für ein wirtschaftliches Modell, das sozialistische Elemente hat, manche bevorzugen den freien Markt. Es geht ihnen vor allem um die rassistische Bereinigung der Gesellschaft.
 

  • In Deinem Buch Kill All Normies hast Du Dich mit dem Aufstieg der Alt-Right innerhalb von Internetforen wie 4chan beschäftigt. Warum fandest Du die interessanter als zum Beispiel rechte Webseiten wie Stormfront?

Stormfront oder Daily Stormer sind klassische Naziseiten. Die Inhalte sind gewaltverherrlichend, rassistisch und antisemitisch, aber alles in allem sind sie wenig überraschend. An 4chan hat mich die Diskrepanz zwischen dem, was dort passiert und wie die Seite von außen wahrgenommen wird, interessiert. Bis vor kurzem hielten viele die Seite für einen gegenkulturellen, progressiven Ort im Internet, egal, wie offensichtlich rechts das war, was dort gepostet wurde. Ich wollte herausfinden warum das so ist.
 

  • Hat der zu positive Blick auf Netzkulturen den Blick auf 4chan verstellt?

Es ist kein Zufall, dass die Zeit als plötzlich mehr über 4chan berichtet wurde zusammenfällt mit Occupy Wall Street, also einer Zeit als die Guy Fawkes-Masken zu einem widerständigen Symbol wurde. In der Occupy-Bewegung und im Umfeld waren viele Hacker aktiv, so auch der Troll weev, der bekennender Nazi ist. Ich möchte damit nicht sagen, dass Occupy eine rechte Bewegung war, aber es ist wichtig sich den damals vorherrschenden Cyberutopismus vor Augen zu führen. Die meisten glaubten damals, dass das Internet die Welt besser machen würde, dass das Netz Freiheit und Demokratie in die Welt bringen würde. Das ging nicht nur uns Linken so, auch die Berichterstattung über den Arabischen Frühling erlag dem gleichen Fehler und in diesem Kontext wurde eben auch 4chan viel zu positiv eingeschätzt.
 

  • Nicht nur Netz-, auch Subkulturen werden oft zu positiv eingeschätzt und für tendenziell links und progressiv gehalten. Spielt das auch eine Rolle?

Es gibt eine starke Tendenz, vor allem im akademischen Bereich alles, was gegenkulturell daherkommt als fortschrittlich einzuschätzen. Die Bewertungen, die der Subkultur-Analyse zu Grunde liegen, stammen oft aus den Biografien der Schreibenden selbst. Dieser oft positive Blick auf Subkulturen bereitet uns auch heute noch Probleme. Besonders vor ein paar Jahren, als 4chan noch unschuldiger und weniger eindeutig rechts war als heute, gab es unter Akademikern und Journalisten eine starke Tendenz, das, was dort gepostet wurde, zu positiv zu bewerten. Ich plädiere in dieser Hinsicht sowieso für einen Perspektivwechsel innerhalb der Linken. Wir wollen doch viele Menschen erreichen, wir wollen doch Mainstream werden, warum klammern wir uns dann an Gegenkulturen? Das macht doch keinen Sinn.
 

  • Aber auch die Alt-Right ist in dieser Hinsicht nicht widerspruchsfrei oder anders gefragt: wer sind die «Normies», aus Deinem Buchtitel, die getötet werden sollen?

Das stimmt. Schaut man sich die Social-Media-Profile von Leuten wie Richard Spencer an, dann sind sie ständig damit beschäftigt, welche Leute in ihrem Umfeld nicht radikal genug sind. Besonders über die sogenannte Alt-Lite, also über Leute wie Milo Yiannopoulos, lästert er besonders gerne. Ich glaube, Spencer selbst hält sich für eine Nietzsche-Figur, was ganz typisch für die Neue Rechte ist. Er hat kein Interesse daran normale Menschen zu überzeugen. Er will seine Inhalte auch nicht abmildern um sie einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Er ist sehr zufrieden damit, extrem zu sein und zu schockieren. Ich denke, dass die Alt-Right sich selber als Vorreiter sehen, die an den Rändern der Gesellschaft agieren. Wenn sie diese Tonalität immer weiter etablieren, werden sie auch anschlussfähiger für den Mainstream ohne dass sie sich abmildern müssen. Was jetzt rechtsextreme Aussagen sind, ist dann normal. Ich glaube aber auch, dass sie ihr Glück nicht fassen konnten als Trump wirklich zum Präsidenten gewählt worden ist. Dadurch wurden sie ja überhaupt erst in die Mainstream-Medien katapultiert.
 

  • Wie ist die Neue Rechte in den USA eigentlich zum Mainstream geworden?

Sie haben verstanden wie man einen Kulturkampf gewinnt und alternative Medien und Mediennetzwerke mit großer Reichweite gründet und aufbaut, keine kleinen Blogs, sondern eine komplette Infrastruktur mit Seiten und Videokanälen, die tausende Male gelesen, geteilt und geschaut werden.

Besonders die Alt-Lite und ihre führenden Figuren wie Paul Joseph Watson, Milo Yiannopoulos, Gavin McInnes oder Mike Cernovich sind auf diesem Feld sehr erfolgreich. Interessant ist auch, dass die Rechten die Videoplattform YouTube quasi  kolonialisiert haben. Sie sind sehr gut darin Videos zu machen, in denen sie schnell argumentieren, schlagfertig sind, die unterhaltsam sind, in denen sie schnell auf aktuelle Begebenheiten reagieren, die aber trotzdem eine Message haben, die andere gerne teilen. Damit erreichen sie ein großes Publikum. Vielleicht sollte die Linke zumindest über diese Taktiken mal nachdenken. Vielleicht sollten wir nicht immer so textlastig sein, vielleicht sollten wir uns auch überlegen wie wir Menschen erreichen können und vielleicht sollten wir lernen unsere Argumente so zu kondensieren und uns so klar auszudrücken, dass sie verständlicher und anschlussfähiger sind.
 

  • Diesen Erfolg haben Sie aber schockierenden Fake-News und permanenten Grenzüberschreitungen   zu verdanken. Sollte sich die Linke das etwa auch abschauen?

Nein, sollte sie nicht. Wir sollten die Alt-Right nicht einfach nur kopieren. Grenzüberschreitungen sind Zeitverschwendung und auch überhaupt kein neutrales Stilmittel. Statt zu versuchen, die Neue Rechte in dieser Hinsicht zu überholen, sollten wir uns lieber fragen welche Zukunft wir wollen und wie wir dahin kommen. Die Linke ist unglaublich gut darin Institutionen und Prozesse zu analysieren und zu kritisieren, leider ist sie sehr schlecht darin selber Prozesse zu etablieren oder Institutionen aufzubauen. Damit sollten wir uns beschäftigen. Darauf sollten wir unsere Energie verwenden.
 

  • Es gibt aber ein paar Leute im Internet, die sich trotzdem darin versuchen. Auf Deutsch heißt das Sifftwitter, auf Englisch Weird Twitter. Ihr Humor ist grenzüberschreitend, ihr Lieblingsmeme ist Stalin. Wie findest Du das?

Ich finde das sehr merkwürdig. Ich bin das neulich schon mal auf einem Panel in Dublin gefragt worden und alle im Publikum unter 30 fanden das großartig. Ein Freund von mir, der über 70 Jahre alt ist, war auch dort. Er hat überhaupt nicht verstanden, was an einem Diktator lustig sein soll. Ich erkläre es mir so: die Stalin-Memes sind ein gutes Mittel etwas Respektlosigkeit in die manchmal sehr moralische Kultur der Linken einzuführen und sie sind auch eine Möglichkeit sich aus dem ultrasensiblen Diskurs der Liberals zu lösen. Ich befürchte nur, ich bin ein wenig zu alt um das alles wirklich zu verstehen. Wenn man älter wird, interessiert man sich mehr für handfeste Themen wie Löhne, Mieten, Einwanderung und fragt sich, wie man das wirklich verändern kann. So geht es mir jedenfalls.
 

  • Du schreibst über die symbiotische Beziehung der Alt-Right, die sich bei 4chan rumtreibt und der Tumblr-Linken. Warum kann man Liberals so einfach provozieren?

Viele sind sehr sauer auf mich, weil ich das geschrieben habe. Sie interpretieren das, was ich geschrieben habe, aber falsch. Ich gebe nicht ein paar Teenagern auf Tumblr die Schuld am Aufstieg der neuen Rechten. Aber es gibt ein wechselseitiges Verhältnis, das nicht von der Hand zu weisen ist. Die beiden Gruppen beobachten sich gegenseitig und reagieren aufeinander. Wenn auf der Blogging-Plattform Tumblr gepostet wurde wie verroht, sexistisch, menschenverachtend, faschistisch die Gesellschaft ist, haben sie fast immer Beispiele gewählt, die zuerst auf 4chan gepostet wurden. Umgekehrt gilt das genauso: die Poster von 4chan schauten auf Tumblr-Seiten schauten, wurden sie auch bestätigt und schrieben: Schaut, die Welt geht unter! Alle haben unendliche viele Geschlechter und weinen ständig. Die kulturelle Linke geht zu weit! Beide Seiten sahen also eine extreme Ausprägung der Realität, die genau das spiegelte, was sie selber sind.  Es hatte nichts damit zu tun, was tatsächlich Normalität ist. Wenn sie, statt diese Seiten zu lesen, aus dem Haus gegangen wären und sich umgeschaut hätten, wäre ihnen sehr wenig davon begegnet. Außerhalb des Internets wären ihre Ansichten vielleicht in Frage gestellt worden. So haben beide Gruppen immer genau das gesehen, was sie sehen wollten und sind in ihrer Sichtweise bestätigt worden. Ich habe natürlich nicht gesagt, dass die Teenager auf Tumblr – oder die sogenannten Social Justice Warriors – den Aufstieg der Alt-Right verursacht haben. Aber sie verstärken sich gegenseitig.
 

  • Hast Du Tipps wie man am besten mit der Alt-Right umgehen sollte? Auch in Medien?

Es reicht nicht einfach nur gegen rechts zu sein und gegen sie anzuschreiben. Wir brauchen auch eine Zukunftsvision, eine für die es sich gemeinsam zu kämpfen lohnt und die unterschiedliche Menschen zusammenbringt. Wir sollten uns insgesamt weniger mit dem beschäftigen was Rechte machen und mehr mit der Frage wie wir eigentlich leben wollen. Das ist viel produktiver. Der größte Sieg wäre, wenn sie irgendwann ignoriert werden, weil sie egal geworden sind.

 

Angela Nagle ist Autorin des Buchs «Kill All Normies: Online Culture Wars From 4Chan And Tumblr To Trump And The Alt-Right», hat an der Dublin City University über Antifeminismus im Internet promoviert und schreibt für the Baffler, The Irish Times, Jacobin und Current Affairs. Das Interview führte Nina Scholz.