Publikation International / Transnational - Krieg / Frieden - Asien - Arabischer Naher Osten / Türkei - Naher Osten Der Kampf der Elefanten

Die syrische Aktivistin Loubna Mrie über die Frage von Solidarität in Syrien.

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Loubna Mrie,

Erschienen

März 2018

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Der Kampf der Elefanten und die Frage von Solidarität in Syrien.
Foto: Doha Hassan

Seit ungefähr einem Monat dominiert in den Nachrichten ein syrischer Vorort der Hauptstadt Damaskus mit dem Namen Ghouta. Fast jeder größere Nachrichtensender hat in den letzten Wochen über die Ereignisse in diesem Vorort berichtet.

Ghouta steht seit 2013 unter der Belagerung des syrischen Regimes, etwa 400.000 Menschen sind dort eingeschlossen. Vor einem Monat entschlossen das syrische Regime und seine Verbündeten, den Vorort von bewaffneten Oppositionsgruppen zurückzuerobern und intensivierte seine Angriffe. Seither wurden mehr als 600 Zivilist*innen getötet und tausende verwundet. Ghouta liegt in Schutt und Asche. Nach Berichten der Ärzte ohne Grenzen wurden 22 Krankenhäuser zerstört, Menschen verstecken sich bereits seit zwei Wochen in Kellern. Es ist eine der schlimmsten humanitären Katastrophen in der gegenwärtigen menschlichen Geschichte. Und keine Lösung scheint in Sicht.

Dennoch, trotz der unzähligen seelentötenden Geschichten sowie den vielen Berichten über Kriegsverbrechen, sieht man vor allem im Internet immer die gleichen Argumente: «Warum hat der Westen diesen Krieg in Syrien angefangen?», «Warum unterstützt der Westen Jihadisten?». Einige Kommentare gehen sogar so weit, die Angriffe der syrischen Regierung und ihres «legitimen» Präsidenten zu rechtfertigen. Bashar Al Assad wird hier zum Retter seines Landes vor westlich imperialistischen Plänen und extremistischen Gruppen.

Die Situation in Syrien ist nun bereits seit sieben Jahren extrem komplex, aber viele Tatsachen gehen innerhalb der Debatten um Syrien verloren. Um den syrischen Konflikt zu verstehen, ist es wichtig, ihn in seinem zeitlichen Ablauf zu verstehen. Wenn man sich die oben genannten Argumente anschaut, wird deutlich, dass einige falsche Vorstellungen immer wieder wiederholt werden: Die Narrative des Regimechange, die des wohltätigen syrischen Regimes sowie die des notwendigen Kampfes gegen den Terrorismus.

Wie alles anfing

Als die Welle der Proteste die arabische Welt Ende 2010 erfasste, glaubten viele Syrer*innen, die die Ägypter*innen den Tahrir Square besetzen sahen, dass dieser «wind of change» niemals ihr Land erreichen könnte. Syrer*innen seien aufgrund der Brutalität der syrischen Regierung nicht bereit für eine Veränderung.

Syrien ist ein Polizeistaat, in dem es niemandem erlaubt ist, die Regierung zu kritisieren. Diejenigen, die es wagen, werden für Jahre inhaftiert und im Gefängnis gefoltert und misshandelt. Das Land wird seit Jahrzehnten mit eiserner Hand regiert.

Dennoch haben Syrer*innen die Mauer der Angst durchbrochen und sich den Protesten in der arabischen Welt angeschlossen. Die erste Demonstration fand in Daraa statt, einer Stadt im Süden des Landes. Kurze Zeit später wurde der erste Demonstrant erschossen. Dieses Ereignis verursachte einen Aufschrei und die Proteste breiteten sich im ganzen Land aus. Hunderttausende Menschen, einige Schätzungen sprechen sogar von Millionen, nahmen an den Protesten teil.

Das Durchgreifen der Regierung war von Anfang an brutal: Jeden Tag wurden Demonstrant*innen verhaftet oder getötet. Aber die Proteste ließen sich nicht mehr aufhalten, sie wurden von Tag zu Tag grösser und zahlreicher. Diejenigen, die lange Zeit geträumt hatten, ein Visum zu bekommen, um das Land zu verlassen, konnten endlich innerhalb Syriens auf Veränderung hoffen. Endlich schien das Land ihnen zu gehören und sie kämpften für es, mit allem, was sie hatten.

Als die Gewalt zunahm, griffen die Menschen zu den Waffen und Soldaten desertierten von der syrischen Armee. Gleichzeitig sahen Staaten wie die Türkei, Saudi-Arabien und die USA in Syrien die lang ersehnte Gelegenheit, ihre eigene Agenda zu verfolgen und mischten sich ein. Viele Gruppen sahen sich gezwungen, die angebotene Unterstützung von diesen Staaten anzunehmen - sie waren verzweifelt. Meiner Meinung nach war das der Anfang vom Ende des syrischen Aufstandes und der Beginn eines Bürgerkrieges.

Aber dennoch, der Konflikt begann als ein Aufstand – als ein friedlicher Aufstand. Die brutale Reaktion des syrischen Regimes war ein Katalysator für Militarisierung und Radikalisierung. Aber dies ändert nichts an der Tatsache, dass sich Syrer*innen vereinten und sich gegen einen Diktator erhoben; ihr Aufstand hatte daher seine Berechtigung.

Ist der Aufstand eine extremistische Bewegung?

Seit dem ersten Tag haben die syrischen staatlichen Medien die Protestbewegung als eine salafistische Bewegung dargestellt, die gegen ein säkulares Regime, das Minderheiten schützt, agiert. Das war nicht der Fall.

Syrer*innen aus verschiedenen sozio-ökonomischen, konfessionellen und ethnischen Hintergründen haben an den Protesten teilgenommen, unter ihnen Kurd*innen, Alawit*innen, Christ*innen, und Drus*innen. Ich selber bin Alawitin und komme aus einer Stadt, in der die Mehrheit das Regime unterstützt. Ich war 19 Jahre alt, als die Proteste anfingen und ich bin keine Ausnahme in meiner Stadt. Tausende Menschen waren wie ich, gingen für Veränderung auf die Straße, nur um mit Kugeln beschossen zu werden.

Ein anderes Beispiel ist Bassel Shahada, ein junger Filmemacher mit christlichem Hintergrund, der zu dieser Zeit an der Syracuse University Film studierte. Bassel hat sein Studium unterbrochen, als die Proteste anfingen, und kam nach Syrien zurück. Er ging nach Homs, um dort zu filmen. Homs war die erste von Oppositionsgruppen kontrollierte Stadt, die zerstört wurde. Bassel starb am selben Tag in einem Angriff und wurde in Homs beerdigt.

Es gibt hunderte, wenn nicht tausende Menschen wie wir; wir wurden verfolgt und getötet oder gezwungen zu fliehen. Viele konnten nicht aus Syrien fliehen und starben dort. Ich gehöre zu denen, die überlebt haben, meine Mutter nicht. Sie wurde 2012 inhaftiert und starb später.

Der syrische Aufstand war keine homogene sunnitisch salafistische Bewegung. Für die syrische Regierung ist jeder, der gegen sie ist, ein «Jihadist» oder ein «Terrorist», der das Land zerstören will, auch wenn es sich um friedvolle Demonstrant*innen handelt.

Wer sind die Jihadisten in Ghouta?

In Syrien, sowie in jedem anderem Land, wo ein chaotischer Konflikt stattfindet, finden Extremist*innen einen Nährboden, auf dem sie aufbauen können. Ausländische Unterstützer*innen werden sie für ihre eigene Agenda benutzen. In Ghouta existiert die extremistische Gruppe Jaysh al-Islam, die von Saudi-Arabien unterstützt wird. Aber ihre Präsenz in Ghouta heißt nicht, dass wir die Stadt mit ihnen gleichsetzen können. Ghouta ist nicht Jaysh al-Islam. In Ghouta leben etwa 400.000 Menschen unter Belagerung.

Zivilist*innen in Ghouta, unter ihnen Aktivist*innen, haben seit dem ersten Tag gegen die Gewalttaten von Jaysh al-Islam protestiert und ihre Menschenrechtsverletzungen verurteilt. Viele von denen, die jahrelang gegen die syrische Regierung protestiert und Jahre in staatlichen Gefängnissen verbracht haben, wurden später von Jaysh al-Islam verhaftet.

Samira al Khalil ist eines dieser Beispiele: eine jahrzehntelange Aktivistin und Ehefrau von Yassin Al Haj Saleh, der selber mehr als 16 Jahre vom Regime gefangen gehalten wurde. Ende 2013 wurden Samira und drei ihrer Kolleg*innen verschleppt, als sie über Missbrauch durch Jaysh al-Islam berichteten. Samira ist bis heute verschwunden.

Ghouta ist keine Ausnahme: viele syrische Aktivist*innen in den Oppositionsgebieten haben an zwei Fronten gekämpft: gegen Assad und gegen extremistische Gruppen, die versuchten, den Aufstand zu dominieren. Jedes Mal, wenn es zu einem Waffenstillstand oder zu einer De-Eskalationsphase  kam, gab es Demonstrationen sowohl gegen extremistische Gruppen, wie die al-Qaeda nahestehende Hay’at at-Tahrir al-Sham (HTS) als auch gegen das syrische Regime. Obwohl die HTS heute die mächtigste Gruppe in der nördlichen Provinz Idlib ist, gingen Zivilist*innen in Städten wie Mareet al-Norman und Saraqeb auf die Straßen, um gegen die Gewalttaten der Gruppe zu protestieren. Diese Geschichten werden nicht in den Medien berichtet, gerade so als würden diese Menschen nicht existieren.

In einigen Medienberichten behauptete die syrische Regierung, dass Zivilist*innen in den letzten Angriffen auf Ghouta von den oppositionellen Gruppen als menschliche Schutzschilder benutzt wurden. Dies war ihre Antwort auf die Verurteilungen der erschreckend hohen Zahl von toten Zivilist*innen. Das gleiche Argument wurde immer wieder von Israel benutzt, wenn ihre Luftangriffe auf Gaza viele palästinensische Zivilist*innen trafen. Und es ist das gleiche Argument, das die USA anbringen, wenn sie bevölkerte Gegenden in Mosul und Raqqa bombardieren. Es sind auch die gleichen Worte, die die türkische Regierung benutzt, wenn sie Afrin bombardieren. Sie bombardieren Terrorist*innen, aber Zivilist*innen werden als menschliche Schutzschilder benutzt. Es ist wahrhaft verstörend, wenn viele Menschen, vor allem im linken politischen Spektrum, die Propaganda des syrischen Regimes glauben und die kollektive Bestrafung in Ghouta und ganz Syrien ignorieren.

Was kann man tun?

Man kann sich für den Schutz von Zivilist*innen in verschiedenen Teilen von Syrien einsetzen. Nicht nur für die Zivilist*innen in Ghouta, sondern auch für die in Raqqa, die enorm unter dem IS und unter den Luftangriffen der Koalition gelitten haben. Und für die Zivilist*innen in Afrin und auch in Damaskus, wo sie von Granatbomben durch Jaysh al-Islam bombardiert werden. Auch wenn das Ausmaß des Tötens und der Zerstörung nicht dem in den oben genannten Orten gleichkommt und die meisten Toten durch das Regime und seine Verbündeten zu verzeichnen sind, sollten wir jedes einzelne Leben ernst nehmen und anerkennen, dass der syrische Aufstand seine Berechtigung hatte. Syrer*innen haben unter dem brutalen Diktator gelitten und hatten jeden Grund, sich zu erheben und Veränderung und Freiheit zu fordern. Auch wenn ausländische Mächte dieses Chaos zu ihrem Vorteil ausnutzten, heißt das nicht, dass der Kampf der syrischen Bevölkerung nicht gerechtfertigt ist, und er nicht nur durch eine anti-imperialistische/imperialistische Linse betrachtet werden kann.

Wenn Elefanten kämpfen, leidet das Gras am meisten. Und es ist genau das, was momentan in Syrien passiert.
 

Loubna Mrie ist eine syrische Aktivistin, die an der syrischen Revolution teilgenommen und als Fotojournalistin für Reuters über Syrien berichtet hat. Derzeit studiert sie an der New York University. 

Der Text ist eine Übersetzung aus dem Englischen.