Publikation Ungleichheit / Soziale Kämpfe - Migration / Flucht - International / Transnational - Erweiterung des Terrains Die Macht der Migration

Zehn Gespräche zu Mobilität und Kapitalismus

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Reihe

Buch/ Broschur, Verlagskooperation

Autor

Günter Piening,

Herausgeber/ innen

Massimo Perinelli,

Erschienen

März 2018

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Wenn der vorliegende Interviewband mit der Erkenntnis beginnt, dass wir uns im Zeitalter der Migration befinden, dann meint diese Feststellung weder das dystopische Schreckgebilde der «Überfremdung», wie es rechtspopulistische und antidemokratische Strömungen allgegenwärtig zeichnen. Noch ist sie bloße Anerkennung der Faktizität der demografischen Entwicklungen, die weiß, dass nach Generationen von Eingewanderten unsere postmigrantische Gesellschaft unumkehrbar ist.

Vielmehr formuliert die These vom Zeitalter der Migration eine Absage an retrotopische Fantasien – auch innerhalb der Linken – über eine Rückkehr zu früheren Formen vermeintlicher wohlfahrtsstaatlicher Ordnung. Nicht nur machen die Interviewten deutlich, dass die Zeiten national-sozialer Klassenharmonie in den Koordinaten von Vollbeschäftigung und Reichtumsumverteilung mit dem Ende der Blockkonfrontation unwiederbringlich vorbei sind, sondern auch, dass die «guten Jahre» immer schon auf der umfassenden Ausbeutung von Generationen von Fremd-, Gast- und Vertragsbeiter*innen «erwirtschaftet» wurden.

Die Interviewpartner*innen, sämtlichst Expert*innen zu Fragen von Migration, Rassismus und Grenzregimen, zeigen aber auch, dass die jahrzehntelangen Kämpfe der migrantischen Subalternen gegen Entrechtung und für Partizipation demokratisierende Effekte auf die hiesige Gesellschaft hatten. Das Widerstehen, Unterlaufen oder Ausweichen exkludierender Strukturen und die notgedrungene Fähigkeit zur Neuerfindung aller Lebensbereiche unter den Bedingungen permanenter Ausbeutung, Illegalisierung, Stigmatisierung, Hierarchisierung, Entwürdigung und Ausgrenzung haben neue affektive, ökonomische und soziale Rechte und Lebensweisen erstritten, die dieses Land zum Besseren geführt haben. Diese die Gesellschaft nachhaltig verändernden Interventionen waren und sind für eine Linke stets anschlussfähig – oder müssten es sein. Die Interviews erinnern uns daran, Migration nicht nur solidarisch zu begleiten, sondern als Linke empathisch zu begrüßen.

Dass wir uns im Zeitalter der Migration befinden, wird aktuell durch die Ereignisse des langen Sommers der Migration 2015 unmissverständlich unterstrichen. Die zu Hundertausenden neu Eingewanderten, die das europäische Grenzregime in beispielloser Entschlossenheit überrannten, erinnern die Welt nicht nur an den Zusammenhang von hiesigem Reichtum und dortiger Zerstörung, nicht nur an die Grundlagen globaler Ungleichheit, an postkoloniale Ausbeutung und die Funktionalität des nicht mehr enden wollenden Krieges, sondern sie machen es unmöglich, die Augen vor diesem Zusammenhang zu verschließen.

Aber in den letzten beiden Jahren der Masseneinwanderung aus dem globalen Süden nach Europa ist noch mehr geschehen. Wie bereits in vergangenen Zyklen der Einwanderung reartikulierten die neuen Bürger*innen die europäische Idee der Überwindung des hässlichen Nationalismus und öffneten die Gesellschaften auf eine demokratisierende Weise. Trotz Rechtsruck und Rechtspopulismus «verführten» sie Millionen von Alteingesessenen – viele von ihnen mit eigener Migrationserfahrung – zu politischer Solidarität, zu kommunitaristischem Handeln und damit zur Belebung der lokalen Commons, zu neuartigen affektiven Freundschafts-, Familien- und Liebesbeziehungen, zur Erweiterung eines nicht-homogenen ›Wir‹ und schließlich zum Niederreißen so manchen (ideologischen) Gartenzauns.

Günter Piening macht sich im vorliegenden Buch auf die Suche nach diesen heterotopischen Momenten der Migration, nach ihrer Macht, sich den schlechten Verhältnissen zu entziehen und zu widersetzen und damit Wege aufzuzeigen, ein anderes, besseres Miteinander für alle zu verwirklichen.

Die Analysen und Perspektiven der Expert*innen, die in dieser Konstellation zum ersten Mal im vorliegenden Band der Rosa Luxemburg Stiftung versammelt werden konnten, sind einzigartig. Sie fordern uns heraus, aber machen auch Mut und Spaß und schaffen eine Vorstellung von dem, was ist und von dem, was sein wird.

Massimo Perinelli, Rosa-Luxemburg-Stiftung
 

Inhalt:
  • Die Macht der Migration – eine Einleitung
    von Günter Piening, Massimo Perinelli
  • Migration als Chiffre
    Gespräch mit Naika Foroutan
  • Die schwierige Solidarität
    Gespräch mit Peter Birke
  • Wider die autoritäre Transformation Europas
    Gespräch mit Vassilis S. Tsianos
  • Warum Migration provoziert
    Gespräch mit Paul Mecheril
  • Eine neue soziale Bewegung?
    Gespräch mit Ulrike Hamann
  • Bürgerrechte statt Ausschluss
    Gespräch mit Rainer Bauböck
  • In kolonialer Tradition
    Gespräch mit María do Mar Castro Varela
  • Besser als jede Schule
    Gespräch mit Denise Garcia Bergt
  • Demokratisierung der Grenze
    Gespräch mit Bernd Kasparek
  • Gesucht: Ein neues linkes Koordinatensystem
    Gespräch mit Manuela Bojadžijev

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Günter Piening: Die Macht der Migration
1. Auflage, März 2018
ISBN 978-3-89771-249-2
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