Publikation Kapitalismusanalyse - Ungleichheit / Soziale Kämpfe - International / Transnational - Gesellschaftliche Alternativen - Gesellschaftstheorie - Marx 200 Marx Global

Unberechenbar, gefährlich: Das Begehren gegen das Kapital erlernen

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Reihe

Analysen

Autorin

Gayatri Chakravorty Spivak,

Erschienen

Mai 2018

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In Gayatri Chakravorty Spivaks zentralen Texten wird immer wieder ihr Bezug auf Marx und den Marxismus deutlich. In Teilen der poststrukturalistischen wie der postkolonialen Debatte dominiert häufig eine Abgrenzung von diesen theoretischen Linien – Spivak versucht hier ein produktiveres Verhältnis zu entwickeln: «Marx’ eigene Einsicht in die Grenzen seines Denkens würdigend», immer fragend vorzugehen. Sich leiten zu lassen, von seiner «Gabe, von seinen Fehlern nicht nur beschränkt zu werden, sondern kreativ aus ihnen zu lernen».

Spivak rekurriert dabei auf das «gefährliche Supplement»: Für sie bringt Marx «das Unberechenbare ins Spiel, denn wir alle müssen auf alle Zeiten über das Gegebene hinausblicken, in eine nicht enthüllbare Zukunft des Gebrauchs – ‹Poesie aus der Zukunft›», wie es Marx nannte. Zugleich unterminiert Marx dabei die Geschichtsschreibung, auch seine eigenen, etwa «durch die Erfahrung und das Studium gescheiterter Revolutionen ». So versteht Spivak ihre «marxistischen Arbeiten».

In diesem Geiste stellt Spivak die Frage nach einem globalen Marxismus. Klar ist, dass der «industrielle Kapitalismus heute nicht mehr von jener klar umrissenen Arbeiterklasse des 19. und frühen 20. Jahrhunderts produziert wird», «der Ort der Arbeit selbst diskontinuierlich » wurde. Einem «globalen Marx kommt hier die Aufgabe zu, den engen Fokus auf den Proletarier zu sprengen und sich der im Kraftfeld von Klasse, Geschlecht und Race stehenden (Nicht-) Bürgerin zu öffnen.» Denn «der Agens der Produktion des Sozialen» ist heute «der oder die Bürger*in und nicht mehr der Lohnarbeiter als solcher. Wir müssen die subalternen Wähler*innen und die subalternisierten Bürger*innen im marxistischen Kampf, das Kapital unausgesetzt ins Soziale zu überführen, willkommen heißen. Die Tatsache, dass der oder die Subalterne wählen darf und ‹entwickelt› werden kann (statt ihres indigenen Wissens und ihrer DNA einfach nur beraubt zu werden) hat zu einer tiefgreifenden Veränderung der Gemengelage geführt, worüber aber üblicherweise einfach hinweggegangen wird. Das international gespaltene, häufig auf nachteilige Weise vergeschlechtlichte und
hoffnungslos ausgebeutete Proletariat ist selbstverständlich auch ein Teil dieser untersten Schicht der Bürgerschaft. In dieser großen subalternen Gruppe, die global ist und nicht verallgemeinert werden kann, die kleinbürgerliche «Bereicherungssucht » (Marx) in das sozialistische Begehren nach der Schaffung einer gerechten Welt umzugestalten, ist die (un)mögliche Aufgabe.»

Die Subalternen sind «multinational geworden, oft ohne gültige Papiere». Und doch kann «der oder die Subalterne per Definition nicht verallgemeinert werden». Es geht Spivak durchaus um Organisierung und (Klassen)Kämpfe. «Die Kollektivität ist das Tor zum Bürger-sein. Der oder die Bürger*in als solche kann verallgemeinert werden, genauso wie der Proletarier als solcher. Das ist der verschobene, globale Marx.» Die globale Klasse muss erweitert werden, um den Gegner zurückzudrängen. Aber dies immer im Bewusstsein, dass das Subalterne sich dem als Fluchtpunkt entzieht. Man könnte sagen, die erfolgreiche Produktion einer Kollektivität von ‹unten›, produziert selbst wieder neue Subalternitäten. Letztere sind eben nicht verallgemeinerbar: «Das ist der Fokus auf das Einzelne.»

Um wirksam zu werden, bedarf es «eines Supplements, der Produktion der subalternen Intellektuellen». Ihre doppelte Aufgabe ist u. a. «die sorgfältige Arbeit daran, das Begehren zu erlernen und umzugestalten, um den Marsch des Kapitals einzudämmen und die Rechte von Anderen, die mir nicht ähnlich sind, zu respektieren».

Paradox erscheint dabei Spivaks Forderung: «Vielleicht ist es an der Zeit, die These zu vertreten, dass wir, wollen wir den Marxismus in einer globalisierten Welt, in der die erste Welle marxistischer Experimente gerade rückgängig gemacht wird, zum Funktionieren bringen, nichts so dringend benötigen wie die Zutaten für eine Doktrin», also «Marx nicht ‹postmodern›» zu denken.

Mario Candeias, Direktor des Instituts für Gesellschaftsanalyse
 

Inhalt
  • Einleitung: ein gefährliches Supplement
  • Marxistisch arbeiten
  • Produktion des Sozialen und sozialistisches Begehren
  • Literatur