Publikation International / Transnational - Krieg / Frieden - Asien - Westasien Eine halbe Revolution in Nordsyrien

In der kurdischen Hauptstadt Qamischli herrscht eine fragile Koexistenz kurdischer und syrisch-regimetreuer Institutionen

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Autor

Manuel Frick,

Erschienen

Januar 2019

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Rojava: Selbstverwaltung in der Kommune: Zeyna Muhammad und Mohammad Murad
Vertreten eine Kommune, die untersten Ebene der kurdischen Selbstverwaltung: Co-Vorsitzende Zeyna Muhammad und Muhammad Murad fühlen sich von den übergeordneten Behörden mit den Problemen in ihrem Quartier im Stich gelassen. Foto: Manuel Frick

Das kurdische Gebiet in Syrien wird oft romantisiert: Die Befreiung von Assads Joch sei revolutionär, die kurdische Selbstverwaltung ein basisdemokratisches Vorbild. Doch in der selbst ernannten Hauptstadt Qamischli ist das syrische Regime noch immer sehr präsent und mit der Selbstverwaltung sind längst nicht alle zufrieden – Kritik kommt auch aus den eigenen Reihen.

Eine Reportage von Manuel Frick.

 
Ein Geländewagen rauscht über die Kreuzung. Auf der Ladefläche stehen drei junge Frauen in grünen Militäruniformen, sie lachen und winken. Es sind Soldatinnen der (mehrheitlich) kurdischen Frauenmiliz (YPJ), deren Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) sie weltberühmt gemacht hat. Alltag in Qamischli, einer Stadt im Norden Syriens an der Grenze zur Türkei.

Rund ein Drittel des syrischen Territoriums steht heute faktisch unter der Kontrolle der kurdisch-syrischen Partei der Demokratischen Union (PYD), die sich an den Ideen von Abdullah Öcalan orientiert. Aber etwas passt doch nicht ins Bild: Obwohl die PYD hier auch als Befreierin vom syrischen Regime gilt, flattert bereits an der nächsten Kreuzung dessen Flagge. Darunter bewachen Soldaten einen Checkpoint, auf ihrer rechten Schulter prangt das Porträt von Präsident Baschar al-Assad.

Den Abzug der syrischen Soldaten im Jahr 2013 feierten viele Kurd*innen als Revolution; ihr Gebiet nannten sie fortan Rojava (kurdisch: Westen, wörtlich: Sonnenuntergang). Endlich können sie ohne Furcht vor Repressionen ihre Kultur öffentlich ausleben und ihre Sprache sprechen. Das kurdische Gebiet gilt als Vorbild für Toleranz in einer ansonsten von ethnischen und religiösen Spannungen zerrissenen Region. Kurd*innen, Araber*innen, Assyrer*innen und Turkmen*innen leben Seite an Seite. Und auch Christ*innen haben viele Leitungspositionen in der Verwaltung inne.

Die Revolution steckt fest

In Qamischli ist die Revolution – die Befreiung vom Regime – auf halbem Wege stecken geblieben. Es herrscht eine seltsame Koexistenz: Während die PYD den überwiegenden Teil der Großstadt kontrolliert, hält das Regime noch einige – strategisch wichtige – Inseln: am Stadtrand den Flughafen, den Bahnhof sowie den Grenzübergang zur Türkei. Im Zentrum der Stadt das Postamt, einige Krankenhäuser und viele Verwaltungsgebäude. Diese Gebiete nennen die Bewohner*innen von Qamischli Security Square – auch wenn diese Inseln eigentlich keine zusammenhängende quadratische Fläche bilden.

Ganze Wohnquartiere bezeugen ihre Loyalität zu Baschar al-Assad: An Fenstern und Balkonen hängen Flaggen des Regimes, jemand hat sogar eine Pappfigur von Hafiz al-Assad, ehemaliger syrischer Präsident und Vater von Baschar, auf seinem Dach montiert. Die Zufahrten zu solchen Straßenzügen sind durch Betonblöcke, Ketten oder mit Zement ausgegossenen Fässern blockiert. Die christliche Bevölkerung scheint gespalten: Ein Teil hat eine Miliz gegründet, die mit der PYD zusammenarbeitet. Ein anderer Teil lässt sich von einer Abspaltung ebendieser Miliz bewachen, die dem Regime nahesteht. Auf den ersten Blick sind die beiden Milizen kaum unterscheidbar: Ihre Symbole sind praktisch identisch, jedoch schreibt sich erstere «Sutoro» und die zweite «Sootoro».

Auch im Büro des Armeniers Levon Ormanian ist Baschar al-Assad noch immer präsent. Er schaut dort von einem Bild – zusammen mit einem Vertreter der armenisch-apostolischen Kirche. Seit über 50 Jahren führt Ormanian die Geschäfte der Kirche Sorb Hagob in Qamischli. «Wir Armenier fühlen uns nach wie vor der syrischen Regierung zugehörig», erklärt er. «Wir haben zehn Vertreter im Parlament in Damaskus.»

Ein Bild an der Wand zeigt den schneebedeckten Ararat, den Berg, auf dem laut der Bibel die Arche Noah nach der Sintflut gestrandet sein soll. Lange war der Ararat Mittelpunkt des armenischen Siedlungsraums, heute liegt er in der Türkei. Ormanian beginnt von sich aus, über den Völkermord an den Armenier*innen zu sprechen und bezeichnet die Türkei als «kriminell». «Obwohl wir nach dem Genozid als Flüchtlinge gekommen sind, haben wir nie das Gefühl gehabt, wir würden hier anders als die Syrer*innen behandelt.»

Wieso sagen Sie eigentlich immer ‹Regime›?

Ich frage Ormanian, wie er zur PYD-Regierung steht. Er wehrt ab. Politische Fragen solle man dem armenischen Botschafter in Damaskus stellen. Erst nach einigem Nachhaken wird er deutlicher: «Wir interessieren uns nicht für die politischen Strukturen, die die PYD aufgebaut hat.» Zwei weitere ältere Armenier sitzen in Ormanians Büro und hören zu. Anfangs tranken sie ruhig ihren Kaffee, beim Thema PYD mischen sie sich ein. Sie diskutieren mit dem Gemeindevorsteher, er zieht sein Fazit: «Die PYD beschützt zwar in erster Linie sich selbst vor dem IS und vor anderen Banden – aber damit auch uns.»

«Haben die Mitglieder Ihrer Gemeinde keine Probleme wegen Ihrer Loyalität zum Regime?», will ich wissen. Einer der kaffeetrinkenden Männer lehnt sich vor und fragt dazwischen: «Wieso sagen Sie eigentlich immer ‹Regime›? Ist es denn nicht die legitime syrische Regierung?» Die heiße Luft im Büro beginnt zu knistern. Als die Spannung wieder nachlässt, gibt Ormanian seine Antwort: Es gebe selten Probleme mit der Administration der PYD, sagt er. Und falls doch, wende er sich an die armenische Botschaft. «Die trägt unser Anliegen an die syrische Regierung, und diese wiederum löst dann das Problem mit der PYD-Regierung.»

Neben den armenischen halten auch viele katholische Gemeinschaften zum syrischen Präsidenten. Die Loyalität ist aber nicht einfach von religiösen oder ethnischen Zugehörigkeiten abhängig, sondern hat oft – wie im Falle der Armenier*innen – historische Gründe. Zum Beispiel bei vielen Araber*innen: Die Assad-Dynastie verfolgte in den 1970er-Jahren in den kurdischen Gebieten an der Grenze zur Türkei eine aggressive Siedlungspolitik. Das Ziel war ein demografischer Wandel: Die Araber*innen sollten die Bevölkerungsmehrheit stellen, nicht die Kurd*innen. Der Groll der kurdischen Bevölkerung ist bis heute spürbar. Die PYD hat ein rein arabisches Quartier am Stadtrand Qamischlis abgeriegelt, weil sie Auseinandersetzungen befürchtet.

Das Regime ist in Qamischli auf vielfältige Weise präsent. Wer Brot, das Grundnahrungsmittel schlechthin, kauft, kann zwischen sogenanntem Rojava-Brot und Regime-Brot wählen. Sowohl die PYD-Regierung als auch das Assad-Regime kontrollieren in Qamischli je eine Großbäckerei. Auch beim Benzin hat man zwei Möglichkeiten, wobei das Rojava-Benzin von minderer Qualität ist. Im syrisch-kurdischen Gebiet gibt es zwar viele Ölquellen, aber keine moderne Raffinerie. Diese standen schon immer im heutigen Regime-Gebiet, von wo aus auch der Flughafen Qamischli, der ein Stützpunkt der Assad-Truppen ist, regelmäßig mit qualitativ hochwertigem Benzin versorgt wird. Für die Soldaten des Regimes scheint der Weiterverkauf des begehrten Treibstoffs ein lukratives Geschäft zu sein.

Die Präsenz des Regimes beschränkt sich aber nicht nur auf Waren, sondern erstreckt sich auch auf Dienstleistungen: Die Zentralregierung in Damaskus bezahlt noch immer allen Angestellten ihrer Verwaltung Lohn, obwohl die PYD-Regierung mittlerweile eine ziemlich vollständige Selbstverwaltung aufgebaut hat. Einer dieser Angestellten, ein Kurde, will über seine Situation sprechen – sofern seine Anonymität gewahrt bleibt. Das Treffen findet in seiner Wohnung in einem begrünten Wohnviertel statt. «Früher gehörte ich zur Mittelschicht», erzählt er. Vor der Krise habe sein Monatslohn 270 US-Dollar entsprochen. Doch die Inflationsrate des syrischen Pfunds stieg aufgrund des Bürgerkriegs zeitweise auf über 100 Prozent. «Heute ist mein Gehalt noch rund 70 Dollar wert. Und weil hier viele alltägliche Produkte importiert werden, orientiert sich deren Preis am Dollarkurs.» Um das Überleben seiner Familie zu sichern, habe er sich – wie alle Staatsangestellten – einen zweiten Job suchen müssen.

An seinem Arbeitsplatz bei der syrischen Eisenbahn gebe es tatsächlich nichts mehr zu tun. Züge fahren schon lange keine mehr. «Trotzdem muss ich jeden Morgen erscheinen, Zeit absitzen und ein Papier unterschreiben. So weiß das Regime, dass ich nicht geflohen bin.» Nachmittags arbeite er als Englischlehrer in einer Privatschule, abends als selbstständiger Privatlehrer. «Meine Arbeitszeit beträgt 16 Stunden pro Tag», sagt er. «Ein Leben für die Arbeit.» Viele Kolleg*innen seien deshalb ausgewandert. 1300 Staatsangestellte habe es früher in Qamischli gegeben, heute seien es noch rund 400.

Seinen Job als Privatlehrer mache er gerne, erzählt er in beinahe perfektem Englisch. «Und es macht mich traurig, mitansehen zu müssen, wie es in den Schulen der PYD-Regierung läuft.» Dort unterrichteten viele junge Lehrkräfte ohne adäquate Ausbildung. Langsam verbessere sich die Situation zwar, weil die Regierung gut zahle und deshalb auch qualifiziertes Personal anlocken könne. Aber das Curriculum kritisiert er trotzdem. In Gebieten mit kurdischer Mehrheit fokussiere es zu stark auf den Unterricht in kurdischer Sprache. «Heute können einige Kinder nicht mal mehr Arabisch lesen und schreiben, obwohl es die offizielle Landessprache ist.» Zudem seien die Schulabschlüsse nirgends anerkannt. «Wie sollen meine Kinder ohne Zertifikat an einer guten Universität in Syrien oder im Ausland studieren?»

Demokratische Selbstverwaltung unter Druck

Für den Aufbau der zivilen Institutionen hatte die PYD-Regierung nicht viel Zeit. Sechs Jahre sind vergangen, seit sich das Regime aus den kurdischen Gebieten zurückzog. In dieser Zeit führten die kurdischen Milizen und ihre Verbündeten einen verlustreichen Krieg gegen den IS, unterstützt durch eine von den USA angeführte Koalition. Im südlichsten Zipfel des Autonomiegebiets – weit weg von Qamischli – dauert dieser Kampf bis heute an. Trotz widriger Umstände erzielte die PYD beachtenswerte Fortschritte: Der Verkehr wird von eigenen Polizist*innen geregelt, die Müllabfuhr ist regelmäßig unterwegs, sogar eine Universität hat in Qamischli ihren Betrieb aufgenommen – ein Novum in den Gebieten, in denen die kurdische Bevölkerung die Mehrheit stellt.

Die PYD investiert auch in Leuchtturmprojekte, die sich an Öcalans Vision eines «freien Lebens» orientieren. Das Wirtschaftsmodell soll umgekrempelt werden: Kooperativen statt kapitalistische Unternehmensstrukturen. Im Alltag der Stadt ist davon nicht viel zu spüren. Die meisten Einwohner*innen zucken fragend mit den Schultern, wenn sie nach ihrer Meinung zum Kooperativenmodell gefragt werden. Allen bekannt sind hingegen Maßnahmen, um die Gleichberechtigung der Geschlechter zu fördern. Die Frauenquote für Positionen in der Verwaltung wird offensichtlich befolgt. Im kollektiven Bewusstsein sind die Frauen auch als Soldatinnen der YPJ präsent. Viele lokale Medien berichten immer wieder in stilisierter Form von deren Kampf gegen den IS.

Ein weiteres Vorzeigeprojekt ist Jinwar (Dorf der Frauen), das Ende 2016 von PYD-nahen Frauenorganisationen ins Leben gerufen wurde. Anders als die PYD-Regierung hat das Dorf eine mehrsprachige Internetpräsenz. Jinwar, heißt es dort, solle ein Ort für Frauen werden, an dem sie «kollektiv ihre eigene Freiheit wiederentdecken, wiederherstellen und zurückerobern».

Die Fahrt von Qamischli nach Jinwar führt kurzzeitig direkt entlang der drei Meter hohen Grenzmauer zur Türkei, mit deren Bau das Nachbarland 2016 begann. Heute ist sie mehrere hundert Kilometer lang. Aus den Wachtürmen, so erzählen sich die Leute, würden die türkischen Soldat*innen immer wieder willkürlich auf Menschen auf der syrischen Seite schießen. Jinwar dagegen liegt außer Schussweite, am Dorfeingang schiebt eine Bewohnerin Wache.

Auf dem Dorfplatz arbeiten Frauen und Männer Seite an Seite, mischen Lehm und Stroh mit Wasser und füllen die Masse in Metallformen. Die sengende Sommerhitze backt daraus Lehmziegel. Zwei Reihen niedriger Häuser sind bereits fertiggestellt, aus den getrockneten Lehmziegeln entsteht eine dritte. Dachkuppeln und bogenförmige Fensteraussparungen zeugen von einer modernen Interpretation der traditionellen ländlichen Bauweise. Die Gebäude sind so angeordnet, dass sie zusammen mit dem gemeinschaftlichen Gemüse- und Obstgarten ein Rechteck bilden.

Die Dorfverantwortliche stellt sich als Rumet Heval vor. Im Kurdischen heißt Heval Genossin oder Genosse. «Die kurdische Frauenbewegung ist vor allem durch die YPJ berühmt geworden», sagt die Frau, eine brennende Zigarette in der Hand. «Neben der militärischen hat die Revolution aber auch eine gesellschaftliche Seite. Wir wollen ein neues Verständnis vom Zusammenleben der Geschlechter fördern und eine neue Ethik für die ganze Gesellschaft entwickeln, die auch die Aspekte Ökologie und Selbstversorgung umfasst», sagt Heval.  Die Ziele des Dorfes, wie Heval sie erklärt, sind ambitioniert: Verzicht auf Dünger und Pestizide im Garten, Wirtschaften nach dem Kooperativenmodell, Forschung im Bereich der traditionellen Medizin und der Jineologie – Öcalans Form des Feminismus.

Zurzeit wohnt nur eine Handvoll Frauen im Dorf, eine weitere Handvoll kommt täglich zur Arbeit. Doch bald, sagt Heval, werde Jinwar vielen Frauen einen Platz bieten, die aus einer schwierigen Situation kommen: einer verarmten Witwe eines Märtyrers zum Beispiel, die von der Familie ihres verstorbenen Mannes wie ein Dienstmädchen behandelt wird. Oder einer geschiedenen Frau, der die Kinder weggenommen wurden. «Jinwar befreit die Frauen vom Druck der schlechten Traditionen in unserer Gesellschaft.» Das Dorf solle jedoch nicht nur Zufluchtsort sein. «Wir suchen den Austausch», sagt die Genossin. Viele der anwesenden Arbeiter*innen sind Männer, und auch Besucher*innen sind willkommen. «Die Männer gehen hier tatsächlich sehr respektvoll mit den Frauen um.»

Eine der Frauen, die hier arbeitet, stammt aus einem nahe gelegenen Dorf und verdient in Jinwar rund 100 Dollar im Monat als Buchhalterin. «Ich hatte nie Probleme mit dem patriarchalen System», sagt die junge Frau. Auf sanften Widerspruch ihrer Kolleginnen, die zuhören, rückt sie dann doch mit einer Geschichte heraus, will aber anonym bleiben. Vor Kurzem sei sie im Dorf der Frauen von einem lokalen Fernsehsender interviewt worden. «Meine Familie war gar nicht begeistert», sagt sie knapp. «Sie ist mit dem Gesellschaftsmodell, das hier gelebt wird, nicht einverstanden und fand es schlecht, dass mein Bild durch die Medien ging.»

Die Frauen müssen noch lange für Gleichberechtigung kämpfen – das ist auch in Nordsyrien nicht zu übersehen. Ist man bei einer Familie zu Gast, kümmern sich die Frauen ums Kochen und die Männer um die Unterhaltung. Ein Blick in jedes beliebige Teehaus in Qamischli zeigt: Es sind ausschließlich Männer, die sich ihre Zeit mit Wasserpfeife und Kartenspiel vertreiben.

Einen anderen Eindruck vermittelt ein Besuch einer Theatervorführung in Qamischli. Rund 100 Personen, Frauen und Männer, nehmen hier auf Plastikstühlen Platz – von der Jugendlichen in Jeans und mit umgehängtem Hipster-Beutel bis zum Senior mit grauem Schnauzer im Anzug. Eilig hängt ein Helfer eine Sparlampe über einer improvisierten Bühne auf. Dann führen die jungen Frauen und Männer der Theatergruppe das Stück «Le Malade imaginaire» von Molière in kurdischer Sprache auf. Letzte Szene: Die Tochter des Vaters, der sie unbedingt mit einem Arzt verheiraten wollte, weil er selbst sich ständig krank fühlt, kann nun doch ihren Wunschpartner heiraten. Tosender Applaus, strahlende Gesichter. Kameras klicken, Handys filmen.

Regisseur Abdurrahman Ibrahim erzählt die Geschichte der Theatergruppe, die er seit 25 Jahren leitet. «Früher mussten wir unsere Stücke im Geheimen proben und aufführen, weil das Regime jegliche Kultur auf Kurdisch unterdrückte», sagt er mit einem Blick, als würde er befürchten, dass Assads Schergen noch immer mithören. Einer seiner Theaterkollegen sei gefoltert worden, und auch er habe sich wochenlang vor der Geheimpolizei verstecken müssen. «Gefahr drohte uns auch aus der Gesellschaft. Es war nicht toleriert, dass Frauen Theater spielen.»

Ibrahim sagt, er habe sein kurdisches Theater nie explizit als politische Aktivität verstanden. «Kultur soll die Gesellschaft im Allgemeinen voranbringen.» Jetzt lächelt er, aber seine Augen sprechen noch immer eine andere Sprache. Die neuen Freiheiten unter der PYD-Regierung genieße er natürlich – aber es sei längst nicht alles gut. «Eigentlich stehen uns Subventionen zu, auch als parteipolitisch unabhängige Gruppe. Aber leider befolgt die Regierung ihre eigenen Gesetze nicht.» Er habe sich beim Kulturministerium beschwert – ohne Erfolg. «Sie sagten mir, sie würden nur diejenigen unterstützen, die zu ihnen gehören.» Was das heißt, leitet Ibrahim von der Situation einer befreundeten Musikergruppe ab: «Im Gegenzug für die Subventionen musste sie einen ihrer Manager von der Regierung bestimmen lassen.»

Wir leiden unter einem kalten Krieg zwischen der PYD und dem Regime.

Kritik am Stil der PYD-Regierung ist in Qamischli nicht selten zu hören – und sie kommt auch von unerwarteter Seite: aus der Verwaltung selbst. Die de facto autonome Region, die sich zurzeit Demokratische Föderation Nordsyrien nennt, gliedert sich in drei Regionen, diese wiederum in mehrere Kantone, Bezirke und Gemeinden. Die unterste Stufe bilden die sogenannten Kommunen, nach Öcalan der Kern der Basisdemokratie. Regelmäßig kommen deren Mitglieder zusammen, um die dringendsten Probleme zu besprechen.

In der Kommune Shehid Qamishlo (Märtyrer von Qamischli), im Zentrum der Großstadt, sind 250 Haushalte zu einer Verwaltungseinheit zusammengefasst. In einem der sechsstöckigen Wohnblocks dieses Quartiers befindet sich ihr Treffpunkt. Gerade mal acht Personen sind zur heutigen Sitzung gekommen. Die Co-Vorsitzende Zeyna Muhammad, spricht mit allen Kurdisch, auch wenn sie Araberin ist. «Am Anfang kamen viel mehr Leute», sagt Muhammad. «Als sie sahen, dass die Probleme nicht gelöst werden, blieben sie zu Hause.» Die Wände des Raumes sind von riesigen gelb-rot-grünen Rojava-Flaggen bedeckt, die wiederum mit Märtyrerbildern und Symbolen von PYD-nahen Milizen bestückt sind. Ein großes Pult steht im sandigen Staub, der den nackten Betonboden bedeckt.

Die Sitzung beginnt. «Nach Mitternacht haben wir kein fließendes Wasser mehr», klagt eine Bewohnerin. «Ja, das stimmt», pflichtet ein Nachbar bei. «Aber das Grundproblem ist der Strom. Das Elektrizitätswerk beliefert uns nur zwei Stunden am Tag, danach müssen wir die Generatoren laufen lassen.» Ihr Betrieb sei teuer, ihre Abgase verursachten Krebs und außerdem seien sie sehr laut. Deshalb müsse man sie um Mitternacht abstellen. «Das Problem ist doch, dass die syrische Regierung nicht teilt», sagt eine andere Frau. «Die Häuser im Security Square haben immer Strom, wir nicht. Wir leiden unter einem kalten Krieg zwischen der PYD und dem Regime.»

Ohne konkreten Beschluss verlassen die Kommunemitglieder den Treffpunkt. Die Co-Vorsitzende Muhammad erzählt von ihrem Frust: Immer wieder informiere sie die übergeordnete Behörde über die Probleme der Kommune. «Aber die sitzen nur auf ihren fetten Sesseln in ihren klimatisierten Büros, streichen ihre Löhne ein und tun rein gar nichts», klagt sie. «Und wenn sich die Leute über die Zustände beschweren, machen sie die Kommune dafür verantwortlich.» Unzufrieden ist sie auch mit ihren Anstellungsbedingungen. «Ich arbeite seit fünf Jahren für die Kommune und habe nie ein Gehalt bekommen, obwohl sie uns das versprochen haben.»

Wir haben dort nichts zu sagen, die entscheiden alles allein.

Jetzt mischt sich ihr Kollege, der kurdische Co-Vorsitzende Muhammad Murad, ein. «Die Philosophie von Öcalan besagt, dass alle Macht von der Kommune ausgehen soll, nicht vom Staat», sagt er mit finsterem Blick. «Aber die Philosophie ist eine Sache, eine andere ist, wie die PYD sie umsetzt.» Auch Murad kritisiert die übergeordnete Behörde. «Wir haben dort nichts zu sagen, die entscheiden alles allein.»

Stromunterbrechungen, Wassermangel, steigende Preise. Diese Alltagssorgen beschäftigen die Leute – neben der latenten Angst vor einer neuerlichen Invasion der Türkei oder der syrischen Armee – am meisten. Solche Anliegen hat der Radiosender One FM zum Hauptinhalt seines Programms gemacht. Das Radio ist eines von vielen, die in den letzten Jahren gegründet wurden. Unter dem syrischen Regime waren kurdische Medienunternehmen undenkbar, heute gehören sie zum Alltag. Viele Medien stehen der PYD nahe; One FM wird vom Deutschen Institut für Auslandsbeziehungen finanziert und kann dadurch unabhängig von der Verwaltung arbeiten.

Ein freundliches Lächeln umspielt den Mund des jungen Geschäftsführers Abdurrahman Khalo, als er durch die Räumlichkeiten von One FM führt. Seine Mitarbeiter*innen ziehen sich gegenseitig auf, in Kurdisch, Arabisch oder Aramäisch. Plötzlich geht das Licht aus. Hinter dem Haus beginnt ein Generator zu jammern. Der Strom reicht knapp für den Sendebetrieb, die Klimaanlage bleibt tot.

«Wir versuchen ständig, die Verwaltung auf die Alltagsprobleme aufmerksam zu machen», sagt Khalo: Ein von der Wasserzufuhr abgeschnittenes Viertel, überhöhte Preise für Generatoren, eine Baufirma, die mit minderwertigem Beton arbeitet. «Heute reagieren die Behörden oft mit Maßnahmen oder Regulierungen auf unsere Berichte. Aber das war nicht immer so.» Nach der Revolution habe es nur Sicherheitsbehörden und keine zivilen Institutionen gegeben.

Am Anfang sei es um die Pressefreiheit schlecht bestellt gewesen, sagt Khalo. «Es kam mehrmals vor, dass Sicherheitskräfte die Kameras unserer Reporter zerstörten, weil sie dachten, wir seien Spione.» Mittlerweile laufe vieles organisierter ab. Als Medienbetrieb könne man eine Zulassung, als Journalist*in einen Presseausweis beantragen. Trotzdem gebe es Hindernisse: «Erst kürzlich wurde einem Kollegen der Zutritt zu einem Flüchtlingscamp verweigert, obwohl er eine Erlaubnis vorweisen konnte.» Das Sicherheitspersonal, fügt Khalo an, sei aber vielleicht einfach nicht mit den Regeln vertraut gewesen.

«Grundsätzlich verbessert sich die Situation für die Medien, auch wenn es immer wieder zu bedenklichen Vorfällen kommt», sagt Khalo. Vor wenigen Monaten sei einer seiner Reporter verprügelt worden, als er eine belebte Straßenkreuzung für einen Bericht über Verkehrsunfälle gefilmt habe. Khalo geht davon aus, dass die Angreifer Verbindungen zur PYD hatten. «Wir wissen aber nicht, ob sie aus Eigeninitiative handelten oder einen Befehl ausführten.»

PYD versus Kurdischer Nationalrat: Tiefe Gräben

Die härteste Kritik an der Selbstverwaltung in Nordsyrien kommt von einigen kurdischen Parteien, die in Opposition zur PYD stehen. Zurzeit spielen sie eine marginale Rolle. Das war nicht immer so: Viele dieser Parteien setzten sich schon lange vor der Gründung der PYD im Jahr 2003 dafür ein, dass die Regierung von Baschar al-Assad den Kurd*innen mehr Rechte zugesteht. In der Bevölkerung genossen sie einigen Rückhalt, allerdings zersplitterte die syrisch-kurdische Parteienlandschaft immer mehr. Das änderte sich erst nach Ausbruch des sogenannten Arabischen Frühlings 2011. Unter Vermittlung von Masud Barzani, dem Präsidenten der kurdischen Autonomieregion im Irak, einigte sich ein Großteil der Parteien und gründete den Kurdischen Nationalrat (KNR). Die PYD, Schwesterpartei der PKK, konnte ihren Machtanspruch jedoch schneller festigen und reagierte mit Repressionen auf die Aktivitäten des KNR. Die Stimmung zwischen den beiden Blöcken ist vergiftet, die PYD schloss reihenweise die Geschäftsstellen der KNR-Parteien.

Auch das Büro der Partei von Sulaiman Osso, der Yekiti, der kurdischen Einheitspartei in Syrien, war betroffen. «Ich rechne ständig damit, dass ich aus politischen Gründen verhaftet werde», sagt Osso, der in der Yekiti eine Führungsposition innehat. Seine Partei, ein wichtiges Mitglied des KNR, lehnt die von der PYD aufgebaute politische Struktur ab und ist auch nicht darin vertreten. Viele hochrangige KNR-Mitglieder sind emigriert, Osso ist geblieben.

Abgeklärt berichtet er von der Repression der PYD, die er selbst erfahren habe. Er sei zweimal verhaftet worden, zuletzt vor einem Jahr. «Fürs Verhör verbanden sie meine Augen. Sie warfen mir vor, ein Landesverräter, zu sein, dass ich für die Türkei arbeite oder für die islamistische Opposition in Syrien», sagt er. «Natürlich ist das Quatsch, und sie konnten auch keine Beweise vorlegen.» Nach einem Monat im Gefängnis sei er aus gesundheitlichen Gründen entlassen worden, erzählt Osso. «Aber ich bin bei Weitem nicht der Einzige, der verhaftet wurde. Erst vor Kurzem traf es wieder zwei KNR-Mitglieder.»

Die innenpolitische Situation in Nordsyrien ist nach der Invasion der Türkei in Afrin noch angespannter als zuvor. Der KNR beschuldigt die PYD, mit dem Regime zu kollaborieren, und sieht in ihr lediglich einen verlängerten Arm der PKK. Die PYD wirft dem KNR hingegen vor, den türkischen Angriff auf Afrin unterstützt zu haben. Doch auch Osso verurteilt die türkische Invasion. «Wenn die PYD die Macht mit uns teilen würde, die Regierung also nicht so stark von der PKK beeinflusst wäre, hätte die Türkei gar keinen Grund für ihren Angriff auf Nordsyrien vorbringen können.»

Der Oppositionspolitiker freut sich sehr über das Interesse des westlichen Journalisten und lädt mich zum Abendessen ein. Seine Wahl des Lokals bringt die politische Zerrissenheit dieser Region auf den Punkt: Osso – aus Sicht der PYD ein Landesverräter und vom syrischen Regime geächtet – marschiert gleichmütig in ein gehobenes Restaurant, das im regimetreuen Security Square liegt. Vor der Fensterfront regeln zwei der verbliebenen syrischen Polizisten den Verkehr, hinter ihnen wacht die Büste des verstorbenen syrischen Präsidenten, Hafiz al-Assad, über das Geschehen.

Manual Frick
Autor Manuel Frick hat Islamwissenschaft studiert und arbeitet als freier Journalist und Nachrichtenredakteur bei der Neuen Züricher Zeitung (NZZ)

Erfahren Sie mehr zum Thema in unseren Dossiers Naher Osten im Fokus und Demokratie im Ausnahmezustand