Publikation Geschlechterverhältnisse - Kultur / Medien - Kunst / Performance - Asien - Arabischer Naher Osten / Türkei - Feminismus - Naher Osten «Wie lange ist lang genug?»

Krieg und Kunst im Nordirak — Vierter und letzter Teil der Reportage von Barbara Caveng

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Reihe

Artikel

Autorin

Barbara Caveng,

Erschienen

März 2019

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Ava Nadir
«The Silence of Words» - Das Schweigen der Worte. Ava Nadir thematisiert in ihren großen multimedialen Arbeiten gesellschaftliche Fragen. Ihre Themen sind die Unterdrückung der Frauen und das umfassende Leid durch der Krieg. © Ava Nadir

Der Zeiger des Tachometers steht auf 50km/h. Der Taxifahrer hat die mittlere von drei Spuren gewählt. Links und rechts rauschen die Autos vorbei. Ich wünschte, er würde etwas schneller fahren. Die Fahrt vom Stadtzentrum Erbils bis ins American Village dauert eine gute halbe Stunde – bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von mindestens 80 Stundenkilometer. Der Mann am Steuer ist so freundlich, wie es seine Gesichtszüge verhießen, als ich ihn durch das Heben meiner Hand stoppte. Es gibt so viele Taxen im Stadtraum, dass ich mich nach dem Gesicht und der intuitiv empfundenen Sympathie für den Fahrer eines Wagens entscheide. Dieser hier spricht so gemächlich, wie er fährt. Der zeitliche Sicherheitsabstand zwischen seinen Worten entspricht der räumlichen Distanz bis zur Stoßstange des Verkehrsteilnehmers vor uns. Wir sprechen englisch.

Autofahren ist in Kurdistan eine Freistildisziplin. Die Straßen Neuköllns in Berlin sind im Vergleich dazu eine ADAC-Teststrecke. Ernsthaft regt sich allerdings niemand über das Chaos auf. «Wenn wir nicht durch Krieg sterben, dann im Auto» ist der lapidare Kommentar einer ergebenen, aus dreißig Jahren Krieg erwachsenen Akzeptanz von Sterblichkeit. Der Taxifahrer verweigert sich dem Straßenkampf. Er hat ein Jahr in Heidelberg gelebt und dabei offensichtlich die deutsche Straßenverkehrsordnung verinnerlicht: 50 Stundenkilometer innerhalb von Ortschaften.

Wie entsteht eine Zivilgesellschaft?

Der Mann ist traurig. «Wie entsteht eine Zivilgesellschaft?» Seit seiner Rückkehr bedrängt ihn diese Frage. Deutschland hatte seinen Asylantrag nach Bulgarien zurückverwiesen. Sein Fingerabdruck ermöglichte die Anwendung der Dublin-III-Verordnung. Er war auf seinem Weg über die Balkanroute in dem südosteuropäischen Land registriert worden. Damit war Bulgarien zuständig für die Prüfung seines Asylantrages. Ich wünschte, er würde dreißig fahren. Wie soll ich auf diese Frage in den verbleibenden zwanzig Minuten eine Antwort finden?

Als wir den Checkpoint erreichen, klebe ich noch immer stumm im Sitz. Dem Peshmerga-Wachposten zeige ich das WhatsApp-Profilfoto von Ava Nadir auf meinem Handy. «Sie ist vor zehn Minuten nach Hause gekommen», sagt er freundlich und winkt mich durch. Ava Nadir ist eine interdisziplinär arbeitende Künstlerin, die sich aus dem Stadtzentrum Erbils in die Gated Community des American Village zurückgezogen hat. Dorthin, wo die Straßen Texas oder California heißen und die Fassaden der Villen den East-Coast-Look preisen. Sie könnte es sonst nicht mehr aushalten in diesem Land. Mit ihrem sechsjährigen Sohn spricht sie englisch. Die 46-jährige grenzt sich mit den Insignien eines amerikanisch-europäischen Lifstyle gegen die lokale Gesellschaft ab. In ihrer Arbeit visualisiert sie die Geschichte des Irak, die ihr eigenes Leben in eine Kriegsbiographie umschrieb. Ava war achtzehn Jahre alt, als Bagdad nach der Annexion Kuwaits durch Saddam Hussein von einer westlichen Koalition unter Führung der USA bombardiert wurde. Die Einschläge der Bomben gingen neben dem Haus von Avas Familie nieder. Ava brach unter Schock zusammen. Die Familie floh in den Norden nach Erbil. Den Bomben konnten sie auch hier nicht entrinnen. Sie glaubten ihr Leben verloren. Sterben wollten sie lieber in Bagdad  und kehrten in die Hauptstadt zurück. Sie überlebten in dem völlig zerstörten Viertel Al Mansour. Ava lernte Brot zu backen.

«The Power of Words» – Die Kraft der Worte, heißt eine ihrer großen multimedialen Arbeiten, in der sie Aussagen von Frauen, deren Leben – wie ihres – vom Krieg geprägt ist, auf die Mauern der Zitadelle von Erbil projizierte. Sie kämpft gegen Repressionen und für die Rechte der Frauen. Ihre Arbeiten finanziert sie selbst.

Auch Tanya Abdel Basher trauert noch heute um Bagdad. Sie liebte das Viertel Karrada, in dem sie unter Christen, Juden, Sunna und Schia, Aramäern und Atheisten aufwuchs. 2006 floh auch sie nach Erbil, vor den Anschlägen und Selbstmordattentaten, die das Leben im Irak seit dem offiziell verkündeten Ende des dritten Golfkrieges 2003 zerfetzten. Zu dieser Zeit verließen Ava Nadir und ihr Mann das amerikanische Viertel der kurdischen Hauptstadt Erbil. Das Paar folgte dem Ruf des damaligen irakischen Präsidenten Jamal Talabani zurück nach Bagdad. Beide arbeiteten in seinem Stab. Es muss ein blutiges Chaos gewesen sein – ein Inferno, welches von den Seelen der Bewohner*innen Besitz ergriff.

Seit 2010 leben die beiden Künstlerinnen ein paar Straßenzüge voneinander entfernt. Sie kennen sich nicht. «Wie kann ich mich schützen?» Die Frage, die Tanya bewegt, stellt sich auch Ava. Beide Frauen denken dabei an ihre Kinder. Sie haben sich aus der Gesellschaft zurückgezogen. Tanya Abdel Basher leitete sechs Jahre lang den Fachbereich Bildhauerei am Art College der Salahaddin Universität in Erbil. Seit einigen Jahren konzentriert sie sich auf Kunsttherapie. Sie arbeitet mit Kindern und Frauen, die 2014 vor dem Terror des Islamischen Staates flohen. Während einer Autofahrt durch die Stadt erzählte sie von drei jesidischen Frauen, die hochschwanger entkommen waren. Sie schafften es bis nach Erbil. In der Notunterkunft setzten die Geburten ein. Tanya packte sie in ihr Auto, fuhr sie ins Krankenhaus: «Die Frauen waren in den Wehen. Ihre Fruchtblasen platzten. Eine musste sich übergeben. Es hat mir nichts ausgemacht.» Die Frauen gebaren gesunde Kinder. Die Spuren von Fruchtwasser, Urin, Blut und Erbrochenem auf den Autositzen, die den Vorgang und die Umstände bezeugten, betrachtete sie mit den Augen der Kunst und erklärte sie zum Mahnmal. Auch der stechende Geruch der Zersetzung sollte die Mitfahrenden am Vergessen hindern. Sie wollte, dass alles so bleibt. Ihre Familie hielt dem Anspruch nicht stand: «Full Car Washing», seufzt Tanya, Das Auto wurde poliert und schamponiert, die Flecken getilgt, die Erinnerung bereinigt.

«How long is enough?» («Wie lange ist lang genug?»), fragt Ava Nadir in einer weiteren Installation. Sie filmte während 24 Stunden das Leben einer jesidischen Familie, die seit 2014 in einem Camp überlebt. Deren Zelt ersetzte sie durch einen Wohnwagen. Die provisorische Behausung installierte sie im Stadtzentrum Erbils und projizierte den Film auf die Planen. Er zeigt auch ihr Leben.Ob Taxifahrer, Wachposten oder Künstler*innen – sie alle sind Chronist*innen des Krieges und Archivar*innen des Leides. Ava Nadir und Tanya Abdel Basher, zwei unabhängige, intellektuelle Frauen aus Bagdad, die beide liberal und als Kosmopolitinnen erzogen wurden, verbindet viel. Zuversicht im Hinblick auf die gesellschaftliche Entwicklung empfindet keine von beiden.

Erbil ist eine Wirtschaftsstadt. Sulaimaniyya ist die Stadt zum Kämpfen.

Die Künstlerin Xoshi Shawqy lacht laut und selbstbewusst. Ihre Worte finden sich im Stadtbild wieder. Überall begegnet man Statuen, die an Denker, Künstler und Dichter erinnern. Das Buch ist ihr häufigstes Attribut. Denken hilft. Sulaimaniyya ist das kulturelle Zentrum Kurdistans. Der Dichter Sherko Bekas, einer der Großen der kurdischen Gegenwartsliteratur, ließ sich in einem letzten Bekenntnis zur Freiheit nach seinem Tod im Azadi-Park (Freiheits-Park) verbrennen. Auch seine Geschichte ist verbunden mit dem an die Grünanlage angrenzenden Gelände, auf dem die roten Gebäude des ehemaligen Foltergefängnisses Amna Suraka stehen. In dem Komplex wurden zwischen 1984 und 1991 unter dem Regime Saddam Husseins tausende Kurd*Innen gequält und getötet. Die Architektur des Grauens entstand nach einem Entwurf von Fachleuten aus der DDR. So steht es in der Begleitschrift des heutigen Nationalmuseums. Zeitzeugen begleiten die Besucher*innen durch die Gebäude, in denen verhört, gepeinigt und hingerichtet wurde. Ich werde in den Spiegelsaal geführt. Die Gewölbe im ehemaligen Hauptquartier der Geheimdienstoffiziere sind bestückt mit 182.000 reflektierenden Scherben: Jede von ihnen spiegelt das Leben einer Frau, eines Mannes oder eines Kindes. Es waren Kurd*innen, Assyrer*innen, Aramäer*innen – Angehörige von Minderheiten, die unter Saddam Hussein während der Jahre der Anfal-Kampagne verfolgt und ermordet wurden oder durch Minen und Giftgasangriffe starben. Anfal bedeutet «Beute». In das Spiegelmosaik eingelassene Glühbirnen erinnern mit ihrem Licht an die ausgelöschten, eingeebneten kurdischen Dörfer: 4500 Glühbirnen für 4500 Dörfer.

Während Kurdistans meistbesuchter Ausflugsort, die zum Weltkulturerbe erhobene Zitadelle in Erbil folkloristische Fantasien anregt und diese im Souvenirshop entsprechend in Umsatz verwandelt werden, ist das Nationalmuseum Amna Suraka ein Ort des Gedenkens. Die Geschichtsaufbereitung begnügt sich aber nicht mit der Vergangenheit allein. In dem Amna Suraka von heute werden der Dialog zu sozialen Gegenwartsfragen und die Auseinandersetzung mit Grundrechten und Wertevorstellungen gefördert – ein Ort, an dem die Frage des Taxifahrers aus Erbil Gehör finden würde.

Die Künstlerin Xoshy Shawqy, ihre Kolleginnen und die Studentinnen des Art Institutes in Sulaimaniyya formulieren ihre politischen und sozialen Forderungen direkt im öffentlichen Raum. Sie konfrontieren und provozieren Gesellschaft wie Regierende mit ihren Arbeiten. Sie lassen sich von Bedrohungen nicht einschüchtern, wenn sie in ihren performativen Inszenierungen und Interventionen die Rechte der Frauen einfordern. Sie setzen sich mit den prekären Lebensbedingungen auseinander und mit den Traumata von Krieg, Unterdrückung und Gewalt.

Es war ein frühlingshafter Januartag in Erbil als Rotorengeräusche mein Geschmacksempfinden beim Mittagessen störten. Tanya Abdel Basher zerteilte konzentriert ein Stück Fleisch: «Ein amerikanischer Transporthubschrauber, ein Chinook. Ich erkenne jeden Flugkörper, der seit 1980 den irakischen Luftraum durchdringt, an seinem Geräusch.» Sie hatte den Typus des über unsere Teller fliegenden Hubschraubers bestimmt, ohne auch nur den Kopf anzuheben – The answer is blowin in the wind.

Wie werden wir das Gewehr im Kopf los?

«Ich hatte eine Kindheit! Ich hab viel gespielt!» In Suleimaniyya packt Xoshi einen Stuhl an der Lehne, hebt ihn über ihren Kopf. «Ich hatte eine Kindheit! Ich hab viel gespielt!» Die Künstlerin feuert mit dem imaginierten Artilleriegeschütz in die Luft. «Raweste! An ez bikujim! — Stopp! Oder ich schieße!» war der erste Satz, der mir von meinem Kurdisch-Audio-Sprachlehrgang ins Ohr dröhnte. Die Auswahl an Lernmaterialien war nicht groß, ich hatte die Version «Basiswortschatz für westliche Streitkräfte» erwischt.

Die ultimative Aufforderung bannt wieder meine Gedanken während Rebwar Saeed, Rektor des Art Colleges, das Gemälde eines Künstlers beschreibt und mit seinen Worten das Motiv einer schwangeren Frau mit angehobenen Armen nachzeichnet. Das Baby in ihrem Bauch tat es der Mutter nach und ergab sich schon vor seiner Geburt. «Da», sagt Rebwar Saeed, «hab‘ ich das Erbe des Krieges auf die nachfolgenden Generationen verstanden. Wie werden wir das Gewehr im Kopf los?»

Rebwar hielt es einst selber in der Hand: Er lebte sieben Jahre lang als Peshmerga-Soldat in den Bergen zwischen Kurdistan und dem Iran, im Widerstand gegen das Regime der Baath Partei. Jedoch war nicht der bewaffnete Kampf sein Wirkungsfeld, der damals 28-jährige setzte auf Worte und Bilder. Er hatte sich der «Artists Mountain Association» angeschlossen. Die Künstler dichteten, malten, zeichneten und publizierten in gebirgiger Abgeschiedenheit ein vierteljährlich erscheinendes Kompendium zur zeitgenössischen Kunst und Kultur. Seine ersten Leser waren die Peshmerga-Kämpfer selbst. Die Umfänglichkeit dieser Werke entsprach in Format und Gewicht einem Telefonbuch aus Zeiten der Fernsprechzelle. Einige Exemplare aus den späten 1980ern stehen noch heute im Vitrinenschrank seines Büros. Rebwar überlebte 1988 einen Giftgasanschlag auf das kurdische Dorf Sergalou und floh in den Iran. Auf Einladung reiste er nach Frankreich aus. Erst 2004 kehrte er endgültig aus dem Exil zurück. «In gleicher Weise wie die Geschichte mein persönliches Leben beeinflusste, hat sie meine Kunst geprägt.» Die Gründung eines Museums für zeitgenössische Kunst in Sulaimaniyya ist Teil seines Lebenswerkes.

Ava Nadir, Tanya Abdel Basher, Xoshy Shawqy und Rebwar Saaed würden dem Taxifahrer aus Erbil vielleicht antworten, dass Kunst wesentlich zum Aufbau einer Zivilgesellschaft beiträgt.

Am Morgen des 6. Februar sortiere ich auf dem Flughafen von Erbil die Schilder, die den Weg weisen. Ich wünschte, der Taxifahrer wäre hier. Dann würde ich ihm antworten: «Zivilgesellschaft kann nicht entstehen, solange die Menschen den Notausgang suchen.»

 
Barbara Caveng, Kurdistan/ Irak​​​​​​​

Barbara Caveng
Barbara Caveng ist bildende Künstlerin und lebt in Berlin. Seit 2003 beschäftigt sie sich mit dem Mittleren Osten, insbesondere mit dem Irak. Im Jahr 2015 gründete sie das Projekt KUNSTASYL.

KUNSTASYL ist eine gemeinsame Initiative von Künstler*innen, Kreativen, Ansässigen und Ankommenden. Auch Dachil Sado kam 2015 nach Berlin. Der heute 26-jährige Kunststudent ist Jeside und lebte bis zu dem Massaker des «Islamischen Staates» an jesidischen Bewohner*innen des Shingal mit seiner Familie in Snony, Shingal. Sieben der insgesamt elf Geschwister flohen entweder in die USA oder nach Europa. Seine Eltern warten in dem jesidischen Dorf Sharya, unweit der nordkurdischen Stadt Dohuk, auf eine Ausreisegenehmigung in die Vereinigten Staaten. Während einer vierwöchigen Reise durch die Autonomieregion Kurdistan in Nordirak versucht Barbara Caveng die komplexe Geschichte des Nordiraks zu erspüren und durch die Begegnungen mit unterschiedlichsten Menschen von ihnen zu lernen. Ein zehntägiger Aufenthalt bei Familie Sado steht im Zentrum ihrer Reise. Barbara Cavengs Erkundungen im Nordirak dienen auch der Vorbereitung eines großen Fotoprojektes, im Rahmen dessen die Familie Sado noch einmal zusammengeführt werden soll. Die hier in loser Reihe veröffentlichten Texte von Barbara Caveng basieren auf Reiseaufzeichnungen aus ihrem Tagebuch.