Publikation Geschichte - Parteien- / Bewegungsgeschichte - Südostasien Die Nanyang-Revolution

Die Komintern in Britisch-Malaya und die Rolle chinesischer Netzwerke

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Mai 2019

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Cover einer Propagandaschrift der Kommunistischen Partei Malayas, 1981.

«In einer telegrafischen Depesche aus Paris war von Europas Angst vor Russland die Rede. Die russische Rote Armee, die schnell wachsende Flotte und die wiedergeborene Marine werden in allen Hauptstädten Europas mit Sorge gesehen. Europa ist beunruhigt, die Welt ist beunruhigt. Viel mehr Sorge sollte den zivilisierten Ländern jedoch die unsichtbare Armee Russlands machen, diese Krake, die lautlos ihre Tentakel ausstreckt, um die Welt zu beherrschen, indem sie versucht, zunächst die Massen zu beherrschen. Gegen den Griff dieser Krake scheinen die Philippinen nicht ganz immun zu sein. Die Gendarmerie hat bereits vermeintliche Agenten der Moskauer Regierung im Blick, die hier kommunistische Ideen verbreiten sollen und dafür sowjetisches Gold erhalten. Die russische Gefahr liegt nicht in Russlands Armee und seiner Marine. Diese Kräfte können im Gefecht vernichtet werden. Wesentlich schwieriger zu bekämpfen ist jedoch ihre unsichtbare Armee, sind ihre bezahlten Agenten, die darin geschult sind, die Massen für die Sache Sowjet-Russlands zu gewinnen.»[1]

Im Prinzip stellt dieser Leitartikel der «Times» einen treffenden Schnappschuss der Komintern-Operation in Südostasien dar. Die «Verteidigung der Sowjetunion», wie diese genannt wurde, war ein zentrales Propagandathema, und die Komintern verlangte von ihren Mitgliedsparteien, dass diese das Thema aufgriffen – bis zu dem Punkt, dass der Polizei in den ausländischen Konzessionen in Shanghai oder den British Straits Settlements in Singapur die Kampagne wie eine Krake erschien. Dank ihrer Arbeit konnte die Polizei förmlich das Aufkommen einer Massenbewegung erspüren, sie brauchte bloß dem ausufernden Aktenberg der Berichte zu folgen, die die kleinen kommunistischen Parteien der Komintern sandten. Das Bild, das dabei entstand, war das einer keimenden Revolution – einer Revolution, die das Geld, die Kader und Direktiven der Komintern benötigte. Direktiven gab es in der Komintern allerdings im Überfluss. An Agenten und Gold mangelte es hingegen, weshalb diese Fragen in der Praxis lokal gelöst werden mussten.

Die kommunistische «Krake»

Als Gebiet, das sich von Vietnam und den Philippinen bis nach Indonesien und über die Malaiische Halbinsel bis nach Siam erstreckt, war das Nanyang genannte Südostasien seit jeher das Ziel chinesischer Migration. In ihrer neuen Wahlheimat gründeten chinesische Kommunisten Zellen und verschafften ihren Landsleuten Arbeit. Die damals eher lose organisierte Kommunistische Partei der Philippinen bestand aus einer chinesischen und einer Filipino-Organisation und war einer der – von der Komintern geförderten – Knoten im Netzwerk der kommunistischen «Krake». Nach der Niederschlagung der Revolution in Europa sowie der kommunistisch geführten «chinesischen Revolution» durch die Nationale Volkspartei Chinas, die Guomindang (Kuomintang), intensivierte die Komintern zwischen 1927 und 1928 ihre Arbeit in den Kolonien. 1930 unterstützte sie die Gründung «nationaler» kommunistischer Parteien in Britisch-Malaya, Französisch-Indochina, den US-amerikanischen Philippinen sowie dem damals einzig souveränen Staat der Region, Siam, dem heutigen Thailand. Es handelte sich um winzig kleine Parteien kommunistischer Aktivistinnen und Aktivisten, von denen manche in Moskau studiert hatten. Chinesische Nationalisten und Kommunisten, die sich in der Region niedergelassen hatten, spielten eine zentrale Rolle in der malaiischen, der siamesischen und der philippinischen Partei. In ihrer neuen Heimat, den multiethnischen Gesellschaften Südostasiens, kämpften die Menschen – ähnlich wie in den Vereinigten Staaten, Kanada und Kuba – für die Rechte von Migrantinnen und Migranten und gegen Einwanderungsbeschränkungen. Die Komintern propagierte die Idee der nationalen Befreiung von den Kolonialländern und die Schaffung einer internationalistischen Allianz von Parteien der Länder der Region, mit multiethnischer Mitgliedschaft auf nationaler Ebene.

Einige Folgen der Aktivitäten der Komintern waren jedoch unbeabsichtigt. An der Kommunistischen Partei von Malaya (KPM) lässt sich nachverfolgen, wie die Komintern in Südostasien und in den internationalen Netzwerken chinesischer Migranten agierte. Denn die Partei überlebte nicht wegen, sondern trotz des bolschewistisch inspirierten Radikalismus der 1930er Jahre. Wie auch in Europa[2] stärkte die Widerstandsbewegung im Zweiten Weltkrieg die Position der kommunistischen Partei Britisch-Malayas. Während die Komintern ironischerweise das Fundament für eine nationalistische Revolution legte, gelang es ihr nicht, die Machtübernahme durch eine kommunistische Partei herbeizuführen.

Das Prinzip einer nationalen, multiethnischen kommunistischen Partei, die aus Einzelparteien mit eindeutiger ethnischer Identität bestand, wurde schließlich zum Organisierungsmodell eines unabhängigen Malaya nach 1957 – obgleich es dann von einer antikommunistischen Partei umgesetzt wurde. Das Prinzip wiederum hatte die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) in Anlehnung an die Organisierungserfahrungen der Kommunistischen Partei in den Vereinigten Staaten vorgeschlagen.

Von Ho Chi Minh zu Earl Browder

Die Welt des internationalen Kommunismus war in den 1920er und 1930er Jahren in der Tat global, und Europäer und Asiaten bestimmten damals die Ansätze der Komintern in der Region. Tan Malaka, der Vertreter der Komintern in Indonesien, befürwortete die Idee eines panasiatischen kommunistischen Netzwerks. Der Holländer Henk Sneevliet wiederum sah seine eigene Aufgabe darin, die chinesische Bewegung mit dem internationalen Netzwerk zu verbinden. Er gründete 1920 auch eine der ersten kommunistischen Parteien in Asien, die Partai Komunis Indonesia. Die Komintern sandte Sneevliet 1921 nach Shanghai, um dort ein Büro zu eröffnen, und Sneevliet schlug vor, die Bewegungen in den Philippinen, Indochina und Niederländisch-Ostindien aufgrund ihrer Ähnlichkeiten mit jener in Britisch-Indien in Kontakt zu bringen.[3]

Für die «Festlegung» der Richtlinien für die Malaiische Halbinsel war die Ostabteilung des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationalen (EKKI) zuständig. Die Richtlinien basierten auf Sneevliets Vorschlag an Tan Malaka, der damit beauftragt war, Verbindungen zwischen den antiimperialistischen Bewegungen in Indonesien und «allen Ländern des Ostens» zu knüpfen, besonders mit China sowie mit Organisationen im Malaiischen Archipel, Indochina, Siam und Singapur.[4] Singapur begriff er dabei als Plattform für den Austausch zwischen den kommunistischen Bewegungen Chinas und Indonesiens, einschließlich der Bewegungen der sog. Auslandschinesen.

Mit der zunehmenden Radikalisierung Javas, der bevölkerungsreichsten indonesischen Insel in Niederländisch-Ostindien, begann Moskau 1923 mit der Vorbereitung einer Strategie für diese Region. Denn die Lage des Malaiischen Archipels zwischen dem Pazifischen und dem Indischen Ozean, «nahe den bevölkerungsreichsten Ländern der Welt – China und Indien», war für die Komintern aus strategischer Sicht wichtig.[5]

Nach der Niederschlagung des kommunistischen Aufstands in Indonesien 1926/27 flohen indonesische Kommunistinnen und Kommunisten nach Singapur und gehörten dann zu den ersten Kommunisten in Britisch-Malaya. Zur gleichen Zeit (1926) wurde auch der Südostasien-Verband der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) in Singapur und Malaya gegründet. Chinesische Kommunisten, die der Repression der Guomindang in China entronnen waren, traten 1927 der südostasiatischen Organisation bei. Damit setzten sie die jahrhundertelange Tradition fort, dass Chinesinnen und Chinesen in Südostasien Zuflucht vor Katastrophen suchten.

Kommunisten aus China und Niederländisch-Ostindien entzogen sich der polizeilichen Verfolgung, indem sie nach Singapur und Malaya flohen. Und obgleich sie sich nicht zusammenschlossen, fasste der Verband der KPCh in Singapur die Rekrutierung von Nicht-Chinesen ins Auge. 1928 war der De-facto-Anführer der KPCh Li Lisan, der in Frankreich unter chinesischen Arbeitern gearbeitet hatte. Er kritisierte die chinesischen Kommunisten im Exil in Südostasien dafür, «eine chinesische Revolution zu machen», das heißt sich auf den Widerstand gegen die japanischen Aggressoren in China zu konzentrieren. Wie die chinesische Gemeinschaft insgesamt, so befürworteten auch die Kommunisten – im Rahmen ihrer antijapanischen Aktivitäten – den Boykott japanischer Güter. Chinesische Kommunistinnen und Kommunisten engagierten sich auch für demokratische Freiheiten und bessere Arbeitsbedingungen und protestierten gegen die Restriktionen, die der chinesischen Bildung in Britisch-Malaya gesetzt wurden. Li Lisan propagierte die Gründung einer unabhängigen kommunistischen Organisation in Südostasien und setzte sich für die Revolution in Südostasien ein. Diese Revolution sollte die Entkolonialisierung – weg von den britischen und niederländischen Regierungen – umfassen, hin zu einer Allianz verschiedener südostasiatischer Nationalitäten in einer gemeinsam Republik Südostasien. Geschehen sollte dies durch eine Anpassung der kommunistischen Strategie an die lokalen Bedingungen, da die Erfahrungen der KPCh aus Arbeitskämpfen und antiimperialistischen Aktivitäten in China sich nicht auf Südostasien übertragen ließen. Li Lisan war jedoch auch der Meinung, dass die südostasiatische Revolution vom Erfolg der chinesischen Revolution abhing. Mehr noch: Den chinesischen Kommunisten gab er als Aufgabe mit, für die Emanzipation Südostasiens zu kämpfen, da Chinesen und Einheimische die koloniale Befreiung keineswegs auf getrennten Wegen würden erreichen können.

Unterdessen intensivierte die Komintern ihre Operationen in den Kolonien. Unter der Führung zweier Komintern-Abgesandter, des Chinesen Fu Daqing und des Vietnamesen Ho Chi Minh, kam es zur Gründung der nationalen Kommunistischen Partei Malayas (KPM). Die internationalistische Botschaft, die die Komintern mit der Einbeziehung von Nicht-Chinesen in die malaiische Partei sandte, war ganz im Sinne des Komintern-Prinzips, jeweils eine anerkannte multiethnische Partei pro Land zu etablieren: Auf diese Weise unterstützte die Komintern das Ziel der KPCh, auch nicht-chinesische Mitglieder zu rekrutieren. Die Komintern übertrug der KPM die Aufgabe, den Neuaufbau der unterdrückten kommunistischen Partei in Indonesien zu unterstützen. Vor diesem Hintergrund waren die Kommunisten in Südostasien bereit, dieses Komintern-Modell einer «nationalen», aber internationalistisch ausgerichteten Partei zu übernehmen, die auch Nicht-Chinesen in die Partei aufnahm. Darüber hinaus bot die Komintern internationale Anerkennung und finanzielle Mittel – die Partei wäre andernfalls gezwungen gewesen, sich weiter von den Massen finanzieren zu lassen.

Auf dem Weg zu einer multiethnischen Partei

Die Komintern propagierte bolschewistische Massenparteien; die jeweiligen Parteistrukturen hingen jedoch von der Organisierung auf lokaler Ebene ab. Während die internationalen kommunistischen Netzwerke sich mit chinesischen Netzwerken überschnitten, beeinflusste die US-amerikanische kommunistische Bewegung die KPM-Vision einer multiethnischen Parteistruktur. Grundlage dieser Entwicklung war eine ähnliche migrantische Zusammensetzung der kommunistischen Bewegung, aber auch der Gesellschaften in den Vereinigten Staaten und Britisch-Malaya insgesamt. Einflussreich war hier der US-Amerikaner Earl Browder, der Vorsitzende des Sekretariats der 1927 in Hankou gegründeten Pan-Pacific Trade Union, und dessen organisatorische Ideen dem multiethnischen Kontext der USA entstammten. Die Strategie, die KPM als Fundament der Gewerkschaftsbewegung in Südostasien aufzubauen, basierte darauf, zunächst Gewerkschaften entlang ethnischer Kriterien zu organisieren, um sie dann in einer einzigen Gewerkschaft zu vereinen.

Über die Komintern-Kanäle verbreiteten sich jedoch nicht nur die Arbeitsweisen der internationalen kommunistischen Bewegungen von einer Seite der Welt auf die andere. Die Komintern förderte in Malaya – wie in den USA, wo die Amerikanisierungsstrategie eine Antwort auf den Druck US-amerikanischer Kommunisten im Kontext eines Überhangs migrantischer Sektionen in der KPUSA bildete – den Aufbau lokal verwurzelter Strukturen.[6] In den durch Komintern-Kontakte erweiterten chinesischen kommunistischen Netzwerken wurden diese Richtlinien an die lokalen Bedingungen angepasst und dann auch anderswo zur Anwendung gebracht.

Die Komintern weigerte sich dennoch, die entlang ethnisch definierter Sektionen organisierte Kommunistische Partei von Malaya anzuerkennen, und setzte sich stattdessen für eine einzige nationale und multiethnische Partei ein, in der Menschen aller malaiischen Ethnien zusammenarbeiten würden. Die KPM fügte sich. Die versprochenen Geldmittel und die internationale Anerkennung waren Anreiz genug, sich der Direktive der Komintern zu fügen, eine nationale kommunistische Partei zu formen statt eines Komitees aus ethnisch getrennten Parteien. Doch auch danach blieb die KPM in gewisser Weise eine entlang ethnischer Linien organisierte Partei, was teilweise auch an mangelnden Sprachkenntnissen lag, weshalb ihr die Rekrutierung nicht-chinesischer Mitglieder misslang. Die Anerkennung durch die Komintern verzögerte sich, da die KPM einen Zuschuss von der Komintern erhalten hatte, ohne formal anerkannt zu sein.

Die KPM: chinesische Regional-Loge und bolschewistische Partei zugleich

Die Komintern drängte die KPM dazu, eine vereinte nationale Partei zu werden. Und so wurde die KPM zur einzigen chinesischen Organisation in Malaya, die nominell für eine multiethnische malaiische Nation stand. Die Vorstellung der britischen Regierung für eine malaiische Nation schloss hingegen chinesische Migrantinnen und Migranten aus. Die Organisationsstruktur der KPM ähnelte dabei sowohl einer chinesischen Regional-Loge (Huiguan) als auch einer bolschewistischen Partei. Besonders in den ersten Jahren stammte die Mehrheit der KPM-Mitglieder von der Insel Hainan. Neben der Vorbereitung der Revolution trat die Partei auch für gleiche Rechte für Chinesen in Britisch-Malaya ein und übernahm damit eine jahrzehntealte Funktion chinesischer Organisationen. Innerhalb dieser Organisation, die chinesische Interessen schützen und Nicht-Chinesen integrieren wollte, verschmolzen die nationalistische und die internationalistische Botschaft der Komintern.

Unterdessen war das Fernostbüro der Komintern in Shanghai sehr intensiv mit der Steuerung der Revolution in Ostasien beschäftigt, weshalb die KPCh als Vermittlerin zwischen KPM und Komintern auftrat. Chinesische Kommunisten in Südostasien bemühten sich weiter, die Aufmerksamkeit der Komintern auf sich zu ziehen. In einem Brief an die Komintern schrieb der malaiische Kommunist Wang Yung Hai: «Es ist meine Hoffnung […], dass unsere Berichte nach Moskau weitergeleitet werden, um die Aufmerksamkeit der Komintern auf die Arbeit in Südostasien zu lenken.» Aus Frust, keine ausreichende Beachtung von Seiten der Komintern zu erhalten, kritisierte Wang Yung Hai diese in einem Brief an die KPCh. Ganz im Sinne der zuvor bereits geäußerten Kritik der KPCh schrieb Wang, dass die Komintern Anweisungen gebe, die auf dem Papier zwar gut aussähen, in der Praxis aber nur schwerlich umsetzbar seien: «[Unser dringendstes Bedürfnis ist es,] einen guten und regelmäßigen Austausch mit dem Fernostbüro der Komintern [in Shanghai zu haben], das versuchen sollte, die Bedingungen in Malaya zu verstehen, damit es unsere Arbeit in Südostasien besser leiten kann. Ohne umfassende, konkrete und praktische Anweisungen und ohne materielle Unterstützung wird die Partei in Malaya niemals ihren aktuellen Zustand – weder ganz lebendig noch richtig tot – überwinden können.»[7]

In den 1930er Jahren erreichte die KPM mit 1500 Mitgliedern ihren Höchststand. Ihre Unfähigkeit, mehr Menschen zu rekrutieren, führte sie auf ihre eigene Politik «verschlossener Türen» sowie ihre unverständliche schriftliche Propaganda zurück. Auch Ho Chi Minh beschwerte sich zu dieser Zeit bei der Komintern über ihre mangelnde Aufmerksamkeit gegenüber den Anliegen der Partei in Indochina. Eine britische Analyse der Lage in Indochina, die auf Dokumenten basierte, die im Fernostbüro konfisziert worden waren, verdeutlicht, dass die häufigsten Themen in diesen Briefen an die Komintern Bitten um Anerkennung, Direktiven und finanzielle Unterstützung waren.[8]

Das Ende des Fernostbüros in Shanghai im Zuge der Verhaftung des Komintern-Agenten Joseph Ducroix legte dann die kommunistischen Netzwerke in Südostasien 1931 offen.[9]

Der Kontakt der KPM zur Komintern wurde von 1933 bis 1934 kurz wieder aufgenommen und ging anschließend erneut verloren, bis die KPCh am Vorabend des Zweiten Weltkriegs wieder Berichte der KPM an die Komintern übermittelte. In den 1930er Jahren war es das Ziel der Komintern gewesen, die kommunistische Partei in Indonesien wiederzubeleben, indem sie die unwilligen chinesischen Kommunisten dazu drängte, ihre Netzwerke in ein südostasiatisches Netzwerk umzuwandeln. Aufgrund der polizeilichen Überwachung war die Kommunikation allerdings nur sporadisch möglich, und der Kontakt ging schließlich gänzlich verloren, nachdem die Polizei ein Schreiben abfing, in dem die KPM den Erhalt eines Komintern-Zuschusses bestätigt hatte. In der Folge gab die Komintern das Thema auf und entschied, die KPM nicht als Komintern-Sektion anzuerkennen. Es war während dieser Jahre, dass es dem berüchtigten KPM-Sekretär, dem Sino-Vietnamesen Lai Teck, der für die französische und britische Polizei und später auch für die japanische Besatzungsmacht spionierte, gelang, sich mit Hilfe falscher Komintern-Papiere an die Spitze der KPM zu stellen.

Vor seinem Ende 1931 reservierte das Fernostbüro 50 000 Golddollar für Malaya. Das einzige Geld, das die KPM erhielt, war jedoch ein Zuschuss über sechs Monate von insgesamt 1.500 Dollar im Jahr 1934. Das war nicht viel, da die Partei den Mitgliedern ihrer Gemeinschaft Geld schuldete und unter anderem die Gehälter von Gewerkschaftern zu zahlen hatte. Die Haupteinnahmequelle der KPM-Gewerkschaften waren Mitgliedsbeiträge. Da diese jedoch die Kosten nicht deckten, lieh sich die Partei Geld. Der Sohn eines Gold- und Silberhändlers, Un Hong Siu, half der KPM mit der Übersetzung von Propaganda aus den Vereinigten Staaten und von der Komintern, gab der KPM zuweilen Geld und gedachte sogar, die Neuorganisierung der Gewerkschaften zu finanzieren.[10]

Während die KPM Geld bei Mitgliedern ihrer Gemeinschaft einsammelte, propagierte sie gegen die Bourgeoisie und Großbritannien gerichtete Botschaften. Damit entfremdete sie jedoch ihre Anhängerschaft und begann Mitglieder zu verlieren, die sie im Rahmen erfolgreicher Streiks 1936/37 sowie während der Kampagne zur Unterstützung von Chinas Krieg gegen Japan gewonnen hatte. Die Partei musste bitterlich einräumen, selbst unter chinesischen Einwanderern kaum Einfluss zu besitzen, und die Zahl malaiischer und indischer Mitglieder war zu vernachlässigen. Antibritische und antibürgerliche Slogans entfremdeten die Massen. In einem Bericht stellte die KPM fest: «Dies ist eine ernste Warnung, dass, wenn die Partei ihre engstirnige Fokussierung auf Klasse nicht aufgibt, ein Bruch mit den Massen droht.»[11] Auf öffentliche antibritische Bekundungen reagierte die Polizei mit Repression alleine 1940 wurden mehr als 200 kommunistische Aktivistinnen und Aktivisten verhaftet. Praktisch alle Chinesen kamen zudem mit dem Traum, reich zu werden, nach «Nanyang», weshalb antibürgerliche Propaganda und Aktivitäten gegen die Regierung keine sonderlich fruchtbaren Aktionsfelder darstellten. In der Folge entschied die KPM, ihre antibritische Haltung aufzugeben und stattdessen die nationale Unabhängigkeit in den Vordergrund zu stellen.

1937 verschärfte sich die japanische Aggression in China, und die Auslandschinesen begannen eine groß angelegte Kampagne, um Geld für den chinesischen Widerstand gegen Japan zu sammeln. Die KPM nahm aktiv an dieser Kampagne teil und gewann dadurch viele neue Mitglieder, bis ihre antibritische Botschaft nach hinten losging. Als Japan dann Malaya besetzte, führten die japanischen Gräueltaten dazu, dass viele junge Chinesen der KPM beitraten, die gemeinsam mit der Guomindang und der britischen Regierung den Widerstand gegen Japan anführte. Die Erfahrungen mit der japanischen Besatzung führten der KPM noch einmal ihre malaiische Identität vor Augen.

Der Kampf für die Sowjetunion und historische Zufälle

Doch welches Interesse hatten chinesische Kommunisten in Malaya eigentlich an der Komintern, jenseits der internationalen Legitimation und der Hoffnung auf finanzielle Mittel? Die sowjetische Propaganda vermittelte das Bild, wonach Stalins totale Arbeitsmobilisierung dem Land – im Gegensatz zum Rest der Welt – ökonomische Immunität gegenüber den Folgen der Weltwirtschaftskrise gebracht hatte. Obgleich natürlich von der Komintern auch so erwünscht, ergab diese pro-sowjetische Propaganda auch Sinn im Kontext der in den frühen 1930er Jahren weltweit gestiegenen Arbeitslosigkeit – wobei die KPM berichtete, dass es durchaus eine Herausforderung war, diese Logik den Arbeiterinnen und Arbeitern vor Ort nahezubringen.

Die politische Linie der Komintern in Südostasien wurde zum Großteil von lokalen Kommunisten, den Anführern der KPCh sowie sowjetischen, europäischen und US-amerikanischen Kommunisten geprägt. Die KPCh steuerte zentrale Ideen bei, etwa die Notwendigkeit, die Revolution den lokalen Gegebenheiten anzupassen. Das war eine Botschaft, die auch von der Komintern propagiert wurde. Die Anpassung politischer Konzepte an die lokalen Bedingungen war ein wichtiges Anliegen während der Zwischenkriegszeit – und diese Strategie ging einher mit der Internationalisierung anderer Organisationen und Ideologien: Wie im Fall der Komintern war auch bei protestantischen Missionen und neuen buddhistischen Organisationen während der Zwischenkriegszeit ein Prozess der Nationalisierung von Identität zu beobachten.[12]

Mehr noch: Der Gründer der chinesischen Guomindang, Sun Yat-sen, setzte zum Zweck der Wiederbelebung Chinas auf ein Bündnis mit der Sowjetunion und anderen unterdrückten Nationen. Um 1923 war Sun Yat-sen auf der Suche nach Alliierten und wandte sich dabei an die sowjetische Regierung, die damals ebenso auf der Suche nach internationalen Bündnispartnern war. Suns Abkommen mit der Sowjetunion sollte der sowjetischen Einflussnahme in China den Weg ebnen.

Chinesische Kommunistinnen und Kommunisten waren noch in einer weiteren weltweiten antikolonialen Organisation aktiv, der 1927 gegründeten Liga gegen Imperialismus. Die Komintern zum Vorbild nehmend, gründete die Liga regionale Organisationen in Südostasien und auf dem amerikanischen Kontinent und verwandelte diese in Frontorganisationen der Kommunistischen Partei Chinas. Mit der wachsenden japanischen Aggression in China in den 1930er Jahren erhielten diese Ligen nicht nur einen antikolonialen, sondern auch einen antijapanischen Charakter.

Der antikoloniale Nationalismus der Komintern passte sich den lokalen Gegebenheiten an. Das Konzept der antiimperialistischen Ligen spiegelte die internationalistischen Ideen Sun Yat-sens wider, dessen Vorstellung einer Allianz der Unterdrückten wiederum perfekt zur weltweiten internationalistischen Unterstützung der chinesischen Revolution durch die Komintern passte, die zu einem Wiederaufleben Chinas führen sollte. Chinesische Kommunisten nutzten solche Organisationen, um Ideen zu kanalisieren, mit der lokalen Bevölkerung zu verschmelzen und sich so vor Diskriminierung zu schützen. Sie verbreiteten das Bild der Sowjetunion als einzigem Verbündeten unterdrückter Nationen. Der Artikel «Lenin und die Auslandschinesen», der in der amerikanisch-chinesischen Tageszeitung «The Chinese Vanguard»erschien, erklärt, dass der leninistische Antiimperialismus die Chinesen bei der Lösung ihrer beiden größten Probleme helfen könne: Japan zu besiegen und die Ernährungsfrage zu lösen.[13] Die Komintern wurde als Verteidigerin ausgebeuteter chinesischer Arbeiter und diskriminierter chinesischer Migranten sowie der Rechte Chinas als Nation präsentiert. Sun Yat-sens Vorstellung eines für China nützlichen Bündnisses mit unterdrückten Nationen erhielt mit dem Eintreten der Komintern für eine internationale Unterstützung der chinesischen Revolution und für eine Allianz mit lokalen antikolonialen Revolutionären eine zusätzliche internationalistische Bedeutungsebene. Dieser kommunistischen Sichtweise zufolge würden sowohl die Weltrevolution als auch die nationale Befreiung der Kolonien Chinas nationale Interessen befördern.[14]

Die KPM überlebte die 1930er Jahre nur mit Müh und Not. Ihre von der Komintern und der KPCh inspirierten Aktivitäten waren zu radikal und liefen den Zielen der Partei zuwider, beeinflussten jedoch lokale Ideen und antikoloniale Organisationen. Darüber hinaus kämpften kommunistische Parteien in Südostasien nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Region von der japanischen Besatzung befreit worden war, für die Entkolonialisierung und spielten auch während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Rolle auf nationaler politischer Ebene.

In Malaya übernahm die antikommunistische Malayan Chinese Association nach dem Krieg die Organisationsstruktur vereinter, auf ethnischer Zugehörigkeit basierender Parteien für das politische System Malayas auf dem Weg zur Unabhängigkeit und war darum bemüht zu zeigen, dass die Chinesen in Malaya nicht mit Kommunisten gleichzusetzen waren. Während die Struktur der KPM von den kommunistischen Parteien Chinas und der USA sowie von den Ideen der Komintern zu Entkolonialisierung und Internationalismus inspiriert war, ergaben sich die Konzepte der Kommunistischen Partei von Malaya und der Malayan Chinese Association organisch aus den Gegebenheiten einer multiethnischen Gesellschaft und entwickelten sich praktisch parallel. Entgegen der landläufigen Auffassung unterstützt dies das Argument, wonach die KPM ihre Vorstellungen einer malaiischen Nation bereits zu Beginn ihrer Aktivitäten in der Kolonie entwickelte.[15] Während die Malayan Chinese Association den Weg in die Unabhängigkeit führte, war die KPM während des kommunistischen Aufstands (Malayan Emergency, 1948-60) direkt am Konflikt mit der britischen Regierung beteiligt und unterzeichnete erst 1989 ein Friedensabkommen.

Anna Belogurovas neues Buch, «The Nanyang Revolution”, erscheint demnächst bei Cambridge University Press.

Übersetzung: Sebastian Landsberger, Lektorat: Tim Jack, Redaktion: Albert Scharenberg


[1] Leitartikel der «Times» (gedruckt erschienen sowohl auf Englisch als auch auf Spanisch), Stempel vom 12. April 1929. Zeitungsausschnitte des Ost-Sekretariats der Komintern. Russisches Staatsarchiv für soziopolitische Geschichte, RGASPI, 495/66/42/111.

[2] Stephen A. Smith: Introduction: Towards a Global History of Communism, in: Stephen A. Smith (Hg.): The Oxford Handbook of the History of Communism, Oxford/UK: Oxford University Press, 2014.

[3] Bericht des Genossen H. Maring an die Exekutive, 11. Juli 1922, in: Tony Saich: The Origins of the First United Front in China: The Role of Sneevliet (Alias Maring), Brill Academic Publishers, 1991, S. 305-323.

[4] Maring (Henk Sneevliet): Instruktion an den Bevollmächtigten des Ost-Ressorts (Abteilung) der Exekutive der Komintern für die Arbeit in Indonesien (ohne Datum). Henk Sneevliet Papers, Inventarnr. 349, Internationales Institut für Sozialgeschichte, Amsterdam, www.iisg.nl/collections/sneevliet/life-4.php.

[5] Popov: Gollandskaia India [Niederländisch-Indien], 17. Dezember 1923, RGASPI 495/214/700/32-36.

[6]Jacob A. Zumoff: The Communist International and US Communism, 1919-1929, Leiden and Boston: Brill, 2014, Kap. 5.

[7] Wang Yung Hai: An das Fernostbüro, 28. Dezember 1930. RGASPI 495/62/6/17-21.

[8] Kommunistische Aktivitäten in China, Föderierte Malaiische Staaten usw. (Der «Noulens-Fall»)», 7. März 1932. National Archives and Records Administration, RG 263: D2527/45.

[9] Frederick S. Litten: The Noulens Affair, in: «The China Quarterly»,138 (Juni 1994), S. 492-512.

[10] D.S. Jones: Brief des Generalkonsuls H.B.M. hinsichtlich malaiischer Kommunisten, 30. August 1935. Akten der Bezirkspolizei von Shanghai, D6954.

[11] «Maijin» [Vorwärts], 1939-1941. RGASPI 495/62/28/53-84.

[12] Anna Belogurova: Einführung zu «Naming Modernity: Rebranding and Neologisms during China’s Interwar Global Moment in Eastern Asia», in: «Cross-Currents: East Asian History and Culture Review», Nr. 24, September 2017, S. 1-12, https://cross-currents.berkeley.edu/e-journal/issue-24.

[13] «Huaqiao qiesheng wenti he Liening zhuyi», in: «The Chinese Vanguard”, 15.1.1933.

[14] Anna Belogurova: Nationalism and Internationalism in Chinese Communist Networks in the Americas, in: Oleksa Drachewych und Ian McKay (Hg.): Left Transnationalism: The Communist International and the National, Colonial and Racial Questions, Kingston: McGill-Queen’s University Press (2019, i.E.).

[15] Mehr Informationen zur Geschichte der KPM, der KPCh und der Komintern in Südostasien finden sich bei Anna Belogurova: The Nanyang Revolution: The Comintern and Chinese Networks in Southeast Asia, 1890-1957, Cambridge University Press (2019, i.E.).