Publikation Ungleichheit / Soziale Kämpfe - Kapitalismusanalyse - Arbeit / Gewerkschaften - Klasse - GK Klassen und Sozialstruktur Demobilisierte Klassengesellschaft und Potenziale verbindender Klassenpolitik

Beiträge zur Klassenanalyse (2)

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Reihe

Manuskripte

Autor/innen

Mario Candeias, Klaus Dörre,

Erschienen

September 2019

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Eine verbindende Klassenpolitik kann helfen, (a) einen klaren Gegnerbezug zu formulieren, zu den führenden Klassen «oben» und gegen die radikale Rechte. Sie kann (b) die soziale Frage schärfer, eben klassenorientiert von der allgemeinen (sozialdemokratischen) Rede von sozialer Gerechtigkeit scheiden und zuspitzen. Im Zuge dieser inhaltlichen Präzisierung kann sie die Klassenfrage aus ihrer Fixierung auf die alte, oft männlich geprägte Arbeiterklasse lösen und zu einer feministischen und gegen geschlechtliche Normierungen gerichteten (queeren) Klassenpolitik weiterentwickeln, zu einer ökologischen Klassenpolitik und zu einem klassenbewussten Antirassismus und auf diese Weise zugleich auch diese Bewegungen klarer links profilieren. Sie kann zudem (c) den falschen Gegensatz zwischen sozialer Frage und (vermeintlicher) Identitätspolitik überwinden. Feminismus und Ökologie sind nicht nur für die Elite – sie sind auch Klassenfragen. Dabei müssen (d) Projekte und Praxen entwickelt werden, die über die üblichen Verdächtigen hinausreichen und gerade auch das «Unten» – mit oder ohne migrantischem Hintergrund – erfassen bzw. von diesen Gruppen selbst getragen werden. Es geht um jene Teile der Klasse, die formal weniger qualifiziert, prekarisiert und in benachteiligten Vierteln konzentriert sind und die sich in der Regel weniger organisieren und seltener zur Wahl gehen. Hier gilt es, mit aufsuchender Arbeit Ausgrenzungen, die auf räumliche Segregation, Klassifikationen und Respektabilitätsgrenzen zurückgehen, zu überwinden, einfache Dinge zu tun, die so schwer erscheinen, wie an Haustüren zu klopfen, zuzuhören, ins Gespräch zu kommen, gemeinsam in die konkrete Arbeit der Organisierung zu treten.

Diese Praxen sind der Lackmustest einer verbindenden Klassenpolitik. Auf diese Weise könnte die neue Klassenpolitik als eine Art verbindender Antagonismus wirken, der unterschiedliche Gruppen, Klassensegmente und Bewegungen quer zu den verschiedenen Themen und Politikfeldern mit einer orientierenden Herangehensweise und konfliktorientiert gegenüber konkreten Gegnern zusammenführt, ohne die Differenzen zwischen den verschiedenen Teilen der Klasse zu negieren. Denn nur zusammengedacht lässt sich der «Knoten» unterschiedlicher Herrschaftsverhältnisse durchtrennen (Frigga Haug).

Dies sind – extrem verdichtet – die Kerngedanken einer Strategie verbindender Klassenpolitik. Für solche Praxen gab es vielfältige Erfahrungen, die bislang jedoch nicht systematisch verallgemeinert wurden und verbunden worden sind. Dem sollte – zumindest in der Theorie – mit den strategischen Ansätzen der «verbindenden Partei» und der «verbindenden Klassenpolitik» Rechnung getragen werden. Zugrunde lagen diesen Ansätzen auch die Debatten um den Zusammenhang einer gesellschaftlichen Linken: Etwa um die Mosaiklinke – meist nur ein Nebeneinander, manchmal auch eine Verbindung der aktiven Teile, aber eben nur der politisch aktiven Teile – und ein Mitte-Unten-Bündnis (Brie). Diesem Mitte-Unten-Bündnis oder dieser Mosaiklinken fehlte jedoch zunehmend das «Unten». Die Partei DIE LINKE konnte über einen längeren Zeitraum etwa die von Hartz-IV Betroffenen aktiv integrieren und repräsentieren.

Diese Integrationskraft nahm jedoch über die Jahre in dem Maße ab, in dem sich die Auswirkungen neoliberaler Politik für große Teile der Bevölkerung als Verschlechterungen niederschlugen, Hoffnungen auf die Linke verflogen. Anderen Organisationen erging es ähnlich. Die Rechten drängten in die Lücke. Diese Entwicklungen machen es notwendig, die Partei wieder zu einer organisierenden Partei zu entwickeln, die im Alltag präsent ist, zur Ermächtigung ermutigt, um Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Außerdem geht es darum, dezidiert die (postavantgardistische) Rolle der Partei gegenüber anderen Teilen des Mosaiks, gegenüber Bewegungen und Initiativen oder Gewerkschaften, besser in den Blick zu nehmen.

Doch wer ist die Klasse?
 

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Inhalt:

  • Vorwort: Wozu Klassenpolitik und -analyse?
  • Klaus Dörre:
    Umkämpfte Globalisierung und soziale Klassen
    20 Thesen für eine demokratische Klassenpolitik
  • Thomas E. Goes:
    Linke Potenziale und klassenpolitische Voraussetzungen
    Empirische Befunde und Forschungsperspektiven
  • Mario Candeias:
    Ein organischer Intellektueller der Arbeiterklasse
    Rezension von Bernd Riexingers Buch «Neue Klassenpolitik. Solidarität der Vielen statt Herrschaft der Wenigen»

Autoren:

Mario Candeias ist Direktor des Instituts für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung und arbeitet zusammen mit anderen seit Jahren an einer verbindenden Klassenpolitik und sozialistischen Transformationsstrategien.

Klaus Dörre ist Professor für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena und einer der profiliertesten Gewerkschaftsforscher des Landes. Gemeinsam mit Nachwuchsforscher*innen hat er das Projekt Klassenanalyse Jena ins Leben gerufen, das zusammen mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung an einer neuen Klassenanalyse arbeitet.

Thomas E. Goes arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitut (SOFI) Göttingen und demnächst auf einer von der Rosa-Luxemburg-Stiftung finanzierten Postdoc-Stelle zum «Sozialstaat des 21. Jahrhunderts». Der vorliegende Beitrag wurde in seiner Zeit als Fellow am Institut für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung verfasst.