Publikation Geschichte - Parteien- / Bewegungsgeschichte - Deutsche / Europäische Geschichte - Globale Solidarität Die Weltrevolution, die keine war

Erst allmählich finden wir einen Umgang mit dem gescheiterten Erbe der Komintern

Information

Erschienen

Januar 2020

Bestellhinweis

Nur online verfügbar

Lenin, Trotzki und andere führende Bolschewiki am 2. Jahrestag der Oktoberrevolution.
Lenin, Trotzki und andere führende Bolschewiki am 2. Jahrestag der Oktoberrevolution. Foto: L.Y. Leonidov [Public domain], via Wikimedia Commons

Der vom 2. bis 6. März 1919 in Moskau abgehaltene Gründungskongress der Kommunistischen Internationale («Komintern») begann mit hehren Zielen. Das von Wladimir Lenin einberufene Treffen sollte die neugegründeten kommunistischen Parteien, die sich von ihren sozialdemokratischen Ahnenfiguren losgesagt hatten, zu einer mächtigen, zentral geleiteten Organisation zusammenschweißen. Traumatisiert vom Unvermögen der sozialistischen Bewegung, die Gräuel des Ersten Weltkriegs aufzuhalten, und beflügelt von der Entschlusskraft der Bolschewiki, war die neu entstandene kommunistische Bewegung überzeugt, dass eine unmittelbar bevorstehende Weltrevolution zur kollektiven Befreiung der Menschheit führen könnte.

Die Kommunisten hofften auf einen Sieg innerhalb nur weniger Monate. Eine sozialistische Revolution in der fortgeschrittenen kapitalistischen Welt – heute praktisch unvorstellbar – schien 1919 nicht nur möglich, sondern gar wahrscheinlich. Tatsächlich standen die Komintern und die unter ihrem Dach vereinten Parteien damals für einen kurzen Moment an der vordersten Front eines Machtkampfs von beispielloser Wucht und Größe. In den ersten vier Jahren des Bestehens der Komintern ereigneten sich zahlreiche Aufstände und Revolutionen, sozialistische und andere radikale Organisationen erlebten einen explosionsartigen Zulauf. Es könnte tatsächlich weltweit, so hatte es den Anschein, zu sozialistischen Transformationen kommen.

Loren Balhorn arbeitet als Online-Redakteur bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin. Dieser Artikel erschien zuerst in Jacobin. Übersetzung von Utku Mogultay und Lisa Jeschke für Gegensatz Translation Collective.

Den Kommunisten gelang es jedoch nicht, dies Wirklichkeit werden zu lassen. Die zunehmend autoritäre Sowjetunion blieb isoliert und verharrte im Stillstand. Mit ihrem Ende im Jahr 1991 setzte die Epoche von neoliberalem Kapitalismus und umfassender Globalisierung ein, als Oppositionskraft kam die internationale Linke zum Erliegen.

Die Welt von heute ist nicht mehr die von 1919. Die sozialistische Bewegung ist dabei, aus ihrem Winterschlaf zu erwachen. Neue Möglichkeiten haben sich aufgetan, die dem Sozialismus Aufwind geben. Und dennoch, die kollektive Stärke und internationale Vernetzung von vor einem Jahrhundert scheinen entfernter denn je.

Aus der Not die Tugend

Im Grunde ging die kommunistische Bewegung aus besonderen Umständen hervor. Sie war keinem ausgefeilten Plan geschuldet, sondern den konkreten Bedingungen, mit denen die Sozialistinnen und Sozialisten vor Ort in Russland zu kämpfen hatten. Das Kräfteverhältnis zwischen verschiedenen Arbeiterparteien verschob sich ständig, und die Bolschewiki schlossen nie die Möglichkeit aus, zusammen mit verbündeten Organisationen an die Regierung zu kommen. Die Vorstellungen darüber, wie die Revolution oder die nachrevolutionäre Gesellschaftsordnung genau auszusehen hätten, waren im Jahr 1917, wie Eric Blanc nachgezeichnet hat, noch nirgendwo in Stein gemeißelt.

Das änderte sich im Laufe des Jahres 1918. Mit der bolschewistischen Revolution gewann der internationale Kampf für den Sozialismus an enormer Tragweite, sodass ein Strategiewechsel erforderlich wurde. Den Bolschewiki war bewusst, dass das wirtschaftlich rückständige Russland alleine kaum überlebensfähig wäre, zumal angesichts der Kriegsbedrohung durch imperialistische Staaten. Folglich setzten sie alles auf Revolutionen in entwickelteren westlichen Nachbarländern. Würde sich die Frontlinie des Klassenkampfs gen Westen verschieben, könnte sich Russland mit Unterstützung aus Deutschland und anderen Industriestaaten erholen. Um diese Vision zu realisieren, wurde gut ein Jahr nach der bolschewikischen Machtübernahme die Komintern gegründet.

Die kommunistischen Parteien waren zu dieser Zeit noch recht heterogen aufgestellt. Unterschiedliche Strömungen konkurrierten um die Führungsrolle und verhandelten verschiedenste Strategien, von gemeinsamen Aktionsfronten mit sozialdemokratischen Parteien bis hin zum sofortigen bewaffneten Aufstand. Beim Moskauer Treffen wurde die Komintern zum Forum lebhafter, hitziger Debatten zwischen führenden internationalen Aktivistinnen und Aktivisten. Die Protokolle der frühen Kongresse bieten Einblick in eine politische Welt, die es so nicht mehr gibt. Scherzhafte Beschimpfungen und beißende Kritik mischen sich mit leidenschaftlichen Streitgesprächen über das Schicksal der Menschheit in einer Form politischer Ernsthaftigkeit, der ironisierende Facebook-Memes niemals gerecht werden könnten.

Obwohl nicht alle Zusammentreffen so eindrucksvoll waren, wie man meinen könnte (so fand etwa die «First International Conference of Negro Workers» im Jahr 1930 in einer Matrosenkneipe in Hamburg statt), waren sie dennoch mit Organisationen verknüpft, die Tausende und manchmal gar Millionen von Mitgliedern aufweisen konnten. Die dort gefällten Entscheidungen hatten weltpolitische Auswirkungen und versetzten die politische Gegenseite aus gutem Grund in Angst.

Ungeachtet ihrer internen Unstimmigkeiten waren die frühen Kommunisten von der Aussicht befeuert, dass eine Arbeiterrevolution in Westeuropa gelingen könnte. Dieses historische Schwellenereignis würde entweder den Triumph oder das vernichtende Ende der Bewegung darstellen – kurzum, es ging um das Weltschicksal. Dieser Gedanke als Ansporn für das Handeln der Kommunisten hilft, sowohl ihre unglaubliche Tapferkeit als auch einige ihrer fragwürdigeren Entscheidungen zu verstehen.

Der deutsche Floptober

Es ist schwer zu sagen, wie stark sich die Oktoberrevolution auf die politische Gefühlslage der Kommunisten ausgewirkt hat. Doch fraglos hatten sich die Bolschewiki dadurch hervorgetan, dass ihre Partei die einzige war, die erfolgreich die Staatsmacht übernommen hatte. Ihre Errungenschaften galten als legitimes «Modell», dem andere folgen könnten. Das russische Beispiel ließ sich aber nicht ohne weiteres auf Deutschland oder Frankreich übertragen. In beiden Ländern hatten sich ausgeprägte Zivilgesellschaften entwickelt; die herrschenden Klassen waren dort fester verankert; und viele Arbeiterinnen und Arbeiter respektierten die vorhandene bürgerlich-demokratische Tradition. Unvermeidlich würde sich die Machtübernahme dort sehr viel komplizierter und langwieriger gestalten als im Zarenreich. Angesichts der bedrängten Lage des jungen Sowjetstaats sollten allerdings dringendst bald weitere Revolutionen folgen.

Die wichtigste Bühne der Revolution war das nach seiner Niederlage im Ersten Weltkrieg in Unordnung geratene Deutschland. Nachdem man das revolutionäre Aufbegehren von 1919 blutig erstickt hatte, änderte die Komintern ihre Strategie und begann damit, sich vermehrt auf Gewerkschafts- und politische Basisarbeit zu konzentrieren, um auf diese Weise sozialistische Mehrheiten vorbereiten zu können. Doch auch die Revolution schien weiter ein greifbares Ziel. Im Anschluss an den Dritten Kongress im Jahr 1921 erklärte der Vorsitzende Grigori Sinowjew:    

Ohne ein Prophet zu sein, kann keiner von uns genau voraussagen, wie viele Monate oder Jahre bis zum ersten neuen Sieg der proletarischen Revolution in dem ersten jener großen Länder, die die Schicksale der Weltrevolution wirklich bestimmen, vergehen werden. Aber eines wissen wir bestimmt, und eines hat uns die neue Einschätzung der wirklichen Lage Europas auf dem III. Kongreß wieder und wieder gezeigt: die Revolution ist nicht abgeschlossen; die Zeit ist nicht fern, wo neue Kämpfe entbrennen werden, die Europa und die ganze Welt viel schwerer erschüttern werden, als es alle früheren Kämpfe zusammengenommen getan haben.       

Als die kommunistische Bewegung in mehreren deutschen Arbeiterhochburgen 1923 schlagartig zu Stärke fand, flammte neue Hoffnung auf, dass der revolutionäre Moment wieder näher rückt. Moskau entsandte Karl Radek nach Deutschland, um den entscheidenden Aufstand im Herbst vorzubereiten. Nach seiner Ankunft schrieb der weithin angesehene polnisch-deutsch Bolschewik in der kommunistischen Tageszeitung Die Rote Fahne: «Die deutsche Bourgeoisie ist so organisiert, wie keine der Welt. Die Kommunistische Partei Deutschlands muss so organisiert sein, wie keine Kommunistische Partei der Welt.»

Die bolschewikische Führungsriege blickte voll Zuversicht auf ihre deutschen Genossinnen und Genossen und sah die deutsche Revolution, wie es scheint, als eine Art Rettungsanker nach Jahren des quälenden Bürgerkriegs und geopolitischer Rückschläge. Und nicht nur die Parteiführung zeigte sich begeistert. So schildert Gleb Albert in seinem 2017 erschienenen Buch über den Internationalismus in der frühen Sowjetunion etwa russische Alltagsszenen, in denen Menschen Brotlaibe an Ortsvereine der Kommunistischen Partei zur Weitergabe an deutsche Arbeiterinnen und Arbeiter spenden. Auch der KP-Generalsekretär Joseph Stalin bekundete am 10. Oktober 1923 seine Begeisterung in einem offenen Brief an den deutschen Parteiführer August Thalheimer:

Die bevorstehende Revolution in Deutschland ist das wichtigste Weltereignis unserer Tage. Die siegreiche deutsche Revolution wird für das Proletariat in Europa und Amerika sogar noch bedeutender sein als die russische Revolution vor sechs Jahren. Mit dem Erfolg der deutschen Revolution wird sich das Zentrum der Weltrevolution von Moskau nach Berlin verschieben.

Historischen Studien zufolge verlagerte die Partei ihren Schwerpunkt in dieser Phase von der politischen Basisarbeit auf die Vorbereitungen zum Aufstand. Die Kommunisten gründeten in einigen Regionen, in denen die Bewegung besonders starken Rückhalt hatte, zusammen mit linksorientierten Sozialdemokraten «Arbeiterräte» und planten, mithilfe von parteiübergreifenden Milizen einen Aufstand in ganz Deutschland loszubrechen. Wenn alles nach Plan läuft, so die Hoffnung, dann würde das Land bis Jahresende von einem mit Russland verbündeten Arbeiterrat regiert werden.

Doch trotz der fieberhaften Vorbereitungen und des scharfen politischen Tons der Parteiführung kam die deutsche Oktoberrevolution bereits an der Startlinie ins Stolpern. Bei einer im Oktober 1923 eilig einberufenen Tagung von Fabrikkomitees in Chemnitz scheiterte die Partei beim Versuch, einen Antrag zur Durchführung des Aufstands durchzubringen. Für die Kommunisten war eine breite Unterstützung allerdings entscheidend, denn aus früheren Fehlern hatten sie gelernt, dass ein von einer Minderheit getragener Aufstand eigener Kräfte isoliert bleiben würde.

Die Dinge nahmen dann einen mehr als typisch deutschen Verlauf. Die Gegner des Aufstands veranlassten, dass die Sache einem Unterkomitee übergeben wird, das sich wiederum darüber zermarterte und so alles in die Länge zog. Ohne große Aussicht auf eine Mehrheit sahen sich die Kommunisten ausmanövriert und nahmen ihren Antrag zurück. Eine kleine Gruppe Militanter in Hamburg erfuhr entweder zu spät von der Nachricht oder ignorierte sie geflissentlich und versuchte sich dennoch am bewaffneten Aufstand. Das Ergebnis war desaströs.

Erzürnt über diese niederschmetternde Enttäuschung tadelte die Führung der Komintern die deutsche Parteiführung dafür, den entscheidenden Zug nicht gemacht und die Chance vergeben zu haben. Angesichts der angespannten innerparteilichen Grabenkämpfe in Moskau wollte niemand den Kopf für eine solch schwerwiegende Fehleinschätzung hinhalten. Quer durch das trotzkistische und das stalinistische Lager wiederholte man gebetsmühlenartig, dass eine feige Führung die gescheiterte Revolution zu verschulden habe. Dieser Mythos stärkte die Tendenz zu erhöhter Zentralisierung und dem, was man später als «Bolschewisierung» der kommunistischen Parteien bezeichnete.

Die Scherben aufsammeln

Die gescheiterte deutsche Revolution sollte langfristig verheerende Folgen zeitigen. Indem sie den Bruch zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten besiegelte, führte sie zu einer enormen Schwächung des Widerstands gegen Hitlers Aufstieg und zum Zerfall der deutschen Arbeiterbewegung – eine der großen Tragödien des 20. Jahrhunderts. Doch die gescheiterte Revolution wirkte sich auch in der Sowjetunion selbst unmittelbar aus, indem sie einen erbitterten, langwierigen Machtkampf in den oberen Rängen der bolschewistischen Partei anheizte. Mehrere Parteigruppen, nicht nur die stalinistische, plädierten für einen strategischen Rückzug und die Konsolidierung des sowjetischen Staatsgefüges. Als Stalin im Laufe der Zeit sämtliche seiner wirklichen und vermeintlichen Feinde beseitigte, schrumpfte die Komintern zu einem Instrument sowjetischer Außenpolitik, fortan direkt der zentralistischen Moskauer Befehlsgewalt unterstellt.  

Die letztliche Auflösung der Komintern im Jahr 1943 (als Zugeständnis an die westlichen Alliierten der Sowjetunion) markierte in institutioneller Hinsicht das Ende des revolutionären Internationalismus. Letzterer hatte dem frühen Kommunismus Antrieb gegeben, doch konnte auf der politischen Weltbühne längst keine wirkliche Kraft mehr entfalten. Seit die Sozialistische Internationale in den 1990er Jahren zu einer dysfunktionalen neoliberalen Vereinigung verkommen ist, hat sich keinerlei nennenswerter sozialistischer Internationalismus mehr entwickelt. Vielleicht ist die Komintern deswegen weiterhin ein wichtiger Bezugspunkt für viele Sozialistinnen und Sozialisten.

Da die Komintern eine sehr schriftaffine politische Bewegung war und viel Wert darauf legte, Ideen durch das geschriebene Wort zu verbreiten, verwundert es nicht, dass die ersten Geschichtswerke über sie von Kommunisten selbst verfasst wurden. Bereits 1924 – als die Komintern noch im Aufbau war – hatte Leo Trotzki Die ersten fünf Jahre der Kommunistischen Internationale veröffentlicht. Seine im selben Jahr erschienene Schrift 1917 – Die Lehren des Oktobers entfachte eine weitreichende öffentliche Kontroverse zwischen führenden Bolschewiki und etablierte die Strategie, unterschiedliche Auffassungen über den Erfolg bzw. Misserfolg der Komintern als innerparteiliche Waffe einzusetzen, um das gegnerische Lager zu schwächen.    

In der offiziellen Geschichtsschreibung wurde der Prozess der politischen Ausdifferenzierung, aus dem ein dezidiert «kommunistischer» Flügel der Arbeiterbewegung hervorgegangen war, reduktionistisch als Alleinverdienst von Lenin dargestellt, dessen Aprilthesen «der Partei und dem Proletariat die klare revolutionäre Linie […] gaben». Demzufolge verkörperten Lenins Lehren, weitergetragen von Stalin, die Essenz kommunistischen Denkens und Handelns. Abweichende Ansichten und geschichtliche Ambivalenzen wurden kaschiert, weshalb diese Darstellung wenig hilfreich ist, um die Komintern aus heutiger Perspektive zu verstehen.

Mit dem Zerfall der kommunistischen Bewegung in Lager entstanden gleichermaßen rivalisierende Darstellungen ihrer Geschichte und damit ein facettenreicheres Bild. Die in einer aufgeheizten politischen Atmosphäre verfassten Werke gleichen sich jedoch insofern, als dass Aufstieg und Fall der Komintern oft primär an Machtkämpfe auf oberster Ebene geknüpft werden und die Auflösung und der letztliche Zusammenbruch der Komintern als Folge interner Streitigkeiten und Auseinandersetzungen zwischen gegnerischen Lagern erscheinen.     

In Anbetracht aller Umstände stellt sich aber die Frage, ob die Dinge wirklich einen viel besseren Ausgang hätten nehmen können. Ein Jahrhundert später können wir es uns rückblickend erlauben, auf Abstand zu den parteipolitisch geprägten Versionen der Geschichte zu gehen und eine ausgewogenere Perspektive zu entwickeln. Die Komintern hat fraglos eine gemischte Bilanz hinterlassen. Auf der einen Seite stellte die russische Revolution 1917 für die sozialistische Bewegung insofern einen neuen Höhepunkt dar, als dass eine ausdrücklich sozialistische Regierung nach einem bewaffneten und von den Massen unterstützten Aufstand an die Macht gekommen war.

Andererseits scheiterte die Bewegung wieder und wieder daran, das Vorgehen auf andere Kontexte zu übertragen. Die russische Revolution wurde kein Auslöser für sozialistische Aufstandswellen in ganz Europa, sondern blieb isoliert, und die zunehmend autoritäre Sowjetunion zog sich immer mehr in die Defensive zurück. Unterdessen führte die Spaltung der Arbeiterbewegung – die durch die Fehler der Sozialdemokratie verursacht worden war, aber durch das Bestehen der Komintern noch verfestigt wurde – zu einem strukturellen Hindernis für die Neuformierung vereinigter sozialistischer Parteien.

Getrennte Welten

Bedenkt man, dass dem Anspruch der Komintern seither kein sozialistisches Projekt auch nur halbwegs nahegekommen ist, verwundert es nicht, dass sie weiterhin eine wichtige Rolle für die politische Vorstellungswelt vieler Sozialisten spielt. In Ermangelung eigener Erfahrungen mit Massenpolitik zerlegen marginalisierte Aktivistinnen und Aktivisten die Irrungen und Wirrungen vergangener Revolutionen in der Hoffnung, historische Wahrheiten und Gesetzmäßigkeiten vorzufinden.

Für viele, die sich radikalisierten, bevor der Begriff des Sozialismus mit dem überraschenden Aufstieg von Bernie Sanders wieder salonfähig wurde, bedeutete der Beitritt zu einer sozialistischen Organisation oft auch, eine bestimmte Haltung zur Komintern zu übernehmen. Für Trotzkisten wie Duncan Hallas hieß das, sich gemäß Trotzki «auf die Grundlage der ersten vier Kongresse der Komintern» zu stellen und ihre strategischen Lehren zu beherzigen. Doch worin bestanden diese Lehren genau?

Die politische Landschaft von heute und die von 1919 sind grundverschieden. Die Arbeiterbewegung stellt in keiner Weise mehr eine unmittelbare Gefahr für den Kapitalismus dar. Es sind nicht die Nachfahren der Komintern, die den Horizont des Sozialismus wieder populär machen, sondern leidenschaftliche Aktivisten aus den etablierten Parteien des sozialdemokratischen Reformismus.

Wir stehen weiter am Anfang einer möglichen sozialistischen Massenbewegung – und wir können es uns nicht erlauben, diese wertvolle Chance verstreichen zu lassen. Natürlich gibt es einen himmelweiten Unterschied zwischen der heutigen Situation und Russland 1917 bzw. Chemnitz 1923. Anstatt die Komintern als direktes Vorbild zu nehmen, sollten wir versuchen, ihre Rolle innerhalb des historischen Entwicklungsgefüges der sozialistischen Bewegung zu begreifen. Als die Komintern gegründet wurde, existierten Massenarbeiterparteien bereits seit Jahrzehnten und hatten in den kapitalistischen Kernländern eine Reihe wichtiger Zugeständnisse erkämpft. Um sie herum hatte sich eine ganze Lebenswelt entwickelt, die Millionen von Menschen nicht nur dazu bewog, sich symbolisch in den Wahlprozess einzubringen, sondern gemeinschaftlich voll Überzeugung auf die kommende sozialistische Gesellschaft zu blicken, wobei erste Erfolge die Zuversicht stärkten.

Die Unterscheidung zwischen Revolution und Reform scheint heutzutage weniger maßgebend. Angesichts der Tatsache, dass das Engagement für den organisierten Klassenkampf weiter an einem historischem Tiefpunkt ist und dass unkonventionelle Politikerinnen und Politiker wie Alexandria Ocasio-Cortez und Jeremy Corbyn dem Sozialismus zu seit Jahrzehnten nicht mehr gesehener Popularität verhelfen, scheint klar, welche Bühne tonangebend ist. Dennoch mahnen einige Sozialistinnen und Sozialisten, wir sollten diesen Entwicklungen fernbleiben, «das Ruder nach links drehen», für die «wirklichen Kämpfe» außerhalb der institutionellen Sphäre mobilisieren.  

Dieser Einwand mag reizvoll und fraglos radikaler klingen, bleibt im Grunde aber den alten Tagen der Komintern verhaftet, als sowohl der reformistische als auch der revolutionäre Sozialismus tatsächlich Massenbewegungen waren und die Entscheidung für eine der beiden noch wirkliche Bedeutung hatte. Das Problem liegt darin, dass es heutzutage keine revolutionäre Linke gibt, die überhaupt noch Relevanz hätte. Zu den atemberaubenden Entwicklungen im Bereich der Tagespolitik auf Distanz zu gehen, würde lediglich dazu führen, dass niemand auch nur Notiz davon nimmt, dass Sozialisten darum bemüht sind, das Ruder nach links zu drehen. 

Kommunistische Argumente hatten vor einem Jahrhundert reale Auswirkungen, weil sozialistische Politik in der konkreten Lebenswelt verankert war. Unsere Priorität muss es nun sein, dahin zu kommen, dass der Sozialismus wieder eine solche Rolle spielen kann. Was wir brauchen, sind konkrete Erfolge, die unsere Bewegung voranbringen und unserem zukünftigen Massenzuwachs einen Nährboden bereiten. Daher wäre es auch unklug – vorerst zumindest –, den Komintern-Strategien zur Verwirklichung der Arbeiterklassenherrschaft nachzueifern.    

Trotz all ihrer Fehler und ihres späteren Zerfalls bleibt die kommunistische Bewegung ein wesentlicher Teil der Geschichte des Sozialismus. Ihr letztliches Scheitern macht, wenn überhaupt, deutlich, wie dringend unser gemeinsames politisches Projekt ist und was dabei auf dem Spiel steht. Wir sollten die Ernsthaftigkeit und Hingabe der früheren Sozialisten würdigen und uns – mit Bedacht – zum Vorbild nehmen.

Ebenso sollten wir beherzigen, dass der Internationalismus ein unverzichtbarer Bestandteil des sozialistischen Projekts ist. Wie Clara Zetkin einst festhielt, hatte sich die Zweite Internationale «darauf beschränkt, Arbeitstreffen zur Zurechtlegung wohlklingender Beschlüsse abzuhalten», und versagte dabei, im entscheidenden Moment den Krieg aufzuhalten. Die Komintern suchte dies wiedergutzumachen, indem sie sich zur zentral geführten Partei der Weltrevolution entwickelte, die mit der Zeit aber immer weniger strategische Flexibilität oder Meinungsvielfalt zuließ. Der sozialistische Internationalismus muss also einen schmalen Grat beschreiten: Einerseits brauchen wir ein diszipliniertes und engagiertes globales Netzwerk von Sozialistinnen und Sozialisten, die sich darüber im Klaren sind, dass unser Kampf nur Erfolg haben kann, wenn er weltweit ausgetragen wird; andererseits braucht es aber auch ausreichend Geduld, Offenheit und Demut, damit potenzielle Chancen nicht der Orthodoxie zum Opfer fallen.

Solange die menschliche Zivilisation vom Kapitalismus gezeichnet ist, liegt der unschätzbare Wert des Aufrufs der Komintern noch auf der Hand: «Proletarier aller Länder! Im Kampfe gegen die imperialistische Barbarei, gegen die Monarchien, gegen die privilegierten Stände, gegen das bürgerliche Eigentum, gegen alle Arten und Formen der sozialen oder nationalen Bedrückung – vereinigt Euch!» Hoffen wir, dass es uns diesmal tatsächlich gelingt.