Publikation Partizipation / Bürgerrechte - Krieg / Frieden - Ostafrika - Sozialökologischer Umbau Die «Grüne Armee»

Die Militarisierung des Naturschutzes und die Folgen in Afrika

Information

Reihe

Studien

Autorin

Simone Schlindwein,

Erschienen

April 2020

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Unter der Losung «Professionalisierung» werden seit einigen Jahren in vielen Ländern Afrikas Parkwächter*innen im Kampf gegen die Wilder*innen ausgebildet. Westliche Soldat*innen trainieren Ranger*innen im Umgang mit Scharfschützengewehren und Nachtsichtgeräten. Private Sicherheitsfirmen werden angeheuert, um Ranger*innen Kenntnisse über Drohnen und Überwachungstechnologien zu vermitteln. Diese bewaffneten Umweltschützer*innen werden in Afrika bereits die «grüne Armee» genannt. Es werden elektrische Zäune errichtet, Gesetze gegen Wilderei verschärft, Wälder und Savannen wie Herrschaftsterritorien abgesteckt und zum Schutz der Tiere militärisch verteidigt.

Simone Schlindwein ist seit über zehn Jahren Korrespondentin der tageszeitung (taz) in der Region der Großen Seen in Afrika. Derzeit recherchiert sie systematisch die Menschenrechtsverbrechen, die durch Wildhüter*innen begangen werden, sowie die internationale Finanzierung der Naturschutzgebiete in Afrika.

Die Militarisierung des Naturschutzes ist teilweise erfolgreich. Das berühmteste Beispiel ist Tansania: Das Land mit einem der zentralen Häfen des Kontinents galt bislang als Hauptumschlagplatz für Elfenbein in Ostafrika, fast täglich wurden tote Elefanten gefunden. Nachdem die Wildtierschutzbehörde mit internationalen Geldern ausgestattet wurde, konnte 2017 ein mächtiger Wilderer-Ring zerschlagen werden. Die chinesische «Elfenbeinkönigin» Yang Fenglan wurde als Chefin des Rings angeklagt und im Februar 2019 zu 15 Jahren Haft verurteilt. Seitdem vermeldet CITES einen kontinuierlichen Rückgang der Wilderei für Elfenbein – nicht nur in Tansania, sondern afrikaweit.

Das ist die eine Seite der Geschichte, die Erfolgsgeschichte. Die andere ist noch wenig beleuchtet: Der Paradigmenwechsel in der Naturschutzpolitik Afrikas hilft zwar den Tieren, hat aber negative Folgen für die lokale Bevölkerung. Wer nämlich dennoch den Park betritt, und wenn er nur Feuerholz sucht, wird kriminalisiert und mit Waffen gejagt. Rund um die aufgerüsteten Parks kommt es seit einigen Jahren zu immer mehr Menschenrechtsverbrechen durch Wildhüter*innen: unrechtmäßige Verhaftungen, Tötungen und sogar Vergewaltigungen und Folter.

Es ist ein Dilemma: Einerseits muss der Naturschutz «wehrhaft» werden. Andererseits gehen die Wildhüter*innen auch gegen die örtliche Bevölkerung vor. Der kongolesische Menschenrechtsund Umweltaktivist Natalus Makuta klagte im Juni 2019, nachdem im Ostkongo erneut Menschen von Ranger*innen getötet wurden: «Die Tiere sind besser geschützt als wir Menschen.»

Die vorliegende Untersuchung zielt darauf ab, die Ursachen und Hintergründe der Militarisierung des Naturschutzes zu analysieren sowie die Zusammenhänge zwischen der zunehmenden Kommerzialisierung der Naturschutzvorhaben und den Militarisierungstendenzen herauszuarbeiten. Sie beschäftigt sich konkret mit der Frage, welche Maßnahmen getroffen wurden, um den Naturschutz wehrhaft zu machen, und welche Folgen sich daraus ergeben.