Publikation Erinnerungspolitik / Antifaschismus - Deutsche / Europäische Geschichte - Osteuropa - 8. Mai 1945 Im Zeichen politischer Instrumentalisierung

Bemerkungen zum aktuellen Umgang mit dem Zweiten Weltkrieg in Polen

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Holger Politt,

Erschienen

April 2020

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Straßenplakat, Warschau 2019
Straßenplakat, aufgenommen in Warschau im September 2019 Foto: Holger Politt

Verschiedene Jahre überhaupt schlagen in dem einen, das soeben gezählt wird und herrscht. Sie blühen auch nicht im Verborgenen wie bisher, sondern widersprechen dem Jetzt; sehr merkwürdig, schief, von rückwärts her.

Ernst Bloch, Erbschaft dieser Zeit

Anders als vielfach erwartet ist das Interesse am Zweiten Weltkrieg in Polen seit dem Beitritt zur Europäischen Union im Mai 2004 nicht abgeschwächt, sondern das Gegenteil ist der Fall – kein anderes Thema dominiert die geschichtspolitische Debatte so wie die Zeit von 1939 bis 1945. Hinzu kommt, dass das nationalkonservative Regierungslager seit 2015 bei den Anstrengungen um die Stärkung der nationalen Identität wider die vorgeblichen Gefahren einer ungebremst weitergehenden EU-Integration die Geschichtspolitik als ein willkommenes Mittel gebraucht, um das Wahlvolk bei der Stange zu halten.

Im Grunde behaupten führende Ideologen des Regierungslagers unentwegt, das Land habe nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sich in einer hoffnungslosen Situation befunden, weil es von den westlichen Siegermächten fallen gelassen worden sei, so als hätte es nach 1939 an der Seite Hitlerdeutschlands gekämpft. Wenn Ministerpräsident Mateusz Morawiecki 2018 davon sprach, dass in der Zeit zwischen 1944/45 und 1989 ein Polen gar nicht existiert habe, oder wenn das staatliche Geschichtsinstitut IPN (Institut für nationales Gedenken) offiziell die Ansicht verbreiten darf, in Polen sei der Zweite Weltkrieg erst 1989 zu Ende gegangen, so verweist das auf die Schlagseite, mit der das heutige Regierungslager in Polen geschichtspolitisch steuert.

Holger Politt leitet das Regionalbüro Ostmitteleuropa der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Warschau.

Und ein Widerspruch fällt auf: Während im durchaus komplizierten Gründungsprozess jener Wirtschaftsgemeinschaft in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts, die sich später zur heutigen Europäischen Union gemausert hat, zunächst sehr darauf geachtet worden war, den Zusammenschluss als eine Lösung für Probleme zu begreifen, die zur Katastrophe des Zweiten Weltkriegs geführt haben, versteht das 2004 beigetretene EU-Mitglied Polen die Mitgliedschaft heute als eine Art Wiedergutmachung für die «kommunistische Zeit», die in unmittelbarer Folge des Zweiten Weltkriegs als eine gemilderte Form von Fremdherrschaft unverschuldet über das Land gekommen sei, so dass sich daraus jetzt eine höhere Verantwortung für die Bewahrung der nationalen Identität und die Aufrechterhaltung der nationalen Souveränität ergebe. Das zielt aktuell unmittelbar auf befürchtete Beeinflussungen aus Brüssel, die aus innenpolitischen Gründen als eine Zumutung für das Land und als eine Gefährdung für nationale Identität und Souveränität dargestellt werden. Erst kürzlich brachte es Jarosław Kaczyński, Polens uneingestandener Staatsführer, so auf den Punkt: «Polen steht, soweit es um Werte geht, auf einem völlig anderen Platz als viele andere europäische Länder». Der Justizminister Zbigniew Ziobro brach es noch ungenierter herunter: Deutschland – dessen starker Einfluss in der EU dem heutigen offiziellen Warschau oft genug ein Dorn im Auge ist – sei wegen der Nürnberger Gesetze und der Terrorgesetze im besetzten Polen während des Zweiten Weltkriegs nun das allerletzte Land auf der Welt, das Polen in Hinsicht seiner Rechtskultur überhaupt Vorschriften machen dürfe.

Auch in den EU-Mitgliedsländern Litauen, Lettland und Estland wird die Zeit zwischen 1939 und dem Zusammenbruch des sowjetischen Sozialismus als Argument benutzt, um bestimmte in der EU-Gemeinschaft ansonsten übliche Standards außer Kraft zu setzen. Signifikantes Beispiel sind die einsprachigen Straßenschilder in den genannten Ländern, auch dort nämlich, wo nationale Minderheiten in einzelnen Gebieten einen Bevölkerungsanteil von deutlich über 20 Prozent stellen. Doch erstens geht es dabei tatsächlich um eine ungelöste Frage in den jeweils bilateralen Beziehungen zu Russland, denn die drei Republiken pochen darauf, dass die staatliche Existenz seit 1918 anerkannt wird, was Russland trotz der bestehenden diplomatischen Beziehungen verweigert, also die staatliche Existenz der Republiken erst seit 1991 anerkennt. Diesbezüglich greift jeder Vergleich mit der Situation Polens zu kurz, wird sofort schief, es sei denn, die jetzige Regierung in Warschau wollte die Frage der territorialen Gestalt des Landes in die Waagschale werfen, also das von den Siegermächten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs durchgesetzte «Verschieben» Polens um etwa 300 Kilometer nach Westen infrage stellen. Das aber wird aus leicht einsehbaren Gründen nicht getan, stattdessen arbeiten die Nationalkonservativen fleißig an einer hohen Reparationsforderung gegenüber Deutschland für die angerichteten Zerstörungen und die verübten Verbrechen, die noch nicht beglichen sei. Wenn dabei von deutscher Seite auf Entscheidungen der VR Polen verwiesen wird, mit der die Frage der Reparationen abgeschlossen sei, folgt das oben bereits angeführte Argument, dass es Polen damals nicht gegeben habe, es also auch kein anerkanntes Rechtssubjekt gewesen sein könne.

Zweitens aber fällt auf, dass die baltischen Republiken lediglich bestimmte Ausnahmebedingungen für sich in Anspruch nehmen wollen, also niemandem sonst die eigen Sicht aufdrücken oder als verbindlich durchsetzen wollen. Die EU-Mitgliedschaft wird in allen drei Ländern als ein entscheidender Faktor der nationalen Sicherheit, der territorialen Integrität und somit der nationalen Souveränität überhaupt angesehen, ist also viel zu entscheidend, als dass sie mit der komplizierten Spezifik der eigenen besonderen Situation belastet oder gar gegeneinander ausgespielt  werden sollte. Anders verhält es sich nun mit Polen, denn die Regierenden in Warschau fühlen sich immer mehr gedrängt, das eigene Verständnis von nationaler Identität und nationaler Souveränität auch der übrigen Gemeinschaft zu verordnen, denn seit dem Brexit-Referendum im Juni 2016 sind Polens Nationalkonservative fest davon überzeugt, dass nur eine Gemeinschaft souveränen Nationalstaaten überleben werde und der bisherige, auf eine sich vertiefende Integration der Mitgliedsgesellschaften angelegte Weg gescheitert sei.

Zwar überschneiden sich hier die Interessen in Warschau und in Budapest in einem großen Maße, so dass sich die Regierungen in Polen und Ungarn einig sind, nun einen Weg der «illiberalen Demokratie» zu suchen und einzuschlagen, doch nützt der Beistand Viktor Orbáns bei dem großen geschichtspolitischen Werk der polnischen Nationalkonservativen wenig, stand Ungarn im Zweiten Weltkrieg doch auf der anderen Seite der Barrikade. Insofern bleibt die eigene Bevölkerung der hauptsächliche Adressat der aufwendigen geschichtspolitischen Kampagne bezüglich des Zweiten Weltkriegs und der Zeit der Okkupation von 1939 bis 1945. Insbesondere jüngere Wählerschichten sollen sich dieserart gestärkt hinter die politischen Positionen der Nationalkonservativen stellen. Und die nachprüfbaren Ergebnisse zeigen, dass der Erfolg dabei nicht ausbleibt. In der Wählergruppe der unter 30-jährigen hat das Regierungslager zuletzt den größten Zuspruch aller Parteien in Polen. Eine wichtige Quelle für diesen Erfolg liegt im geschichtspolitischen Umgang mit dem Zweiten Weltkrieg, mit der deutschen Okkupation und mit dem polnischen Widerstand gegen die Besatzer.

«Wir betteln nicht um Freiheit, wir kämpfen für sie»

Zu den wichtigsten administrativen Maßnahmen, die nach dem Regierungsantritt der Nationalkonservativen im Herbst 2015 auf dem Feld der Geschichtspolitik durchgesetzt wurden, gehörte die völlige Umgestaltung der Dauerausstellung im Museum des Zweiten Weltkriegs in Gdańsk, das 2017 offiziell eröffnet wurde. Das ursprüngliche Konzept hatte sich auf Vorstellungen gestützt, die noch aus der Zeit der Vorgängerregierung stammten. Jarosław Kaczyński hatte dieses 2017 mit den drastischen Worten verworfen, dass das bisherige Museumskonzept ein persönliches Geschenk Donald Tusks an die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel sei. Damit drückte Kaczyński aus, dass das Museum in seiner bisherigen Ausrichtung erstens zu sehr den Vorstellungen deutscher Erinnerungspolitik folge, zweitens das Martyrium und der Heldenmut der Polen in der Darstellung an den Rand gedrängt sei. Um die gewünschte Neuausrichtung durchzusetzen, wurde das Museum des Zweiten Weltkriegs mit dem nur der Papierform nach bestehenden Museum der Westerplatte zusammengelegt, ein neuer, ganz den Vorstellungen der Regierenden entsprechender Museumsdirektor berufen und schließlich die unliebsame, wiewohl fertige und international vielfach gelobte ursprüngliche Ausstellung wieder aus der Welt geschaffen. Im Mittelpunkt stehen nunmehr einfach zu verstehende Botschaften, die aus Sicht der regierenden Nationalkonservativen an Klarheit nichts mehr zu wünschen übriglassen: «Wir retten die Juden», «Wir wurden verraten», «Der Papst gibt die Hoffnung auf den Sieg», «Die Kommunisten verlieren», «Wir siegen», «Wir betteln nicht um Freiheit, wir kämpfen für sie». Schaut der Betrachter näher in die Ausstellung, so fallen schnell Ähnlichkeiten mit den inhaltlichen Konzepten in den Okkupationsmuseen in Tallinn, Riga und Vilnius auf. Ausgangspunkt sind die zwei Feinde – Hitlerdeutschland und die Sowjetunion, der hartnäckige Kampf und Widerstand für die eigene nationale Freiheit führt schließlich, wenn auch spät zum Sieg – also zur Unabhängigkeit und Souveränität.  

Wie in den baltischen Republiken die Waldpartisanen, die nach 1945 in der Hoffnung auf einen bald zwischen den bisherigen Alliierten ausbrechenden dritten Weltkrieg militärisch oder zumindest bewaffnet gegen die sowjetischen Behörden weiterkämpften, und die heute in größten nationalen Ehren gehalten werden, so nun auch in Polen, denn mit den sogenannten ausgestoßenen Soldaten sind die wahren Kämpfer für Polens Freiheit und nationale Souveränität ausgemacht worden. Gemeint sind jene meistens versprengten Kampfverbände, die im Herbst 1944 die Kapitulation der aufständischen Armia Krajowa gegenüber den deutschen Besatzern nicht anerkannt, die Waffen nicht niedergelegt hatten, also nicht in die deutsche Kriegsgefangenschaft gegangen waren, sondern weitergekämpft hatten – immer weniger allerdings gegen die sich nun nach Westen zurückziehenden deutschen Besatzer, so dass die in blutigen Kämpfen nach Berlin ziehende Rote Armee bald zur alleinigen Zielscheibe wurde. Und hinter der Frontlinie wurde ein langjähriger, blutiger Kampf bürgerkriegsähnlichen Zuschnitts gegen die neuen polnischen Behörden angezettelt, die gestützt auf den Vormarsch der Roten Armee neue staatliche Verhältnisse durchzusetzten hatten.

Die «ausgestoßenen Soldaten» stehen nun in der Hierarchie des ehrenden Gedenkens ganz herausgehoben an oberster Stelle, sie – so will es die nationalkonservative Legende – hätten tapfer und selbstlos für das gekämpft, was in Polen unter Freiheit und Souveränität verstanden wird und was sich nun unter der nationalkonservativen Regierung nun endlich durchzusetze. Jarosław Kaczyński spricht regelmäßig von Polen als einer Insel der Freiheit, was ja absurderweise besagt, dass ringsum gar keine Freiheit bestehe oder das die Freiheit dort doch einen ganz anderen Zuschnitt trage als auf der gemeinten Insel. Und heruntergestoßen vom Sockel wurden die Soldaten der polnischen Volksarmee, die an der Seite der Roten Armee das Land von den deutschen Besatzern befreit hatten und bis Berlin gekommen waren. Die Nationalkonservativen lassen nichts unversucht, um die öffentliche Erinnerung an die einst mit der Roten Armee kämpfenden polnischen Armee zu beseitigen. In Warschau wurde deshalb auf Anordnung des von der Regierung eingesetzten Wojewoden eine nach der Volksarmee benannte Allee kurzerhand umbenannt in die Lech-Kaczyński-Allee, was aber durch erfolgreichen Einspruch der Stadt Warschau, in der die demokratische Opposition regiert, in diesem Jahr wieder zurückgenommen werden konnte. Der im April 2010 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommene Staatspräident Lech Kaczyński war der Zwillingsbruder des heute wohl mächtigsten Mannes in Polen, der sich – und dies ist überaus verständlich – nun in besonderer Weise der Pflege des öffentlichen Andenkens desselbigen verpflichtet fühlt. 

Die Legende des Warschauer Aufstands

Eine Umfrage darüber, was als wichtigstes Ereignis im Zweiten Weltkrieg angesehen wird, hätte in Polen einen klaren Sieger – den Warschauer Aufstand, der vor 75 Jahren am 1. August 1944 begonnen hatte. Weil die Rote Armee im Sommer 1944 bereits in die Reichweite des rechten Weichselufers herangekommen war, beschlossen die in London sitzende Exilregierung Polens und die Führung der Armia Krajowa, des militärischen Arms der Londoner Exilregierung im besetzten Polen, noch vor dem Eintreffen der sowjetischen Verbände die polnische Hauptstadt mit eigenen Mitteln von den deutschen Besatzern zu befreien, weil erstens mit dem Effekt der Überraschung gerechnet und zweitens davon ausgegangen wurde, dass die deutschen Besatzer sich wegen der anrückenden Roten Armee über kurz oder lang ohnehin aus Warschau nach Westen zurückziehen würden. Die aus eigener Kraft befreite Hauptstadt sollte die Position Polens bei den Verhandlungen um die europäische Nachkriegsordnung entscheidend verbessern, denn natürlich war die Exilregierung bestens darüber informiert, dass die künftige Ostgrenze Polens nach den sowjetischen Vorstellungen verlaufen solle, also gegenüber dem Verlauf vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs deutlich um mehrere Hundert Kilometer nach Westen verschoben werde. Die Westmächte – die USA und Großbritannien – hatten gegenüber der Sowjetunion immerhin durchsetzen können, dass über die Zusammensetzung einer polnischen Nachkriegsregierung nach der Befreiung Warschaus von der deutschen Besatzung ernsthaft mit allen beteiligten Seiten verhandelt werden müsse. Doch an dem in Moskau diktierten Verlauf der künftigen polnisch-sowjetischen Grenze wollten und konnten sie nichts mehr ändern. Insofern war der Aufstand in Warschau, der sich militärisch ausschließlich gegen die deutschen Besatzer richtete, politisch eine höchst umstrittene Angelegenheit, da sie die bereits gefällte bzw. abzusehende Beschlusslage bei den gemeinsam gegen Hitlerdeutschland kämpfenden Großmächten infrage zu stellen suchte. Außerdem knüpfte das Londoner Exillager faktisch seine gesamte politische Existenz in riskanter Weise an den Erfolg des Aufstands in Warschau. Auch deshalb hofften diejenigen in London und Warschau, die den Ausbruch des Aufstands politisch verantworteten, auf die militärische Unterstützung der Westalliierten – zum Beispiel durch Luftangriffe auf die Positionen der Deutschen –, weil der treueste Verbündete im Osten des okkupierten Europas nicht im Stich gelassen werde.

Historiker weisen seit vielen Jahren darauf hin, dass das Schicksal des Aufstands wegen des ungleichen militärischen Kräfteverhältnisses von Anfang an besiegelt war. Die deutschen Besatzer ergriffen nicht wie erwartet die Flucht aus Warschau, sondern sie führten rasch weitere Truppenteile in die Stadt, um den Aufstand mit allen vorhandenen Mitteln niederzuschlagen. Von der Brutalität des deutschen Vorgehens zeugen die erschütternden Zahlen: In den Kampfwochen von August bis Oktober 1944 starben in Warschau über 180.000 Zivilisten, die unmittelbar gar nicht an den Kampfhandlungen beteiligt waren. Über 20.000 Aufständische fielen in den Kämpfen, darunter vor allem junge Menschen, die oft genug noch Kinder waren. Die deutschen Besatzer machten während und nach der Niederschlagung des Aufstands aus dem Stadtzentrum Warschaus einen einzigen Trümmerhaufen. Die Überlebenden Bewohner wurden aus der Stadt in Lager deportiert. Wenigstens konnte die Armia Krajowa bei den Kapitulationsverhandlungen erreichen, dass die sich ergebenden Aufständischen wie eine reguläre Armeeeinheit behandelt wurde, also anschließend in deutsche Kriegsgefangenschaft kamen und nicht exekutiert wurden.

Lange Zeit hielt im Gedenken an den Warschauer Aufstand die Formel, dass der Opfermut der Aufständischen und überhaupt das tapfere Warschau im aussichtslosen Kampf gegen einen militärisch haushoch überlegenden brutalen Gegner eine ganz besondere Seite der jüngeren polnischen Geschichte geschrieben haben. Demgegenüber standen allerdings die katastrophale politische Fehleinschätzung im Londoner Exillager und der mit keinem einzigen Argument zu entschuldigende Leichtsinn der militärischen Aufstandsführer in Warschau, die von Anfang an um die hoffnungslose militärtechnische Unterlegenheit der Aufständischen wussten. Und schließlich weisen Militärhistoriker regelmäßig darauf hin, dass der Aufstand trotz seines gewaltigen Blutzolls am Kriegsverlauf im Sinne der Befreiung des okkupierten Europas nichts geändert habe. Im Ergebnis aber verlor das Londoner Exillager seinen militärischen Arm im besetzten Polen, womit auch für Stalin der Weg endgültig frei war, um im befreiten Polen die eigenen politischen Ziele durchzusetzen.

Im nationalkonservativ geführten Diskurs wird jedoch eine andere, eine geschlossene Erzählung verfolgt. Der gescheiterte Aufstand wird nachträglich zu einem Sieg stilisiert, der allerdings erst jetzt sich abzeichne. Ohne die moralische Haltung der Aufständischen und des aufständischen Warschaus hätte es keinen erfolgreichen Kampf gegen die «kommunistische» Zeit gegeben, wäre es nicht zum Aufstand von «Solidarność» gekommen, wäre Polen und wären andere Länder des ehemaligen sowjetischen Machtbereichs nicht Mitglieder der NATO und der EU geworden. Es sei damals ein Aufstand gegen die sich abzeichnenden Konsequenzen der Realpolitik gewesen, ein Aufstand dafür, die Freiheit zu eigenen Bedingungen zu erkämpfen, um nicht auf Knien vor anderen und aussichtslos dafür betteln zu müssen. Wenn Jarosław Kaczyński die jetzige Regierungszeit der Nationalkonservativen als eine Zeit begreift und sie nachdrücklich so bezeichnet, in der Polen endlich von den Knien auferstehe, dann ist der Rückgriff auf den Warschauer Aufstand offensichtlich. Es sollte insofern nicht verwundern, wenn junge Menschen im Warschauer Stadtbild mit T-Shirts zu beobachten sind, auf denen verkündet wird, dass es besser sei, aufrecht zu sterben als unter fremder Fuchtel zu leben. Die Saat, die mit dem nationalkonservativen Konzept der nationalen Identität und der nationalen Souveränität gestreut wurde, scheint im besonderen Maße bei jungen Menschen aufzugehen.

Auch deshalb sei daran erinnert, dass noch im Jahre 1995 in Polen ein enorm wichtiger Wahlkampf mit der Losung «Wir wählen die Zukunft» entschieden wurde, weil vor allem bei jüngeren Wählern der avisierte baldige EU-Beitritt als eine Art Leuchtturm fungierte, der einen festen Kurs vorgab. Aleksander Kwaśniewski, der die frischgebackenen Sozialdemokraten aus der untergegangenen Staatspartei PVAP erfolgreich in die neuen Zeiten geführt hatte, konnte mit dem Zukunftsversprechen in der Stichwahl überraschend den Amtsinhaber und die «Solidarność»-Legende Lech Wałęsa schlagen. In Kwaśniewskis Konzept wurde Geschichte als ein Gegenstand verstanden, der in den Händen der Historikerzunft gut aufgehoben ist, doch für die Entwicklung des Landes störend werden kann, sobald Politiker ihn für die eigenen Ziele auszunutzen suchen und gleich einem Steinbruch nach Belieben ausbeuten wollen. Zwanzig Jahre später scheint in Polen derjenige als Politiker blamiert, der freiwillig auf das scharfe Schwert von Geschichtspolitik verzichtet.

«Pädagogok der Schande»

Regelmäßig stößt sich Jarosław Kaczyński an der «Pädagogik der Schande», wie er es nennt. Die müsse in Polen beseitigt werden, sei sie doch eine verwerfliche und schädliche Folge des weitgreifenden Siegeszugs der deutschen Geschichts- und Erinnerungspolitik. Denn alle Welt spreche, wenn es um den Massenmord an den Juden Europas im Zweiten Weltkrieg geht, immer von den Nazis als Tätern, von den Nationalsozialisten, doch wenn es um diejenigen gehe, die in den okkupierten Ländern ebenfalls an den Verbrechen beteiligt gewesen waren, sind es auf einmal die Litauer, Letten, Ukrainer oder eben auch die Polen. Diese Schieflage, so kündigte Jarosław Kaczyński gleich nach dem Regierungsantritt der Nationalkonservativen im Spätherbst 2015 an, müsse nun beseitigt werden, indem polnische Geschichts- und Erinnerungspolitik künftig in die Offensive gehe. Als «Pädagogik der Schande» versteht er mithin alle Versuche, mit denen die Rolle der deutschen Schuld im besetzten Polen gemildert, indem die Frage von Schuld einzelner Polen übertrieben gesteigert werde. Kategorisch müsse sich dagegen verwahrt werden, wenn im Zusammenhang mit der Zeit der deutschen Besatzung der polnischen Seite Schuld an den Verbrechen gegen die Menschlichkeit zugeschoben werde. Einer der Gründe für die Tatsache, dass Polen jetzt um seinen guten Ruf ringen müsse, sei nach Auffassung Kaczyńskis übrigens die bislang fehlende Geschichtspolitik (sic!), womit er natürlich eine konsequent polnische Geschichtspolitik meint, denn diejenige der Vorgängerregierung habe – wie bereits gesehen – leichtfertig den Deutschen in die Hände gespielt.

Nicht zu bestreiten sei, das geben Polens Nationalkonservative zu, dass es schreckliche Verbrechen von Polen an jüdischen Nachbarn gegeben habe. Doch das dürfe nicht dazu führen, solche Einzelfälle hochzuspielen, zu verabsolutieren und die polnische Seite insgesamt an den Pranger zu stellen. Als lehrreiches Beispiel führt Kaczyński die Diskussion um Jedwabne an, denn spätestens seit dem Erscheinen von «Nachbarn. Der Mord an den Juden in Jedwabne» im Jahre 2000 läuten im nationalkonservativen Lager die Alarmglocken. Der Historiker Jan Tomasz Gross habe, so Kaczyński, behautet, in Jedwabne hätte sich die gesamte polnische Einwohnerschaft Anfang Juli 1941 nach dem Einmarsch der deutschen Truppen versammelt, um die gesamte jüdische Einwohnerschaft zu ermorden. Die Wahrheit sei aber, dass sich vereinzelte, verkommene Polen zusammengerottet hätten, um mehrere Hundert jüdische Nachbarn umzubringen, außerdem unter den Bedingungen der deutschen Besatzung. Dieses Verbrechen dürfe also nicht einseitig der polnischen Seite in die Schuhe geschoben werden. Bereits während der damals nach Erscheinen des Buches in Polen heftig ausgetragenen Debatte um Jedwabne hatte der starke Mann der Nationalkonservativen unmissverständlich gewarnt: «Sie versuchen, uns in Verruf zu bringen, uns zu Helfershelfern Hitlers zu machen.»

Polens hartnäckige Streiter für den untadeligen Ruf des Landes haben auch einen aktuellen Fall, der ihnen – ähnlich wie das Jedwabne-Buch von Gross – keine Ruhe gibt. Im letzten Jahr  wurde im Warschauer Museum zur Geschichte der polnischen Juden (Polin) das bemerkenswerte Buch mit dem Titel «Dalej jest noc» [Die Nacht geht weiter] präsentiert, das sich auf Untersuchungen zum Verhältnis zwischen christlichen Polen und verfolgten Juden im okkupierten Polen konzentriert. Das deutsche Schreckensregime bleibt vergleichsweise zurückgesetzt im Hintergrund, in den Vordergrund der Untersuchung rücken hingegen die Beziehungen zwischen den beiden großen Bevölkerungsgruppen Polens. Dokumentiert werden die Zustände und Vorgänge in acht ausgewählten Amtskreisen im besetzten Polen, in denen im Frühjahr 1942 vor Beginn der Vernichtungsaktion «Reinhardt» insgesamt 140.000 jüdische Menschen wohnten, die in den einzelnen Amtskreisen fünf bis zehn Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachten. Die Herausgeber Barbara Engelking und Jan Grabowski setzen in der Einleitung das Buch ausdrücklich in die Tradition der mit Jan T. Gross begonnen Diskussion, in der nun aber die Frage nach der Haltung christlicher Polen zu den verfolgten Juden nach der Beendigung der Aktion «Reinhardt» stärker in das Rampenlicht wissenschaftlicher Untersuchung gerückt werden solle. In den Jahren 1942 bis 1945, so die Herausgeber, habe die Einstellung der polnischen Umgebung im enormen Maße darüber entschieden, ob Juden, die der unmittelbaren Vernichtungsaktion zunächst entkommen konnten, auch den Krieg überlebt haben.

Auf scharfe Reaktionen aus dem Regierungslager brauchte nicht lange gewartet werden. Ein hochrangiger IPN-Vertreter schlug gleich vor, zu untersuchen, ob das Buch überhaupt wissenschaftlichen Kriterien genüge. Die beiden Herausgeber gehören seit vielen Jahren einer weltweit angesehenen Forschungsgemeinschaft an, die in Polen als Zentrum für die Erforschung des Holocaust mit regelmäßigen Publikationen auf neueste Forschungsergebnisse aufmerksam macht. Seit 2005 sind bislang dreizehn umfängliche Bände zum Judenmord in Europa und insbesondere im besetzten Polen herausgekommen. Die Buchpräsentation im Polin-Museum im Frühjahr 2018 hat das Kultusministerium, das zugleich für das nationale Erbe zuständig ist, kurzerhand zum Anlass genommen, dieser Forschungsgemeinschaft künftig keine staatlichen Gelder mehr zur Verfügung zu stellen. Wenn die Wissenschaftler der Forschungsgemeinschaft nun außerhalb Polens nach neuen Möglichkeiten suchen, um die fortfallenden Gelder zu ersetzen, werden sie in den nationalkonservativen Zeitungen sofort wie Nestbeschmutzer und Verräter an der nationalen Sache behandelt.